Otto von Bismarck (1815–1898) war ein preußisch-deutscher Staatsmann und erster Reichskanzler des Deutschen Reiches. Als Ministerpräsident von Preußen trieb er die deutsche Einigung durch die Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 voran und prägte die Innen- und Außenpolitik des Kaiserreichs bis zu seiner Entlassung 1890.
Es ist der 30. September 1862, als Otto von Bismarck vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses spricht. Der Raum ist erfüllt von der Spannung des Verfassungskonflikts, in dem König und Parlament unversöhnlich ringen. Der frisch ernannte Ministerpräsident, ein Mann, dessen politische Karriere bis dahin von unnachgiebigem Konservatismus geprägt war, formuliert den Satz, der sein politisches Programm und seine historische Gestalt für immer definieren wird: „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.“
Diese Worte markieren den Beginn einer politischen Ära, in der Bismarck Preußen zur Vormacht in Deutschland und das neugegründete Deutsche Reich zu einer europäischen Großmacht formte. Er war ein Meister der Realpolitik, ein brillanter Diplomat und zugleich ein autoritärer Herrscher, der das Parlament verachtete und seine Gegner unerbittlich bekämpfte.
Inhalt (5)
| Jahre | Amt | Institution | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1851–1859 | Gesandter beim Bundestag | Deutscher Bund | Vertretung preußischer Interessen in Frankfurt |
| 1859–1862 | Gesandter in St. Petersburg | Königreich Preußen | Aufbau wichtiger diplomatischer Kontakte zu Russland |
| 1862 | Gesandter in Paris | Königreich Preußen | Sondierung der Haltung Napoleons III. |
| 1862–1890 | Ministerpräsident | Königreich Preußen | Führung der preußischen Regierung; Lösung des Verfassungskonflikts |
| 1867–1871 | Bundeskanzler | Norddeutscher Bund | Exekutive des ersten deutschen Bundesstaates |
| 1871–1890 | Reichskanzler | Deutsches Reich | Erster Kanzler; prägende Figur der Innen- und Außenpolitik |
Vom Landjunker zum Abgeordneten
Geboren am 1. April 1815 in Schönhausen (Elbe) als Sohn eines altmärkischen Landadeligen, studierte Bismarck Jura in Göttingen und Berlin. Nach kurzer Zeit im Staatsdienst zog er sich auf die Familiengüter zurück. Erst im Vereinigten Landtag von 1847 trat er als ultra-konservativer Abgeordneter politisch in Erscheinung.
Otto von Bismarck entstammte dem preußischen Uradel, doch seine Erziehung war bürgerlich geprägt. Die Mutter, Luise Wilhelmine Mencken, aus einer gelehrten Beamtenfamilie stammend, sorgte für eine Ausbildung, die ihn für den Staatsdienst qualifizieren sollte. Nach dem Jurastudium, das er mehr mit studentischen Verbindungen und Duellen als im Hörsaal verbrachte, trat er in den preußischen Verwaltungsdienst ein. Die bürokratische Routine empfand er jedoch als unerträglich. „Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, oder gar keine“, schrieb er über seine Weigerung, ein bloßes Rädchen im Getriebe zu sein. Er kehrte der Verwaltung den Rücken und widmete sich der Bewirtschaftung der väterlichen Güter in Pommern. In diesen Jahren als „toller Junker“ festigte sich sein Ruf eines ebenso intelligenten wie unberechenbaren und ausschweifenden Charakters.
Die Heirat mit der tief religiösen Johanna von Puttkamer im Jahr 1847 markierte eine persönliche Wende. Durch sie und den Kontakt zu pietistischen Kreisen um die Brüder Leopold und Ludwig von Gerlach fand er zu einem gefestigten christlichen Glauben und zugleich Anschluss an die hochkonservative politische Elite Preußens. Als er 1847 als Nachrücker in den Vereinigten Landtag einzog, nutzte er die Bühne des Parlaments für provokante Reden. Er verteidigte die Privilegien des Adels, lehnte die Judenemanzipation ab und positionierte sich als unbedingter Royalist. Während der Revolution von 1848/49 dachte er gar daran, mit bewaffneten Bauern aus seiner Heimat nach Berlin zu ziehen, um die Monarchie zu verteidigen. Seine radikale Haltung machte ihn in liberalen Kreisen verhasst, empfahl ihn aber dem preußischen Königshaus als verlässlichen Verfechter der alten Ordnung.
Die Ära von Blut und Eisen
Nach diplomatischen Posten in Frankfurt, St. Petersburg und Paris wurde Bismarck 1862 von König Wilhelm I. zum preußischen Ministerpräsidenten berufen. Er regierte jahrelang ohne vom Parlament bewilligten Haushalt und setzte die Heeresreform durch. Mit den Einigungskriegen gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) schuf er die Grundlage für das Deutsche Reich.

Die Berufung zum Ministerpräsidenten erfolgte in einer Staatskrise. König Wilhelm I. war mit seinem Vorhaben einer Heeresreform am Widerstand der liberalen Mehrheit im Abgeordnetenhaus gescheitert und dachte bereits an Abdankung. Bismarck war die letzte Option, ein Mann, der bereit war, den Konflikt mit dem Parlament bis zum Äußersten zu treiben. Er erklärte die Verfassung für lückenhaft in der Frage, wer im Konfliktfall zwischen Krone und Parlament das letzte Wort habe, und regierte fortan ohne legalen Haushalt. Diese Missachtung der parlamentarischen Rechte festigte sein Bild als autoritärer Machtpolitiker. Sein Ziel war jedoch nicht die Zerstörung des Parlaments, sondern dessen Instrumentalisierung für ein größeres Projekt: die Einigung Deutschlands unter preußischer Führung.
Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.
Bismarcks Außenpolitik war eine meisterhafte Demonstration von Diplomatie und militärischer Gewalt. Im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 agierte er noch im Bündnis mit Österreich, um die Herzogtümer Schleswig und Holstein zu gewinnen. Nur zwei Jahre später provozierte er den Deutschen Krieg gegen ebenjenen Verbündeten. Der Sieg in der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 entschied den preußisch-österreichischen Dualismus. Bismarck annektierte mehrere deutsche Staaten, löste den Deutschen Bund auf und gründete den Norddeutschen Bund als ersten deutschen Nationalstaat unter preußischer Hegemonie. Gegen den Willen des Königs und des Militärs setzte er einen milden Frieden mit Österreich durch, um sich einen zukünftigen Bündnispartner zu erhalten.
Die letzte Hürde zur „kleindeutschen“ Reichseinigung war Frankreich unter Napoleon III. Bismarck nutzte die spanische Thronkandidatur eines Hohenzollernprinzen, um Frankreich diplomatisch zu reizen. Mit der Veröffentlichung der redigierten „Emser Depesche“, die eine französische Forderung brüsk zurückwies, provozierte er die französische Kriegserklärung. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 entfachte eine Welle nationaler Begeisterung, die auch die süddeutschen Staaten erfasste. Nach dem entscheidenden Sieg bei Sedan wurde am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser proklamiert. Bismarck hatte sein Ziel erreicht.
Kanzler zwischen Kulturkampf und Sozialgesetzen
Als erster Reichskanzler bestimmte Bismarck ab 1871 die Politik des neuen Staates. Er führte den Kulturkampf gegen die katholische Kirche und deren politische Vertretung, die Zentrumspartei. Ab 1878 bekämpfte er mit dem Sozialistengesetz die aufstrebende Sozialdemokratie und führte ab 1883 eine wegweisende Sozialgesetzgebung ein, um die Arbeiter an den Staat zu binden.

Im Inneren des neu geschaffenen Reiches sah sich Bismarck zwei Kräften gegenüber, die er als „Reichsfeinde“ betrachtete: dem politischen Katholizismus und der Sozialdemokratie. Den Machtanspruch der katholischen Kirche, gestärkt durch das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit von 1870, bekämpfte er im sogenannten Kulturkampf. In einer Koalition mit den Nationalliberalen erließ er eine Reihe von Gesetzen, die den staatlichen Einfluss auf Kirche und Schule ausweiteten, darunter die Einführung der Zivilehe. Der Widerstand der katholischen Bevölkerung und der Zentrumspartei war jedoch so stark, dass Bismarck den Kampf schließlich abbrechen und nach einem politischen Kompromiss suchen musste.
Seine Aufmerksamkeit richtete sich nun verstärkt auf die Arbeiterbewegung. Zwei Attentatsversuche auf Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1878 nahm er zum Anlass, das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (Sozialistengesetz) durch den Reichstag zu bringen. Es verbot sozialdemokratische Vereine, Versammlungen und Schriften. Gleichzeitig versuchte Bismarck, die Arbeiter durch eine positive Reform für den monarchischen Staat zu gewinnen. Mit der Einführung der Kranken- (1883), Unfall- (1884) und Invaliden- und Altersversicherung (1889) schuf er die Grundlagen des modernen Sozialstaates. Diese Politik des „Zuckerbrots und der Peitsche“ scheiterte jedoch in ihrem politischen Ziel: Die Sozialdemokratie wuchs im Untergrund weiter und ging gestärkt aus der Verfolgungszeit hervor.
Der Lotse geht von Bord
Nach dem Tod Wilhelms I. 1888 und der kurzen Herrschaft Friedrichs III. bestieg der junge Wilhelm II. den Thron. Meinungsverschiedenheiten in der Sozial- und Außenpolitik führten zu einem unüberbrückbaren Konflikt. Am 20. März 1890 wurde Bismarck von Wilhelm II. zum Rücktritt gezwungen. Er starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh.
Die fast drei Jahrzehnte währende Zusammenarbeit mit Kaiser Wilhelm I. war von gegenseitigem Respekt, aber auch von ständigen Konflikten geprägt, die Bismarck meist für sich entscheiden konnte. Mit dem Amtsantritt des ehrgeizigen und ungestümen Enkels Wilhelm II. änderte sich die Lage fundamental. Der neue Kaiser wollte ein „persönliches Regiment“ führen und war nicht bereit, sich dem übermächtigen Kanzler unterzuordnen. Es kam zu Differenzen über den Umgang mit den Arbeitern – Wilhelm II. wollte das Sozialistengesetz nicht verlängern – und über die außenpolitische Ausrichtung. Der Kaiser strebte nach einem „Platz an der Sonne“, während Bismarck auf die Absicherung des Erreichten durch ein komplexes Bündnissystem setzte, das Frankreich isolieren und den Frieden in Europa wahren sollte.
Der Machtkampf eskalierte Anfang 1890. Wilhelm II. forderte Bismarcks Rücktritt. Am 20. März 1890 verließ der „Eiserne Kanzler“ seine Ämter. Die zeitgenössische Karikatur „Der Lotse geht von Bord“ aus dem britischen Magazin „Punch“ wurde zum Sinnbild dieses historischen Moments. Seinen Lebensabend verbrachte Bismarck auf seinem Gut Friedrichsruh bei Hamburg. Von dort aus kritisierte er die Politik seiner Nachfolger scharf und arbeitete an seinen Memoiren „Gedanken und Erinnerungen“, mit denen er sein eigenes Bild für die Nachwelt maßgeblich formte. Sein Tod am 30. Juli 1898 löste eine Welle nationaler Trauer und eine posthume Verehrung aus, die ihn zu einer mythischen Figur der deutschen Geschichte stilisierte.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Otto von Bismarck geboren und wann starb er?
Otto von Bismarck wurde am 1. April 1815 in Schönhausen (Elbe), einer Stadt in der preußischen Provinz Sachsen, geboren. Er starb am 30. Juli 1898 im Alter von 83 Jahren auf seinem Gut in Friedrichsruh bei Hamburg.
Wofür ist Otto von Bismarck bekannt?
Otto von Bismarck ist vor allem als der Architekt der deutschen Einigung und als erster Reichskanzler des Deutschen Reiches von 1871 bekannt. Sein politisches Handeln unter dem Schlagwort „Blut und Eisen“ und seine Rolle als „Eiserner Kanzler“ prägen sein Bild.
Welche wichtigen politischen Ämter hatte Otto von Bismarck?
Bismarcks wichtigste Ämter waren preußischer Ministerpräsident (ab 1862), Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes (ab 1867) und schließlich erster Reichskanzler des Deutschen Reiches von 1871 bis zu seiner Entlassung im Jahr 1890.
War Otto von Bismarck verheiratet und hatte er Kinder?
Ja, Otto von Bismarck war ab 1847 mit Johanna von Puttkamer verheiratet. Die Ehe, die bis zu ihrem Tod 1894 hielt, galt als sehr eng. Aus ihr gingen drei Kinder hervor: Marie (geb. 1848), Herbert (geb. 1849) und Wilhelm (geb. 1852).
Woran starb Otto von Bismarck?
Otto von Bismarck starb am 30. Juli 1898 im Alter von 83 Jahren in Friedrichsruh. Sein Tod war die Folge seines hohen Alters und einer allgemeinen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes, ohne dass eine einzelne spezifische Krankheit als Ursache überliefert ist.
Welchen Einfluss hat Otto von Bismarck auf die Nachwelt?
Bismarcks Einfluss ist ambivalent. Er schuf den deutschen Nationalstaat und den modernen Sozialstaat. Gleichzeitig hinterließ seine autoritäre Regierungsweise, die das Parlament schwächte und politische Gegner ausgrenzte, eine schwere Hypothek für die demokratische Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Ullrich, V. (2013). Otto von Bismarck. Rowohlt.
- Clark, C. (2007). Iron Kingdom: The Rise and Downfall of Prussia, 1600-1947. Penguin Books.
- Gall, L. (1986). Bismarck: The White Revolutionary. Allen & Unwin.
- Steinberg, J. (2011). Bismarck: A Life. Oxford University Press.