Freitag, 19. Juni 2026 · 201 Biografien · Lesezeit pro Beitrag 6–9 Min.
biografien-im-netz.de

Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Musik · Erzherzogtum Österreich, Österreich · 1797–1828

Franz Schubert: Meister des Liedes und der frühen Romantik

Ein Leben zwischen bürgerlicher Geselligkeit und einsamer Komposition, das in nur 31 Jahren ein Werk von unergründlicher Tiefe schuf

Aquarell von Wilhelm August Rieder aus dem Jahr 1825, das den Komponisten Franz Schubert mit Brille im Profil sitzend zeigt.
Franz Schubert: Meister des Liedes und der frühen Romantik · Wikimedia Commons · Franz Schubert · PD

Franz Schubert (31. Januar 1797 – 19. November 1828) war ein österreichischer Komponist an der Schwelle von der Wiener Klassik zur Romantik. In nur 31 Lebensjahren schuf er ein Werk von über 1.000 Kompositionen, darunter mehr als 600 Lieder, Sinfonien und Kammermusik, die seinen Nachruhm begründeten.

Im Salon der Familie Sonnleithner in Wien verstummen die Gespräche. Der Bariton Johann Michael Vogl, eine Berühmtheit der Hofoper, erhebt die Stimme, am Klavier begleitet ihn ein kleiner, untersetzter Mann mit runder Brille. Er spielt den „Erlkönig“, eine Komposition von solcher Dringlichkeit und dramatischer Wucht, dass die Zuhörer den Atem anhalten. Der Mann am Klavier ist Franz Schubert, und diese Abende, die bald als „Schubertiaden“ in die Musikgeschichte eingehen werden, bilden den Kern seines sozialen Lebens. Hier, im Kreis seiner Freunde, findet seine Musik ihr erstes Publikum. Es ist ein intimer Rahmen für ein Werk, dessen wahre Größe die Welt erst Jahrzehnte nach seinem frühen Tod erkennen sollte.

Sein Schaffen entfaltet sich in einem ständigen Spannungsfeld: zwischen dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und der Notwendigkeit des einsamen, fast manischen Komponierens. Er hinterließ ein gewaltiges Œuvre, das die Gattung des Kunstliedes neu definierte und den Weg für die musikalische Romantik ebnete.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1814 Gretchen am Spinnrade, D 118 Lied Gilt als Geburtsstunde des deutschen Kunstliedes.
1815 Erlkönig, D 328 Ballade Eine dramatische Miniaturoper für Stimme und Klavier.
1822 Sinfonie in h-Moll, D 759 Sinfonie Die „Unvollendete“, prägt durch ihre lyrische Tiefe die Sinfonik.
1823 Die schöne Müllerin, D 795 Liederzyklus Einer der ersten großen Liederzyklen der Musikgeschichte.
1824 Streichquartett Nr. 14 d-Moll, D 810 Kammermusik Bekannt als „Der Tod und das Mädchen“, ein Hauptwerk der Gattung.
1827 Winterreise, D 911 Liederzyklus Ein Gipfelpunkt des Liedschaffens von existenzieller Tiefe.
1828 Streichquintett in C-Dur, D 956 Kammermusik Eines seiner letzten Werke, vollendet Wochen vor seinem Tod.

Stimme und Konvikt: Die Wiener Lehrjahre

Geboren am 31. Januar 1797 in Himmelpfortgrund bei Wien, erhielt Franz Schubert ersten Musikunterricht vom Vater und vom lokalen Kapellmeister. Von 1808 bis 1812 war er Sängerknabe in der Wiener Hofmusikkapelle und Schüler im kaiserlichen Konvikt, wo er Kompositionsunterricht bei Antonio Salieri erhielt.

Das musikalische Talent zeigte sich früh. Der Vater, ein Lehrer, unterrichtete ihn im Violinspiel, der örtliche Organist Michael Holzer führte ihn in die Grundlagen des Kontrapunkts ein. Die entscheidende Weichenstellung erfolgte jedoch 1808 mit der Aufnahme in das kaiserliche Konvikt. Seine klare Sopranstimme sicherte ihm einen Platz als Sängerknabe. Das Konvikt war mehr als eine Schule. Es war ein musikalischer Kosmos. Hier spielte er als zweiter Violinist im Orchester die Sinfonien von Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart und sog die Sprache der Wiener Klassik in sich auf. Die strenge Ausbildung unter Hofkapellmeister Antonio Salieri, dem einstigen Lehrer Beethovens, legte das handwerkliche Fundament für sein späteres Schaffen. Salieri erkannte die Begabung, auch wenn er dem Schüler riet, sich von den Gedichten Goethes und Schillers fernzuhalten, die er für unkomponierbar hielt.

Schon in diesen Jahren begann Schubert unaufhörlich zu komponieren. Eine erste Klavierfantasie entstand 1810, gefolgt von Streichquartetten, die im familiären Kreis aufgeführt wurden. Der Vater spielte Cello, die Brüder Violine, Franz Schubert selbst saß an der Viola. Diese Hausmusik war das erste Laboratorium für seine kammermusikalischen Ideen. Doch die schulischen Leistungen litten unter der Leidenschaft für die Musik. Als 1813 seine Stimme brach und damit der Platz im Konvikt nicht mehr gesichert war, kehrte er ins Elternhaus zurück. Er stand vor einer Wahl, die sein Leben prägen sollte.

Zwischen Schulstube und Freundeskreis

Von 1814 bis 1818 arbeitete Schubert widerwillig als Schulgehilfe seines Vaters. In dieser Zeit komponierte er manisch, darunter über 150 Lieder im Jahr 1815. Sein Freundeskreis um Joseph von Spaun und Franz von Schober bot ihm künstlerischen und finanziellen Halt und ermöglichte ihm, den Lehrerberuf aufzugeben.

Mit Franz Schubert verbundenes Motiv, aufgenommen 1875
oilmedium QS:P186,Q296955 painting, After watercolormedium QS:P186,Q22915256 (1825), fotografiert von Wilhelm August Rieder. · Wikimedia Commons · PD

Der Weg in ein bürgerliches Leben schien vorgezeichnet. Er absolvierte eine Lehrerausbildung und trat eine Stelle als Hilfslehrer in der Schule seines Vaters an. Es waren Jahre der inneren Zerrissenheit. Der Schulalltag war ihm eine Last, eine Fessel für seinen kreativen Geist. Die Flucht war das Komponieren. Jeden freien Augenblick nutzte er, um seine Ideen auf Papier zu bringen. Die Produktivität dieser Jahre ist kaum fassbar. 1814 entstanden die Messe Nr. 1 in F-Dur und das Lied „Gretchen am Spinnrade“. Ein Jahr später, 1815, komponierte er unter anderem zwei Sinfonien, zwei Messen, mehrere Bühnenwerke und fast 150 Lieder, darunter Meisterwerke wie den „Erlkönig“. Er schrieb Musik wie andere Briefe. Oft entstanden mehrere Lieder an einem einzigen Tag.

Der Ausweg aus diesem ungeliebten Dasein kam durch seine Freunde. Joseph von Spaun, ein Schulkamerad aus dem Konvikt, und der wohlhabende und weltgewandte Franz von Schober erkannten sein Genie. Sie wurden zu seinen wichtigsten Förderern. Schober war es, der ihn überredete, die Lehrerstelle endgültig aufzugeben und in seine Wohnung zu ziehen. Dieser Freundeskreis, zu dem bald auch der Dichter Johann Mayrhofer, der Maler Moritz von Schwind und der Sänger Johann Michael Vogl stießen, wurde zu Schuberts sozialem und künstlerischem Zentrum. In den von Leopold von Sonnleithner organisierten „Schubertiaden“ wurden seine neuesten Lieder und Klavierstücke aufgeführt. Es waren gesellige Abende, die aber für Schubert überlebenswichtig waren. Sie gaben ihm die Bestätigung, die ihm von der offiziellen Musikwelt Wiens noch lange verwehrt blieb.

Ich fühle mich als den unglücklichsten, elendsten Menschen der Welt.

Die Grenzen der Bühne und die Krankheit

In den frühen 1820er-Jahren versuchte Schubert, sich als Opernkomponist zu etablieren. Seine Werke „Alfonso und Estrella“ (1822) und „Fierrabras“ (1823) wurden jedoch von den Theatern abgelehnt. Ende 1822 erkrankte er schwer, wahrscheinlich an Syphilis, was sein Leben und Schaffen nachhaltig überschattete.

Franz Schubert
Opening theme – Celli and Contrabasses (Werk von Franz Schubert). · Wikimedia Commons · PD

Trotz der Erfolge im kleinen Kreis sehnte sich Schubert nach öffentlicher Anerkennung und finanzieller Unabhängigkeit. Der sicherste Weg dorthin war die Opernbühne. Er investierte enorme Energie in große Bühnenwerke. Doch der erhoffte Durchbruch blieb aus. Seine Oper „Alfonso und Estrella“ fand keinen Intendanten, „Fierrabras“ wurde nach wenigen Proben abgesetzt. Die komplexen Libretti und seine auf lyrische Tiefe statt auf theatralischen Effekt zielende Musiksprache entsprachen nicht dem Geschmack des Wiener Publikums, das italienische Belcanto-Opern bevorzugte. Diese Misserfolge waren herbe Rückschläge.

Gleichzeitig verdüsterte sich sein Leben auf tragische Weise. Ende 1822 zeigten sich die ersten Symptome einer schweren Krankheit. Die Forschung geht heute weitgehend von einer Syphilis-Infektion aus. Ein Krankenhausaufenthalt 1823 brachte nur vorübergehende Linderung. Die Krankheit warf einen langen Schatten auf die verbleibenden Jahre. Ein Brief an seinen Freund Leopold Kupelwieser aus dem Frühjahr 1824 legt ein erschütterndes Zeugnis von seiner Verzweiflung ab. Doch inmitten dieser persönlichen Krise erreichte seine Musik eine neue Dimension der Tiefe und des Ausdrucks. Es entstanden Werke wie der Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ und das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“, in denen sich die Auseinandersetzung mit Leid, Verlust und Todessehnsucht widerspiegelt.

Die späten Zyklen und letzte Schaffensphase

In seinen letzten Lebensjahren von 1826 bis 1828 erreichte Schuberts Schaffen einen Höhepunkt. Er komponierte den Liederzyklus „Winterreise“ (1827), das Streichquintett C-Dur, die letzten drei Klaviersonaten und die „Große“ C-Dur-Sinfonie. Sein einziges öffentliches Konzert am 26. März 1828 war ein finanzieller Erfolg.

Die letzten Jahre im Leben von Franz Schubert waren von einer fast unbegreiflichen Schaffenskraft geprägt. Physisch geschwächt, komponierte er mit einer Intensität, als wüsste er um seine knappe Zeit. Die Werke dieser Phase sind Gipfelpunkte der abendländischen Musik. Der 1827 entstandene Liederzyklus „Winterreise“ ist ein Monolog der Verlassenheit und Entfremdung, der die Grenzen dessen, was mit Stimme und Klavier ausgedrückt werden kann, neu auslotet. Seine Freunde waren bei der ersten Aufführung schockiert von der düsteren Stimmung dieser Lieder. Schubert selbst soll nur gesagt haben: „Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen.“

Im letzten Lebensjahr 1828 vollendete er die Messe Nr. 6 in Es-Dur, die drei umfangreichen letzten Klaviersonaten (D 958–960) und das erhabene Streichquintett in C-Dur, dessen langsamer Satz wie eine Musik aus einer anderen Welt klingt. Diese Werke blicken weit in die Zukunft voraus. Die „Große“ C-Dur-Sinfonie, die er bereits 1825/26 konzipiert hatte, wurde zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt. Erst Robert Schumann entdeckte die Partitur zehn Jahre nach Schuberts Tod in Wien und sorgte für eine Uraufführung durch Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Am 19. November 1828 starb Franz Schubert, vermutlich an den Folgen einer Typhus-Infektion, geschwächt von seiner chronischen Krankheit. Er wurde nur 31 Jahre alt. Sein Grabstein trägt die von seinem Freund Franz Grillparzer verfasste Inschrift: „Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz, aber noch viel schönere Hoffnungen.“

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Franz Schubert geboren und wann starb er?

Franz Schubert wurde am 31. Januar 1797 in Himmelpfortgrund, einer Vorstadt von Wien, geboren. Er starb am 19. November 1828 im Alter von nur 31 Jahren in Wien an den Folgen einer akuten Infektionskrankheit, wahrscheinlich Typhus.

Wofür ist Franz Schubert bekannt?

Franz Schubert ist vor allem als Meister des Kunstliedes bekannt. Er komponierte über 600 Lieder, darunter die berühmten Zyklen „Die schöne Müllerin“ und „Winterreise“. Zudem schuf er bedeutende Werke in den Gattungen Sinfonie, Kammermusik und Klaviermusik.

Was waren die wichtigsten Werke von Franz Schubert?

Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Lieder „Erlkönig“ und „Gretchen am Spinnrade“, die Sinfonie in h-Moll („Unvollendete“), die „Große“ C-Dur-Sinfonie, das Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ sowie das Streichquintett in C-Dur und der Liederzyklus „Winterreise“.

Was war eine „Schubertiade“?

Eine „Schubertiade“ war eine musikalische und literarische Zusammenkunft im Freundeskreis von Franz Schubert in Wien. Bei diesen privaten Konzerten wurden seine neuesten Kompositionen, insbesondere Lieder und Klavierstücke, erstmals aufgeführt und diskutiert.

Woran starb Franz Schubert?

Die unmittelbare Todesursache war eine akute Infektionskrankheit, die als „Nervenfieber“ diagnostiziert wurde und heute als Typhus interpretiert wird. Sein Immunsystem war jedoch bereits durch eine chronische Syphilis-Erkrankung, an der er seit etwa 1822 litt, stark geschwächt.

Welchen Einfluss hatte Schubert auf die Musikgeschichte?

Schubert gilt als einer der ersten Komponisten der Romantik. Er erhob das Lied zu einer zentralen Kunstgattung und beeinflusste damit Komponisten wie Robert Schumann und Johannes Brahms. Sein harmonischer Reichtum und seine formale Freiheit prägten die Entwicklung der Musik im 19. Jahrhundert.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Deutsch, Otto Erich (1978). Franz Schubert: Thematisches Verzeichnis seiner Werke in chronologischer Folge (Neuausgabe in deutscher Sprache bearbeitet und herausgegeben von der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe und Werner Aderhold). Bärenreiter.
  • Hilmar, Ernst (2004). Franz Schubert. Rowohlt.
  • Dürr, Walther & Krause, Andreas (Hrsg.) (1997). Schubert-Handbuch. Bärenreiter.
Briefeditorial

Jeden Sonntag eine Biografie

Eine sorgfältig recherchierte Lebensgeschichte aus unserem Archiv — handverlesen, werbefrei, in Ihrem Postfach.

Kostenlos · jederzeit kündbar · Datenschutz