Miles Davis (1926–1991) war ein US-amerikanischer Jazztrompeter, Komponist und Bandleader. Als eine der zentralen Figuren des Jazz im 20. Jahrhundert prägte er maßgeblich Stile wie Cool Jazz, Hard Bop, modalen Jazz und Jazzrock. Sein Album „Kind of Blue“ gilt als eines der bedeutendsten Werke der Musikgeschichte.
Sein Ton war eine Signatur, unverkennbar ab der ersten Note. Ein leises, fast zerbrechliches Hauchen aus dem Metall der Trompete, das mit dem Harmon-Dämpfer zu einem intimen Flüstern wurde. Es war ein Klang, der nicht schreien musste, um gehört zu werden, ein Klang, der Räume öffnete, anstatt sie mit Virtuosität zu füllen. Miles Davis spielte nicht nur Musik; er schuf Atmosphären, in denen Stille und Klang gleichberechtigt waren. Jede seiner künstlerischen Phasen war eine radikale Neuerfindung, ein Abschied von dem, was eben noch als sein Gipfel gefeiert wurde.
Er war der Architekt des Cool, der Prophet des modalen Jazz und der Zündfunke der Fusion. In einer Karriere, die fast ein halbes Jahrhundert umspannte, blieb Miles Davis die einzige Konstante in einem Universum musikalischer Revolutionen, die er selbst auslöste.
Inhalt (5)
| Jahr | Album | Label | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1957 | Birth of the Cool | Capitol | Zusammenstellung der Nonett-Aufnahmen von 1949/50, gilt als Geburtsstunde des Cool Jazz. |
| 1957 | ‚Round About Midnight | Columbia | Erstes Album für Columbia und Meilenstein des Hard Bop mit dem ersten großen Quintett. |
| 1959 | Kind of Blue | Columbia | Das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten und das definitive Werk des modalen Jazz. |
| 1960 | Sketches of Spain | Columbia | Orchestrale Zusammenarbeit mit Arrangeur Gil Evans, verbindet Jazz mit spanischer Klassik. |
| 1965 | E.S.P. | Columbia | Erstes Studioalbum des zweiten großen Quintetts; eine Neudefinition der Interaktion im Jazz. |
| 1970 | Bitches Brew | Columbia | Doppelalbum, das mit elektrischen Instrumenten den Jazzrock begründete und das Genre revolutionierte. |
Von East St. Louis in die 52nd Street
Miles Davis zog 1944 von Illinois nach New York City, offiziell für ein Studium an der Juilliard School of Music. Tatsächlich aber suchte er den Kontakt zu den Bebop-Pionieren Charlie Parker und Dizzy Gillespie. Er brach das Studium ab, um in den Clubs der 52nd Street zu spielen und wurde zu einer festen Größe in Parkers Quintett.
Geboren in eine wohlhabende afroamerikanische Familie in Illinois, war der Weg für Miles Dewey Davis III. alles andere als vorgezeichnet. Sein Vater, ein Zahnarzt, schenkte ihm mit dreizehn eine Trompete und unterstützte seinen Wunsch, Musiker zu werden. Der Unterricht bei Elwood Buchanan und später bei Joseph Gustat, dem Solotrompeter des Saint Louis Symphony Orchestra, legte eine solide technische Grundlage. Doch die klassische Ausbildung war nur ein Ausgangspunkt. Die wahre Universität für Davis waren die Schallplatten von Duke Ellington und die Live-Auftritte der Big Bands, die durch den Mittleren Westen tourten. Mit 16 Jahren war er bereits Mitglied der Musikergewerkschaft und spielte in Eddie Randles „Blue Devils“, wo er erste professionelle Erfahrungen sammelte.
Der Umzug nach New York 1944 markierte den entscheidenden Wendepunkt. Die Juilliard School war nur ein Alibi für seine Mutter. Das wahre Ziel war Charlie „Bird“ Parker. Davis fand sein Idol und wurde schnell Teil des inneren Zirkels der Bebop-Revolution. An der Seite von Parker und Dizzy Gillespie absolvierte er seine eigentliche Lehre. Seine ersten Aufnahmen, darunter die legendäre „Koko“-Session vom November 1945, zeigen einen jungen Trompeter, der noch nach seiner Stimme sucht. Im Gegensatz zur feurigen Virtuosität Gillespies war Davis’ Stil von Zurückhaltung geprägt. Er setzte auf den Ton, die Farbe und die lyrische Kraft der Melodie, nicht auf die schiere Geschwindigkeit. Sein Vater hatte ihm geraten, seine eigene Stimme zu finden, und dieser Rat wurde zum Leitmotiv seiner gesamten Karriere.
Die Geburt des Cool und der Weg zu Columbia
Ende der 1940er-Jahre initiierte Davis ein Nonett-Projekt mit dem Arrangeur Gil Evans, das den Cool Jazz begründete. Nach einer schweren Phase der Heroinabhängigkeit gelang ihm 1955 beim Newport Jazz Festival ein triumphales Comeback, das ihm einen Vertrag bei Columbia Records sicherte und seinen Status als Star festigte.

Frustriert von den harmonischen Beschränkungen des Bebop, suchte Davis nach neuen Ausdrucksformen. Gemeinsam mit dem Arrangeur Gil Evans versammelte er 1948 ein neunköpfiges Ensemble, ein Nonett, das mit Instrumenten wie Tuba und Waldhorn einen orchestralen, kammermusikalischen Klang erzeugte. Die Aufnahmen, die zwischen 1949 und 1950 für Capitol Records entstanden, waren kommerziell zunächst ein Misserfolg. Erst 1957 als Album unter dem Titel „Birth of the Cool“ veröffentlicht, wurden sie als Gründungsdokument eines neuen Stils erkannt. Der Cool Jazz, mit seinem entspannten Tempo und den komplexen Arrangements, bot einen Gegenentwurf zur hektischen Energie des Bebop.
Man spielt nicht, was da ist. Man spielt, was nicht da ist.
Die frühen 1950er-Jahre waren für Davis eine dunkle Zeit. Eine unglückliche Liebesaffäre mit Juliette Gréco in Paris und der allgegenwärtige Rassismus in den USA führten ihn in die Heroinabhängigkeit. Vier Jahre lang litt seine Karriere unter seiner Sucht. Er machte zwar Aufnahmen für Labels wie Prestige und Blue Note, doch seine künstlerische Kraft war blockiert. Erst 1954 gelang es ihm mit Hilfe seines Vaters, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Das Comeback war spektakulär: ein unangekündigter Auftritt beim Newport Jazz Festival 1955. Sein Solo über Thelonious Monks „’Round Midnight“, gespielt mit dem charakteristischen Harmon-Dämpfer, elektrisierte das Publikum und die Kritiker. George Avakian von Columbia Records war anwesend und bot ihm sofort einen Vertrag an – der Beginn einer der fruchtbarsten Partnerschaften der Musikgeschichte.
Ein Königreich aus Blau: Das erste große Quintett
Von 1955 bis 1958 leitete Davis sein erstes großes Quintett mit John Coltrane am Saxophon. Diese Formation definierte den Hard Bop neu und nahm legendäre Alben für Prestige und Columbia auf. Die Phase gipfelte 1959 in der Aufnahme von „Kind of Blue“, dem Meisterwerk des modalen Jazz.

Mit dem Vertrag bei Columbia im Rücken stellte Davis eine Band zusammen, die als eines der besten Ensembles der Jazzgeschichte gilt: das Miles Davis Quintett mit John Coltrane am Tenorsaxophon, Red Garland am Klavier, Paul Chambers am Bass und Philly Joe Jones am Schlagzeug. Die Chemie zwischen diesen Musikern war außergewöhnlich. In zwei legendären Marathon-Sessions im Jahr 1956 nahmen sie für ihr altes Label Prestige vier Alben auf – „Cookin’“, „Relaxin’“, „Workin’“ und „Steamin’“ –, um ihren Vertrag zu erfüllen. Parallel dazu entstand für Columbia das Album „’Round About Midnight“. Die Musik war eine Essenz des Hard Bop: lyrisch, bluesgetränkt und rhythmisch angetrieben von der unaufhaltsamen Swing-Maschine Jones und Chambers.
Davis war jedoch bereits auf dem Weg zum nächsten Horizont. Inspiriert von den Ideen des Komponisten George Russell, begann er, mit modalen Skalen anstelle von Akkordwechseln als Grundlage für die Improvisation zu experimentieren. Dieser Ansatz gab den Solisten mehr harmonische Freiheit. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war das Album „Kind of Blue“, aufgenommen im Frühjahr 1959. Mit dem zum Sextett erweiterten Ensemble, zu dem nun auch Cannonball Adderley am Altsaxophon und der Pianist Bill Evans gehörten, schuf Davis eine Platte von zeitloser Schönheit. Die Kompositionen basierten oft nur auf wenigen Skizzen, die Davis den Musikern erst im Studio präsentierte. Das Ergebnis war eine Musik von meditativer Ruhe und tiefem emotionalem Gehalt, die das meistverkaufte Jazzalbum aller Zeiten wurde und Generationen von Musikern beeinflusste.
Jenseits der Akustik: Das zweite Quintett und die Fusion-Revolution
In den 1960er-Jahren formierte Davis sein zweites großes Quintett mit Wayne Shorter und Herbie Hancock. Diese Gruppe trieb die Improvisation an ihre Grenzen und bereitete mit Alben wie „Miles in the Sky“ den Übergang zu elektrischen Instrumenten vor, der 1970 im wegweisenden Jazzrock-Album „Bitches Brew“ gipfelte.
Nach dem Auseinanderbrechen des „Kind of Blue“-Sextetts suchte Davis nach neuen Partnern. Er fand sie in dem Schlagzeuger Tony Williams, dem Bassisten Ron Carter, dem Pianisten Herbie Hancock und schließlich dem Saxophonisten und Komponisten Wayne Shorter. Dieses zweite große Quintett, das von 1964 bis 1968 bestand, war eine Gruppe von Visionären. Sie dekonstruierten Standards und schufen mit Shorters Kompositionen eine neue Form des Jazz, die harmonisch und rhythmisch komplex war. Alben wie „E.S.P.“ (1965) und „Nefertiti“ (1967) dokumentieren eine telepathische Interaktion, bei der die Grenzen zwischen Solo und Begleitung verschwammen. Die Band spielte mit einer Freiheit, die an den von Davis eigentlich abgelehnten Free Jazz grenzte, behielt aber stets eine innere Struktur.
Ende der 1960er-Jahre spürte Davis, dass sich die musikalische Landschaft veränderte. Rock- und Funkmusik von Künstlern wie Jimi Hendrix und Sly Stone dominierte die Jugendkultur. Angetrieben von seiner damaligen Frau Betty Mabry, begann Davis, mit elektrischen Instrumenten zu experimentieren. Das Fender-Rhodes-Piano, die E-Gitarre und der E-Bass hielten Einzug in seine Musik. Die Alben „Miles in the Sky“ (1968) und „Filles de Kilimanjaro“ (1968) markieren diesen Übergang. Der endgültige Bruch mit dem akustischen Jazz kam mit „In a Silent Way“ (1969) und dem darauffolgenden Doppelalbum „Bitches Brew“ (1970). Mit einer vergrößerten Band, zu der Musiker wie Joe Zawinul, Chick Corea und John McLaughlin gehörten, schuf Davis eine dichte, rhythmische und hypnotische Klanglandschaft. Es war die Geburtsstunde des Jazzrock oder Fusion – ein kontroverser, aber immens einflussreicher Schritt, der Miles Davis einmal mehr an die Spitze der Avantgarde katapultierte.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Miles Davis geboren und wann starb er?
Miles Davis wurde am 26. Mai 1926 in Alton, Illinois, geboren. Er starb am 28. September 1991 im Alter von 65 Jahren in Santa Monica, Kalifornien, an den Folgen eines Schlaganfalls und einer Lungenentzündung.
Wofür ist Miles Davis bekannt?
Miles Davis ist bekannt als einer der wichtigsten und innovativsten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts. Er war eine Schlüsselfigur bei der Entwicklung mehrerer Jazz-Stile, darunter Bebop, Cool Jazz, Hard Bop, modalen Jazz und Fusion (Jazzrock).
Welche wichtigen Alben nahm Miles Davis auf?
Zu seinen bedeutendsten Alben gehören „Birth of the Cool“ (1957), das den Cool Jazz begründete, „Kind of Blue“ (1959), das Meisterwerk des modalen Jazz, und „Bitches Brew“ (1970), das als Gründungsdokument des Jazzrock gilt.
War Miles Davis verheiratet?
Ja, Miles Davis war mehrmals verheiratet. Seine bekanntesten Ehen waren die mit der Tänzerin Frances Taylor, der Sängerin Betty Mabry (Betty Davis) und der Schauspielerin Cicely Tyson. Er hatte insgesamt vier Kinder aus verschiedenen Beziehungen.
Woran starb Miles Davis?
Miles Davis starb am 28. September 1991 in Santa Monica, Kalifornien. Die offizielle Todesursache war eine Kombination aus einem Schlaganfall, einer Lungenentzündung und respiratorischem Versagen. Er wurde 65 Jahre alt.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Davis, M. & Troupe, Q. (1990). Miles. Die Autobiographie. Heyne.
- Szwed, J. (2002). So What: The Life of Miles Davis. Simon & Schuster.
- Chambers, J. (1998). Milestones: The Music and Times of Miles Davis. Da Capo Press.
- Cook, R. (2007). The Penguin Guide to Jazz Recordings. Penguin.