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Kunst · Brasilien, Frankreich · 1944–2025

Sebastião Salgado – Chronist der Menschheit und der Erde

Sein Weg führte von der Ökonomie zur Fotografie, von der Anklage sozialer Missstände bis zur fotografischen Feier der unberührten Natur

Der Fotograf Sebastião Salgado bei einer Ausstellungseröffnung, in schwarzweiß gehalten, mit einer seiner großformatigen Fotografien im Hintergrund.
Sebastião Salgado – Chronist der Menschheit und der Erde · Wikimedia Commons · Fernando Frazão/Agência Brasil · CC-BY

Sebastião Salgado (geboren am 8. Februar 1944) ist ein brasilianisch-französischer Fotograf, Fotojournalist und Umweltschützer. Seine in Schwarzweiß gehaltenen, umfassenden Langzeitprojekte wie „Arbeiter“, „Migranten“ und „Genesis“ machen ihn zu einer zentralen Figur der sozialdokumentarischen Fotografie.

Ameisenmenschen. So sahen sie aus, die Zehntausenden von Goldschürfern, die wie ein einziger Organismus die steilen, schlammigen Wände der Goldmine Serra Pelada in Brasilien erklommen. Jeder Mann trug einen schweren Sack Erdreich auf seinen Schultern, jeder war ein winziger Teil eines riesigen, fast biblischen Tableaus von menschlicher Anstrengung, Hoffnung und Verzweiflung. Mitten in diesem Chaos stand 1986 ein Mann mit einer Kamera und schuf Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis einbrannten. Er war kein unbeteiligter Beobachter. Er war ein Zeuge, der die Würde im Elend suchte und fand. Sein Name war Sebastião Salgado, und diese Reportage definierte seine Methode: das Eintauchen in fremde Welten über lange Zeiträume, um ihre Essenz in Schwarzweißbildern festzuhalten, eine Form des visuellen Epos, das weit über den Moment hinausweist.

Sein Blick auf die Welt ist geprägt von seiner Ausbildung als Ökonom. Er versteht die globalen Zusammenhänge von Arbeit, Migration und Kapital, doch er entschied sich, diese nicht in Zahlen, sondern in Gesichtern und Landschaften zu erzählen.

Inhalt (5)
Jahr Werk / Projekt Gattung Bedeutung
1993 Arbeiter Fotoband Eine visuelle Archäologie der aussterbenden manuellen Arbeit weltweit.
2000 Migranten Fotoband Ein globales Zeugnis von Flucht- und Migrationsbewegungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert.
2007 Afrika Fotoband Ein umfassendes Porträt des Kontinents, das über die gängigen Krisen-Narrative hinausgeht.
2013 Genesis Fotoband / Ausstellung Eine Hommage an die unberührten Landschaften, die Flora und Fauna der Erde.
2016 Kuwait. Eine Wüste in Flammen Fotoband Dokumentation der brennenden Ölquellen nach dem zweiten Golfkrieg 1991.
2021 Amazônia Fotoband / Ausstellung Ein intimes Porträt des Amazonas-Regenwaldes und seiner indigenen Völker.

Der Umweg über die Ökonomie

Geboren am 8. Februar 1944 in Aimorés, Brasilien, studierte Salgado bis 1967 Wirtschaftswissenschaften an der Universität von São Paulo. Nach der Emigration 1969 nach Paris arbeitete er ab 1971 für die Internationale Kaffeeorganisation in London, bevor er sich 1973 der Fotografie zuwandte.

Das Leben begann auf einer Fazenda im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Die Natur war allgegenwärtig, der atlantische Regenwald formte die ersten Eindrücke. Doch die intellektuelle Prägung fand in der Stadt statt, an der Universität von São Paulo. Dort studierte Sebastião Salgado Wirtschaftswissenschaften, ein Fach, das ihm die Werkzeuge zum Verständnis globaler Systeme an die Hand gab. Er und seine Frau, die Pianistin Lélia Deluiz Wanick, die er 1967 heiratete, bewegten sich in linken, politisch aktiven Kreisen. Sie standen der Militärdiktatur, die Brasilien seit 1964 beherrschte, kritisch gegenüber und pflegten Kontakte zum Umfeld des Revolutionärs Carlos Marighella. Die zunehmende Repression und die politische Lage zwangen das Paar zur Emigration. Im August 1969 verließen sie Brasilien und fanden in Paris eine neue Heimat. Salgado strebte eine Dissertation in Agrarökonomie an der École nationale de la statistique et de l’administration économique an, während Lélia Architektur studierte.

Die Welt der globalen Warenströme wurde sein erstes berufliches Feld. Ab 1971 arbeitete er als Verwaltungsangestellter für die Internationale Kaffeeorganisation (ICO) in London. Seine Arbeit führte ihn oft nach Afrika, teilweise im Auftrag der Weltbank, um Kaffeeproduktionen zu begutachten und Projekte zu betreuen. Auf diesen Reisen begann er zu fotografieren. Die Leica seiner Frau wurde sein Werkzeug. Er entdeckte ein neues Medium, eine neue Sprache, um die Welt zu verstehen und zu beschreiben. Die Faszination war so stark, dass er eine folgenreiche Entscheidung traf. Er gab die sichere Karriere als Ökonom auf. 1973, im Alter von 29 Jahren, zog er zurück nach Paris und erklärte die Fotografie zu seinem Beruf. Es war ein Sprung ins Ungewisse, getragen von einer neuen Überzeugung.

Die Sprache der Schwarzweißfotografie

Ab 1974 arbeitete Salgado für die Foto-Agenturen Sygma und Gamma, bevor er 1979 in die renommierte Agentur Magnum Photos aufgenommen wurde. Seine Reportage über die Goldmine Serra Pelada (1986) und die brennenden Ölquellen in Kuwait (1991) brachten ihm weltweite Anerkennung und wichtige Auszeichnungen.

Sebastião Salgado
Rio de Janeiro – O fotógrafo e ambientalista Sebastião Salgado, fundador do Instituto Terra, fala sobre o Prêmio Personalidade da Câmara de Comércio França-Brasil, fotografiert von Fernando Frazão/Agência Brasil. · Wikimedia Commons · CC-BY

Die Fotografie wurde zu seiner Methode der Welterkundung. Er arbeitete für große Agenturen, zunächst Sygma, dann Gamma, und bereiste für Reportagen Afrika, Europa und Lateinamerika. 1979 folgte die Aufnahme in den exklusiven Kreis von Magnum Photos, der von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson gegründeten Agentur, die als Gralshüterin des Fotojournalismus gilt. Ein Zufall verhalf ihm zu finanzieller Unabhängigkeit: Am 30. März 1981 war er in Washington, D.C., als John Hinckley Jr. ein Attentat auf US-Präsident Ronald Reagan verübte. Salgados Aufnahmen des Anschlags wurden weltweit publiziert und sicherten ihm die Mittel für seine eigenen, langjährigen Projekte.

Fotografie ist nicht objektiv. Sie ist ein Standpunkt, eine Art, die Welt zu betrachten.

Er wandte sich von der tagesaktuellen Berichterstattung ab. Stattdessen entwickelte er eine Form des Langzeitprojekts, das Jahre in Anspruch nahm. Für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen dokumentierte er in den 1980er Jahren die Hungersnot in der Sahel-Zone. Sein Ansatz ist stets, die universelle menschliche Verfassung zu zeigen, nicht den exotischen Einzelfall. Seine Bilder sind Kompositionen von Licht und Schatten, gehalten in einem reichen Spektrum von Grautönen. Die Schwarzweißfotografie enthebt die Szenen ihrer spezifischen Zeit und verleiht ihnen eine zeitlose, skulpturale Qualität. Seine Technik, oft mit Weitwinkelobjektiven, schafft eine Nähe zum Geschehen, die den Betrachter unmittelbar einbezieht. 1994 verließ er Magnum Photos und gründete mit seiner Frau die eigene Agentur Amazonas Images, um die volle Kontrolle über sein Werk zu behalten.

Genesis: Sebastião Salgados Liebeserklärung an den Planeten

Von 2004 bis 2013 arbeitete Sebastião Salgado am Projekt „Genesis“. Nach acht Jahren Reisen zu den entlegensten Orten der Welt entstand ein Werk, das 2013 im Natural History Museum in London erstmals präsentiert wurde. Der begleitende Bildband wurde von seiner Frau Lélia konzipiert.

Sebastião Salgado
Rio de Janeiro – O fotógrafo e ambientalista Sebastião Salgado, fundador do Instituto Terra, fala sobre o Prêmio Personalidade da Câmara de Comércio França-Brasil, fotografiert von Fernando Frazão/Agência Brasil. · Wikimedia Commons · CC-BY

Nach Jahrzehnten der Konfrontation mit menschlichem Leid, mit Krieg, Hunger und Vertreibung, war Salgado ausgebrannt. Die Gräuel des Völkermords in Ruanda, die er 1994 dokumentierte, hatten ihn an der Menschheit zweifeln lassen. Er legte die Kamera nieder. Die Rückkehr zur Fotografie war zugleich eine thematische Wende. Statt die Zerstörung durch den Menschen zu dokumentieren, suchte er fortan das Unberührte, das Ursprüngliche. Er wollte zeigen, was von der Welt noch zu retten ist. Das Projekt „Genesis“ war geboren, eine visuelle Expedition zu den Anfängen der Schöpfung.

Acht Jahre lang reiste er an 32 Orte, an denen die Natur noch ihre ursprüngliche Gestalt bewahrt hatte. Er fotografierte Pinguinkolonien auf den Südlichen Sandwichinseln, die Weiten Sibiriens, die Vulkane Afrikas und die indigenen Völker im Amazonasgebiet wie die Zo’é. Es war eine fotografische Expedition zu den Anfängen der Welt, eine Suche nach dem verlorenen Paradies. Die Bilder, die dabei entstanden, sind von einer erhabenen Schönheit. Sie zeigen die majestätische Kraft der Natur und die fragile Existenz der Lebewesen, die in ihr wohnen. „Genesis“ ist mehr als ein Fotoprojekt. Es ist ein Appell, ein visueller Weckruf zum Schutz des Planeten. Der Filmregisseur Wim Wenders setzte diesem Werk und seinem Schöpfer 2014 mit dem Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“, den er gemeinsam mit Salgados Sohn Juliano Ribeiro Salgado drehte, ein filmisches Denkmal. Der Film erhielt eine Oscar-Nominierung und brachte Salgados Vision einem weltweiten Publikum nahe.

Instituto Terra: Die Rückkehr der Wälder

Gemeinsam mit seiner Frau Lélia Deluiz Wanick gründete Salgado das Instituto Terra. Auf dem erodierten Land der elterlichen Farm in Brasilien ließ das Paar über 2,5 Millionen Bäume pflanzen und schuf so einen Nationalpark. Das Projekt dient als Modell für ökologische Wiederherstellung.

Das Engagement für die Erde blieb nicht auf die Fotografie beschränkt. Als Salgado das Land seiner Familie in Minas Gerais erbte, war es eine versteppte, erodierte Landschaft. Die Wälder waren abgeholzt, die Quellen versiegt. Gemeinsam mit Lélia fasste er den Entschluss, den Wald zurückzubringen. Sie gründeten das Instituto Terra, eine Organisation, die sich der Wiederaufforstung und dem Umweltschutz widmet. Baum für Baum, Setzling für Setzling, kehrte das Leben zurück. Auf dem einst kahlen Land wuchsen über zweieinhalb Millionen Bäume von Hunderten verschiedener einheimischer Arten. Mit den Bäumen kamen die Tiere und das Wasser. Aus der zerstörten Farm wurde ein blühender Nationalpark, ein Beispiel für die Regenerationsfähigkeit der Natur, wenn der Mensch ihr hilft.

Dieses Projekt ist die materielle Entsprechung seiner fotografischen Arbeit. Es ist der Beweis, dass Veränderung möglich ist. Für sein Lebenswerk, das die Fotografie mit sozialem und ökologischem Engagement verbindet, erhielt Sebastião Salgado zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2019 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Am 13. April 2016 wurde er als erster Fotograf in die renommierte Académie des Beaux-Arts in Paris gewählt, eine Anerkennung, die seinen Status als Künstler untermauert. Seine Arbeit bleibt ein fortwährender Dialog zwischen Mensch und Natur, zwischen Zerstörung und Hoffnung.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Sebastião Salgado geboren?

Sebastião Salgado kam am 8. Februar 1944 in Aimorés zur Welt, einer Gemeinde im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Er wuchs auf der Rinderfarm seiner Familie auf, umgeben von der Natur des atlantischen Regenwaldes, die später sein Werk prägte.

Wofür ist Sebastião Salgado bekannt?

Sebastião Salgado ist bekannt für seine sozialdokumentarischen Langzeitprojekte in Schwarzweißfotografie. Seine Werke wie „Arbeiter“, „Migranten“ und „Genesis“ dokumentieren die menschliche Verfassung und die unberührte Natur mit einem epischen, fast biblischen Stil.

Hat Sebastião Salgado eine Familie?

Ja, Sebastião Salgado ist seit 1967 mit der Architektin und Designerin Lélia Deluiz Wanick verheiratet. Sie ist seine wichtigste Partnerin bei der Konzeption seiner Bücher und Ausstellungen. Das Paar hat zwei Söhne, Juliano Ribeiro und Rodrigo.

Was ist das Instituto Terra?

Das Instituto Terra ist eine von Salgado und seiner Frau Lélia gegründete Umweltorganisation in Brasilien. Ihr Ziel ist die Wiederaufforstung des atlantischen Regenwaldes. Auf dem Gelände einer ehemaligen Farm pflanzten sie über 2,5 Millionen Bäume.

Welche wichtigen Auszeichnungen erhielt Salgado?

Salgado erhielt zahlreiche internationale Preise. Zu den wichtigsten gehören der Hasselblad Foundation Award (1989), der Prinzessin-von-Asturien-Preis (1998), der Praemium Imperiale (2021) und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2019) für sein Lebenswerk.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Salgado, S. & Francq, I. (2019). Mein Land, unsere Erde. Nagel & Kimche.
  • Runge, E. (2012). Glamour des Elends. Ethik, Ästhetik und Sozialkritik bei Sebastião Salgado und Jeff Wall. Böhlau.
  • Wenders, W. & Salgado, J. R. (Regie). (2014). Das Salz der Erde [Dokumentarfilm].
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