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Medien & Öffentlichkeit · Deutschland · 1913–1996

Henri Nannen: Der ambivalente Gründer des Stern

Ein Publizist zwischen Propaganda und Pressefreiheit, der Deutschland mit dem Stern ein neues Magazin gab und seine Widersprüche bis zuletzt lebte

Henri Nannen, Fotografie aus dem Jahr 1987
Henri Nannen: Der ambivalente Gründer des Stern · Wikimedia Commons · Marlis Decker · CC-BY

Henri Nannen (25. Dezember 1913 – 13. Oktober 1996) war ein deutscher Verleger, Publizist und Kunstsammler. Er gründete 1948 das Magazin Stern und formte es als langjähriger Chefredakteur zu einer der auflagenstärksten Illustrierten Europas. Seine Rolle während des Nationalsozialismus und die Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher prägten seine komplexe Biografie.

Der Mann, der die Bundesrepublik lehrte, in großen Bildern zu denken, kam aus der ostfriesischen Provinz. Geboren in Emden, dem Sohn eines Polizeibeamten, schien der Weg in die Welt der Lettern und Schlagzeilen nicht vorgezeichnet. Doch Nannen besaß einen Instinkt für Geschichten und eine Ambivalenz, die sein Leben und sein Werk durchziehen sollte. Er studierte Kunstgeschichte in München, fand früh den Weg zum Journalismus und erregte die Aufmerksamkeit von Leni Riefenstahl, die ihm eine Filmkarriere nahelegte. Er lehnte ab. Doch die Nähe zur Macht und ihrer Inszenierung blieb ein wiederkehrendes Motiv. Diese frühen Jahre, geprägt von Anpassung und Opportunismus im NS-Regime, legten einen Schatten, den er zeitlebens nicht vollständig abschütteln konnte und der im scharfen Kontrast zu dem liberalen, aufklärerischen Impetus stand, den er später für sein Lebenswerk, den Stern, reklamierte.

Er schuf ein Magazin, das zum visuellen Gedächtnis einer ganzen Generation wurde, und stolperte über die größte Fälschung der deutschen Pressegeschichte. Henri Nannen war eine Gestalt voller Widersprüche: ein Ästhet mit einem Gespür für das Populäre, ein ehemaliger Propagandist, der die Demokratie verteidigte.

Inhalt (5)
Jahre Position Institution / Medium Bedeutung
1934–1938 Studium / Freier Mitarbeiter Universität München / Die Kunst für alle Studium der Kunstgeschichte; erste journalistische Tätigkeit.
1939–1945 Kriegsberichterstatter Propagandakompanie / SS-Standarte Kurt Eggers Tätigkeit in der NS-Propaganda, u. a. in Italien.
1946–1947 Herausgeber Hannoversche Neueste Nachrichten Erste Zeitungsgründung in der Nachkriegszeit.
1947–1949 Chefredakteur Hannoversche Abendpost Weitere Station im Aufbau des Pressewesens.
1949–1980 Chefredakteur Stern Aufbau und Leitung des Magazins zum Massenmedium.
1980–1983 Herausgeber Stern Rückzug aus der Chefredaktion, Höhepunkt und Ende seiner Ära.
1983–1996 Stifter / Mäzen Kunsthalle Emden Gründung der Stiftung und Eröffnung 1986.

Ein Reporter für das Reich

Der junge Henri Nannen studierte ab 1934 Kunstgeschichte in München. Parallel sammelte er als freier Mitarbeiter für die Zeitschrift „Die Kunst für alle“ und als Reporter für den Reichssender München erste Berufserfahrungen. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Luftwaffe.

Die 1930er Jahre in München formten den jungen Mann aus Emden. Das Studium der Kunstgeschichte bei Koryphäen seines Fachs schärfte seinen Blick für das Visuelle, eine Fähigkeit, die später das Fundament des Stern bilden sollte. Sein Talent blieb nicht unbemerkt. Der Verleger Hugo Bruckmann, eine einflussreiche Figur im nationalsozialistischen Kulturbetrieb, förderte ihn. Eine zufällige Begegnung führte zu einem Kontakt mit der Filmemacherin Leni Riefenstahl. Sie sah in ihm einen potenziellen Schauspieler und arrangierte Probeaufnahmen in Berlin. Nannen entschied sich gegen die Leinwand, doch die Episode mündete in einen kurzen, acht Sekunden langen Auftritt in Riefenstahls Olympia-Film von 1936. Es war eine inszenierte Szene, gedreht in einem Studio, die ihm später den Vorwurf der Nähe zum Regime einbrachte.

Seine journalistische Tätigkeit intensivierte sich. Er arbeitete für den Reichssender München. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sich sein Aufgabenfeld dramatisch. Er wurde Kriegsberichterstatter. Sein Einsatz führte ihn in eine Propagandakompanie der Luftwaffe und später zur SS-Standarte Kurt Eggers, einer Einheit, die auf psychologische Kriegsführung spezialisiert war. In Italien war seine Abteilung „Südstern“ für die Erstellung von Flugblättern zuständig, die den Vormarsch der Alliierten demoralisieren sollten. Die genaue Natur seiner Verantwortung für antisemitische Inhalte ist Gegenstand von Auseinandersetzungen, doch seine Rolle als Teil des NS-Propagandaapparats ist unstrittig. Diese Jahre sind der dunkelste Teil seiner Biografie, ein Ursprung, von dem er sich nach 1945 distanzierte, der ihn aber immer wieder einholte.

Die Geburt des Stern

Nach Kriegsende gründete der Publizist 1946 die „Hannoversche Neueste Nachrichten“. 1948 erhielt er von der britischen Militärregierung die Lizenz für eine Jugendzeitschrift namens „Zick-Zack“. Er formte sie zur Illustrierten Stern um und wurde von 1949 bis 1980 deren Chefredakteur.

Henri Nannen
Freiburg im Breisgau: Henri Nannen bei der Verleihung des Gödecke-Parke-Davis-Preises, fotografiert von Marlis Decker. · Wikimedia Commons · CC-BY

Das Jahr 1945 war eine Zäsur. Aus dem Kriegsberichterstatter wurde ein Zeitungsgründer im zerstörten Deutschland. In Hannover bewies er unternehmerisches Geschick und journalistischen Spürsinn. Er gründete Zeitungen, versuchte sich sogar kurzzeitig in der Politik und trat 1947 für die FDP bei der Landtagswahl in Niedersachsen an, allerdings ohne Erfolg. Der entscheidende Moment kam 1948. Die Briten erteilten ihm die Lizenz für ein Jugendmagazin. Er erkannte das Potenzial sofort. Er wandelte das Blatt radikal um. Weg von der reinen Jugendunterhaltung, hin zu einer modernen Illustrierten mit großformatigen Fotos, packenden Reportagen und einer klaren Haltung. Der Stern war geboren.

Er wollte ein Magazin, das hinsah, wo andere wegschauten – auch wenn der Blick manchmal getrübt war.

Die ersten Jahre waren von Aufbauarbeit geprägt. Nannen war nicht nur Chefredakteur, sondern auch Gestalter, Ideengeber und die Seele der Redaktion. Er verstand es, die besten Fotografen und Schreiber seiner Zeit zu versammeln. 1951 verkaufte er seine Anteile an den Verleger Gerd Bucerius (Die Zeit) und den Drucker Richard Gruner, was die wirtschaftliche Basis für die Expansion sicherte. Unter seiner Führung wuchs der Stern zu einem Magazin mit Millionenauflage. Er mischte Politik mit Gesellschaftsthemen, Kultur mit Alltäglichem und schuf eine publizistische Formel, die den Nerv der jungen Bundesrepublik traf. Der Stern wurde zu einem Leitmedium, das Debatten anstieß und die öffentliche Meinung formte.

Henri Nannen und die Jahre der Kontroverse

Als Chefredakteur löste der Stern unter Nannen zahlreiche öffentliche Debatten aus. Berühmt wurde 1962 der „Madonnenraub von Volkach“, bei dem der Stern ein Lösegeld für eine gestohlene Riemenschneider-Figur aussetzte. 1970 führte er ein vielbeachtetes Fernsehduell mit dem ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal.

Henri Nannen
Freiburg im Breisgau: Henri Nannen bei der Verleihung des Gödecke-Parke-Davis-Preises, fotografiert von Marlis Decker. · Wikimedia Commons · CC-BY

Nannens Stil war provokant und beteiligungsorientiert. Er sah das Magazin nicht nur als Chronisten, sondern als Akteur im gesellschaftlichen Geschehen. Ein Paradebeispiel war der Diebstahl der berühmten Madonna im Rosenkranz von Tilman Riemenschneider aus einer Kirche im bayerischen Volkach im Jahr 1962. Als die polizeiliche Suche erfolglos blieb, setzte der Stern öffentlich eine Belohnung von 100.000 D-Mark für die Rückgabe des Kunstwerks aus. Die Aktion löste einen Sturm der Entrüstung im Feuilleton aus. Man warf dem Chefredakteur Hehlerei und die Anstiftung zu Straftaten vor. Doch der Erfolg gab ihm recht: Die Madonna wurde zurückgegeben, und der Stern hatte eine seiner größten Geschichten. Der Publizist Axel Springer, einer seiner größten Konkurrenten, beobachtete solche Aktionen mit einer Mischung aus Argwohn und Neid.

Die Konfrontation scheute er nicht. Im Dezember 1970 lieferte er sich ein legendäres Fernsehduell mit dem konservativen ZDF-Journalisten Gerhard Löwenthal. Im Zentrum stand die Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt, die Nannen und der Stern unterstützten. Löwenthal griff den Verleger im Laufe der Debatte persönlich an und beschuldigte ihn, in Kriegsverbrechen in Italien verwickelt zu sein. Nannen wehrte sich juristisch. Reporter des Stern recherchierten die Vorwürfe und konnten sie entkräften. Löwenthal und das ZDF mussten die Behauptungen öffentlich zurücknehmen. Der Vorfall zeigte, wie sehr Nannens Vergangenheit auch Jahrzehnte später noch als Waffe gegen ihn eingesetzt wurde und wie tief die politischen Gräben in der Bundesrepublik waren.

Der Fall Hitler-Tagebücher und das Erbe in Emden

1983 veröffentlichte der Stern die vermeintlichen Tagebücher von Adolf Hitler, die sich als Fälschung von Konrad Kujau herausstellten. Der damalige Herausgeber Henri Nannen übernahm die moralische Verantwortung für den Presseskandal und zog sich zurück. Im selben Jahr schenkte er seine Kunstsammlung seiner Heimatstadt Emden.

Der größte Triumph sollte zur tiefsten Demütigung werden. Im April 1983 präsentierte der Stern eine Weltsensation: die geheimen Tagebücher von Adolf Hitler. Nannen, der die Chefredaktion bereits 1980 abgegeben hatte, aber noch als Herausgeber fungierte, glaubte an die Echtheit der Dokumente. Die Redaktion hatte Millionen für die Kladden bezahlt, die der Reporter Gerd Heidemann von dem Fälscher Konrad Kujau erworben hatte. Doch die Sensation währte nur kurz. Experten des Bundesarchivs entlarvten die Tagebücher schnell als plumpe Fälschung. Der Skandal war perfekt und ein Desaster für die Glaubwürdigkeit des Magazins.

Der Herausgeber zögerte nicht. Obwohl er nicht mehr direkt in die Prüfung der Dokumente involviert war, trat er vor die Presse und übernahm die volle Verantwortung. Er sprach von einer Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht und entschuldigte sich öffentlich. Dieser Schritt markierte das Ende seiner aktiven Karriere im Journalismus. Er zog sich endgültig aus dem Verlag Gruner + Jahr zurück. Für ihn begann ein neues Kapitel. Gemeinsam mit seiner Frau Martha schenkte er seiner Heimatstadt Emden seine über Jahrzehnte zusammengetragene, bedeutende Kunstsammlung, die vor allem Werke des deutschen Expressionismus umfasste. Für diese Sammlung wurde ein eigenes Museum gebaut, die 1986 eröffnete Kunsthalle Emden. Bis zu seinem Tod am 13. Oktober 1996 in Hannover widmete er sich diesem kulturellen Erbe, das nach seinem Tod von seiner dritten Frau Eske Nannen weitergeführt wurde. Der einstige Propagandist und umstrittene Blattmacher fand seine letzte, unumstrittene Rolle als großzügiger Mäzen.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Henri Nannen geboren und wann starb er?

Henri Nannen wurde am 25. Dezember 1913 in Emden, Ostfriesland, geboren. Er starb am 13. Oktober 1996 im Alter von 82 Jahren in Hannover. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Neuen Friedhof Bemerode in Hannover.

Wofür ist Henri Nannen bekannt?

Henri Nannen ist vor allem als Gründer, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber des deutschen Magazins Stern bekannt. Er formte die Illustrierte von 1949 bis 1983 zu einem meinungsbildenden Medium, das die Bundesrepublik publizistisch begleitete.

Was war der Skandal um die Hitler-Tagebücher?

1983 veröffentlichte der Stern die angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers, für die der Verlag Millionen bezahlt hatte. Kurz nach der Veröffentlichung stellten sie sich als Fälschung von Konrad Kujau heraus. Der Skandal gilt als eine der größten Täuschungen der deutschen Pressegeschichte.

Welche Rolle spielte Nannen im Zweiten Weltkrieg?

Während des Zweiten Weltkriegs war er als Kriegsberichterstatter in einer Propagandakompanie der Luftwaffe und später in der SS-Standarte Kurt Eggers tätig. Seine Einheit produzierte unter anderem Propagandamaterial in Italien, was seine Biografie nachhaltig belastete.

Was ist die Kunsthalle Emden?

Die Kunsthalle in Emden ist ein Kunstmuseum, das auf einer Stiftung von Henri Nannen und seiner Frau Martha basiert. Er schenkte 1983 seine private Kunstsammlung, hauptsächlich Werke des deutschen Expressionismus, seiner Heimatstadt. Das Museum wurde 1986 eröffnet.

War Henri Nannen verheiratet?

Ja, der Publizist war dreimal verheiratet. Nach einer ersten Ehe mit Monika Nannen war er lange mit Martha Nannen verheiratet, mit der er die Kunststiftung gründete. Nach ihrem Tod heiratete er 1990 Eske Nannen, die die Leitung der Kunsthalle Emden übernahm.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Schreiber, H. (1999). Henri Nannen. Drei Leben. Bertelsmann.
  • Nannen, S. (2013). Henri Nannen – Ein Stern und sein Kosmos. C. Bertelsmann.
  • Minkmar, N. (2002). Die doppelte Wundertüte. Wie Henri Nannen den „Stern“ erfand. In: Hachmeister, L. & Siering, F. (Hrsg.), Die Herren Journalisten. Beck.
  • Literatur von und über Henri Nannen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (dnb.de).
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