Rudolf Augstein (5. November 1923 – 7. November 2002) war ein deutscher Journalist, Verleger und Publizist. Er gründete 1947 das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das er bis zu seinem Tod als Herausgeber leitete. Durch seine investigative Berichterstattung, insbesondere während der Spiegel-Affäre, etablierte er das Magazin als kritische Kontrollinstanz der Politik.
Hannover, 1946. Aus den Trümmern des Krieges wuchs eine neue Presse, kontrolliert von den Alliierten. Die britischen Presseoffiziere John Seymour Chaloner und Harry Bohrer suchten für ihre Lizenzzeitung *Diese Woche* einen jungen, unbelasteten deutschen Redakteur. Sie fanden ihn in dem 23-jährigen Rudolf Augstein, einem ehemaligen Funker und Artilleriebeobachter, der bereits ein Volontariat beim *Hannoverschen Anzeiger* absolviert hatte. Nach nur sechs Ausgaben stoppte das Foreign Office in London das kritische Blatt. Die Briten zogen sich zurück, doch Chaloner ermöglichte die Übergabe der Lizenz in deutsche Hände. Augstein ergriff die Gelegenheit. Er wurde Verleger. Er wurde Chefredakteur. Am 4. Januar 1947 erschien die erste Ausgabe seines Magazins unter einem neuen Namen: *Der Spiegel*.
Er verstand Journalismus nicht als neutrale Beobachtung, sondern als aktive Teilnahme am demokratischen Prozess. Seine Waffe war das gedruckte Wort, sein Schlachtfeld die politische Bühne der jungen Bundesrepublik.
Inhalt (5)
| Jahr | Titel | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1964 | Spiegelungen | Aufsatzsammlung | Erste Sammlung seiner Leitartikel und Kommentare, die seine publizistische Haltung definieren. |
| 1968 | Preußens Friedrich und die Deutschen | Historische Analyse | Eine kritische Auseinandersetzung mit der Figur Friedrichs des Großen und dem preußischen Erbe. |
| 1972 | Jesus Menschensohn | Sachbuch | Eine kontroverse, historisch-kritische Demontage des christlichen Jesusbildes aus atheistischer Sicht. |
| 1980 | Überlebensgroß Herr Strauß. Ein Spiegelbild | Herausgeberschaft | Dokumentation der langjährigen Auseinandersetzung zwischen dem Spiegel und Franz Josef Strauß. |
| 2003 | Schreiben, was ist. Kommentare, Gespräche, Vorträge | Gesammelte Schriften | Posthum veröffentlichte Sammlung, die sein Lebenswerk als kritischer Kommentator zusammenfasst. |
Vom Lizenzblatt zur vierten Gewalt
Die Gründung des Magazins *Diese Woche* erfolgte 1946 unter britischer Lizenz in Hannover. Nach der Übergabe in deutsche Hände erwarb Augstein die Verlegerlizenz und benannte das Blatt in *Der Spiegel* um. Die Erstausgabe erschien am 4. Januar 1947, mit ihm als Chefredakteur und Herausgeber.
Der junge Mann wuchs in einer bürgerlichen, katholischen Familie in Hannover auf. Sein Vater Friedrich war Fotokaufmann, die Familie zählte sieben Kinder. Die Eltern schickten ihn bewusst auf ein Gymnasium im Arbeiterstadtteil Linden, das als wenig nationalsozialistisch galt. Dort zählte der spätere israelische Friedensaktivist Uri Avneri zu seinen Mitschülern. Nach dem Abitur 1941 und einem Redaktionsvolontariat wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Er diente als Kanonier und Funker an der Ostfront und wurde gegen Kriegsende zum Leutnant der Reserve befördert. Diese Erfahrungen prägten sein distanziertes Verhältnis zu militärischen und staatlichen Autoritäten.
Das neue Magazin orientierte sich an Vorbildern wie dem amerikanischen *Time*-Magazin, entwickelte aber schnell einen eigenen, angriffslustigen Stil. Augsteins Maxime lautete „Sagen, was ist“. Er sah die Aufgabe des Journalisten darin, unbequeme Wahrheiten aufzudecken und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bereits 1949 stand er erstmals vor Gericht, nachdem der *Spiegel* über Fleischkonserven bei einer Hausdurchsuchung bei einem Kieler Politiker berichtet hatte. Der Herausgeber wurde freigesprochen. Es war der Auftakt zu einer langen Reihe juristischer Auseinandersetzungen, die das Magazin und seinen Leiter begleiten sollten. Die Redaktion wuchs, und er zögerte nicht, auch Personal mit einer Vergangenheit im Nationalsozialismus einzustellen, wie die ehemaligen SS-Hauptsturmführer Georg Wolff und Horst Mahnke. Die entscheidende Frage im Einstellungsgespräch mit Wolff soll gewesen sein, ob dieser Juden erschossen habe. Als Wolff dies verneinte, erhielt er die Stelle. Diese pragmatische, aber moralisch ambivalente Personalpolitik war Teil des komplexen Charakters des Publizisten.
Die Republik auf dem Prüfstand: Rudolf Augstein und die Spiegel-Affäre
Die Spiegel-Affäre begann am 26. Oktober 1962 mit der Besetzung der Redaktionsräume in Hamburg. Anlass war der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ über die Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr. Augstein wurde wegen Landesverrats verhaftet und verbrachte 103 Tage in Untersuchungshaft, bevor er im Februar 1963 entlassen wurde.

Der Konflikt schwelte seit Jahren. Der mächtige bayerische Politiker und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß war eine der zentralen Zielfiguren der *Spiegel*-Berichterstattung. Der Artikel „Bedingt abwehrbereit“ in der Ausgabe 41/1962, der auf internen Dokumenten eines NATO-Manövers basierte, stellte der Bundeswehr ein verheerendes Zeugnis aus. Für Strauß war dies die Gelegenheit zum Gegenschlag. Auf sein Betreiben hin leitete die Bundesanwaltschaft ein Verfahren wegen Landesverrats ein. In einer nächtlichen Aktion besetzte die Polizei die Redaktionsräume in Hamburg und Bonn. Der Herausgeber und sieben weitere Mitarbeiter wurden verhaftet. Der Vorwurf: Verrat militärischer Geheimnisse.
Er kann sagen, was ist.
Die Reaktion der Öffentlichkeit war vehement. Studenten gingen auf die Straße, Intellektuelle protestierten, und im Ausland wurde der Angriff auf die Pressefreiheit mit Sorge beobachtet. Die Affäre entwickelte sich zu einer fundamentalen Krise der jungen Demokratie und erschütterte die Regierung von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Strauß hatte seine Kompetenzen überschritten und die Öffentlichkeit getäuscht. Er musste am 30. November 1962 zurücktreten. Adenauer selbst musste einen verbindlichen Termin für seinen eigenen Rücktritt nennen. Die Vorwürfe gegen Augstein und die Redakteure erwiesen sich als haltlos. Die Affäre endete 1965 mit der Einstellung des Verfahrens durch den Bundesgerichtshof. Für den *Spiegel* war sie ein Triumph. Das Magazin und sein Herausgeber wurden zu Symbolfiguren einer wehrhaften Demokratie und einer unabhängigen Presse. Kurz vor seinem Tod empfing Adenauer seinen alten Widersacher noch zu einem Versöhnungsgespräch.
Zwischen Bundestagsmandat und Wiedervereinigung
Von Dezember 1972 bis Januar 1973 war Augstein Abgeordneter der FDP im Deutschen Bundestag, legte sein Mandat aber nach wenigen Wochen nieder. 1974 übertrug er 50 Prozent des Spiegel-Verlags an die Mitarbeiter und schuf so ein in Deutschland einzigartiges Modell der Unternehmensbeteiligung.
Sein politisches Engagement war kurz, aber intensiv. Er trat 1956 der FDP bei und zog über die Landesliste Nordrhein-Westfalen ins Parlament ein. Die parlamentarische Arbeit lag ihm jedoch nicht. Er war Publizist, kein Parteipolitiker. Seine Entscheidung, das Mandat niederzulegen, war konsequent. Er wollte die Politik von außen kritisieren, nicht von innen mitgestalten. Die Übertragung der Unternehmensanteile an die Belegschaft war ein weitreichender Schritt, der die redaktionelle Unabhängigkeit des *Spiegel* langfristig sichern sollte. Es machte die Journalisten zu Miteigentümern und schützte das Magazin vor externen Übernahmeversuchen. Dieser Akt festigte seinen Ruf als Verleger, dem es nicht primär um Profit, sondern um die Sache des Journalismus ging.
Eine weitere politische Zerreißprobe erlebte er im Herbst 1989. Zehn Tage vor dem Mauerfall schrieb der damalige *Spiegel*-Chefredakteur Erich Böhme einen Kommentar mit dem Satz „Ich möchte nicht wiedervereinigt werden“. Augstein, der sich stets als Patriot verstand und die Teilung als Unrecht empfunden hatte, widersprach umgehend. In der folgenden Ausgabe stellte er klar, dass er Böhmes Meinung nicht teilte, und bezeichnete sich selbst als Nationalist, der den Begriff des Patrioten von Carlo Schmid geerbt habe. Er führte Gespräche mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow über dessen Politik der Perestroika und begleitete den Prozess der deutschen Einheit mit kritischen, aber letztlich zustimmenden Kommentaren. Seine Sorge galt möglichen Reparationsforderungen, die nationalistische Ressentiments schüren könnten.
Ein streitbarer Geist bis zuletzt
Rudolf Augstein trat 1968 aus der katholischen Kirche aus und blieb ein scharfer Kritiker der Institution. Sein letzter Kommentar, „Die Präventiv-Kriegstreiber“, erschien am 26. August 2002 zur Irak-Politik von George W. Bush. Er starb am 7. November 2002 in Hamburg an den Folgen einer Lungenentzündung.
Der Austritt aus der katholischen Kirche war eine Reaktion auf die Enzyklika *Humanae Vitae*, die künstliche Verhütungsmethoden verbot. Für Augstein war dies ein unerträglicher Eingriff in die persönliche Freiheit. Er blieb zeitlebens ein überzeugter Atheist, der den gesellschaftlichen Schaden der Kirchen für größer hielt als ihren Nutzen. Seine Auseinandersetzung mit dem Glauben mündete 1972 in dem Buch *Jesus Menschensohn*, einer historisch-kritischen Abrechnung mit der Figur des Religionsstifters. Das Werk löste heftige Debatten aus. Sein Leben war von intellektueller Neugier und einer tiefen Skepsis gegenüber jeder Form von Dogma geprägt. Dies galt für die Kirche ebenso wie für den Staat.
Fünfmal war er verheiratet und hatte vier Kinder, deren Lebenswege die gesellschaftlichen Veränderungen der Bundesrepublik spiegeln. Sein Sohn Jakob Augstein, dessen leiblicher Vater der Schriftsteller Martin Walser ist, wurde ebenfalls ein bekannter Journalist und Verleger. Bis ins hohe Alter blieb der Publizist der kompromisslose Kommentator des Zeitgeschehens. Sein Tod zwei Tage nach seinem 79. Geburtstag markierte das Ende einer Ära im deutschen Journalismus. Die Beisetzung auf der Insel Sylt und die Trauerfeier in der Hamburger Hauptkirche Sankt Michaelis führten zu Kritik von Freidenkern, die eine posthume Vereinnahmung durch die Kirche beklagten. Es war eine letzte Kontroverse, die zum Leben dieses streitbaren Publizisten passte, dessen Lebenswerk im Deutschen Historischen Museum gewürdigt wird.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Rudolf Augstein geboren und wann starb er?
Der Publizist wurde am 5. November 1923 in Hannover geboren. Er starb am 7. November 2002, zwei Tage nach seinem 79. Geburtstag, in Hamburg. Als Todesursache wurde eine Lungenentzündung angegeben. Seine Beisetzung fand auf der Insel Sylt statt.
Wofür ist Rudolf Augstein bekannt?
Rudolf Augstein ist vor allem als Gründer, Herausgeber und langjähriger Chefredakteur des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel bekannt. Er gilt als einer der einflussreichsten Journalisten der Nachkriegszeit und prägte mit seinem investigativen Journalismus die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich.
Was war die Spiegel-Affäre?
Die Spiegel-Affäre war eine politische Krise im Jahr 1962. Nach einem kritischen Artikel über die Bundeswehr wurden der Herausgeber Augstein und andere Redakteure auf Betreiben von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß wegen Landesverrats verhaftet. Die Aktion löste öffentliche Proteste aus und endete mit einer Stärkung der Pressefreiheit.
Hatte Rudolf Augstein Kinder?
Ja, der Verleger war fünfmal verheiratet und hatte vier Kinder. Seine Tochter Maria Sabine, die als eine der ersten Personen in Deutschland öffentlich zu ihrer Transidentität stand, sein Sohn Jakob, der ebenfalls Verleger ist, die Journalistin Franziska und der Maler Julian Robert.
Was bedeutet das Zitat „Sagen, was ist“?
Das Zitat „Sagen, was ist“ ist Augsteins bekannteste Maxime und beschreibt seine Auffassung von der Kernaufgabe des Journalismus. Er meinte damit, dass Journalisten die Pflicht haben, unbequeme Wahrheiten aufzudecken und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um so die Wirklichkeit zu verändern.
War der Spiegel-Gründer in der Politik aktiv?
Ja, für eine sehr kurze Zeit. Er war Mitglied der FDP und wurde bei der Bundestagswahl 1972 ins Parlament gewählt. Er legte sein Mandat jedoch nach nur wenigen Wochen im Januar 1973 wieder nieder, um sich wieder ganz auf seine Arbeit als Publizist zu konzentrieren.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Merseburger, P. (2007). Rudolf Augstein: Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt.
- Köhler, O. (2002). Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland. Droemer.
- Brawand, L. (1995). Rudolf Augstein. ECON.