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Kunst · Deutschland, Frankreich, Österreich · * 1945

Anselm Kiefer – Chronist deutscher Mythen und Wunden

Seine Werke aus Blei, Asche und Stroh sind eine schonungslose Archäologie der deutschen Geschichte und ihrer verdrängten Abgründe

Der Künstler Anselm Kiefer in seinem Atelier, umgeben von großformatigen Leinwänden und Materialien, die für sein Werk charakteristisch sind.
Anselm Kiefer – Chronist deutscher Mythen und Wunden · Wikimedia Commons · Anselm Kiefer · CC0

Anselm Kiefer (* 8. März 1945) ist ein deutscher und österreichischer Maler und Bildhauer, dessen Werke sich eindringlich mit Geschichte, Mythos und Erinnerung auseinandersetzen. Bekannt für den Einsatz von Materialien wie Blei, Asche und Stroh, konfrontiert er in seinen Bildern und Installationen die deutsche Vergangenheit, insbesondere den Nationalsozialismus.

Ein junger Mann posiert in der Uniform seines Vaters, eines Wehrmachtsoffiziers. Er steht an historischen Orten Europas, in Frankreich, in Italien, und hebt den Arm zum Hitlergruß. Die Geste ist starr, provokant, eine inszenierte Besetzung. Es ist das Jahr 1969. Der Mann ist Anselm Kiefer, und diese fotografische Serie, seine Abschlussarbeit an der Karlsruher Kunstakademie, ist kein Bekenntnis, sondern eine Frage. Eine radikale Befragung der deutschen Identität nach Auschwitz. Mit dieser Aktion riss er Wunden auf, die eine ganze Generation zu verdrängen versuchte. Er simulierte die Identifikation mit den Tätern, nicht um sie zu rehabilitieren, sondern um das Unbegreifliche in sich selbst abzubilden und die Mechanismen der Verführung und des Schreckens offenzulegen. Der Skandal war der Beginn einer künstlerischen Auseinandersetzung, die ihresgleichen sucht.

Anselm Kiefers Kunst ist eine Archäologie der deutschen Seele. Er gräbt in Schichten aus Mythos und Geschichte, legt die vergifteten Fundamente frei und baut daraus Kathedralen der Erinnerung. Seine Leinwände sind Schlachtfelder, seine Bücher aus Blei sind stumme Zeugen.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1969 Besetzungen Performance / Fotografie Die skandalträchtige Abschlussarbeit, die seine Karriere begründete.
1973 Deutschlands Geisteshelden Malerei / Installation Konfrontation mit der deutschen Kulturgeschichte in einem Holzbau.
1978–80 Wege der Weltweisheit: die Hermannsschlacht Holzschnitt-Zyklus Untersuchung der Verflechtung von Nationalmythos und Ideologie.
1981 Margarethe / Sulamith Malerei Direkter bildnerischer Dialog mit Paul Celans Gedicht „Todesfuge“.
1986–89 Zweistromland Installation / Skulptur Ikonische Arbeit mit über 200 schweren Büchern aus Blei in Stahlregalen.
2002 Die sieben Himmelspaläste Installation Turmbauten, die auf die jüdische Mystik der Kabbala verweisen.
2009 Am Anfang Performance / Bühnenbild Zusammenarbeit mit Jörg Widmann zur Neueröffnung der Opéra Bastille in Paris.

Die Geste der Besetzung

Geboren am 8. März 1945 in Donaueschingen, studierte Anselm Kiefer zunächst Jura und Romanistik, bevor er sich der Kunst zuwandte. Seine Ausbildung erhielt er bei Peter Dreher in Freiburg und Horst Antes in Karlsruhe. Seine fotografisch dokumentierte Performance „Besetzungen“ von 1969 löste einen öffentlichen Eklat aus.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam Anselm Kiefer im Luftschutzkeller eines Krankenhauses zur Welt. Sein Vater, ein Kunstpädagoge, förderte früh die bildnerischen Versuche des Sohnes. Doch der Weg zur Kunst war kein direkter. Kiefer begann ein Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg, das er abbrach, um sich ganz der Malerei zu widmen. An der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe fand er in Horst Antes einen prägenden Lehrer. Doch die entscheidende Begegnung fand außerhalb der Akademie statt. Joseph Beuys wurde zu seinem informellen Mentor. Kiefer fuhr mit seinen aufgerollten Bildern auf dem Dach seines VW-Käfers nach Düsseldorf, um sie Beuys zu zeigen. Von ihm übernahm er die Wertschätzung für unkonventionelle, symbolisch aufgeladene Materialien und das Verständnis des Künstlers als eine Art Alchemist, der Materie in geistige Substanz verwandelt.

Die Abschlussarbeit von 1969, jene Serie von Selbstporträts mit Hitlergruß, war mehr als nur eine Provokation. Sie war ein methodischer Versuch, die jüngste deutsche Vergangenheit nicht zu verdrängen, sondern sie physisch und psychisch zu „besetzen“, um ihre fortwährende Präsenz spürbar zu machen. Die Akademieprofessoren lehnten die Arbeit mehrheitlich ab. Der Galerist Michael Werner erkannte jedoch das Potenzial und organisierte erste Ausstellungen. Kiefer hatte sein zentrales Thema gefunden: die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, ihren Mythen und ihrer Katastrophe, ohne die bequemen Abkürzungen von Ironie oder Verurteilung zu nehmen. Er wollte verstehen. Das war der Anfang.

Materialwelt: Blei, Stroh und Mythen

In den 1970er und 1980er Jahren entwickelte Kiefer in seinen Ateliers im Odenwald seinen charakteristischen Stil. Er integrierte Materialien wie Blei, Stroh, Sand und Asche in großformatige Leinwände. Sein deutscher Pavillon auf der Biennale von Venedig 1980, der „Deutschlands Geisteshelden“ zeigte, provozierte internationale Kontroversen.

Anselm Kiefer
L'artiste Rémy Courage dans l'atelier du peintre allemand Anselm Kiefer, fotografiert von Diego gavani. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Im ehemaligen Schulhaus in Hornbach im Odenwald begann die materielle Verdichtung seiner Themen. Die Leinwand wurde zum Territorium. Kiefer trug dicke Schichten Farbe auf, die er mit Feuer bearbeitete, er mischte Sand und Erde hinein, applizierte Stroh und Haare. Seine Werke wurden zu Landschaften der Erinnerung, gezeichnet von Zerstörung und Verfall, aber auch von der Möglichkeit der Wiederkehr. Das Blei, ein Material der Alchemie, das für Schwere, Melancholie und Transformation steht, wurde zu seinem Markenzeichen. Es ist schwer und formbar, es schützt vor Strahlung und speichert Geschichte. Für Kiefer wurde es zum idealen Medium, um die Last der Vergangenheit darzustellen.

Er malte verbrannte Landschaften, leere Architekturen und immer wieder die großen Figuren der deutschen Geistesgeschichte, von Wagner bis Heidegger. Mit dem Zyklus „Wege der Weltweisheit: die Hermannsschlacht“ untersuchte er die ideologische Vereinnahmung nationaler Mythen. Die Kritik reagierte oft mit Unverständnis und warf ihm eine unkritische Faszination für teutonische Symbolik vor. Man verkannte die Absicht. Kiefer heroisierte nicht, er sezierte. Er zeigte, wie eine Hochkultur in die Barbarei stürzen konnte, indem er ihre Symbole und Namen in den Kontext von Zerstörung und Tod stellte. Die Rezeption seiner Arbeit wurde maßgeblich von den Gedichten Paul Celans und Ingeborg Bachmanns geprägt, deren Sprache ihm half, den Holocaust bildnerisch zu fassen, wie in den berühmten Werken „Margarethe“ und „Sulamith“, die auf Celans „Todesfuge“ verweisen.

Ich sehe meine Bilder wie Ruinen, oder wie Bausteine, die man zusammensetzen kann. Sie sind Material.

Exil in Barjac

Nach persönlichen und beruflichen Auseinandersetzungen in Deutschland verließ Kiefer 1991 das Land. Er ließ sich 1993 in Barjac in Südfrankreich nieder, wo er auf dem 35 Hektar großen Gelände einer ehemaligen Seidenfabrik ein gigantisches Atelier- und Kunstareal schuf. Diese Zäsur markierte eine thematische Erweiterung seines Werks.

Anselm Kiefer
Das monumentale Werk »Sefiroth« des Künstlers Anselm Kiefer weist ein vertikal gestrecktes Format auf, welches an altmeisterliche Altargemälde erinnert, fotografiert von Immanuel Giel. · Wikimedia Commons · CC0

Das Verlassen Deutschlands war für ihn eine „Art Hygiene“. In Barjac fand er den Raum, den seine Kunst benötigte. Das Gelände wurde zu einem Gesamtkunstwerk, einem Labyrinth aus Ateliers, unterirdischen Krypten, Tunneln und Installationen im Freien. Er errichtete Betonbauten, die „Himmelspaläste“, die auf die jüdische Mystik der Kabbala Bezug nehmen. Die thematische Fokussierung auf die deutsche Geschichte wich einer globaleren Perspektive. Kiefer wandte sich altorientalischen und ägyptischen Mythen, der Gnosis und kosmogonischen Fragestellungen zu. Die Auseinandersetzung mit dem Buch als Wissensspeicher, die sich bereits in seinen Bleibüchern der Installation „Zweistromland“ manifestierte, wurde weiter vertieft.

In Barjac entstanden riesige Serien von Werken, die sich mit den Sternenkonstellationen, alchemistischen Prozessen und dem Kreislauf von Werden und Vergehen beschäftigen. Die Materialien blieben archaisch: Blei, Beton, Erde, getrocknete Pflanzen wie Sonnenblumen. Die Jahre in Südfrankreich waren eine Phase hoher Produktivität und Reflexion. Er reiste nach Indien, Mexiko und China, sammelte Eindrücke und erweiterte seinen intellektuellen Horizont. Sein Werk verlor nichts von seiner Schwere, gewann aber an universaler Gültigkeit. Er war nicht mehr nur der deutsche Künstler, der die deutsche Wunde bearbeitete, sondern ein Weltkünstler, der die fundamentalen Fragen der menschlichen Existenz verhandelte.

Anerkennung und die Pariser Jahre

Im Jahr 2008 verließ Anselm Kiefer Barjac und bezog ein noch größeres Atelier mit 36.000 Quadratmetern in Croissy-Beaubourg bei Paris. Zahlreiche internationale Ehrungen, darunter der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2008 als erster bildender Künstler, zementierten seinen Status als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart.

Das Atelier in den ehemaligen Lagerhallen eines Pariser Kaufhauses ermöglichte eine Produktion in industriellem Maßstab. Hier entstanden Vitrinen-Installationen und Gemälde, die ganze Wände füllen. Seine weltweite Anerkennung spiegelte sich in großen Retrospektiven wider, unter anderem im Centre Pompidou in Paris. Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels war ein Wendepunkt in der deutschen Rezeption. Die Laudatio würdigte ihn als einen Künstler, der „seinem und unserem Gedächtnis die Kälte des Vergessens austreibt“. Endlich wurde in Deutschland verstanden, dass seine Auseinandersetzung mit der Geschichte keine Affirmation, sondern eine Trauerarbeit von universaler Dimension ist. Der Künstler selbst reflektierte sein Schaffen in einer Vorlesungsreihe am renommierten Collège de France, der er den Titel „Die Kunst geht knapp nicht unter“ gab.

Kiefer, der seit 2018 auch die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, bleibt ein unermüdlicher Schöpfer. Seine Werke sind materielle Manifestationen des Denkens, schwere, vielschichtige Gebilde, die den Betrachter herausfordern. Sie bieten keine einfachen Antworten, sondern stellen die großen Fragen nach Herkunft, Schuld und der Möglichkeit von Kunst nach der Katastrophe. Sein Werk ist ein permanenter Dialog mit der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen. Ein gewaltiges, andauerndes Projekt gegen das Vergessen, festgehalten in der spröden Schönheit von Blei und Asche. Informationen zu seinen Auszeichnungen wie dem Friedenspreis sind öffentlich zugänglich und dokumentieren seine Wirkung.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Anselm Kiefer geboren?

Anselm Kiefer wurde am 8. März 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in Donaueschingen im heutigen Baden-Württemberg geboren. Seine Geburt in einem Luftschutzkeller ist ein oft erwähntes Detail, das sein Leben und Werk symbolisch mit der deutschen Nachkriegsgeschichte verbindet.

Wofür ist Anselm Kiefer bekannt?

Anselm Kiefer ist bekannt für seine großformatigen Gemälde, Skulpturen und Installationen, die sich mit der deutschen Geschichte, Mythologie und dem Holocaust auseinandersetzen. Charakteristisch ist sein Einsatz von symbolträchtigen Materialien wie Blei, Asche, Stroh, Sand und getrockneten Pflanzen.

Welche sind die wichtigsten Werke von Anselm Kiefer?

Zu seinen Schlüsselwerken zählen die Performance „Besetzungen“ (1969), die Gemäldezyklen „Margarethe“ und „Sulamith“ (1981) in Anlehnung an Paul Celan sowie die Installation „Zweistromland“ (1986–1989) mit ihren berühmten Bleibüchern. Auch seine „Himmelspaläste“ sind von großer Bedeutung.

Welche Materialien verwendet Anselm Kiefer?

Kiefers Materialwahl ist zentral für sein Werk. Er nutzt Blei wegen seiner Schwere und alchemistischen Bedeutung, Asche als Symbol für Zerstörung und Vergänglichkeit, Stroh für Fruchtbarkeit und Feuer sowie Sand und Erde, um seine Bilder buchstäblich in Landschaften zu verwandeln.

Hatte Anselm Kiefer eine Familie?

Ja, Anselm Kiefer war zweimal verheiratet. Aus seiner ersten Ehe mit seiner Frau Julia stammen drei Kinder. Seine zweite Ehe schloss er mit der österreichischen Fotografin Renate Graf, mit der er zwei weitere Kinder hat. Persönliche Details hält er weitgehend aus der Öffentlichkeit fern.

Welchen Einfluss hat Anselm Kiefer auf die Kunst?

Kiefer gilt als Erneuerer der Historienmalerei. Er brach nach 1945 das Schweigen in der deutschen Kunst über die NS-Zeit und fand eine bildnerische Sprache für die Auseinandersetzung mit Trauma und Schuld. Sein Werk hat die Möglichkeiten der Malerei materiell und thematisch erweitert.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Arasse, Daniel (2001). Anselm Kiefer. Thames & Hudson.
  • Lauterwein, Andrea (2007). Anselm Kiefer / Paul Celan: Myth, Mourning and Memory. Thames & Hudson.
  • Rosenthal, Norman (2012). Anselm Kiefer. Royal Academy of Arts.
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