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Kunst · Frankreich · 1848–1903

Paul Gauguin: Die Suche nach dem Ursprünglichen

Vom Pariser Börsenmakler zum radikalen Erneuerer der Malerei, der sein Heil in der vermeintlichen Ursprünglichkeit der Südsee suchte und eine neue Bildsprache fand

Selbstporträt von Paul Gauguin mit dem gelben Christus, gemalt 1890-1891, das den Künstler nachdenklich vor seinem eigenen Werk zeigt.
Paul Gauguin: Die Suche nach dem Ursprünglichen · Wikimedia Commons · Louis-Maurice Boutet de Monvel · PD

Paul Gauguin (1848–1903) war ein französischer Maler, Grafiker und Bildhauer des Post-Impressionismus. Er gab eine bürgerliche Karriere als Börsenmakler auf, um sich der Kunst zu widmen. Bekannt ist er für die Entwicklung des Synthetismus und seine farbintensiven Gemälde aus Tahiti und von den Marquesas-Inseln.

Das Jahr 1882 brachte einen Riss. Ein Börsenkrach erschütterte Paris und beendete die Anstellung von Eugène Henri Paul Gauguin bei der Bank Bertin. Für den erfolgreichen Makler, Ehemann und Vater von fünf Kindern war es kein Unglück, sondern eine Befreiung. Er, der die Werke der Impressionisten sammelte und in seiner Freizeit selbst malte, traf eine Entscheidung von existenzieller Wucht. Gegen den Willen seiner Frau Mette-Sophie Gad kehrte er dem gesicherten bürgerlichen Leben den Rücken. Fortan sollte nur noch die Malerei den Unterhalt der Familie sichern. Ein Kalkül, das nicht aufging. Es war der Beginn eines unsteten Lebens, geprägt von Armut, Krankheit und einer rastlosen Suche nach einem Ursprung, den es vielleicht nie gegeben hatte.

Sein Weg führte ihn aus den Pariser Salons in die bretonische Provinz, von einem unglücklichen Intermezzo mit Vincent van Gogh in Arles bis ans andere Ende der Welt. Paul Gauguin wurde zum Inbegriff des Künstlers, der mit der Zivilisation bricht, um eine authentischere Wahrheit im „Primitiven“ zu finden.

Inhalt (6)
Jahr Titel Gattung Bedeutung
1888 Die Vision nach der Predigt Öl auf Leinwand Schlüsselwerk des Synthetismus; trennt die reale von der visionären Welt.
1889 Der gelbe Christus Öl auf Leinwand Verbindet eine Kruzifix-Skulptur aus Pont-Aven mit der bretonischen Landschaft.
1891 Ia Orana Maria (Gegrüßet seist du, Maria) Öl auf Leinwand Eine synkretistische Darstellung der christlichen Verkündigung im tahitianischen Kontext.
1892 Zwei Tahitianerinnen Öl auf Leinwand Ikonisches Doppelporträt, das seine Faszination für die polynesische Kultur zeigt.
1897 Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Öl auf Leinwand Sein fast vier Meter breites, testamentarisches Hauptwerk über den Kreislauf des Lebens.
1897 Noa Noa Illustriertes Manuskript Eine literarische und teils fiktive Verarbeitung seiner Erlebnisse auf Tahiti.

Vom Bankier zum Bohémien

Auf Vermittlung seines Vormunds Gustave Arosa begann Paul Gauguin 1872 eine erfolgreiche Karriere als Börsenmakler in Paris. Er heiratete 1873 die Dänin Mette-Sophie Gad, mit der er fünf Kinder hatte. Angeregt durch Arosas Kunstsammlung, begann er zu malen und stellte 1876 erstmals im Pariser Salon aus.

Das Leben schien vorgezeichnet. Gauguin bewegte sich sicher auf dem Parkett der Pariser Finanzwelt. Er verdiente gut, spekulierte erfolgreich und baute eine beachtliche Sammlung von Werken impressionistischer Maler auf, darunter Arbeiten von Camille Pissarro und Edgar Degas. Die Kunst war zunächst ein Hobby, ein Ausgleich zum bürgerlichen Alltag. Er nahm Unterricht, malte Landschaften im Stil der Schule von Barbizon und fand Anschluss an die Avantgarde. Ab 1879 wurde er eingeladen, an den Ausstellungen der Impressionisten teilzunehmen, eine Anerkennung, die seinen Ehrgeiz weckte. Pissarro wurde zu einem wichtigen Mentor, unter dessen Anleitung er im Freien malte und die Techniken des Lichts und der reinen Farbe studierte.

Doch die Doppelrolle als Finanzier und Künstler zerrieb ihn. Der Börsenkrach von 1882 fungierte als Katalysator für einen radikalen Lebenswandel. Die Entscheidung, die Malerei zum Beruf zu machen, bedeutete den Bruch mit der Familie. 1884 zog die Familie ins günstigere Rouen, doch die finanziellen Nöte wuchsen. Mette kehrte mit den Kindern bald nach Kopenhagen zurück. Gauguin folgte ihnen, scheiterte jedoch mit dem Versuch, sich dort eine Existenz aufzubauen. Nach einer missglückten Ausstellung und Konflikten mit der angeheirateten Familie kehrte er 1885 allein und mittellos nach Paris zurück. Der Briefwechsel mit Mette riss nie ganz ab, doch eine gemeinsame Zukunft gab es nicht mehr.

Pont-Aven und die Farbe der Synthese

1886 reiste Gauguin erstmals nach Pont-Aven in der Bretagne. Hier entwickelte er mit Émile Bernard den Synthetismus. Dieser Stil betont flächige, leuchtende Farben, vereinfachte Formen und dunkle Konturen, eine Technik, die auch als Cloisonismus bezeichnet wird. Seine Werke fanden Anerkennung unter Kollegen.

Paul Gauguin
Paul Gauguin · Wikimedia Commons · PD

In der Bretagne suchte Gauguin, was ihm Paris nicht mehr geben konnte: ein einfaches, ursprüngliches Leben, fernab der bürgerlichen Konventionen. Das Fischerdorf Pont-Aven wurde zum Labor für seine künstlerische Neuerfindung. Er wurde zur zentralen Figur der später so genannten Schule von Pont-Aven. Hier distanzierte er sich endgültig vom Impressionismus, der ihm zu sehr an der Oberfläche der sichtbaren Welt haftete. Er wollte nicht mehr nur abbilden, was das Auge sieht, sondern was der Geist fühlt und erinnert. „Malen Sie nicht zu viel nach der Natur. Das Kunstwerk ist eine Abstraktion“, riet er seinem Freund Émile Schuffenecker 1888 in einem Brief. Diese Idee ist der Kern des Synthetismus: eine Synthese aus der äußeren Erscheinung, der inneren Empfindung des Künstlers und ästhetischen Überlegungen zu Form und Farbe.

Sein Gemälde *Die Vision nach der Predigt* (1888) gilt als Gründungsdokument dieser neuen Richtung. Es zeigt bretonische Bäuerinnen, die nach der Messe Jakobs Kampf mit dem Engel sehen. Gauguin trennt die reale Ebene der betenden Frauen von der irrealen Vision durch einen kühnen Baumstamm und einen leuchtend roten Untergrund. Die Farbe gehorcht nicht mehr der Realität, sondern der Emotion. Dieser Bruch mit der naturalistischen Tradition war revolutionär und bereitete dem Expressionismus den Weg.

Malen Sie nicht zu viel nach der Natur. Das Kunstwerk ist eine Abstraktion.

Das gelbe Haus: Paul Gauguins Ringen mit van Gogh

Auf Einladung von Vincent van Gogh verbrachte Paul Gauguin von Oktober bis Dezember 1888 zwei Monate in Arles. Die Idee von Theo van Gogh, ein „Atelier des Südens“ zu gründen, endete in einer Katastrophe. Nach einem heftigen Streit schnitt sich van Gogh einen Teil seines Ohres ab, woraufhin Gauguin abreiste.

Paul Gauguin, Aufnahme aus dem Jahr 1892
Paul Gauguin (1892) · Wikimedia Commons · PD

Die Zusammenarbeit der beiden Künstler war von Anfang an von Spannungen geprägt. Van Gogh, der leidenschaftliche, impulsive Maler, der direkt vor der Natur arbeitete, traf auf den intellektuellen, oft arroganten Gauguin, der das Malen aus der Erinnerung propagierte. Sie arbeiteten Seite an Seite, diskutierten nächtelang über Kunst, doch ihre Visionen waren unvereinbar. Gauguin malte ein Porträt von van Gogh, das diesen als Sonnenblumenmaler zeigt, aber auch seine innere Zerrissenheit andeutet. Die Atmosphäre im „gelben Haus“ wurde zunehmend explosiv.

Der Konflikt gipfelte am 23. Dezember 1888 in jenem nie vollständig geklärten Vorfall. Nach einem Streit verließ Gauguin das Haus. Van Gogh folgte ihm, kehrte aber um, schnitt sich in einem Anfall geistiger Verwirrung einen Teil seines linken Ohres ab, wickelte es in Papier und überreichte es einer Prostituierten. Gauguin fand am nächsten Morgen eine aufgelöste Menschenmenge vor dem Haus und verständigte die Polizei. Er verließ Arles umgehend und reiste nach Paris, ohne sich von van Gogh zu verabschieden. Das gemeinsame Projekt war auf tragische Weise gescheitert.

Die Flucht nach Polynesien

1891 reiste Gauguin, finanziert durch eine Auktion seiner Werke, erstmals nach Tahiti. Er suchte ein exotisches Paradies, fand aber eine bereits stark von Europa geprägte Kolonie. Er lebte mit der jungen Tahitianerin Téha’amana zusammen und schuf in zwei Jahren rund 66 Gemälde und zahlreiche Holzschnitte, bevor er 1893 nach Frankreich zurückkehrte.

Gauguins Vorstellung von Tahiti war von den romantisierten Reiseberichten des 18. Jahrhunderts geprägt. Er träumte von einem Leben in Harmonie mit der Natur, frei von Geldsorgen und zivilisatorischen Zwängen. Die Realität in der Hauptstadt Papeete war eine Enttäuschung. Die einheimische Kultur war durch Missionare und Kolonialherrschaft weitgehend verdrängt worden. Auf der Suche nach dem „wahren“ Polynesien zog er sich in das Dorf Mataiea zurück. Dort baute er sich eine Hütte und begann, mit der erst 13-jährigen Téha’amana zusammenzuleben, die sein wichtigstes Modell wurde. Seine Werke aus dieser Zeit, wie *Ia Orana Maria*, sind keine ethnografischen Dokumente, sondern Projektionen seiner eigenen Mythologie. Er malte eine farbenprächtige, sinnliche und geheimnisvolle Welt, die er sich erträumt hatte.

Trotz der künstlerischen Produktivität war sein Leben von Not und Krankheit geprägt. Das Geld war bald aufgebraucht, und er litt an gesundheitlichen Problemen. 1893 kehrte er nach Frankreich zurück, in der Hoffnung, mit seinen tahitianischen Bildern endlich den Durchbruch zu schaffen. Eine Ausstellung in der Galerie von Paul Durand-Ruel wurde zwar von einigen Kritikern gelobt, stieß aber beim Publikum auf Unverständnis. Nach weiteren Enttäuschungen und einem bei einer Schlägerei erlittenen Knöchelbruch, der ihm zeitlebens Schmerzen bereitete, beschloss er 1895, Europa endgültig zu verlassen.

Letzte Jahre auf Hiva Oa

1901 zog Gauguin von Tahiti auf die abgelegenere Marquesas-Insel Hiva Oa. Dort verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, hervorgerufen durch Syphilis und Morphiumkonsum. Er geriet in Konflikt mit den Kolonialbehörden und der Kirche, starb aber am 8. Mai 1903, bevor eine gegen ihn verhängte Haftstrafe vollstreckt werden konnte.

Auf Hiva Oa, das er für ursprünglicher hielt als Tahiti, baute er sich ein Haus, das er provokant „Maison du Jouir“ (Haus der Freude) nannte. Er lebte mit der 14-jährigen Marie-Rose Vaeoho zusammen und setzte sich für die Rechte der Einheimischen gegen die Willkür der Kolonialverwaltung und der katholischen Mission ein. Sein provokantes Verhalten führte zu einer Verleumdungsklage, die in einer Verurteilung zu einer Haft- und Geldstrafe mündete. Währenddessen begann sein Werk in Europa an Wert zu gewinnen. Der Kunsthändler Ambroise Vollard schloss 1900 einen Vertrag mit ihm, der ihm ein regelmäßiges Einkommen sicherte. Zum ersten Mal konnte er von seiner Kunst leben.

Doch seine Gesundheit war ruiniert. Schmerzen, Herzanfälle und Augenentzündungen quälten ihn. Ende 1897, nach der Nachricht vom Tod seiner Lieblingstochter Aline, malte er in einem Schaffensrausch sein philosophisches Testament auf einer fast vier Meter breiten Leinwand: *Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?*. Anschließend unternahm er einen Suizidversuch mit Arsen, den er überlebte. Am Morgen des 8. Mai 1903 fand ihn ein Nachbar tot in seiner Hütte. Er starb einsam, fernab der Welt, deren Kunst er so nachhaltig verändert hatte. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Atuona, unweit der letzten Ruhestätte des Sängers Jacques Brel.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Paul Gauguin geboren und wann starb er?

Paul Gauguin wurde am 7. Juni 1848 in Paris, Frankreich, geboren. Er starb am 8. Mai 1903 im Alter von 54 Jahren in Atuona auf der Insel Hiva Oa in Französisch-Polynesien, wo er auch begraben liegt.

Wofür ist Paul Gauguin bekannt?

Paul Gauguin ist als einer der führenden Maler des Post-Impressionismus bekannt. Seine Bedeutung liegt in der Entwicklung des Synthetismus, einem Stil mit kühnen Farben und vereinfachten Formen, sowie in seinen ikonischen Gemälden aus der Südsee.

Was sind die wichtigsten Werke von Paul Gauguin?

Zu seinen Hauptwerken zählen „Die Vision nach der Predigt“ (1888), „Der gelbe Christus“ (1889) und sein Spätwerk „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“ (1897). Auch seine Holzschnitte und Keramiken sind bedeutend.

Welche Beziehung hatte Gauguin zu Vincent van Gogh?

Gauguin lebte 1888 auf Einladung van Goghs zwei Monate mit ihm im „gelben Haus“ in Arles. Ihre künstlerischen Differenzen führten zu einem Konflikt, der in van Goghs Selbstverstümmelung und Gauguins abrupter Abreise gipfelte.

Warum ging Paul Gauguin nach Tahiti?

Gauguin verließ Europa auf der Suche nach einem „ursprünglichen“ und einfachen Leben, frei von den Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft. Er idealisierte Tahiti als exotisches Paradies, das seine Suche nach einer neuen, authentischen Bildsprache inspirieren sollte.

Welchen Einfluss hatte Paul Gauguin auf die Kunstgeschichte?

Gauguin war ein Wegbereiter der modernen Kunst. Sein antinaturalistischer Einsatz von Farbe und Form beeinflusste direkt die Nabis, die Fauvisten um Henri Matisse und die deutschen Expressionisten. Sein Primitivismus inspirierte Künstler wie Pablo Picasso.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Perruchot, Henri (1961). La Vie de Gauguin. Hachette.
  • Danielsson, Bengt (1966). Gauguin in the South Seas. Doubleday & Company.
  • Mathews, Nancy Mowll (2001). Paul Gauguin, an Erotic Life. Yale University Press.
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