Egon Schiele (1890–1918) war ein österreichischer Maler und Zeichner des Expressionismus. Als zentrale Figur der Wiener Moderne schuf er ein Werk, das durch radikale Selbstporträts, explizite Aktdarstellungen und eine unverwechselbare, nervöse Linienführung gekennzeichnet ist. Sein Schaffen polarisierte die Gesellschaft und endete tragisch früh durch die Spanische Grippe.
Der Junge starrt aus dem Bild. Seine Augen sind weit aufgerissen, der Körper ist eine verrenkte Architektur aus Sehnen und Knochen. Die Hand, überlang und knochig, greift an die eigene Brust, als wolle sie das Innere nach außen zerren. Dieses Selbstbildnis von 1910 ist kein Porträt im klassischen Sinn. Es ist eine Sezierung der eigenen Psyche mit den Mitteln der Linie und der Farbe. Nichts an dieser Darstellung ist gefällig, nichts beschönigend. Hier arbeitet kein Künstler, der gefallen will, sondern einer, der sehen muss. Diese unbedingte, fast schmerzhafte Ehrlichkeit wurde zum Markenzeichen eines kurzen, aber intensiven Künstlerlebens, das die Grenzen der bürgerlichen Ästhetik sprengte und die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte.
Er zeichnete den Körper als Landschaft der Seele, verletzlich und schonungslos. Seine Kunst war ein Fiebertraum auf Papier, eine Provokation für das Wien der Jahrhundertwende und ein Vorgriff auf die Abgründe der Moderne.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1910 | Sitzender männlicher Akt (Selbstbildnis) | Gouache, Aquarell | Manifestiert den Bruch mit der akademischen Tradition und die Hinwendung zum radikalen Expressionismus. |
| 1912 | Die Eremiten | Ölgemälde | Ein Doppelporträt, das als Hommage an seinen Mentor Gustav Klimt gedeutet wird; ein Hauptwerk seiner symbolistischen Phase. |
| 1913 | Bildnis Wally Neuzil | Ölgemälde | Porträt seiner Lebensgefährtin und Muse, das eine tiefe psychologische Verbindung offenbart. |
| 1914 | Häuser mit bunter Wäsche (Vorstadt II) | Ölgemälde | Beispiel für seine anthropomorphisierten Stadtlandschaften, die oft Einsamkeit und Verfall thematisieren. |
| 1915 | Tod und Mädchen | Ölgemälde | Entstanden nach der Trennung von Wally Neuzil; eine allegorische Darstellung von Verlust und Abschied. |
| 1917 | Die Umarmung (Liebespaar II) | Ölgemälde | Zeigt eine neue, reifere Darstellung der Paarbeziehung, entstanden während seiner Ehe mit Edith Harms. |
| 1918 | Die Familie | Ölgemälde | Eines seiner letzten, unvollendeten Hauptwerke. Vision einer Familie, die er durch seinen frühen Tod nie haben sollte. |
Akademie und Neukunstgruppe
Im Alter von 16 Jahren wurde Egon Schiele 1906 an der Akademie der bildenden Künste Wien aufgenommen. Unzufrieden mit dem konservativen Lehrbetrieb unter Christian Griepenkerl, verließ er die Institution 1909 und gründete mit Kommilitonen die Neukunstgruppe. Sein Mentor wurde Gustav Klimt.
Geboren in Tulln an der Donau, war die Welt der Eisenbahn die erste Kulisse seines Lebens. Sein Vater, Adolf Schiele, war Bahnhofsvorstand, und die Faszination für das Technische, für Linien und Strukturen, prägte die frühen Zeichnungen des Jungen. Der frühe Tod des Vaters 1905 an den Folgen einer Syphilis-Erkrankung war ein traumatisches Ereignis, das den Blick des jungen Künstlers auf Krankheit, Vergänglichkeit und den menschlichen Körper für immer schärfen sollte. Sein Onkel und Vormund, Leopold Czihaczek, sah die künstlerischen Ambitionen seines Mündels mit Skepsis, unterstützte aber widerstrebend die Bewerbung an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Der dortige Unterricht erwies sich als Fessel. Der Lehrer Christian Griepenkerl, ein Verfechter des Historismus, verstand die nervöse, suchende Linie seines Schülers nicht. Es war eine Kollision zweier Welten.
Die Befreiung kam 1909. Schiele verließ die Akademie. Er suchte den Kontakt zu Gustav Klimt, dem unangefochtenen Zentrum der Wiener Moderne. Klimt erkannte das Talent sofort. Er wurde zum väterlichen Freund, tauschte Zeichnungen mit ihm, verschaffte ihm Modelle und führte ihn in die Wiener Werkstätte ein. Parallel dazu gründete Schiele mit Gleichgesinnten wie Anton Peschka die Neukunstgruppe als Plattform für eine radikal neue Kunstauffassung. Die erste Ausstellung 1909 in der „Großen Internationalen Kunstschau“ brachte den Kontakt zum einflussreichen Kritiker Arthur Roessler. Roessler wurde zu einem entscheidenden Förderer, der Schiele mit wichtigen Sammlern wie Carl Reininghaus und Oskar Reichel vernetzte. Der Bruch mit der Akademie war vollzogen. Der Weg in die künstlerische Eigenständigkeit begann.
Die Jahre in Krumau und Neulengbach
1911 zog Schiele mit seiner Lebensgefährtin und seinem Modell Wally Neuzil nach Krumau, dem Geburtsort seiner Mutter. Aufgrund ihres unkonventionellen Lebensstils und seiner Aktzeichnungen von jungen Mädchen wurden sie aus der Stadt vertrieben. In Neulengbach folgte 1912 ein Skandalprozess mit 24-tägiger Untersuchungshaft.

Wien wurde ihm zu eng. 1911 suchte Egon Schiele Zuflucht in der böhmischen Heimat seiner Mutter, in Krumau. Die verwinkelten Gassen und die düstere, mittelalterliche Atmosphäre der Stadt spiegelten sich in seinen Stadtlandschaften wider, die er oft als menschenleere, seelenvolle Organismen malte. An seiner Seite war Walburga „Wally“ Neuzil, die von seinem wichtigsten Modell zu seiner Partnerin geworden war. Ihre Beziehung war unkonventionell, ihre Lebensweise eine Provokation für die provinzielle Gesellschaft. Das Misstrauen wuchs, als Schiele junge Mädchen aus der Nachbarschaft als Modelle für seine Akte engagierte. Die offene Darstellung von Sexualität und die „wilde Ehe“ führten zur Ausweisung aus der Stadt.
Sehe die beiden Gestalten gleich einer dieser Erde ähnlichen Staubwolke, die sich aufbauen will und kraftlos zusammenbrechen muß.
Der nächste Rückzugsort, Neulengbach bei Wien, brachte keine Ruhe, sondern die Katastrophe. Im April 1912 wurde der Künstler verhaftet. Die Vorwürfe lauteten auf Entführung und Verführung einer Minderjährigen. Obwohl sich diese als haltlos erwiesen, wurde er wegen der „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ verurteilt. Die Haftzeit von 24 Tagen wurde zu einer tiefen Demütigung und einem Trauma, das er in einer Serie von Gefängniszeichnungen verarbeitete. Eine der konfiszierten Zeichnungen wurde vom Richter im Gerichtssaal über einer Kerzenflamme verbrannt. Dieser Akt staatlicher Zensur bestärkte Schiele in seiner Haltung als Außenseiter und radikaler Chronist menschlicher Existenz.
Kriegsdienst und künstlerische Reife
1915 heiratete Egon Schiele Edith Harms und wurde zum Kriegsdienst eingezogen. Er diente hauptsächlich in Schreibstuben und als Militärzeichner, was ihm erlaubte, weiter künstlerisch zu arbeiten. In dieser Zeit entstanden reifere Werke wie „Die zerfallende Mühle“ (1916) und Porträts von Offizieren.

Das private Leben nahm 1915 eine entscheidende Wendung. Schiele lernte die bürgerlichen Schwestern Edith und Adele Harms kennen, die gegenüber seinem Atelier in Hietzing wohnten. Er entschied sich für eine Ehe mit Edith, eine Entscheidung, die den schmerzhaften Bruch mit Wally Neuzil bedeutete. Ihre letzte Begegnung, bei der er eine Art Dreiecksbeziehung vorschlug, die beide Frauen ablehnten, verarbeitete er später im allegorischen Gemälde „Tod und Mädchen“. Nur drei Tage nach der Hochzeit am 17. Juni 1915 musste Schiele seinen Kriegsdienst antreten. Seine Vorgesetzten erkannten jedoch sein Talent und setzten ihn vorwiegend im administrativen Dienst ein, etwa in der Provianturkanzlei eines Kriegsgefangenenlagers. Dies ermöglichte ihm, weiterhin zu zeichnen und zu malen.
Die Erfahrungen des Krieges veränderten seine Kunst. Die schrille Expressivität der früheren Jahre wich einer ruhigeren, aber nicht weniger intensiven Formensprache. Die Linien wurden gesetzter, die Kompositionen stabiler. Er porträtierte russische Kriegsgefangene und österreichische Offiziere, wobei sein Interesse stets dem Individuum und dessen psychischer Verfasstheit galt. 1917 wurde er nach Wien versetzt und mit der Organisation von Kriegsausstellungen im Heeresgeschichtlichen Museum betraut. Diese Phase war von einer wachsenden Anerkennung geprägt. Seine Werke wurden komplexer, die Auseinandersetzung mit Themen wie Liebe, Partnerschaft und Familie rückte in den Vordergrund, wie das berühmte Gemälde „Die Umarmung“ von 1917 eindrücklich zeigt.
Egon Schieles letzter Frühling der Moderne
Nach dem Tod Gustav Klimts im Februar 1918 wurde Schiele zur führenden Figur der Wiener Kunstszene. Die 49. Ausstellung der Wiener Secession im März 1918 war ihm gewidmet und ein triumphaler Erfolg. Im Oktober 1918 starben seine schwangere Frau Edith und kurz darauf auch er an der Spanischen Grippe.
Das Jahr 1918 begann mit einem Paukenschlag. Am 6. Februar starb Gustav Klimt, und Egon Schiele, sein einstiger Schützling, wurde über Nacht zum unbestrittenen Haupt der Wiener Avantgarde. Er fertigte noch am Totenbett seines Mentors drei ergreifende Zeichnungen an. Nur einen Monat später feierte er seinen größten Triumph: Die 49. Ausstellung der Wiener Secession war ihm gewidmet. Er entwarf das Plakat und verkaufte einen Großteil der ausgestellten Werke. Die Presse, die ihn Jahre zuvor noch verdammt hatte, feierte ihn nun als Genie. Schiele erhielt zahlreiche Porträtaufträge, seine finanzielle Situation stabilisierte sich. Er zog in ein neues, größeres Atelier in der Wattmanngasse und plante die Gründung einer eigenen Kunstschule. Seine Frau Edith war schwanger.
Der Aufstieg fand ein jähes Ende. Im Herbst 1918 erreichte die Pandemie der Spanischen Grippe Wien. Am 28. Oktober starb die im sechsten Monat schwangere Edith Schiele. Egon Schiele, selbst bereits infiziert, pflegte sie bis zuletzt. Er zeichnete sie ein letztes Mal auf ihrem Sterbebett. Drei Tage später, am 31. Oktober 1918, erlag auch er der Krankheit. Er wurde nur 28 Jahre alt. Sein letztes großes, unvollendet gebliebenes Gemälde, „Die Familie“, wirkt wie eine tragische Prophezeiung. Es zeigt ihn, seine Frau und ein Kind, das nie geboren wurde. Das Belvedere in Wien bewahrt heute dieses und andere zentrale Werke seines Schaffens.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Egon Schiele geboren und wann starb er?
Egon Schiele wurde am 12. Juni 1890 in Tulln an der Donau, Österreich, geboren. Er starb am 31. Oktober 1918 im Alter von nur 28 Jahren in Wien an der Spanischen Grippe, nur drei Tage nach seiner ebenfalls erkrankten Frau Edith.
Wofür ist Egon Schiele bekannt?
Egon Schiele ist bekannt für seine expressionistischen Porträts, Selbstbildnisse und Akte. Seine Werke zeichnen sich durch eine radikale Körperlichkeit, eine nervöse, präzise Linienführung und eine intensive psychologische Tiefe aus. Er zählt neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den bedeutendsten Künstlern der Wiener Moderne.
Was war der Skandal von Neulengbach?
Der Skandal von Neulengbach ereignete sich 1912. Schiele wurde wegen angeblicher Entführung und Verführung einer Minderjährigen verhaftet. Obwohl dieser Vorwurf fallengelassen wurde, verurteilte ihn ein Gericht wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ zu einer Haftstrafe. Er verbrachte 24 Tage im Gefängnis.
Wer war Wally Neuzil?
Walburga „Wally“ Neuzil (1894–1917) war von 1911 bis 1915 die Lebensgefährtin und wichtigste Muse von Egon Schiele. Sie stand ihm für einige seiner bekanntesten Werke Modell, darunter das „Bildnis Wally Neuzil“ und das allegorische Gemälde „Tod und Mädchen“.
Wo befindet sich die größte Sammlung seiner Werke?
Die weltweit größte und bedeutendste Sammlung von Werken Egon Schieles befindet sich im Leopold Museum in Wien. Die Sammlung, zusammengetragen von Rudolf Leopold, umfasst über 40 Gemälde und rund 180 Arbeiten auf Papier und bietet einen umfassenden Überblick über sein Schaffen.
Woran starb Egon Schiele?
Egon Schiele starb am 31. Oktober 1918 an der Spanischen Grippe, einer verheerenden Pandemie, die nach dem Ersten Weltkrieg weltweit grassierte. Seine schwangere Frau Edith war nur drei Tage zuvor an derselben Krankheit gestorben, was seinem Tod eine besondere Tragik verleiht.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Kallir, J. (2018). Egon Schiele: The Complete Works. Rev. and expanded ed. Thames & Hudson.
- Leopold, R. (2004). Egon Schiele. Prestel Verlag.
- Nebehay, C. M. (1980). Egon Schiele: Leben und Werk in Dokumenten und Bildern. Deutscher Taschenbuch Verlag.