Wim Wenders (geboren am 14. August 1945) ist ein deutscher Filmregisseur, Fotograf und Drehbuchautor. Als Schlüsselfigur des Neuen Deutschen Films erlangte er internationale Anerkennung für seine Roadmovies wie „Paris, Texas“ und poetische Werke wie „Der Himmel über Berlin“, die Themen wie Erinnerung, Entfremdung und die Suche nach Identität behandeln.
Im Oktober 1966 kam ein junger Mann nach Paris, der das Medizinstudium abgebrochen hatte und von der Filmhochschule IDHEC nicht einmal zur Bewerbung zugelassen wurde. Sein Name war Wilhelm Ernst Wenders, und er fand Zuflucht in der Cinémathèque française. In seiner winzigen, ungeheizten Studentenwohnung hielt es ihn nicht. Im Kino war es warm. Dort sah er bis zu fünf Filme am Tag, nach einem Jahr waren es über tausend. Diese Zeit wurde seine eigentliche Ausbildung, eine Schule des Sehens, die sein Auge für Komposition, Licht und die leisen Erzählungen von Orten schärfte. Er lernte nicht, wie man Filme nach einem Regelwerk herstellt, sondern wie Bilder eine eigene Sprache entwickeln, wenn man ihnen nur lange genug zusieht. Diese intensive visuelle Immersion legte das Fundament für eine Ästhetik, die das europäische Kino nachhaltig verändern sollte.
Die Straße wurde sein Atelier, die Landschaft sein Protagonist. In seinen Filmen ist das Unterwegssein kein bloßes Mittel zum Zweck, sondern der Zustand, in dem sich seine Figuren selbst begegnen. Er sucht nicht nach Antworten, sondern nach den richtigen Bildern für die Fragen des Lebens.
Inhalt (5)
| Jahr | Film / Stück | Rolle / Funktion | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1974 | Alice in den Städten | Regie, Drehbuch | Beginn der Roadmovie-Trilogie und stilbildend für sein Frühwerk. |
| 1977 | Der amerikanische Freund | Regie, Drehbuch | Internationale Anerkennung durch die Verfilmung des Romans von Patricia Highsmith. |
| 1984 | Paris, Texas | Regie | Gewinner der Goldenen Palme in Cannes; gilt als sein Meisterwerk. |
| 1987 | Der Himmel über Berlin | Regie, Drehbuch | Eine poetische Liebeserklärung an die geteilte Stadt und ein weltweiter Erfolg. |
| 1999 | Buena Vista Social Club | Regie | Oscar-nominierter Dokumentarfilm, der ein globales Revival kubanischer Musik auslöste. |
| 2011 | Pina | Regie | Wegweisender 3D-Dokumentarfilm als Hommage an die Choreografin Pina Bausch. |
| 2023 | Perfect Days | Regie, Drehbuch | Oscar-Nominierung für Japan; eine Rückkehr zu meditativen Alltagsbeobachtungen. |
Vom Priesteramt zum Autorenfilm
Geboren wurde Wilhelm Wenders am 14. August 1945 in Düsseldorf als Sohn eines Chirurgen. Er wuchs in einem katholischen Elternhaus auf und zog als Jugendlicher nach Oberhausen. Nach dem Abitur 1965 studierte er kurz Medizin und Philosophie, bevor er 1967 an der neu gegründeten Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München angenommen wurde.
Die Welt des jungen Wenders war zunächst eine geordnete. Bis zum 16. Lebensjahr wollte er Priester werden, ein Wunsch, der sich unter dem Einfluss von Rock ’n’ Roll auflöste. Musik wurde zu einem zentralen Element seines späteren Schaffens. Sie ist niemals nur Untermalung. Sie ist eine Stimme, ein Kommentar, oft der eigentliche Motor der Erzählung. Die ersten beruflichen Schritte führten ihn jedoch in die Ernüchterung. Als Aushilfe bei United Artists in Düsseldorf erlebte er den Umgang mit Filmen als reines Geschäft, eine Erfahrung, die ihn tief abstieß und in dem Artikel „Verachten, was verkauft wird“ mündete. Der Weg führte ihn nach Paris. Die Ablehnung an der Filmhochschule wurde zur Chance, denn in der Cinémathèque eignete er sich ein enzyklopädisches Filmwissen an, das keine Akademie vermitteln konnte.
Zurück in Deutschland gehörte er zum ersten Jahrgang der HFF München. Dort fand er Gleichgesinnte. Gemeinsam mit anderen jungen Filmemachern wie Rainer Werner Fassbinder und Werner Herzog formte er den Neuen Deutschen Film. Sie wollten ein Kino, das die deutsche Nachkriegsrealität reflektiert, das Geschichten jenseits der Konventionen des Unterhaltungskinos erzählt. Ein entscheidender Schritt zur Unabhängigkeit war 1971 die Gründung des Filmverlags der Autoren, einer Vertriebsgesellschaft, die den Filmemachern die Kontrolle über ihre Werke sicherte. Hier begann die Karriere des Autorenfilmers Wim Wenders, der seine Geschichten von Anfang bis Ende selbst verantwortete.
Wim Wenders und die Poesie der Straße
Zwischen 1974 und 1976 schuf Wim Wenders mit „Alice in den Städten“, „Falsche Bewegung“ und „Im Lauf der Zeit“ seine stilprägende Roadmovie-Trilogie. In dieser Phase etablierte er die Zusammenarbeit mit dem Kameramann Robby Müller und dem Schriftsteller Peter Handke. 1976 gründete er seine eigene Produktionsfirma Road Movies Filmproduktion.

Diese drei Filme sind mehr als nur Geschichten über Reisen. Sie sind Erkundungen einer inneren und äußeren Landschaft im Deutschland der 1970er Jahre. In „Alice in den Städten“ (1974) sucht ein Journalist, der den Kontakt zu sich selbst verloren hat, durch die Augen eines kleinen Mädchens einen neuen Blick auf die Welt. Der Film, in körnigem Schwarzweiß gedreht, fängt das Gefühl einer nationalen Identitätskrise ein. „Falsche Bewegung“ (1975), nach einem Drehbuch von Peter Handke, ist eine lose Adaption von Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und ein düstereres, philosophischeres Werk über die Unmöglichkeit der Kommunikation. Der Abschluss, „Im Lauf der Zeit“ (1976), folgt zwei Männern in einem LKW entlang der deutsch-deutschen Grenze. Es ist ein fast dreistündiger Film über Männerfreundschaft, das Sterben der kleinen Kinos und eine Nation im Stillstand.
Die Bildsprache, die Wenders mit Robby Müller entwickelte, ist von einer ruhigen, beobachtenden Geduld geprägt. Lange Einstellungen dominieren. Die Kamera bewegt sich langsam, fast zögerlich, und gibt den Orten und Landschaften Raum zu atmen. Die Straße ist hier kein Transitraum, sondern ein Ort des Verweilens und der Reflexion. Die Filme etablierten Wenders als einen Chronisten der Entfremdung und der leisen Sehnsucht nach Ankunft.
Wir schulden den Orten Respekt, denn sie haben eine tiefere Bedeutung für uns als nur schlicht vorhanden zu sein.
Ein Deutscher in Amerika
Auf Einladung von Francis Ford Coppola ging Wenders 1977 in die USA, um einen Film über den Krimiautor Dashiell Hammett zu drehen. Die Produktion verzögerte sich erheblich und kam erst 1982 ins Kino. In der Zwischenzeit entstanden die Filme „Nick’s Film“ und „Der Stand der Dinge“. Der Höhepunkt dieser Phase war „Paris, Texas“, der 1984 die Goldene Palme in Cannes gewann.

Die amerikanische Periode war von tiefen Konflikten und einem künstlerischen Triumph geprägt. Die Arbeit an „Hammett“ für Coppolas Produktionsfirma Zoetrope geriet zum Desaster. Wenders’ intuitive, auf Improvisation setzende Arbeitsweise kollidierte mit den rigiden Strukturen Hollywoods. Streitigkeiten über Drehbuch und Besetzung führten zu jahrelangen Verzögerungen und mehreren Neudrehs. Seine Frustration über diese Erfahrung verarbeitete er in „Der Stand der Dinge“ (1982), einem Film über ein Filmteam, dem mitten im Dreh das Geld ausgeht – eine Metapher für seine eigene kreative Sackgasse. Gleichzeitig entstand mit „Nick’s Film“ (1980) ein sehr persönliches Dokument über die letzten Tage des krebskranken Regisseurs Nicholas Ray.
Aus dieser Krise ging Wenders gestärkt hervor. Mit „Paris, Texas“ (1984) gelang ihm die perfekte Synthese aus europäischer Sensibilität und amerikanischem Mythos. Nach einem Drehbuch von Sam Shepard und mit der unvergesslichen Slide-Gitarre von Ry Cooder erzählt der Film die Geschichte eines Mannes, der aus der Wüste auftaucht, um seine Familie und seine Vergangenheit zu suchen. Die endlosen Weiten der texanischen Landschaft werden zum Spiegel der inneren Leere des Protagonisten. Der Film war ein internationaler Erfolg, der Wenders’ Ruf als einer der bedeutendsten Regisseure seiner Generation zementierte.
Engel, Musiker und das Rauschen der Zeit
Mit „Der Himmel über Berlin“ (1987) schuf Wenders ein filmisches Gedicht, das weltweit Anklang fand. Sein späteres Werk zeichnet sich durch gefeierte Dokumentarfilme wie „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Pina“ (2011) aus. Er blieb experimentierfreudig und nutzte als einer der ersten Filmemacher 3D-Technik für den künstlerischen Dokumentarfilm.
Nach seiner Rückkehr nach Europa entstand „Der Himmel über Berlin“. Zwei Engel beobachten das Leben im damals noch geteilten Berlin, sie hören die unausgesprochenen Gedanken der Menschen, können aber nicht in deren Welt eingreifen. Einer von ihnen gibt seine Unsterblichkeit aus Liebe zu einer Zirkusartistin auf. Der Film, wieder in Zusammenarbeit mit Peter Handke entstanden, ist eine melancholische und zugleich hoffnungsvolle Meditation über das Menschsein. Er wurde zu einem Symbol für die Stadt und ihre Geschichte.
In den folgenden Jahrzehnten wandte sich Wenders verstärkt dem Dokumentarfilm zu. Mit „Buena Vista Social Club“ setzte er den vergessenen Son-Musikern Kubas ein Denkmal und löste eine weltweite Welle der Begeisterung für ihre Musik aus. Der Film erhielt eine Oscar-Nominierung. Mit „Pina“ übersetzte er die Kunst der Choreografin Pina Bausch in eine neue Dimension, indem er die 3D-Technik nicht als Gimmick, sondern zur Intensivierung der räumlichen Erfahrung des Tanzes nutzte. Auch dieser Film wurde für einen Oscar nominiert. Seine jüngeren Arbeiten wie der Dokumentarfilm „Anselm – Das Rauschen der Zeit“ (2023) über den Künstler Anselm Kiefer und der Spielfilm „Perfect Days“ (2023) zeigen einen gereiften Künstler, der mit stiller Präzision die Schönheit im Alltäglichen und die Tiefe der Kunst auslotet. Mehr Informationen zu seinem Werk finden sich auf der Seite der Wim Wenders Stiftung.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Wim Wenders geboren?
Wim Wenders wurde am 14. August 1945 in Düsseldorf, Deutschland, geboren. Er wuchs in einem konservativ-katholischen Elternhaus auf und verbrachte seine Jugend unter anderem in Koblenz und Oberhausen, bevor er seine prägende filmische Ausbildung begann.
Wofür ist Wim Wenders bekannt?
Wim Wenders ist vor allem für seine stilprägenden Roadmovies und seine poetische Bildsprache bekannt. Als eine der zentralen Figuren des Neuen Deutschen Films schuf er international gefeierte Werke wie „Paris, Texas“ und „Der Himmel über Berlin“, die das moderne Autorenkino maßgeblich beeinflussten.
Welche sind die wichtigsten Filme von Wim Wenders?
Zu seinen wichtigsten Filmen zählen „Alice in den Städten“ (1974), der Auftakt seiner Roadmovie-Trilogie, der Cannes-Gewinner „Paris, Texas“ (1984), der Kultfilm „Der Himmel über Berlin“ (1987) sowie die Oscar-nominierten Dokumentarfilme „Buena Vista Social Club“ (1999) und „Pina“ (2011).
Ist Wim Wenders verheiratet?
Ja, Wim Wenders ist seit 1993 in dritter Ehe mit der Fotografin Donata Wenders verheiratet. Zuvor war er mit der Schauspielerin Edda Köchl (1968–1974) und der Sängerin Ronee Blakley (1979–1981) verheiratet. Er hat keine Kinder.
Was ist die Wim Wenders Stiftung?
Die 2012 in Düsseldorf gegründete Wim Wenders Stiftung hat das Ziel, das gesamte künstlerische Lebenswerk von Wenders – Filme, Fotografien und Texte – zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zudem fördert sie mit Stipendien junge Filmschaffende.
Welche wichtigen Auszeichnungen hat Wim Wenders erhalten?
Wenders erhielt zahlreiche Preise, darunter die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes 1984 für „Paris, Texas“, den Goldenen Ehrenbären der Berlinale 2015 für sein Lebenswerk und den Europäischen Filmpreis. Details listet die Internet Movie Database (IMDb).
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Cook, R. F. (2002). Wim Wenders: A Companion. Routledge.
- Buchka, P. (1986). Die Filme von Wim Wenders. Hanser Verlag.
- Geist, K. (1982). Wim Wenders. Tanam Press.
- Kolker, R. P., & Beicken, P. (1993). The Films of Wim Wenders: Cinema as Vision and Desire. Cambridge University Press.