Wassily Kandinsky (16. Dezember 1866 – 13. Dezember 1944) war ein russischer Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker. Er gilt als einer der Väter der abstrakten Malerei. Gemeinsam mit Franz Marc gründete er die Künstlergruppe Der Blaue Reiter und lehrte später am Bauhaus in Weimar, Dessau und Berlin. Seine Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ ist ein Schlüsseltext der Moderne.
Ein Heuhaufen in der Abendsonne veränderte alles. Es war ein Bild von Claude Monet, ausgestellt 1896 in Moskau, das Wassily Kandinsky sah und nicht verstand. Er erkannte den Gegenstand nicht, fühlte aber eine unerhörte malerische Kraft. Dieses Erlebnis, verbunden mit einer Aufführung von Richard Wagners „Lohengrin“ im Bolschoi-Theater, bei der er die Musik in Farben vor sich sah, wurde zur Initialzündung. Der promovierte Jurist, dem eine Professur an der Kaiserlichen Universität Dorpat angetragen worden war, lehnte ab. Mit 30 Jahren traf er eine Entscheidung, die nicht nur sein Leben, sondern den Verlauf der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts prägen sollte. Er zog nach München, um Maler zu werden.
Sein Weg führte von der äußeren zur inneren Notwendigkeit, vom Abbild der Natur zur reinen Komposition aus Farbe und Form. Er war der Theoretiker unter den Pionieren, der das Unsichtbare sichtbar machen wollte.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1903 | Der Blaue Reiter | Öl auf Karton | Frühes, noch gegenständliches Werk, das dem späteren Almanach den Namen gab. |
| 1909 | Murnau – Landschaft mit grünem Haus | Öl auf Karton | Höhepunkt seiner expressionistischen Phase, geprägt von leuchtenden, nicht-naturalistischen Farben. |
| 1910 | Erstes abstraktes Aquarell | Aquarell, Tusche | Gilt als eines der ersten vollständig ungegenständlichen Bilder der westlichen Kunst. |
| 1911 | Über das Geistige in der Kunst | Kunsttheoretische Schrift | Ein fundamentaler Text der Moderne über die Wirkung von Farben und die innere Notwendigkeit. |
| 1911 | Komposition V | Öl auf Leinwand | Das großformatige Werk, dessen Ablehnung zur Gründung des Blauen Reiters führte. |
| 1925 | Gelb-Rot-Blau | Öl auf Leinwand | Ein Hauptwerk seiner Bauhaus-Zeit, das die Beziehung von Primärfarben und Grundformen untersucht. |
| 1939 | Komposition X | Öl auf Leinwand | Seine letzte große Komposition, ein komplexes Arrangement biomorphen und geometrischer Formen. |
Der Jurist, der die Farben sah
Geboren 1866 in einer Moskauer Teehändlerfamilie, studierte Wassily Kandinsky zunächst Jura, Nationalökonomie und Ethnologie an der Lomonossow-Universität. Eine Expedition zu den Syrjanen 1889 prägte sein Empfinden für mythische Symbolik. Erst 1896, im Alter von 30 Jahren, entschied er sich für die Malerei und zog nach München.
Die Welt der Paragrafen schien vorgezeichnet. Kandinsky schloss 1892 sein juristisches Staatsexamen ab, promovierte über die Gesetzmäßigkeit von Arbeiterlöhnen und wurde Assistent an der juristischen Fakultät in Moskau. Er heiratete seine Cousine Anna Tschemjakina. Doch die Kunst ließ ihn nicht los. Schon während des Studiums hatte er gemalt und Ausstellungen besucht. Die Faszination für die abstrakten, ornamentalen Bemalungen der Trommeln des Volksstammes der Syrjanen im Ural-Gebirge hinterließ tiefe Spuren in seinem visuellen Gedächtnis, eine frühe Ahnung von einer Kunst, die nicht die sichtbare Welt kopiert, sondern einer eigenen Logik folgt. Diese ethnologische Forschungsreise war mehr als nur eine akademische Pflicht; sie war eine Begegnung mit einer visuellen Kultur, die auf Symbolen statt auf Abbildern basierte.
Der endgültige Bruch mit der akademischen Laufbahn erfolgte in München. An der privaten Malschule von Anton Ažbe traf er auf seinen Landsmann Alexej von Jawlensky. Ab 1900 studierte er an der renommierten Kunstakademie München bei Franz von Stuck, einem Meister des deutschen Symbolismus. Hier gründete er 1901 mit anderen die Künstlergruppe „Phalanx“, die jedoch nur geringe Resonanz fand und nach wenigen Jahren wieder aufgelöst wurde. Entscheidender war eine Begegnung in der Malschule der Phalanx: Er lernte die junge Malerin Gabriele Münter kennen. Sie wurde seine Schülerin, seine Begleiterin auf Reisen durch Europa und Nordafrika und seine Lebensgefährtin für mehr als ein Jahrzehnt. Gemeinsam entdeckten sie die Kraft der reinen Farbe.
Murnau, Marc und der Almanach
Der Aufenthalt in Murnau am Staffelsee ab 1908 markiert den Übergang zum Expressionismus. Die Begegnung mit Franz Marc 1911 führte zur Gründung der Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“, nachdem Kandinsky und Marc aus der Neuen Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) ausgetreten waren. Parallel erschien seine Schrift „Über das Geistige in der Kunst“.

Murnau wurde zum Laboratorium der Moderne. Gemeinsam mit Münter, Jawlensky und Marianne von Werefkin entwickelte Kandinsky einen neuen Stil. Die Farbe löste sich vom Gegenstand, die Landschaft wurde zum Anlass für kühne Farbkompositionen. Der Impuls war, nicht mehr abzumalen, was das Auge sah, sondern ein inneres Erleben, einen „Extrakt“, sichtbar zu machen. Die Gründung der Neuen Künstlervereinigung München 1909 bot zunächst eine Plattform, doch die Spannungen wuchsen. Seine Malerei wurde zunehmend abstrakter, was bei den konservativeren Mitgliedern auf Unverständnis stieß. Er malte mit einer Freiheit, die viele Zeitgenossen als Provokation empfanden. Die Bilder aus dieser Zeit vibrieren vor Energie.
Der entscheidende Moment kam Ende 1911. Die Jury der N.K.V.M. lehnte Kandinskys großformatige „Komposition V“ für ihre Ausstellung ab – ein von ihm und Franz Marc bewusst provozierter Eklat. Sie traten aus und organisierten innerhalb weniger Tage eine eigene Ausstellung in denselben Räumen der Modernen Galerie Thannhauser. Es war die Geburtsstunde der „Ersten Ausstellung der Redaktion des Blauen Reiter“. Der Name ging auf ein früheres Gemälde von Kandinsky zurück und symbolisierte den Aufbruch in eine neue geistige Epoche der Kunst. Der Almanach „Der Blaue Reiter“, der im Mai 1912 erschien, versammelte Texte und Bilder von Künstlern verschiedener Disziplinen und Kulturen und wurde zu einem der wichtigsten programmatischen Dokumente der klassischen Moderne. Er war ein Manifest für die Synthese der Künste.
Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten.
Zwischen Revolution und Bauhaus
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 musste Kandinsky Deutschland verlassen und kehrte nach Moskau zurück. Nach der Oktoberrevolution übernahm er wichtige kulturpolitische Ämter, geriet aber in Konflikt mit den Konstruktivisten. 1921 verließ er Sowjetrussland und folgte 1922 dem Ruf von Walter Gropius an das Bauhaus in Weimar.

Die Rückkehr nach Russland war ein tiefer Einschnitt. Die Beziehung zu Gabriele Münter zerbrach 1916 endgültig. Ein Jahr später heiratete er Nina Nikolajewna Andrejewskaja. Zunächst engagierte sich der Künstler für den Aufbau der neuen sowjetischen Kultur. Er wurde Mitglied im Narkompros, dem Volkskommissariat für Aufklärung, und gründete das Institut für Künstlerische Kultur (INChUK) in Moskau. Hier traf er auf die führenden Köpfe der russischen Avantgarde wie Kasimir Malewitsch und Wladimir Tatlin. Doch die künstlerischen Differenzen waren unüberbrückbar. Während die Konstruktivisten eine zweckgebundene, rationale Kunst im Dienste der Gesellschaft forderten, bestand Kandinsky auf der spirituellen Dimension und der „inneren Notwendigkeit“ des künstlerischen Schaffens. Die zunehmende Einschränkung der Kunstfreiheit und der Verlust seines Vermögens machten die Situation unerträglich.
Die Berufung an das von Walter Gropius gegründete Bauhaus kam zur rechten Zeit. In Weimar, später in Dessau, fand Kandinsky für das nächste Jahrzehnt eine neue Heimat. Er leitete die Werkstatt für Wandmalerei und unterrichtete Kurse über abstrakte Formelemente. Seine theoretische Arbeit setzte er fort und veröffentlichte 1926 die Bauhaus-Schrift „Punkt und Linie zu Fläche“, eine systematische Analyse der bildnerischen Mittel. Am Bauhaus traf er auf Paul Klee, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Gemeinsam mit ihm, Lyonel Feininger und Alexej von Jawlensky gründete er 1924 die Ausstellungsgemeinschaft „Die Blaue Vier“. Diese Jahre waren eine Zeit intensiver Lehre und theoretischer Vertiefung. Kandinsky systematisierte seine Kunst.
Das Spätwerk von Wassily Kandinsky in Paris
Die Bauhaus-Jahre (1922–1933) waren von einer zunehmenden Geometrisierung seiner Bildsprache geprägt. Nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten emigrierte er nach Frankreich. In Neuilly-sur-Seine bei Paris verbrachte er seine letzten Lebensjahre, in denen ein reiches Spätwerk entstand.
Am Bauhaus wandelte sich Kandinskys Stil. Die expressiv-fließenden Formen der Münchner Jahre wichen einer kühleren, geometrischen Ordnung. Der Kreis, das Dreieck und das Quadrat wurden zu zentralen Bildelementen. Seine Bilder aus dieser Periode, wie das berühmte Werk „Gelb-Rot-Blau“ von 1925, sind präzise durchdachte Kompositionen, die universelle Harmonien visualisieren. Es war die fruchtbarste und stabilste Phase seines Lebens. In Dessau bewohnte er mit Paul Klee eines der von Gropius entworfenen Meisterhäuser. Hier lernte er auch den Sammler Solomon R. Guggenheim kennen, der, beraten von Hilla von Rebay, begann, eine der weltweit größten Sammlungen seiner Werke aufzubauen, die heute den Kern des Guggenheim-Museums in New York bildet.
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete diese Periode abrupt. Das Bauhaus wurde 1933 endgültig geschlossen. Kandinskys Kunst galt als „entartet“; 1937 wurden 57 seiner Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt. Das Ehepaar emigrierte nach Frankreich und ließ sich in Neuilly-sur-Seine nieder. In Paris fand die abstrakte Kunst zunächst wenig Anklang. Dennoch schuf Wassily Kandinsky hier ein bedeutendes Spätwerk. Die strengen geometrischen Formen lösten sich auf und machten Platz für biomorphe, amöbenartige Gebilde, die in einem kosmischen Raum zu schweben scheinen. Es war eine letzte Synthese, eine heitere, fast musikalische Phase. Bis kurz vor seinem Tod im Dezember 1944 arbeitete er unermüdlich in seinem Atelier. Er hinterließ ein Werk, das die Malerei von den Fesseln des Gegenstands befreit hatte.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Wassily Kandinsky geboren und wann starb er?
Wassily Kandinsky wurde am 16. Dezember 1866 (nach gregorianischem Kalender) in Moskau, Russisches Kaiserreich, geboren. Er starb am 13. Dezember 1944 im Alter von 77 Jahren in Neuilly-sur-Seine, einem Vorort von Paris, Frankreich.
Wofür ist Wassily Kandinsky bekannt?
Wassily Kandinsky ist vor allem als einer der Pioniere der abstrakten Malerei bekannt. Er war Mitbegründer der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ und ein einflussreicher Lehrer am Bauhaus. Seine kunsttheoretische Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (1911) gilt als Schlüsseltext der Moderne.
Welche waren seine wichtigsten Werke?
Zu seinen Schlüsselwerken zählen das „Erste abstrakte Aquarell“ (1910), das als Wendepunkt zur ungegenständlichen Kunst gilt, die programmatische Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (1911), das Bauhaus-Hauptwerk „Gelb-Rot-Blau“ (1925) sowie die späte „Komposition X“ (1939).
Hatte Wassily Kandinsky Familie?
Ja, Kandinsky war zweimal verheiratet. Von 1892 bis 1911 mit seiner Cousine Anna Tschemjakina. Seine zweite Ehe schloss er 1917 mit Nina Nikolajewna Andrejewskaja. Mit ihr hatte er einen Sohn, Wsewolod, der jedoch 1920 im Alter von nur drei Jahren starb.
Woran ist Wassily Kandinsky gestorben?
Wassily Kandinsky starb im Dezember 1944 in seinem Haus in Neuilly-sur-Seine an den Folgen einer Arteriosklerose. Er hatte bis wenige Monate vor seinem Tod noch täglich in seinem Atelier gearbeitet und ein umfangreiches Spätwerk hinterlassen.
Welchen Einfluss hatte Kandinsky auf die Kunst?
Sein Einfluss ist fundamental. Er legitimierte die abstrakte Malerei sowohl durch sein Werk als auch durch seine Theorien. Er zeigte, dass Farbe und Form ohne gegenständlichen Bezug Träger von Emotionen und geistigen Inhalten sein können, und beeinflusste damit Generationen von Künstlern.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Becks-Malorny, U. (2008). Wassily Kandinsky 1866–1944: The Journey to Abstraction. Taschen.
- Düchting, H. (2000). Wassily Kandinsky. Prestel.
- Kandinsky, W. (1911). Über das Geistige in der Kunst. Insbesondere in der Malerei. R. Piper & Co. Verlag.