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Kunst · Bundesrepublik Jugoslawien, Federal People's Republic of Yugoslavia, Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien · * 1946

Marina Abramović: Die Kunst des Körpers, des Schmerzes, der Stille

Wie eine Künstlerin den eigenen Körper zum Medium machte und die Grenzen von Ausdauer, Schmerz und menschlicher Verbindung für immer neu definierte

Marina Abramović während ihrer Performance 'The Artist is Present' im MoMA 2010, sie blickt mit ruhiger Intensität direkt in die Kamera.
Marina Abramović: Die Kunst des Körpers, des Schmerzes, der Stille · Wikimedia Commons · Francesco Pierantoni from Bologna, Italy · CC-BY

Marina Abramović (* 30. November 1946) ist eine serbische Künstlerin und eine Schlüsselfigur der Performancekunst. Ihre Arbeit, die oft den eigenen Körper extremen Belastungen aussetzt, untersucht die Grenzen von Physis und Psyche sowie die Beziehung zwischen Performerin und Publikum. Ihr Werk „The Artist is Present“ (2010) erlangte weltweite Bekanntheit.

Das Haus in Belgrad war ein Ort militärischer Disziplin. Die Mutter, eine Majorin in Titos Armee, kontrollierte das Leben ihrer Tochter bis in die späten Zwanzigerjahre mit strengen Regeln, eine davon lautete: um zehn Uhr abends zu Hause sein. Diese rigide Ordnung, ein Leben im Dienst einer Ideologie, formte einen unbändigen Drang nach Ausbruch, nach einer Freiheit, die nur im Radikalsten zu finden war. Der Körper, so früh unter fremde Kontrolle gestellt, wurde später zum einzigen Territorium, das sie vollständig für sich beanspruchen konnte. Er wurde ihr Material, ihr Werkzeug, ihr Schlachtfeld. In diesem Spannungsfeld zwischen äußerer Kontrolle und innerem Befreiungswillen liegt der Ursprung einer Kunst, die den Schmerz nicht fürchtet, sondern ihn als Instrument der Erkenntnis nutzt und die Grenzen des Erträglichen systematisch erforscht.

Sie legte Messer zwischen ihre gespreizten Finger und stach zu. Sie geißelte sich. Sie bot ihren Körper dem Publikum zur freien Verfügung an. Marina Abramović machte die menschliche Ausdauer zum Kern ihrer Kunst und schuf damit Momente von unerträglicher Spannung und tiefer emotionaler Resonanz.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1974 Rhythm 0 Performance Radikale Untersuchung menschlich-sozialer Grenzen; sie bot sich dem Publikum sechs Stunden wehrlos dar.
1977 Imponderabilia (mit Ulay) Performance Das Publikum musste sich zwischen den nackten Körpern der Künstler hindurchzwängen.
1988 The Lovers: The Great Wall Walk Performance Die performative Trennung von Ulay nach einem monatelangen Marsch auf der Chinesischen Mauer.
1997 Balkan Baroque Performance-Installation Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen in Venedig; eine Auseinandersetzung mit dem Jugoslawienkrieg.
2002 The House with the Ocean View Performance Zwölf Tage langes Fasten und Schweigen in einer öffentlich einsehbaren Galerie-Installation.
2010 The Artist Is Present Performance Drei Monate stilles Sitzen im MoMA, Augenkontakt mit über 1.500 Besuchern.
2020 7 Deaths of Maria Callas Opernprojekt Eine multimediale Auseinandersetzung mit Tod, Liebe und der Figur der Operndiva.

Partisanen-Tochter und die ersten Schnitte

Geboren am 30. November 1946 in Belgrad, wuchs Marina Abramović als Tochter zweier überzeugter Tito-Partisanen auf. Von 1965 bis 1970 studierte sie Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad, wandte sich aber bald der Konzeptkunst und der Performance zu.

Die Kindheit war geprägt von Gegensätzen. Einerseits die materielle Sicherheit einer privilegierten Nomenklatura-Familie, andererseits die emotionale Kälte und militärische Strenge der Mutter Danica. Der Vater Vojin verließ die Familie früh. Diese häusliche Atmosphäre, in der Gefühle unterdrückt und Disziplin über alles gestellt wurde, wurde zum Nährboden für eine Kunst, die genau diese unterdrückten Energien freisetzen wollte. Ihr Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Belgrad erschien ihr bald unzureichend. Die zweidimensionale Leinwand konnte die existenzielle Dringlichkeit, die sie empfand, nicht fassen. Sie suchte eine direktere Form des Ausdrucks. Eine gefährlichere Form. Sie fand sie in der Performance, inspiriert von den radikalen Ansätzen des Wiener Aktionismus und den rituellen Handlungen eines Joseph Beuys, dessen Werk sie tief studierte.

Die frühen Performances der 1970er-Jahre waren Akte der Selbstverletzung und der Grenzüberschreitung. In *Rhythm 10* (1973) spielte sie das russische Messerspiel, bei dem sie schnell zwischen ihre gespreizten Finger stach. Sie benutzte zwanzig Messer und ein Tonbandgerät. Jedes Mal, wenn sie sich schnitt, nahm sie ein neues Messer und wiederholte den Prozess, bis alle Messer benutzt waren. Anschließend spielte sie das Band ab und versuchte, die gleichen Bewegungen und Fehler im exakten Rhythmus zu wiederholen, wodurch Vergangenheit und Gegenwart in einer schmerzhaften Schleife verschmolzen. In *Rhythm 0* (1974) ging sie den entscheidenden Schritt weiter: Sie stellte sich dem Publikum für sechs Stunden passiv zur Verfügung, zusammen mit 72 Objekten auf einem Tisch, darunter eine Rose, Honig, aber auch eine Schere, ein Skalpell und eine geladene Pistole. Die anfängliche Zurückhaltung der Besucher wich zunehmender Aggressivität. Man zerschnitt ihre Kleidung, ritzte ihre Haut, setzte ihr die geladene Waffe an den Kopf. Die Performance endete, als die Galerie-Mitarbeiter eingriffen. Sie hatte bewiesen, wie dünn die zivilisatorische Decke ist, wenn die Verantwortung abgegeben werden kann.

Die geteilte Identität: Marina Abramović und Ulay

Im Jahr 1976 traf sie in Amsterdam den deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen). Es war der Beginn einer zwölfjährigen, intensiven Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Ihre gemeinsame künstlerische Praxis löschte die Grenzen zwischen den individuellen Identitäten fast vollständig aus.

Marina Abramović, Aufnahme aus dem Jahr 2012
Marina Abramović (with the Austrian Decoration for Science and Art she recieved in 2008) at the screening of Marina Abramović: The Artist Is Present during the Vienna International Film Festival 2012, Gartenbaukino, fotografiert von Manfred Werner / Tsui. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Sie nannten sich selbst eine „zweiköpfige Einheit“. Gemeinsam lebten sie nomadisch in einem alten Citroën-Bus und schufen einige der prägendsten Werke der Performancekunst. In *Relation in Time* (1977) saßen sie 17 Stunden lang Rücken an Rücken, nur durch ihre aneinandergebundenen Haare verbunden. In *Imponderabilia* (1977) standen sie sich nackt in einem engen Museumseingang gegenüber, sodass die Besucher sich seitlich an ihnen vorbeiquetschen mussten, gezwungen, sich für einen der beiden Körper zu entscheiden. Ihre Kunst thematisierte Dualität, Abhängigkeit und die Auflösung des Egos. In *Breathing In/Breathing Out* (1977) pressten sie ihre Münder aufeinander und atmeten den Atem des anderen ein, bis der Sauerstoff verbraucht war und beide durch den Kohlendioxidgehalt das Bewusstsein verloren. Jede Handlung war eine Erforschung der Symbiose, des Vertrauens und der Reibung zwischen zwei Menschen. Diese Zusammenarbeit gehört zu den wichtigsten der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Der Körper ist ein Mikrokosmos des Universums.

Das Ende ihrer Beziehung war ebenso inszeniert wie ihr Beginn. Statt einer privaten Trennung schufen sie 1988 die Performance *The Lovers*. Beide starteten an entgegengesetzten Enden der Chinesischen Mauer – Ulay in der Wüste Gobi, Abramović am Gelben Meer. Nach einem Marsch von jeweils 2.500 Kilometern trafen sie sich nach drei Monaten in der Mitte, um sich zu umarmen und zu verabschieden. Es war ein Abschied, der die persönliche Geschichte in eine universelle Metapher über Anziehung, Trennung und die Unmöglichkeit der Vereinigung verwandelte. Die private Tragödie wurde zu öffentlicher Kunst.

Der Blick, der die Stille bricht

Nach der Trennung von Ulay verlagerte sich der Fokus ihrer Arbeit. Ihre Performances wurden introspektiver, oft mit Bezug auf ihre serbische Herkunft. Ein Schlüsselwerk dieser Phase ist *Balkan Baroque*, für das sie 1997 auf der Biennale di Venezia den Goldenen Löwen erhielt.

Marina Abramović
Marina Abramovic at the MoMA in 2010, fotografiert von Shelby Lessig. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Vier Tage lang, sechs Stunden täglich, saß sie in einem Kellerraum auf einem Berg von 1.500 blutigen Rinderknochen und schrubbte diese, während sie Klagelieder aus ihrer Heimat sang. Der Geruch von Verwesung erfüllte den Raum. Die Arbeit war eine kathartische Auseinandersetzung mit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien, eine Meditation über Schuld, Reinigung und die Unmöglichkeit, die Spuren der Gewalt zu beseitigen. Die Performancekunst wurde hier zum politischen Ritual. Der Schmerz war nicht mehr nur individuell, sondern kollektiv. Die Jury würdigte das Werk für seine kompromisslose Darstellung des Leids und der Trauer.

Ihren wohl größten öffentlichen Erfolg erreichte sie 2010 mit der Retrospektive im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Im Zentrum stand die neue Dauerperformance *The Artist is Present*. Drei Monate lang, während der gesamten Öffnungszeit des Museums, saß sie schweigend auf einem Stuhl im Atrium. Ihr gegenüber ein leerer Stuhl, auf dem jeder Besucher Platz nehmen durfte, um ihrem Blick zu begegnen. Es bildeten sich endlose Schlangen. Über 1.500 Menschen saßen ihr gegenüber, für insgesamt 736 Stunden und 30 Minuten. Die Begegnungen waren oft von intensiven emotionalen Reaktionen begleitet; viele weinten. Eines Tages nahm Ulay unangekündigt Platz. Der Moment, in dem sie sich nach 22 Jahren wiedersahen und sie ihm die Hände über den Tisch reichte, wurde zu einer Internetsensation und zeigte die ungebrochene Kraft ihrer gemeinsamen Geschichte.

Das Vermächtnis als Methode

Um die ephemere Kunstform der Performance für die Zukunft zu bewahren, gründete Marina Abramović das Marina Abramović Institute (MAI). Zudem lehrte sie als Professorin an Hochschulen in Berlin, Hamburg und Braunschweig, um ihre Methode an jüngere Generationen weiterzugeben.

Die Performancekunst ist per Definition an den Moment und den Körper des Ausführenden gebunden. Wie kann sie überdauern? Diese Frage treibt Abramović seit Jahren um. Das Marina Abramović Institute (MAI) ist ihre Antwort. Es dient als Plattform für die Aufführung und Erhaltung von Langzeit-Performances. Mit der „Abramović-Methode“ entwickelte sie eine Reihe von Übungen zur Steigerung von Konzentration und Wahrnehmung, die sie in Workshops lehrt. Sie will damit nicht nur ihre eigene Arbeit, sondern die Kunstform als solche institutionalisieren und ihr einen festen Platz im Kanon sichern. Ihre Professuren, darunter die Pina-Bausch-Professur an der Folkwang Universität der Künste im Jahr 2022, unterstreichen diesen Anspruch, ihr Wissen und ihre Erfahrung weiterzugeben. Sie will sicherstellen, dass die Performancekunst nicht als Randnotiz, sondern als zentrale Disziplin verstanden wird.

Ihre Arbeit ist nicht ohne Kontroversen. Spätere Projekte, wie eine Zusammenarbeit mit dem Musiker Jay-Z oder die Einführung einer eigenen Kosmetiklinie 2023, wurden von Kritikern als kommerzieller Ausverkauf ihrer radikalen Prinzipien gesehen. Dennoch bleibt sie eine zentrale Gestalt, die die Definition von Kunst erweitert hat. Sie hat den menschlichen Körper als legitimes künstlerisches Material etabliert und bewiesen, dass die stillste Geste die größte Wirkung entfalten kann. Ihre Autobiografie „Durch Mauern gehen“ (2016) gibt tiefe Einblicke in ihre Motivation und die Disziplin, die hinter der scheinbaren Provokation steht. Sie hat die Kunstwelt gelehrt, hinzusehen.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Marina Abramović geboren?

Marina Abramović wurde am 30. November 1946 in Belgrad, der damaligen Hauptstadt Jugoslawiens, geboren. Sie wuchs in einer Familie auf, die eng mit dem kommunistischen Regime von Tito verbunden war, was ihre frühe Lebensphase und künstlerische Rebellion prägte.

Wofür ist Marina Abramović bekannt?

Marina Abramović ist bekannt für ihre radikale Performancekunst, bei der sie ihren eigenen Körper als Medium einsetzt. Ihre Werke erforschen die Grenzen physischer und mentaler Ausdauer. Berühmt ist ihre Performance „The Artist is Present“ (2010) im MoMA.

Was war die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Ulay?

Die zwölfjährige Zusammenarbeit mit dem Künstler Ulay (1976–1988) war prägend für beide. Gemeinsam schufen sie Werke, die Konzepte wie Dualität, Identität und Abhängigkeit untersuchten. Ihre Trennung wurde als Performance auf der Chinesischen Mauer inszeniert.

Was ist die „Abramović-Methode“?

Die „Abramović-Methode“ ist eine von ihr entwickelte Serie von Übungen, die die körperliche und geistige Wahrnehmung schärfen sollen. Sie dient der Vorbereitung auf Langzeit-Performances und soll den Teilnehmenden helfen, präsenter und bewusster im Moment zu sein.

Welchen Einfluss hat Marina Abramović auf die Kunstwelt?

Marina Abramović hat die Anerkennung der Performance als ernsthafte Kunstform maßgeblich vorangetrieben. Ihr Werk beeinflusste Generationen von Künstlern und erweiterte das Verständnis davon, was Kunst sein kann, insbesondere durch die direkte Einbeziehung des Publikums.

Welche Auszeichnungen hat Marina Abramović erhalten?

Zu ihren wichtigsten Auszeichnungen gehört der Goldene Löwe auf der Biennale di Venezia 1997 für ihre Performance „Balkan Baroque“. Sie erhielt zudem zahlreiche weitere Ehrungen für ihr Lebenswerk, die ihre zentrale Rolle in der zeitgenössischen Kunst unterstreichen.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Abramović, M., & Kaplan, J. (2016). Durch Mauern gehen. Autobiografie. Luchterhand Literaturverlag.
  • Essling, L. (Hrsg.). (2017). The Cleaner. Marina Abramović. Hatje Cantz.
  • Fischer, J. (2018). Psychoanalyst meets Marina Abramović. Scheidegger & Spiess.
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