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Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Kunst · Deutschland, Schweiz · 1879–1940

Paul Klee: Ein Leben zwischen Farbe, Linie und Musik

Wo die Linie zum Notenschlüssel wird und die Farbe zur Melodie: Das Leben eines Künstlers zwischen Bern, Weimar und dem Exil in der Schweiz

Paul Klee, Fotografie aus dem Jahr 1911
Paul Klee: Ein Leben zwischen Farbe, Linie und Musik · Wikimedia Commons · Alexander Eliasberg · PD

Paul Klee (18. Dezember 1879 – 29. Juni 1940) war ein deutsch-schweizerischer Maler, Grafiker und Kunsttheoretiker. Sein vielseitiges Werk wird dem Expressionismus, Kubismus und Surrealismus zugeordnet. Als prägender Lehrer am Bauhaus beeinflusste er mit seinen Schriften zur Komposition und Farbe die Entwicklung der abstrakten Kunst.

Er war ein Meistergeiger, bevor er zum Pinsel griff. In den Schulheften des jungen Paul Klee, geboren in einem musikgetränkten Elternhaus nahe Bern, wucherten bereits Karikaturen neben den Notenlinien. Die Eltern sahen in ihm einen Musiker, eine sichere bürgerliche Existenz. Doch der junge Mann spürte eine andere Berufung. Er lehnte sich auf. Nicht gegen die Musik, sondern für eine Kunst, deren Gipfel er noch nicht erreicht sah. Er entschied sich für das Visuelle, für die Linie, die er wie eine Melodie führen lernte, und für die Farbe, die er erst finden musste. Diese Entscheidung führte ihn von der behüteten Schweiz in das brodelnde München der Jahrhundertwende, ein Weg der Emanzipation, der ihn zu einem der subtilsten Denker der modernen Malerei machen sollte.

Sein Leben war eine methodische Erkundung der sichtbaren Welt, um das Unsichtbare dahinter freizulegen. Er war zugleich Forscher und Poet, Lehrer und Schüler der Natur, dessen Werk von einer stillen Revolution zeugt: der Verwandlung von Musik in Malerei.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1914 Ansicht von Kairouan Aquarell Entstanden auf der Tunisreise; markiert seinen Durchbruch zur Farbe.
1920 Schöpferische Konfession Kunsttheoretische Schrift Formuliert sein Credo: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“
1922 Zwitscher-Maschine Federzeichnung Eine seiner bekanntesten Arbeiten; verbindet Natur und Mechanik auf ironische Weise.
1925 Pädagogisches Skizzenbuch Lehrbuch Zusammenfassung seiner Lehre am Bauhaus; einflussreich für Generationen von Künstlern.
1932 Ad Parnassum Gemälde Hauptwerk seiner pointillistischen Phase; komplexe Komposition aus tausenden Farbpunkten.
1938 Insula dulcamara Gemälde Eines der größten Werke des Spätwerks, das Flucht und Bedrohung thematisiert.
1940 Tod und Feuer Gemälde Reflektiert seine Auseinandersetzung mit der fortschreitenden Krankheit und dem nahenden Tod.

Der Klang der Linie in München

Paul Klee begann 1898 sein Kunststudium in München, zunächst an einer privaten Malschule, ab 1900 in der Klasse von Franz von Stuck an der Akademie der Bildenden Künste. Eine prägende Italienreise folgte 1901–1902. 1906 heiratete er die Pianistin Lily Stumpf und ließ sich dauerhaft in München nieder.

München war um 1900 ein Zentrum der Kunst. Doch Klee fand nur schwer Anschluss. Den Unterricht bei Franz von Stuck an der Akademie empfand er als starr und uninspiriert. Er verließ die Klasse bald wieder. Prägender wurde eine Reise nach Italien mit dem Bildhauer Hermann Haller. Nicht die Meisterwerke der Renaissance fesselten ihn, sondern die Architektur in Florenz und die fantastischen Formen der Meeresfauna im Aquarium von Neapel. Zurück in Bern, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Geiger in der Bernischen Musikgesellschaft. Die Kunst blieb ein nächtliches Geschäft. In diesen Jahren konzentrierte er sich auf die Grafik. Er schuf Radierungen, die von einer sarkastischen, skurrilen Weltsicht zeugen und von Künstlern wie Francisco de Goya und James Ensor beeinflusst sind. Es war eine lange Suche. Eine Suche nach dem eigenen Ausdruck.

Die Heirat mit Lily Stumpf 1906 brachte eine neue Struktur in sein Leben. Das Paar zog nach Schwabing. In einer für die Zeit unkonventionellen Rollenverteilung übernahm Lily mit Klavierunterricht den Hauptteil des Lebensunterhalts, während Paul Klee den Haushalt und die Erziehung des Sohnes Felix verantwortete. Diese häusliche Zurückgezogenheit gab ihm den Freiraum, seine künstlerischen Experimente fortzusetzen. Er arbeitete methodisch, fast wissenschaftlich, führte akribisch Buch über jedes seiner Werke. Sein Atelier war ein Labor, in dem er die Gesetze der Linie und der Form erforschte. Noch war er primär ein Zeichner. Die Farbe blieb ihm fremd.

Das Licht von Tunis

Im Jahr 1911 schloss sich Klee dem Kreis um den „Blauen Reiter“ an und lernte Wassily Kandinsky und Franz Marc kennen. Er nahm an der zweiten Ausstellung der Gruppe 1912 teil. Die dreiwöchige Reise nach Tunesien im April 1914 mit August Macke und Louis Moilliet wurde zum Wendepunkt seines Schaffens.

Paul Klee
Paul Klee · Wikimedia Commons · PD

Die Begegnung mit Wassily Kandinsky und Franz Marc veränderte alles. Durch sie fand Klee Anschluss an die Avantgarde. Die Redaktionsgemeinschaft des Almanachs „Der Blaue Reiter“ bot ihm ein intellektuelles Zuhause. Er teilte das Interesse an einer Spiritualisierung der Kunst, an der Suche nach inneren Wahrheiten jenseits der bloßen Abbildung. Ein weiterer entscheidender Impuls kam aus Paris: Klee übersetzte 1913 Robert Delaunays Aufsatz „Über das Licht“ für die Zeitschrift „Der Sturm“. Delaunays Theorie der reinen, sich selbst genügenden Farbe eröffnete ihm eine neue Welt. Er begann, die Farbe nicht mehr als bloße Kolorierung der Zeichnung zu verstehen, sondern als eigenständiges bildnerisches Mittel. Seine Aquarelle wurden freier, abstrakter.

Farbe und ich sind eins. Ich bin Maler.

Der eigentliche Durchbruch erfolgte im Frühjahr 1914. Klee reiste mit seinen Freunden August Macke und Louis Moilliet nach Tunesien. Das intensive Licht Nordafrikas, die leuchtenden Farben der Architektur und der Gewänder, die fremde Kultur wirkten wie eine Offenbarung. In seinem Tagebuch notierte er den berühmten Satz, der seine künstlerische Wiedergeburt markiert: „Die Farbe hat mich. […] Farbe und ich sind eins. Ich bin Maler.“ Die in Tunis entstandenen Aquarelle, wie die „Ansicht von Kairouan“, zeigen eine neue Freiheit. Die Form löst sich vom Gegenstand, die Farbe wird zum Träger von Licht und Atmosphäre. Klee hatte seine Sprache gefunden. Kurz nach ihrer Rückkehr brach der Erste Weltkrieg aus. August Macke fiel im September 1914 an der Front, Franz Marc 1916. Klee selbst wurde eingezogen, blieb aber durch eine Tätigkeit als Schreiber hinter der Front vom Kampfeinsatz verschont.

Paul Klee als Meister am Bauhaus

1920 berief ihn Walter Gropius an das Staatliche Bauhaus in Weimar. Ab 1921 unterrichtete Paul Klee dort, später auch am neuen Standort in Dessau. Seine Lehre zur bildnerischen Formlehre fasste er 1925 im „Pädagogischen Skizzenbuch“ zusammen, einer der wichtigsten kunsttheoretischen Schriften der Moderne.

Paul Klee, Aufnahme aus dem Jahr 1927
Painting «Ruehende Schiffe» by Swiss-born German painter Paul Klee. · Wikimedia Commons · PD

Das Bauhaus war der ideale Ort für einen Künstler wie Klee. Hier traf Kunst auf Handwerk, freies Experiment auf systematische Lehre. Neben Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger wurde er zu einer der zentralen Lehrerfiguren. Sein Unterricht war bei den Studierenden hochgeschätzt. Er glich weniger einer klassischen Malschule als einem naturwissenschaftlichen Seminar. Klee analysierte die Bildelemente – Punkt, Linie, Fläche, Farbe – als bewegte Kräfte. Er sprach von der Linie, die spazieren geht, von den energetischen Prozessen, die ein Bild entstehen lassen. Seine Lehre, festgehalten im Pädagogischen Skizzenbuch, beeinflusste Generationen von Architekten, Designern und Künstlern.

In den Bauhaus-Jahren erreichte seine eigene Kunst eine neue Stufe der Reife und Vielfalt. Werke wie die „Zwitscher-Maschine“ (1922) zeigen seinen subtilen Humor und die Fähigkeit, Mechanik und Organisches zu einer poetischen Einheit zu verbinden. In Dessau, wo die Meister in von Gropius entworfenen Häusern lebten, erreichte seine Produktivität einen Höhepunkt. Er experimentierte mit neuen Techniken und schuf komplexe, musikähnliche Kompositionen wie „Ad Parnassum“ (1932), ein Mosaik aus tausenden von Farbpunkten. Die Zeit am Bauhaus war die glücklichste und produktivste seines Lebens. Sie endete jäh mit dem wachsenden politischen Druck auf die als „links“ und „kulturbolschewistisch“ diffamierte Institution.

Die Engel des Exils

Nach einer kurzen Professur an der Kunstakademie Düsseldorf ab 1931 wurde Paul Klee im April 1933 von den Nationalsozialisten entlassen. Er emigrierte nach Bern in die Schweiz. 1935 wurde bei ihm die unheilbare Krankheit Sklerodermie diagnostiziert, die seine letzten Lebensjahre prägte.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten beendete Klees Karriere in Deutschland. Seine Kunst wurde als „entartet“ gebrandmarkt, über 100 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt. Er, der nie die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt hatte, war als deutscher Staatsbürger direkt betroffen. Er kehrte in die Schweiz zurück, in das Land seiner Kindheit, das ihm nun jedoch fremd und eng erschien. Die finanzielle Situation war schwierig, die Anerkennung gering. Zu der existenziellen Unsicherheit kam 1935 die Diagnose einer schweren, schmerzhaften Krankheit, die seine Haut und inneren Organe verhärtete. Seine Hände, das Werkzeug des Künstlers, waren direkt betroffen.

Trotz oder gerade wegen dieser existenziellen Krise erlebte sein Schaffen eine letzte, gewaltige Steigerung. Im Angesicht des Todes arbeitete Klee mit fieberhafter Intensität. Es entstand ein umfangreiches Spätwerk, das von einer neuen Monumentalität und Einfachheit geprägt ist. Die Linien werden dicker, balkenartig, die Farben oft düsterer. Immer wieder taucht die Figur des Engels auf, zerbrechliche, unvollkommene Wesen, die zwischen Himmel und Erde schweben. Diese späten Zeichnungen und Gemälde sind Zeugnisse eines unbezwingbaren schöpferischen Willens. Er starb am 29. Juni 1940 in Muralto, wenige Wochen bevor seinem Gesuch um Einbürgerung stattgegeben wurde. Sein Werk, das heute im Zentrum Paul Klee in Bern umfassend gewürdigt wird, bleibt ein Kosmos für sich, reich an Poesie, Intellekt und tiefem menschlichen Gefühl.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Paul Klee geboren und wann starb er?

Paul Klee wurde am 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee bei Bern geboren. Er starb am 29. Juni 1940 im Alter von 60 Jahren in Muralto im Kanton Tessin, Schweiz, an den Folgen der fortschreitenden Krankheit Sklerodermie.

Wofür ist Paul Klee bekannt?

Paul Klee ist bekannt als einer der bedeutendsten Künstler der Klassischen Moderne, dessen Werk Elemente des Expressionismus, Kubismus und Surrealismus vereint. Seine Bekanntheit gründet sich auch auf seine einflussreiche Lehrtätigkeit als Meister am Bauhaus.

Welche sind die wichtigsten Werke von Paul Klee?

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die „Zwitscher-Maschine“ (1922), das Aquarell „Ansicht von Kairouan“ (1914) und das pointillistische Hauptwerk „Ad Parnassum“ (1932). Auch sein Spätwerk „Tod und Feuer“ (1940) ist von großer Bedeutung.

Welchen Einfluss hatte Paul Klee auf die Kunst?

Sein Einfluss beruht auf seinem vielschichtigen Werk und seiner kunsttheoretischen Lehre. Am Bauhaus prägte er das Verständnis von Komposition und Farbe. Sein „Pädagogisches Skizzenbuch“ wurde zu einem Standardwerk für Künstler und Designer.

Was war die Todesursache von Paul Klee?

Paul Klee litt ab 1935 an Sklerodermie, einer seltenen Autoimmunerkrankung, die zu einer Verhärtung des Bindegewebes führt. Er starb am 29. Juni 1940 an den Folgen dieser Krankheit, die sein Schaffen in den letzten Lebensjahren stark beeinflusste.

Hatte Paul Klee Familie?

Ja, Paul Klee heiratete 1906 die Pianistin Lily Stumpf. Das Paar hatte einen gemeinsamen Sohn, Felix Klee, der 1907 geboren wurde und sich später als Maler und Theaterregisseur ebenfalls einen Namen machte.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Klee, Paul (1925). Pädagogisches Skizzenbuch. Albert Langen Verlag.
  • Kagan, Andrew (1993). Paul Klee at the Guggenheim Museum. Guggenheim Museum Publications.
  • Bezzola, Tobia (2000). Paul Klee: 1879-1940. Prestel.
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