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Politik · Frankreich · 1890–1970

Charles de Gaulle

Der General, der zweimal Frankreichs Schicksal in die Hand nahm und eine Republik nach seinem Bild formte

Charles de Gaulle in seiner Generalsuniform, eine Aufnahme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs um 1942 in London.
Charles de Gaulle · Wikimedia Commons · Wilfredor · CC-BY-SA

Charles de Gaulle (1890–1970) war ein französischer General und Staatsmann. Im Zweiten Weltkrieg führte er von London aus den Widerstand des Freien Frankreichs. 1958 kehrte er an die Macht zurück, beendete den Algerienkrieg und begründete als erster Präsident die Fünfte Republik mit einer bis heute gültigen Verfassung.

An jenem 18. Juni 1940, als Marschall Pétain in Frankreich die Waffenstreckung verkündete, trat ein bis dahin kaum bekannter Brigadegeneral in einem Studio der BBC in London vor ein Mikrofon. Mit ruhiger, fester Stimme sprach er Sätze, die zu einem Gründungsmythos werden sollten: dass die Niederlage nicht endgültig sei, dass die Flamme des französischen Widerstandes nicht erlöschen dürfe. Es war die Geburtsstunde des Freien Frankreichs und der Moment, in dem Charles de Gaulle die Bühne der Weltgeschichte betrat, nicht als Bittsteller, sondern als Verkörperung einer Idee von Frankreich, die sich der Realität der Besatzung verweigerte.

De Gaulles Leben ist die Chronik eines doppelten Aufstiegs: vom verkannten Militärtheoretiker zum Symbol des nationalen Widerstands und vom politischen Ruheständler zum Architekten einer neuen Republik.

Inhalt (5)
Jahre Amt Institution Bedeutung
1940–1944 Anführer des Freien Frankreichs France Libre Organisation des Widerstands im Exil
1944–1946 Präsident der Provisorischen Regierung Gouvernement Provisoire Wiederherstellung der staatlichen Ordnung
1958–1959 Ministerpräsident (Ratspräsident) Regierung der IV. Republik Ausarbeitung der neuen Verfassung
1959–1969 Präsident der Französischen Republik V. Republik Begründung des Präsidialsystems

Vom Leutnant zum Propheten der Panzer

Charles de Gaulle, geboren 1890 in Lille, absolvierte die Militärschule Saint-Cyr und diente unter Philippe Pétain. Im Ersten Weltkrieg mehrfach verwundet, geriet er 1916 in deutsche Gefangenschaft. In der Zwischenkriegszeit trat er als Autor hervor und forderte vergeblich eine moderne, mechanisierte Berufsarmee.

Aufgewachsen in einer katholisch-konservativen Intellektuellenfamilie, war de Gaulles Weg früh vorgezeichnet. Er entschied sich für eine militärische Laufbahn und trat 1909 in die renommierte Militärschule Saint-Cyr ein. Als junger Leutnant wurde er dem 33. Infanterieregiment zugeteilt, dessen Kommandeur ein gewisser Colonel Philippe Pétain war – eine schicksalhafte Begegnung, deren Beziehung von anfänglicher Förderung in tiefe Feindschaft umschlagen sollte. Der Erste Weltkrieg prägte de Gaulle tief. Er erlebte die Brutalität der Front, wurde mehrfach verwundet und geriet schließlich 1916 in der Schlacht um Verdun in deutsche Kriegsgefangenschaft. Seine mehr als zwei Jahre in verschiedenen Lagern, darunter die Festung Ingolstadt, empfand er als „jämmerliches Exil“. Fünf Fluchtversuche scheiterten, nicht zuletzt an seiner imposanten Körpergröße von 1,95 Metern.

In der Zwischenkriegszeit entwickelte de Gaulle sich zum Militärtheoretiker. Er verfasste mehrere Schriften, in denen er mit der defensiven Doktrin der französischen Armeeführung brach. Sein Hauptwerk „Vers l’Armée de Métier“ (1934) war ein Plädoyer für eine schlagkräftige, professionelle Panzerarmee, die zu schnellen, operativen Vorstößen fähig sein sollte. Seine Ideen, die den deutschen Blitzkrieg vorwegnahmen, stießen im französischen Generalstab auf Ablehnung. Männer wie Maxime Weygand und Maurice Gamelin hielten an der Maginot-Linie und der Infanterie fest. De Gaulle, nun als „Colonel Motors“ verspottet, fand kein Gehör. Die Geschichte sollte ihm auf tragische Weise recht geben.

Die Flamme des Widerstands

Nach der französischen Niederlage 1940 lehnte de Gaulle den Waffenstillstand ab und floh nach London. Mit seinem berühmten „Appell vom 18. Juni“ rief er über die BBC zur Fortsetzung des Kampfes auf. Er gründete die „Forces françaises libres“ (FFL) und wurde zur Symbolfigur der Résistance.

Charles de Gaulle
Charles de Gaulle Airport, Paris, France, fotografiert von Wilfredor. · Wikimedia Commons · CC0

Als im Mai 1940 die deutschen Panzer durch die Ardennen brachen, war de Gaulle einer der wenigen französischen Offiziere, die mit ihrer Panzerdivision erfolgreiche Gegenangriffe führten. Kurz darauf wurde er von Ministerpräsident Paul Reynaud zum Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium ernannt. Doch es war zu spät. Als die Regierung unter dem neuen Chef, Marschall Pétain, den Waffenstillstand anstrebte, entschied sich de Gaulle für den radikalen Bruch. Am 17. Juni 1940 bestieg er ein Flugzeug nach London, im Gepäck die Überzeugung, dass die Kapitulation Verrat sei.

Was auch immer geschehen mag, die Flamme des französischen Widerstandes darf nicht erlöschen und wird auch nicht erlöschen.

Sein Appell vom 18. Juni, obwohl anfangs nur von wenigen gehört, legte den Grundstein für sein politisches Wirken. Er gründete das Komitee Freies Frankreich und baute die FFL auf, die an der Seite der Alliierten kämpften. In Frankreich wurde er vom Vichy-Regime in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Sein Verhältnis zu den Alliierten, insbesondere zu Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt, war oft von Spannungen geprägt. De Gaulle bestand unnachgiebig auf der Souveränität Frankreichs und darauf, als gleichberechtigter Partner behandelt zu werden. Er arbeitete eng mit der inneren Résistance zusammen, deren Vereinigung unter seiner Führung er durch seinen Abgesandten Jean Moulin vorantrieb. Sein Ziel war es, sicherzustellen, dass Frankreich bei Kriegsende nicht als besiegtes, sondern als siegreiches Land am Verhandlungstisch sitzen würde.

Der Architekt der Fünften Republik

Nach einem Rückzug aus der Politik kehrte de Gaulle 1958 während des Algerienkriegs an die Macht zurück. Er erhielt den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung und initiierte eine weitreichende Verfassungsreform. Diese begründete die Fünfte Republik mit einem starken, direkt gewählten Präsidenten an der Spitze.

Mit Charles de Gaulle verbundenes Motiv, aufgenommen 2019
1A U. S. Marine MV-22 Osprey sits on the flight deck of the French aircraft carrier Charles de Gaulle (R91) on 24 April 2019, fotografiert von U.S. Marine Corps photo by Maj. Joshua Smith. · Wikimedia Commons · PD

Nach der Befreiung Frankreichs führte de Gaulle eine provisorische Regierung, trat aber 1946 zurück, da die Verfassung der Vierten Republik seinen Vorstellungen eines starken Staates widersprach. Es folgten zwölf Jahre des inneren Exils in seinem Landhaus in Colombey les Deux Églises. Er schrieb seine Kriegserinnerungen und beobachtete das politische Chaos der Vierten Republik, die an schwachen Regierungen und der Eskalation des Algerienkriegs zu zerbrechen drohte. Im Mai 1958, als ein Militärputsch in Algier die Republik ins Wanken brachte, rief das Land nach ihm. De Gaulle stellte Bedingungen: Er forderte weitreichende Vollmachten, um den Staat zu reformieren. Das Parlament stimmte zu.

Innerhalb weniger Monate legte sein Kabinett den Entwurf für eine neue Verfassung vor. Sie schuf ein semi-präsidentielles System, das die Exekutive massiv stärkte und dem Präsidenten eine zentrale Rolle zuwies. Das Amt des Regierungschefs sollte nicht mehr von den wechselnden Mehrheiten im Parlament abhängen. Nach der Annahme der Verfassung per Referendum wurde Charles de Gaulle im Januar 1959 zum ersten Präsidenten der Fünften Republik gewählt. Seine vordringlichste und schmerzhafteste Aufgabe war die Beendigung des Algerienkriegs, was ihm die Feindschaft vieler französischer Siedler und Teile des Militärs einbrachte, die sich verraten fühlten. Nach zähen Verhandlungen führte er Algerien 1962 in die Unabhängigkeit.

Grandeur und der leise Abgang

Als Präsident (1959–1969) verfolgte de Gaulle eine Politik der nationalen Unabhängigkeit („politique de grandeur“). Er führte Frankreich aus der militärischen Integration der NATO, entwickelte eine eigene Atomstreitmacht und überstand die Studentenproteste vom Mai 1968. 1969 trat er nach einem verlorenen Referendum zurück.

De Gaulles Präsidentschaft war von der Vision geprägt, Frankreichs Größe und Unabhängigkeit in einer von den Supermächten USA und Sowjetunion dominierten Welt wiederherzustellen. Er trieb die Entwicklung der französischen Atombombe, der „force de frappe“, voran und verkündete 1966 den Austritt Frankreichs aus den integrierten Militärstrukturen der NATO, auch wenn das Land Mitglied der Allianz blieb. Außenpolitisch suchte er die Aussöhnung mit Deutschland, die im Élysée-Vertrag von 1963 mit Konrad Adenauer besiegelt wurde, legte aber gleichzeitig ein Veto gegen den Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ein. Seine Politik war pragmatisch, oft autoritär und stets auf die Interessen Frankreichs ausgerichtet.

Die größte innenpolitische Herausforderung seiner Amtszeit waren die Studentenunruhen und Generalstreiks im Mai 1968. Die Revolte erschütterte seine Autorität und die Grundfesten der etablierten Ordnung. Obwohl er die Krise durch die Auflösung des Parlaments und ausgerufene Neuwahlen politisch überstand, schien seine Ära sich dem Ende zuzuneigen. Ein Jahr später, im April 1969, koppelte er sein politisches Schicksal an ein Referendum über eine Senats- und Regionalreform. Als die Franzosen den Vorschlag ablehnten, löste er sein Versprechen ein und trat ohne Zögern zurück. Er zog sich endgültig nach Colombey les Deux Églises zurück, wo er am 9. November 1970 starb, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Er hinterließ eine politische Ideologie, den Gaullismus, und eine Verfassung, die Frankreich bis heute Stabilität verleiht.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Charles de Gaulle geboren und wann starb er?

Charles de Gaulle wurde am 22. November 1890 in Lille, Frankreich, geboren. Er starb am 9. November 1970 in seinem Wohnort Colombey les Deux Églises im Alter von 79 Jahren an den Folgen eines Aneurysmas.

Wofür ist Charles de Gaulle bekannt?

Charles de Gaulle ist vor allem als Anführer des Freien Frankreichs im Zweiten Weltkrieg und als Gründer sowie erster Präsident der Fünften Französischen Republik bekannt. Seine Politik des „Gaullismus“ prägt Frankreichs Selbstverständnis und seine Verfassung bis heute.

Welche wichtigen politischen Ämter hatte Charles de Gaulle?

Seine wichtigsten Ämter waren Anführer des Freien Frankreichs (1940–1944), Präsident der provisorischen Regierung (1944–1946) und Präsident der Französischen Republik von 1959 bis 1969. Mit der Gründung der Fünften Republik schuf er das moderne französische Präsidialsystem.

Welchen Einfluss hat Charles de Gaulle auf die Nachwelt?

Sein größter Einfluss ist die Verfassung der Fünften Republik von 1958, die Frankreich bis heute politische Stabilität verleiht. Die von ihm geprägte politische Ideologie des Gaullismus betont nationale Unabhängigkeit, einen starken Staat und eine zentrale Rolle Frankreichs in der Welt.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Jackson, J. (2018). A Certain Idea of France: The Life of Charles de Gaulle. Allen Lane.
  • Lacouture, J. (1991). De Gaulle: The Ruler, 1945-1970. W. W. Norton & Company.
  • Roussel, E. (2002). Charles de Gaulle. Éditions Gallimard.
  • Fenby, J. (2010). The General: Charles de Gaulle and the France He Saved. Simon & Schuster.
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