William Turner (23. April 1775 – 19. Dezember 1851) war ein englischer Maler, Aquarellist und Zeichner der Romantik. Er gilt als einer der bedeutendsten Landschaftsmaler, dessen innovative Auseinandersetzung mit Licht, Farbe und Atmosphäre die Malerei nachhaltig prägte und den Weg für den Impressionismus ebnete.
Im Londoner Stadtteil Covent Garden, in der Maiden Lane, hing der Geruch von Puder und Seife in der Luft. Hier betrieb der Vater einen Barbierladen. Und hier stellte er die ersten Zeichnungen seines Sohnes aus, zwischen Perücken und Rasiermessern. Kunden sahen die frühen Werke, noch bevor eine Galerie sie zeigte. Der junge Joseph Mallord William Turner, dessen Mutter früh an einer psychischen Krankheit litt und in einer Anstalt verschwand, fand im Zeichnen eine eigene Sprache. Der Vater erkannte das Talent. Er förderte es. Diese frühen Blätter, Kopien von Kupferstichen und erste Skizzen nach der Natur, waren der Beginn eines Weges, der die englische Malerei für immer verändern sollte, sie aus den Salons hinaus in die Gewalt des Wetters, des Lichts und des Meeres führen würde.
Seine Bilder sind keine Abbildungen von Landschaften. Sie sind die Landschaft selbst, übersetzt in die reine Empfindung von Farbe und Licht. Er malte Stürme, Nebel und das gleißende Gegenlicht der Sonne mit einer Radikalität, die seine Zeitgenossen oft verstörte und die Kunst des nächsten Jahrhunderts vorwegnahm.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1796 | Fischer auf See | Ölgemälde | Erstes in der Royal Academy ausgestelltes Ölbild; zeigt bereits sein Interesse an Natureffekten. |
| 1815 | Dido erbaut Karthago | Historienmalerei | Ein Hauptwerk, das seinen Dialog mit dem französischen Meister Claude Lorrain demonstriert. |
| 1839 | The Fighting Temeraire | Ölgemälde | Ikone der britischen Kunst; symbolisiert den Übergang vom Segel- zum Dampfzeitalter. |
| 1840 | Das Sklavenschiff | Ölgemälde | Ein politisch aufgeladenes Werk, das die Grausamkeit des Sklavenhandels darstellt. |
| 1843 | Licht und Farbe (Goethes Theorie) | Ölgemälde | Direkte Auseinandersetzung mit der Farbenlehre, die Form löst sich fast vollständig in Licht auf. |
| 1844 | Regen, Dampf und Geschwindigkeit | Ölgemälde | Eine der radikalsten Darstellungen der industriellen Revolution und der Dynamik der modernen Welt. |
Der Barbier-Sohn aus Covent Garden
Geboren am 23. April 1775 in London, wuchs Joseph Mallord William Turner als Sohn eines Barbiers und einer Schlachtertochter auf. Nach der psychischen Erkrankung seiner Mutter wurde er 1789 Stipendiat an der Royal Academy of Arts, wo er eine klassische Ausbildung erhielt.
Die Kindheit war geprägt von Abwesenheit. Die Mutter, Mary Marshall, litt zunehmend unter psychischen Störungen, wurde 1799 in das Bethlem Royal Hospital eingewiesen und starb dort 1804. Der junge Turner verbrachte viel Zeit bei Verwandten auf dem Land. Dort, fernab des lauten London, begann seine künstlerische Praxis. Er kolorierte Kupferstiche. Er füllte Skizzenbücher. Seine Beobachtungsgabe war präzise. Der Vater, William Turner senior, wurde zum ersten Agenten und Händler. Seine ausgestellten Zeichnungen zogen die Aufmerksamkeit von Förderern an, die dem Vierzehnjährigen den Weg an die ehrwürdige Royal Academy ebneten.
An der Akademie lernte er das Handwerk von Grund auf. Zugleich verdiente er mit seinem Freund Thomas Girtin Geld, indem sie Architekturzeichnungen vollendeten. Gemeinsam waren sie Teil des „Monro Circle“, einer privaten Fördergruppe um den Arzt Dr. Thomas Monro, wo sie einen eigenen Stil im Umgang mit dem Aquarell entwickelten. Diese Technik, die Leichtigkeit und Transparenz der Wasserfarben, wurde zur Grundlage seines späteren Umgangs mit Öl. Er lernte, Licht nicht als Beleuchtung von Objekten zu denken, sondern als eine eigenständige, formgebende Kraft. Seine Reisen nach Wales 1792 und in den Lake District 1797 lieferten ihm die Motive für topographische Aquarelle, die ihm erste Anerkennung brachten.
Akademie, Reisen und das eigene Licht
1799 wurde Turner außerordentliches Mitglied der Royal Academy, 1802 folgte die Vollmitgliedschaft. Seine erste Reise auf den Kontinent 1802 führte ihn in den Louvre in Paris. Die erste von vier Italienreisen unternahm er 1819. Diese Erfahrungen radikalisierten seinen Umgang mit Farbe.
Der Erfolg kam schnell. Bereits 1796 stellte er sein erstes Ölgemälde, „Fischer auf See“, in der Sommerausstellung der Akademie aus. Mit 24 Jahren war er finanziell unabhängig und zog aus dem Elternhaus aus. Er war nun ein gemachter Mann. Ein Besuch bei seinem Förderer William Beckford lenkte seinen Blick auf die großen Meister der Landschaftsmalerei, insbesondere auf Claude Lorrain, dessen lichtdurchflutete Kompositionen für ihn zeitlebens ein Maßstab blieben. Der Frieden von Amiens 1802 öffnete ein kurzes Fenster für Reisen nach Europa. Turner nutzte es und fuhr nach Paris, um im Louvre die von Napoleon zusammengetragene Kunst zu studieren, darunter Tizians pastosen Farbauftrag, der ihn tief beeindruckte.
Die Grenzen zwischen Wasser, Himmel und Licht verschwimmen, bis nur noch die reine Atmosphäre spricht.
Die entscheidende Wende brachte die erste Italienreise 1819. Das Licht des Südens war eine Offenbarung. Es bestätigte seine künstlerischen Hypothesen über die Dominanz der Farbe und der Atmosphäre über die zeichnerische Linie. Innerhalb von vier Monaten fertigte er über 2.000 Bleistiftskizzen an. Zurück in England, begann er, diese Eindrücke in Öl umzusetzen. Seine Palette hellte sich auf, die Farben begannen zu leuchten. Er unterschied fortan klar zwischen Auftragsarbeiten, die dem Geschmack seiner Sammler entsprachen, und seinen experimentellen Werken. In diesen freien Arbeiten entfaltete sich jene visionäre Kraft, die ihn auszeichnet. Er malte nicht mehr, was er sah, sondern wie er es empfand.
Liber Studiorum und die Macht der Elemente
Mit dem „Liber Studiorum“ (1807–1819), einer Sammlung von 71 Druckgrafiken, schuf Turner sein eigenes Lehrbuch der Landschaftskunst. Er ahmte damit Claude Lorrains „Liber Veritatis“ nach und gliederte die Landschaft in historische, pastorale und maritime Kategorien.
Dieses Werk war mehr als eine Sammlung von Ansichten. Es war ein künstlerisches Programm. Turner lieferte nicht nur die Vorlagen in Sepia, sondern radierte auch große Teile der Druckplatten selbst und überwachte die Ausführung in der Schabkunsttechnik Mezzotinto. Obwohl der kommerzielle Erfolg ausblieb, etablierte der „Liber Studiorum“ seine Vorstellung von der Landschaftsmalerei als einer der Historienmalerei ebenbürtigen Gattung. Seine Reisen durch Großbritannien und Europa lieferten einen unerschöpflichen Motivfundus, den er in unzähligen Skizzenbüchern festhielt, die in der Sammlung der Tate Britain aufbewahrt werden.
Sein Interesse verlagerte sich zunehmend von der topographisch genauen Ansicht zur Darstellung elementarer Naturkräfte. Stürme, Brände, Lawinen und die aufgewühlte See wurden zu seinen Hauptthemen. Der Ausbruch des Vulkans Tambora 1815, der weltweit für spektakuläre Sonnenuntergänge sorgte, mag seine ohnehin schon leuchtende Palette zusätzlich beeinflusst haben. In Werken wie dem „Brand des Parlamentsgebäudes“ (1834) verbindet sich die reportagehafte Darstellung eines aktuellen Ereignisses mit einer symbolischen Dimension: die Vergänglichkeit menschlicher Ordnung angesichts der überwältigenden Kraft der Natur. Die menschliche Figur wird zur Staffage, klein und verloren in der Gewalt der Elemente.
Das späte Werk von William Turner in Chelsea
Seine späten Jahre verbrachte William Turner zurückgezogen in Chelsea, wo er mit seiner Lebensgefährtin Sophia Caroline Booth lebte. Sein Stil wurde zunehmend radikaler, was ihm die Kritik vieler Zeitgenossen, aber auch die leidenschaftliche Verteidigung durch den jungen Kritiker John Ruskin einbrachte.
Die Gemälde der letzten 15 Lebensjahre sind es, die seinen Ruhm als Vorläufer der Moderne begründen. Die Gegenstände lösen sich in wirbelnden Farb- und Lichtmassen auf. Konturen verschwimmen, die materielle Welt entgleitet. In „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“ (1844) ist die Lokomotive der Great Western Railway kaum mehr als ein dunkler Schemen, der in einen Strudel aus Wetter und Licht hineinrast. Es ging ihm nicht um Abstraktion als formalistisches Experiment. Seine Malerei war stets Ausdruck einer sinnlichen Erfahrung, einer tiefen Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung. Seine Arbeitsweise war unkonventionell; oft trug er die Farbe mit Spachteln und Fingern auf, wischte und kratzte, um die gewünschten Effekte zu erzielen.
Trotz seines Ruhms und seines Vermögens blieb er ein verschlossener, exzentrischer Charakter, der sein Privatleben abschirmte und sein Äußeres vernachlässigte. Nach dem Tod seines Vaters 1829, der seinen Haushalt geführt hatte, wurde er noch eigenbrötlerischer. Er starb am 19. Dezember 1851 in seinem Haus in Chelsea. Seinem Wunsch entsprechend wurde er in der Krypta der St Paul’s Cathedral beigesetzt, neben Sir Joshua Reynolds, dem ersten Präsidenten der Royal Academy. Sein umfangreicher Nachlass von über 20.000 Werken ging, nach einem langen Rechtsstreit, an die britische Nation über und wird heute größtenteils in der National Gallery und der Tate Britain gezeigt. Seine Wirkung auf Maler wie Claude Monet ist unbestritten.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde William Turner geboren und wann starb er?
William Turner wurde am 23. April 1775 in Covent Garden, London, geboren. Er starb am 19. Dezember 1851 im Alter von 76 Jahren in seinem Haus in Cheyne Walk, Chelsea, ebenfalls in London, und wurde in der St Paul’s Cathedral beigesetzt.
Wofür ist William Turner bekannt?
William Turner ist bekannt als der führende englische Maler der Romantik, der die Landschaftsmalerei revolutionierte. Seine Werke zeichnen sich durch eine meisterhafte Darstellung von Licht, Farbe und Atmosphäre aus, mit der er die Auflösung des Gegenständlichen vorwegnahm.
Was sind die berühmtesten Werke von William Turner?
Zu seinen berühmtesten Werken zählen „The Fighting Temeraire“ (1839), das den Wandel der Technik symbolisiert, „Das Sklavenschiff“ (1840), eine dramatische Anklage gegen die Sklaverei, und „Regen, Dampf und Geschwindigkeit“ (1844), eine Darstellung der industriellen Revolution.
Hatte William Turner eine Familie?
William Turner blieb zeitlebens unverheiratet und hatte keine anerkannten Kinder. In seinen späteren Jahren unterhielt er eine enge Beziehung zu seiner Haushälterin und Lebensgefährtin, der Witwe Sophia Caroline Booth, in deren Haus er viel Zeit verbrachte.
Welchen Einfluss hatte Turner auf die Kunstgeschichte?
Turners Einfluss ist tiefgreifend. Mit seiner Betonung von Licht und Farbe über die Form und seiner expressiven Malweise beeinflusste er die französischen Impressionisten, insbesondere Claude Monet. Sein Spätwerk wird oft als Vorwegnahme der abstrakten Malerei des 20. Jahrhunderts gesehen.
Wo sind Turners Werke heute ausgestellt?
Der Großteil seines Nachlasses, der „Turner Bequest“, befindet sich in der Tate Britain in London. Wichtige Werke sind zudem in der National Gallery in London sowie in vielen anderen großen Museen weltweit zu finden, etwa im Metropolitan Museum of Art.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Gage, J. (1999). J.M.W. Turner: A Wonderful Range of Mind. Yale University Press.
- Wilton, A. (2006). Turner in his Time. Thames & Hudson.
- Shanes, E. (2016). Young Mr. Turner: The First Forty Years, 1775-1815. Yale University Press.