Peter Scholl-Latour (1924–2014) war ein deutsch-französischer Journalist, Publizist und Sachbuchautor. Als langjähriger Auslandskorrespondent für ARD und ZDF sowie als Chefredakteur des Stern berichtete er aus den Krisenherden der Welt und prägte mit seinen Analysen und Büchern das deutsche Verständnis globaler Konflikte, insbesondere im Nahen Osten und in Südostasien.
An Bord der Boeing 747 der Air France, die am 1. Februar 1979 von Paris nach Teheran flog, saß ein Mann, der Weltgeschichte nicht nur beobachtete, sondern sie begleitete. Neben Ayatollah Chomeini, dem heimkehrenden Revolutionsführer, befand sich der ZDF-Korrespondent Peter Scholl-Latour. Er hatte durch seine Kontakte zu Sadegh Tabatabai exklusiven Zugang erhalten und wurde so zum Chronisten eines Moments, der die Geopolitik des Nahen Ostens für Jahrzehnte neu definieren sollte. Diese Szene verdichtet das journalistische Credo eines Mannes, dessen Karriere von der Nähe zum Epizentrum der Macht und des Konflikts lebte. Er war kein Analytiker des Schreibtischs, sondern ein Augenzeuge an den Wendepunkten der Geschichte.
Sein Weg führte ihn aus der Gestapo-Haft in die Dschungel Indochinas, von den Unabhängigkeitskriegen Afrikas in die Schützengräben Vietnams und an die Verhandlungstische der Weltpolitik. Er erklärte den Deutschen eine fremde Welt, oft gegen den Strom der öffentlichen Meinung.
Inhalt (5)
| Jahr | Titel | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1961 | Matata am Kongo | Reportagebuch | Erstes Sachbuch, verarbeitet seine Erfahrungen als Korrespondent während der Kongo-Krise. |
| 1980 | Der Tod im Reisfeld | Sachbuch | Wurde mit über 1,3 Millionen verkauften Exemplaren das meistverkaufte deutsche Sachbuch seit 1945. |
| 1983 | Allah ist mit den Standhaften | Sachbuch | Eine einflussreiche Analyse der islamischen Revolution, basierend auf seinen Erlebnissen im Iran. |
| 1988 | Leben mit Frankreich | Autobiografie | Reflexion über seine deutsch-französische Identität und seine prägenden Jahre in Frankreich. |
| 1996 | Das Schlachtfeld der Zukunft | Sachbuch | Analyse der geopolitischen Lage in Zentralasien und dem Kaukasus nach dem Zerfall der Sowjetunion. |
| 2007 | Russland im Zangengriff | Sachbuch | Eine kritische Auseinandersetzung mit der NATO-Osterweiterung und der westlichen Russlandpolitik. |
Zwischen Gestapo-Haft und Fallschirmjägern
Geboren am 9. März 1924 in Bochum als Sohn des Arztes Otto Konrad Scholl und der aus einer jüdischen Familie stammenden Mathilde Nußbaum, galt er unter den Nürnberger Gesetzen als „Mischling ersten Grades“. Nach dem Abitur 1943 versuchte er, sich der französischen Armee anzuschließen, wurde verhaftet und kam 1945 in Gestapo-Haft.
Die Jugend von Peter Scholl-Latour war eine Gratwanderung zwischen den Welten. Aufgewachsen mit deutscher und französischer Kultur, erlebte er die Absurdität der nationalsozialistischen Ideologie am eigenen Leib. Die Eltern schickten ihn 1936 auf das Jesuitenkolleg Sankt Michael in der Schweiz, doch Devisenbeschränkungen zwangen ihn 1940 zur Rückkehr nach Deutschland. Der Versuch im Jahr 1944, nach der Befreiung Frankreichs bei Metz die Front zu überqueren, um sich den Truppen von Charles de Gaulle anzuschließen, scheiterte. Stattdessen endete seine Flucht in den Händen der Gestapo, die ihn in Graz, Wien und Prag inhaftierte. Nur eine schwere Flecktyphus-Erkrankung bewahrte ihn vor Schlimmerem.
Die Befreiung war für ihn kein Ende, sondern ein Anfang. Er tat, was wenige für möglich hielten. Er meldete sich 1945 freiwillig zum Commando Ponchardier, einer französischen Fallschirmjägereinheit. Mit dieser Einheit kämpfte er im Indochinakrieg. Diese Erfahrung im Dschungel Asiens, im Kampf gegen die Việt Minh, wurde zur Keimzelle seines Verständnisses für antikoloniale Befreiungsbewegungen und die Komplexität asiatischer Konflikte. Sie schuf das Fundament für sein späteres Werk „Der Tod im Reisfeld“.
Lehrjahre an den Bruchstellen der Welt
Nach dem Krieg studierte Scholl-Latour ab 1948 in Mainz und an der Pariser Sorbonne Philologie und Politikwissenschaft. 1954 promovierte er über den Schriftsteller Rudolf G. Binding. Ein weiteres Studium der Arabistik und Islamwissenschaft an der Université Saint-Joseph in Beirut von 1956 bis 1958 vertiefte seine Expertise für den Nahen Osten.
Die akademische Laufbahn war nur eine Facette. Bereits während des Studiums arbeitete er als Journalist, unter anderem für die Saarbrücker Zeitung. Seine Reportagen führten ihn durch Amerika, Afrika und Asien. Von 1954 bis 1955 diente er als Regierungssprecher im damals autonomen Saarland unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann, eine kurze, aber intensive Lektion in politischer Mechanik. Doch die Bürokratie war nicht seine Welt. Ab 1960 berichtete er als ständiger Afrikakorrespondent für die ARD aus Léopoldville, dem heutigen Kinshasa. Er erlebte die Wirren der Kongo-Krise hautnah und dokumentierte das Scheitern der europäischen Kolonialmächte.
Er erklärte den Deutschen eine fremde Welt, oft gegen den Strom der herrschenden Meinung und mit der Autorität des Augenzeugen.
Im Jahr 1963 wechselte er zum Fernsehen und baute das ARD-Studio in Paris auf, das er bis 1969 leitete. Diese Jahre in der französischen Hauptstadt prägten ihn tief. Er war ein überzeugter Gaullist und bewunderte die auf nationale Souveränität bedachte Außenpolitik von Charles de Gaulle. Paris wurde für ihn zum intellektuellen und politischen Zentrum, von dem aus er die globalen Machtverschiebungen beobachtete und kommentierte. Seine Berichte verbanden politische Analyse mit kulturellem Verständnis und einer präzisen, eleganten Sprache, die sein Markenzeichen wurde.
Im Zentrum der Macht und der Medien
Von 1969 bis 1971 war Peter Scholl-Latour Fernsehdirektor des WDR und anschließend Chefkorrespondent des ZDF. 1983 wurde er Chefredakteur und Mitherausgeber des Magazins Stern, verließ den Posten jedoch nach neun Monaten wieder. Seine journalistische Arbeit führte ihn wiederholt nach Vietnam, wo er 1973 von den Vietcong gefangen genommen wurde.
Die Jahre an der Spitze deutscher Medienanstalten waren von Gestaltungsanspruch und Konflikten geprägt. Als WDR-Fernsehdirektor verantwortete er die Einführung von Formaten wie dem Schulfernsehen und einem Vorläufer der „Sendung mit der Maus“. Er förderte kontroverse Fernsehfilme wie Wolfgang Menges „Das Millionenspiel“. Doch die administrative Arbeit füllte ihn nicht aus. Er kehrte als Chefkorrespondent für das ZDF an die Fronten zurück. In Vietnam geriet er 1973 mit seinem Kamerateam in die Gefangenschaft der Vietcong. Nach einer Woche kamen sie frei – eine Erfahrung, die seine kritische Sicht auf den amerikanischen Kriegseinsatz weiter schärfte.
Der Höhepunkt seiner Medienkarriere war zugleich sein größter Konflikt. 1983 holte ihn Henri Nannen zum Hamburger Magazin Stern. Er sollte nach der verheerenden Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher das publizistische Ansehen des Blattes wiederherstellen. Doch der weltgewandte Korrespondent stieß auf den erbitterten Widerstand einer politisch links orientierten Redaktion. Seine konservativen Ansichten und sein autoritärer Stil waren mit der Kultur des Hauses unvereinbar. Nach nur neun Monaten gab er auf. Diese Episode zeigte die Grenzen seiner Anpassungsfähigkeit an festgefahrene Redaktionsstrukturen. Er war ein Solitär, kein Apparatschik.
Peter Scholl-Latour: Ein streitbarer Deuter der Welt
Ab 1988 arbeitete Scholl-Latour vorwiegend als freier Publizist und Sachbuchautor. Seine über 30 Bücher erreichten eine Gesamtauflage von rund 10 Millionen Exemplaren. Bis ins hohe Alter war er ein gefragter Gast in Talkshows, dessen Analysen oft polarisierten. Posthum wurde 2015 bekannt, dass er in den 1980er-Jahren als Gelegenheitsquelle für den Bundesnachrichtendienst (BND) fungierte.
Die späten Jahre festigten seinen Ruf als Mahner und Kritiker einer als naiv empfundenen westlichen Außenpolitik. In Büchern wie „Russland im Zangengriff“ oder „Die Welt aus den Fugen“ warnte er vor einer Einkreisung Russlands durch die NATO und kritisierte die US-Interventionen im Nahen Osten, die seiner Ansicht nach den radikalen Islamismus erst gestärkt hätten. Seine Nähe zur Zeitung „Junge Freiheit“ und sein Treffen mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad 2011 brachten ihm Kritik ein. Wissenschaftler wie der Orientwissenschaftler Gernot Rotter warfen ihm eine undifferenzierte Sichtweise und mangelnde akademische Sorgfalt vor. Die Deutsche Nationalbibliothek listet sein umfangreiches publizistisches Werk.
Verteidiger sahen in ihm hingegen einen unabhängigen Geist, der sich dem „Meinungsmainstream“ verweigerte. Seine Autorität speiste sich nicht aus wissenschaftlicher Methodik, sondern aus der schieren Wucht seiner biografischen Erfahrung. Er hatte die Schauplätze, über die er schrieb, mit eigenen Augen gesehen. Er starb am 16. August 2014 in Rhöndorf. Sein Lebenswerk, für das er unter anderem mit dem Henri-Nannen-Preis geehrt wurde, bleibt ein dichtes Zeugnis der globalen Umbrüche des 20. Jahrhunderts.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Peter Scholl-Latour geboren und wann starb er?
Peter Scholl-Latour wurde am 9. März 1924 in Bochum geboren. Er verstarb nach schwerer Krankheit am 16. August 2014 im Alter von 90 Jahren in Rhöndorf, einem Stadtteil von Bad Honnef, wo er auch beigesetzt wurde.
Wofür ist Peter Scholl-Latour bekannt?
Peter Scholl-Latour ist bekannt als einer der profiliertesten deutschen Auslandskorrespondenten des 20. Jahrhunderts. Seine Reportagen aus Krisenregionen sowie seine Bestseller, insbesondere zu Themen des Nahen Ostens, Afrikas und Südostasiens, prägten das deutsche Weltbild.
Was waren seine wichtigsten Bücher?
Zu seinen bedeutendsten Werken zählt „Der Tod im Reisfeld“ (1980), das zum meistverkauften deutschen Sachbuch seit 1945 wurde. Weitere einflussreiche Bücher sind „Allah ist mit den Standhaften“ (1983) und „Mord am großen Fluß“ (1986).
In welchen Konflikten war er als Journalist tätig?
Vor seiner journalistischen Karriere kämpfte er als französischer Fallschirmjäger im Indochinakrieg. Als Korrespondent berichtete er unter anderem aus dem Vietnamkrieg, wo er 1973 kurzzeitig gefangen genommen wurde, sowie von zahlreichen Konflikten im Nahen Osten und in Afrika.
Welche politische Haltung vertrat Scholl-Latour?
Scholl-Latour war ein bekennender Gaullist, der für eine starke, unabhängige europäische Außen- und Sicherheitspolitik eintrat. Er kritisierte die US-Außenpolitik und die NATO-Osterweiterung scharf und vertrat oft Positionen, die dem westlichen Meinungs-Mainstream widersprachen.
Hatte Peter Scholl-Latour Familie?
Ja, Peter Scholl-Latour war zweimal verheiratet. Aus seiner ersten Ehe mit der Journalistin Gertrud Knies ging ein Sohn hervor. 1985 heiratete er Eva Schwinges. Er besaß sowohl die deutsche als auch die französische Staatsbürgerschaft.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Gudrun Scholl-Latour (Hrsg.): Peter Scholl-Latour: Mein Leben. C. Bertelsmann, München 2015, ISBN 978-3-570-10272-8.
- Rudolph Chimelli: Nachruf auf Peter Scholl-Latour: Der wohl letzte Augenzeuge. In: Süddeutsche Zeitung, 16. August 2014.
- Werner Schuder (Hrsg.): Kürschners Deutscher Literatur-Kalender 2014/2015. 69. Jahrgang. De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-033720-4.