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Kunst · Belgien, Frankreich · 1928–2019

Agnès Varda: Die Poesie der Cinécriture im Kino

Mit der Kamera als Stift schrieb sie Filmgeschichte, lange bevor die Nouvelle Vague einen Namen hatte. Eine Biografie über die Vorbotin des modernen Kinos

Agnès Varda, Fotografie aus dem Jahr 2019
Agnès Varda: Die Poesie der Cinécriture im Kino · Wikimedia Commons · Martin Kraft · CC-BY-SA

Agnès Varda (30. Mai 1928 – 29. März 2019) war eine belgisch-französische Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin. Sie gilt als eine der zentralen Figuren des modernen Kinos und als Schlüsselfigur der Nouvelle Vague, deren Anfänge sie mit ihrem Debütfilm La Pointe-Courte (1955) vorwegnahm.

Ihre Hände, von Altersflecken gezeichnet, halten eine herzförmige Kartoffel in die Linse einer kleinen Digitalkamera. Es ist eine Geste, die das gesamte Schaffen von Agnès Varda verdichtet: das Übersehene sichtbar machen, im Alltäglichen Poesie finden und die eigene Subjektivität als Werkzeug begreifen. Sie war keine distanzierte Beobachterin. Sie war Sammlerin von Bildern, Geschichten und Gesichtern. Varda nannte diesen Prozess cinécriture, das Schreiben mit der Kamera. Ihre Filme sind keine bloßen Abbildungen der Wirklichkeit, sondern Essays, die mit den Mitteln des Kinos argumentieren, fragen und fühlen. Von den Fischerhütten in Sète bis zu den Wandgemälden mit dem Künstler JR schuf sie ein Werk, das die Grenzen zwischen Dokumentation, Fiktion und Autobiografie auflöst.

Sie wurde die Großmutter der Nouvelle Vague genannt, doch sie war deren Vorbotin. Mit einer geliehenen Kamera und ohne formale Filmausbildung definierte sie neu, was Kino sein kann: persönlich, politisch, poetisch.

Inhalt (5)
Jahr Film / Werk Rolle / Funktion Bedeutung
1955 La Pointe-Courte Regie, Drehbuch Gilt als stilistischer Vorläufer der Nouvelle Vague; experimentelle Erzählstruktur.
1962 Cléo de 5 à 7 (Mittwoch zwischen 5 und 7) Regie, Drehbuch Zentrales Werk der Nouvelle Vague, erzählt in filmischer Echtzeit.
1985 Sans toit ni loi (Vogelfrei) Regie, Drehbuch Gewinner des Goldenen Löwen in Venedig; radikales Porträt einer Außenseiterin.
2000 Les glaneurs et la glaneuse (Die Sammler und die Sammlerin) Regie, Kamera Wendepunkt zum digitalen, autobiografischen Dokumentarfilm.
2003 Patatutopia Installation Beginn ihrer zweiten Karriere als bildende Künstlerin; ausgestellt auf der Biennale von Venedig.
2008 Les plages d’Agnès (Die Strände von Agnès) Regie, Drehbuch César-prämierte filmische Autobiografie, die ihr Leben und Werk reflektiert.
2017 Visages Villages (Augenblicke: Gesichter einer Reise) Co-Regie mit JR Oscar-nominierter Dokumentarfilm, der die Begegnung mit Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Der Blick der Fotografin

Geboren 1928 als Arlette Varda in Ixelles bei Brüssel, floh ihre Familie 1940 nach Sète, Frankreich. Nach dem Studium der Kunstgeschichte an der Sorbonne wurde sie ab 1951 offizielle Fotografin für Jean Vilars Théâtre National Populaire (TNP) und das Festival von Avignon.

Das Leben begann mit einer Flucht. Als die deutsche Wehrmacht 1940 Belgien besetzte, verließ die Familie Varda Brüssel und fand Zuflucht in der südfranzösischen Hafenstadt Sète. Diese Küstenregion mit ihren Kanälen und der Fischerei sollte sich tief in das visuelle Gedächtnis der jungen Frau einschreiben. Sie hieß noch Arlette, den Vornamen Agnès gab sie sich selbst mit 18 Jahren. Nach dem Schulabschluss zog sie nach Paris, um an der Sorbonne und der École du Louvre Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren. Ihr Ziel war, Kunstrestauratorin zu werden. Doch eine andere Form der Bildkonservierung zog sie in ihren Bann: die Fotografie. Sie absolvierte eine Lehre und fand schnell ihre Berufung.

Ein entscheidender Kontakt war der Theaterregisseur Jean Vilar. Er engagierte sie 1948, um das von ihm gegründete Festival von Avignon zu dokumentieren. Als Vilar 1951 die Leitung des Théâtre National Populaire in Paris übernahm, machte er Varda zur offiziellen Fotografin des Hauses. Ihre Porträts von Schauspielern wie Gérard Philipe sind heute Ikonen. Diese Jahre schulten ihren Blick für Komposition, Licht und den entscheidenden Moment. Sie lernte, Menschen in ihrer Umgebung zu beobachten und das Wesentliche in einem einzigen Bild zu verdichten. Diese Fähigkeit wurde zum Fundament ihrer späteren Filmarbeit. Sie war keine Theoretikerin, die zum Film kam, sondern eine Praktikerin des Sehens.

Die Erfindung der Cinécriture

1954 gründete Varda ihre Produktionsgesellschaft Tamaris Films und drehte ihr Debüt La Pointe-Courte. Der Film, geschnitten von Alain Resnais, gilt als stilistischer Vorläufer der Nouvelle Vague. Ihr Werk Cléo de 5 à 7 von 1962 wurde zu einem Schlüsselwerk dieser Bewegung.

Agnès Varda, Aufnahme aus dem Jahr 2019
Director Agnès Varda at the Berlinale 2019, fotografiert von Martin Kraft. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Mitte der 1950er-Jahre war sie eine etablierte Fotografin, aber eine Novizin im Filmgeschäft. Sie hatte kaum zehn Filme gesehen, als sie beschloss, ihren ersten eigenen zu drehen. Mit minimalem Budget und einer geliehenen Kamera realisierte sie 1955 La Pointe-Courte, gedreht im gleichnamigen Fischerviertel von Sète. Der Film war formal radikal. Er verknüpfte eine neorealistisch anmutende Dokumentation über das Leben der Fischer mit den stilisierten Dialogen eines Paares in der Krise, gespielt von Silvia Montfort und Philippe Noiret. Diese duale Struktur war ihrer Zeit weit voraus. Der Regisseur Alain Resnais, den sie im Kreis um den Kritiker André Bazin kennengelernt hatte, übernahm den Schnitt und erkannte das Potenzial des Films. Er und Chris Marker wurden zu wichtigen Weggefährten der von Kritikern später als „Groupe Rive Gauche“ bezeichneten Künstler.

Der Zufall ist mein bester Assistent.

Ihr Durchbruch gelang 1962 mit Cléo de 5 à 7. Der Film folgt einer jungen Sängerin für 90 Minuten in Echtzeit durch Paris, während sie auf das Ergebnis einer Krebsuntersuchung wartet. Varda fängt die subjektive Wahrnehmung von Zeit, die Ängste und die flüchtigen Begegnungen in der Großstadt mit einer damals neuen Leichtigkeit und Präzision ein. Sie entwickelte dafür den Begriff der cinécriture, des filmischen Schreibens. Für sie war die Regie ein Akt, der dem Schreiben eines Romans gleicht: Die Wahl der Kamera, der Rhythmus des Schnitts und die Geräuschkulisse sind ebenso Teil der Erzählung wie das Drehbuch. Dieses Konzept befreite sie von konventionellen Erzählmustern und etablierte sie als eine der innovativsten Stimmen des europäischen Kinos, Jahre bevor François Truffaut oder Jean-Luc Godard ihre Debüts vorlegten.

Zwischen Paris, Hollywood und Politik

1962 heiratete Varda den Regisseur Jacques Demy. In den späten 1960er Jahren lebte sie in den USA, wo sie Filme wie Black Panthers drehte und mit Persönlichkeiten wie Jim Morrison verkehrte. Ihr feministisches Werk Die eine singt, die andere nicht entstand 1977.

Agnès Varda
Agnés Vardá, being honoured at the Guadalajara Film Festival, fotografiert von Festival Internacional de Cine en Guadalajara. · Wikimedia Commons · CC-BY

Das persönliche und künstlerische Leben der Regisseurin war eng verwoben. Aus einer früheren Beziehung mit dem Schauspieler Antoine Bourseiller stammte ihre Tochter Rosalie Varda, geboren 1958. Im selben Jahr lernte sie den Filmemacher Jacques Demy kennen, den sie 1962 heiratete. Ihre Verbindung war eine der kreativsten Partnerschaften des französischen Kinos. Demy adoptierte Rosalie, und 1972 kam der gemeinsame Sohn Mathieu Demy zur Welt. Als Demy Ende der 1960er Jahre in Hollywood arbeitete, begleitete Varda ihn und tauchte in die amerikanische Gegenkultur ein. Dort drehte sie den Dokumentarfilm Black Panthers (1968), ein präzises Porträt der Protestbewegung um Huey Newton. In ihrem Spielfilm Lions Love (1969) traten Andy Warhol und Jim Morrison auf.

Zurück in Frankreich, wurde ihre Arbeit zunehmend politischer und explizit feministisch. Sie war eine der Unterzeichnerinnen des „Manifests der 343“, das 1971 in der Zeitschrift Le Nouvel Observateur erschien und ein Recht auf Abtreibung forderte. Ihr Film Die eine singt, die andere nicht (1977) erzählt die Geschichte zweier Frauen über einen Zeitraum von 15 Jahren und thematisiert Freundschaft, Selbstbestimmung und die gesellschaftlichen Kämpfe der Frauenbewegung. Varda wählte stets eine persönliche Herangehensweise. Sie zeigte keine abstrakten Thesen, sondern konkrete Lebenswege. Ihre Filme waren Plädoyers für Empathie und Neugier. Sie verstand es, das Politische im Privaten aufzuspüren, ohne didaktisch zu werden.

Agnès Vardas zweite Karriere als Sammlerin

Ab 2003 begann Varda eine Karriere als Installationskünstlerin, unter anderem auf der Biennale von Venedig. Ihr Spätwerk, oft mit leichten Digitalkameras gedreht, wurde hoch dekoriert, darunter mit einem Ehrenoscar 2017 und der Berlinale Kamera 2019 kurz vor ihrem Tod.

Nach dem Tod von Jacques Demy 1990 schuf sie ihm mit Jacquot de Nantes (1991) ein filmisches Denkmal. In den folgenden Jahren schien es, als würde sie sich neu erfinden. Die Einführung kleiner, handlicher Digitalkameras eröffnete ihr neue kreative Freiheiten. Mit Die Sammler und die Sammlerin (2000) schuf sie ein Meisterwerk des Essayfilms. Sie reiste durch Frankreich und filmte Menschen, die auf Feldern und Märkten übrig gebliebene Lebensmittel sammeln. Gleichzeitig reflektierte sie über ihr eigenes Altern und ihre Rolle als „Sammlerin“ von Bildern. Der Film, für den sie einen Europäischen Filmpreis erhielt, definierte den modernen Dokumentarfilm neu.

Parallel dazu etablierte sie sich als bildende Künstlerin. Auf der Biennale von Venedig 2003 trat sie in einem Kartoffelkostüm auf und präsentierte ihre Installation Patatutopia. Ihre Ausstellungen bestanden oft aus Elementen ihrer Filme – Fotografien, Objekten, Filmstreifen. Sie baute Hütten aus 35-mm-Filmkopien und schuf Video-Triptychen. Es war eine weitere Facette ihrer cinécriture. Ihr Spätwerk ist von einer bemerkenswerten Vitalität geprägt. In Die Strände von Agnès (2008) inszenierte sie ihre eigene Autobiografie als assoziativen Spaziergang durch ihre Erinnerungen. Für Augenblicke: Gesichter einer Reise (2017) fuhr sie mit dem jungen Street-Art-Künstler JR in einem Fotomobil durch französische Dörfer und porträtierte die Bewohner auf riesigen Plakaten an Hauswänden. Der Film wurde für einen Oscar nominiert. Bis zu ihrem Tod im März 2019 im Alter von 90 Jahren blieb Agnès Varda eine unermüdliche Entdeckerin. Ihr letzter Film, Varda par Agnès, hatte nur wenige Wochen zuvor auf der Berlinale Premiere – ein heiterer, kluger Abschied von einer der größten Künstlerinnen des Kinos, deren Filmografie Generationen inspiriert.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Agnès Varda geboren und wann starb sie?

Agnès Varda wurde am 30. Mai 1928 in Ixelles/Elsene, einer Gemeinde der Region Brüssel-Hauptstadt in Belgien, geboren. Sie starb am 29. März 2019 im Alter von 90 Jahren in ihrem Haus im 14. Arrondissement von Paris an den Folgen einer Krebserkrankung.

Wofür ist Agnès Varda bekannt?

Agnès Varda ist bekannt als eine der Schlüsselfiguren der französischen Nouvelle Vague. Ihr Debütfilm *La Pointe-Courte* (1955) ging der Bewegung voraus. Ihr Werk zeichnet sich durch die Vermischung von Dokumentar- und Spielfilm sowie eine stark persönliche Handschrift aus.

Was versteht man unter Vardas Konzept der „Cinécriture“?

Der von ihr geprägte Begriff „Cinécriture“ (filmisches Schreiben) beschreibt ihren ganzheitlichen Ansatz des Filmemachens. Für Varda war nicht nur das Drehbuch entscheidend, sondern die gesamte Inszenierung – Kameraführung, Schnitt, Ton – war Teil des schöpferischen Schreibprozesses.

War Agnès Varda verheiratet und hatte sie Kinder?

Ja, Agnès Varda war von 1962 bis zu seinem Tod 1990 mit dem Regisseur Jacques Demy verheiratet. Sie hatte zwei Kinder: die Tochter Rosalie Varda (geb. 1958) aus einer früheren Beziehung, die Demy adoptierte, und den gemeinsamen Sohn Mathieu Demy (geb. 1972).

Was war die Todesursache von Agnès Varda?

Agnès Varda starb am 29. März 2019 an den Folgen einer Krebserkrankung. Sie arbeitete bis kurz vor ihrem Tod; ihr letzter Film *Varda par Agnès* feierte nur wenige Wochen zuvor auf der Berlinale 2019 seine Premiere, wo sie mit der Berlinale Kamera geehrt wurde.

Welchen Einfluss hat Agnès Varda auf die Filmwelt?

Vardas Einfluss liegt in ihrer formalen Innovationskraft und der Etablierung einer subjektiven, essayistischen Form des Dokumentarfilms. Als eine der wenigen Regisseurinnen ihrer Generation wurde sie zur Inspiration für feministisches Filmschaffen und unabhängige Filmemacher.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Smith, A. (1998). Agnès Varda (French Film Directors). Manchester University Press.
  • Deroo, R. J. (2017). Agnès Varda between Film, Photography, and Art. University of California Press.
  • Rickey, C. (2025). Agnès Varda – Filmemacherin, Künstlerin, Feministin. Henschel Verlag.
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