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Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Wissenschaft · Österreich, Schweden · † 1968

Lise Meitner: Die physikalische Erklärung der Kernspaltung

Eine Physikerin im Zentrum einer epochalen Entdeckung, die aus dem Exil die Welt der Wissenschaft veränderte und doch im Schatten ihres Kollegen blieb

Lise Meitner, Fotografie aus dem Jahr 1878
Lise Meitner: Die physikalische Erklärung der Kernspaltung · Wikimedia Commons · Smithsonian Institution · PD

Lise Meitner (1878–1968) war eine österreichisch-schwedische Kernphysikerin. Gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Frisch lieferte sie 1939 die erste physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung, die ihr langjähriger Kollege Otto Hahn experimentell nachgewiesen hatte. Ihre Forschungen zur Radioaktivität und Kernphysik prägten das Atomzeitalter maßgeblich.

Juli 1938. Die Luft in Berlin ist schwer von einer Ahnung, die längst zur Gewissheit geworden ist. Für die gefeierte Physikerin am Kaiser-Wilhelm-Institut ist die Stadt kein Zuhause mehr. Der „Anschluss“ Österreichs hat ihren Pass wertlos gemacht, ihre jüdische Herkunft zu einer tödlichen Gefahr. Am 13. Juli, mit nicht mehr als zehn Mark in der Tasche, besteigt sie einen Zug in Richtung der niederländischen Grenze. Der Chemiker Dirk Coster hat die Flucht organisiert, Otto Hahn ihr einen Diamantring seiner Mutter für den Notfall mitgegeben. An der Grenze hält ein SS-Trupp den Zug an. Minuten vergehen wie Stunden. Doch die Papiere werden geprüft, die Fahrt geht weiter. Meitner ist frei, aber sie lässt ihr Lebenswerk zurück, unwissend, dass die entscheidenden Experimente, die sie angestoßen hat, nur Monate später die Welt verändern werden.

Ihre Arbeit war die Grundlage für die Spaltung des Atoms, doch die höchste wissenschaftliche Anerkennung blieb ihr versagt. Die Geschichte von Lise Meitner ist die einer brillanten Forscherin, die sich gegen gesellschaftliche Widerstände durchsetzte und deren intellektueller Beitrag zu einer der größten Entdeckungen der Menschheit erst spät gewürdigt wurde.

Inhalt (5)
Jahre Position Institution Bedeutung
1901–1906 Studentin & Doktorandin Universität Wien Promotion als zweite Frau im Hauptfach Physik.
1907–1912 Forschende (unbezahlt) Chemisches Institut, Berlin Beginn der 30-jährigen Kollaboration mit Otto Hahn.
1913–1938 Wiss. Mitglied / Abteilungsleiterin Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie Entdeckung des Protactiniums (1917); Etablierung als führende Kernphysikerin.
1926–1933 Außerordentliche Professorin Friedrich-Wilhelms-Universität Deutschlands erste Professorin für Physik; Entzug der Lehrbefugnis 1933.
1938–1946 Forschende im Exil Nobel-Institut für Physik, Stockholm Veröffentlichung der theoretischen Erklärung der Kernspaltung (1939).
1947–1960 Leiterin der kernphys. Abteilung Königliche Technische Hochschule Stockholm Forschung und Engagement für die friedliche Nutzung der Kernenergie.

Ein Studium gegen die Konvention

Geboren am 7. November 1878 in Wien, wuchs Lise Meitner in einer liberalen jüdischen Familie auf. Da Mädchen der Zugang zu Gymnasien verwehrt war, bereitete sie sich privat auf die Matura vor, die sie 1901 ablegte. An der Universität Wien promovierte sie 1906 bei Franz Serafin Exner.

Die Welt, in die Elise Meitner hineingeboren wurde, sah für Frauen keinen Platz in der akademischen Forschung vor. Ihr Vater, der Hof- und Gerichtsadvokat Philipp Meitner, unterstützte den Wissensdurst seiner Tochter, riet ihr aber pragmatisch zu einem Lehrerinnen-Examen für Französisch – eine Absicherung. Doch Meitner strebte nach mehr. Sie eignete sich den Stoff der Oberstufe im Selbststudium an und bestand 1901 als eine von nur wenigen jungen Frauen die externe Reifeprüfung am Akademischen Gymnasium Wien. An der Universität Wien fand sie in Ludwig Boltzmann einen prägenden Lehrer, dessen Vorlesungen ihre Begeisterung für die Physik entfachten. Sie vertiefte sich in die aufkommende Erforschung der Radioaktivität. Ihre Dissertation „Wärmeleitung in inhomogenen Körpern“ schloss sie 1906 ab und wurde damit zur zweiten Frau, die an der Wiener Universität in Physik promovierte. Eine Bewerbung bei Marie Curie in Paris blieb erfolglos. Die Metropole der Forschung schien ihr zunächst verschlossen.

Die Entscheidung, nach Berlin zu gehen, war ein Wagnis. Sie wollte die Vorlesungen von Max Planck hören, dem Begründer der Quantentheorie. Preußen war noch konservativer als Österreich; Frauen durften erst ab 1909 offiziell studieren. Meitners Ankunft 1907 markierte den Beginn eines langen, steinigen Weges, der sie an die vorderste Front der physikalischen Forschung führen sollte.

Eine Holzwerkstatt in Berlin

Ab 1907 arbeitete Lise Meitner mit dem Chemiker Otto Hahn im Chemischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität. Zunächst unbezahlt und in einer ehemaligen Holzwerkstatt, durfte sie als Frau die Haupträume nicht betreten. 1913 wurde sie das erste weibliche wissenschaftliche Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.

Lise Meitner
Dr. Lise Meitner, Austrian physicist, three-quarter length portrait, fotografiert von Harris & Ewing. · Wikimedia Commons · PD

Die Arbeitsbedingungen waren rudimentär. Emil Fischer, der Direktor des Chemischen Instituts, gestattete ihre Anwesenheit nur unter der Bedingung, dass sie die Vorlesungs- und Experimentiersäle der männlichen Studenten mied. Ihre Forschung fand in einer umgebauten Holzwerkstatt im Keller statt, die sie durch einen separaten Eingang betreten musste. Hier begann die über drei Jahrzehnte andauernde, fruchtbare Zusammenarbeit mit Otto Hahn. Er war der intuitive Chemiker, sie die analytische Physikerin. Gemeinsam erforschten sie radioaktive Isotope und entdeckten mit der „Rückstoßmethode“ neue Nuklide. Ihre Partnerschaft war rein professionell und von gegenseitigem Respekt geprägt. Erst mit der Gründung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin-Dahlem 1912 verbesserten sich ihre Verhältnisse. Meitner erhielt eine feste Anstellung und leitete ab 1918 ihre eigene radiophysikalische Abteilung. Ein Meilenstein ihrer gemeinsamen Forschung war 1917 die Entdeckung des langlebigen Isotops Protactinium-231. 1926 wurde sie zur außerordentlichen Professorin ernannt – die erste für Physik in ganz Deutschland. Ihre wissenschaftliche Reputation war unbestritten; sie stand im Austausch mit den Größen ihrer Zeit, darunter Albert Einstein und Niels Bohr.

Ich liebe Physik, ich kann sie mir schwer aus meinem Leben wegdenken. Es ist so eine Art persönlicher Liebe, wie gegen einen Menschen, dem man sehr viel verdankt.

Die Deutung aus dem Exil

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Meitner 1933 die Lehrbefugnis entzogen. Sie setzte ihre Forschung am Kaiser-Wilhelm-Institut fort, bis sie im Juli 1938 nach Schweden floh. Im Dezember 1938 gelang Otto Hahn und Fritz Straßmann das entscheidende Experiment zur Kernspaltung.

Lise Meitner
Dr. Lise Meitner, Austrian physicist, three-quarter length portrait, fotografiert von Harris & Ewing. · Wikimedia Commons · PD

Die politische Katastrophe in Deutschland zerriss Meitners Leben. Als Österreicherin war sie zunächst durch ihre Staatsbürgerschaft geschützt, doch der „Anschluss“ im März 1938 machte sie zur deutschen Reichsbürgerin und damit zum direkten Ziel der Nürnberger Gesetze. Die Flucht wurde unausweichlich. Währenddessen gingen die Experimente in Dahlem weiter, die sie initiiert hatte. Gemeinsam mit Hahn und dem Chemiker Fritz Straßmann untersuchte sie die Produkte, die bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen entstanden. Die gängige Hypothese war, dass dabei schwerere Elemente, sogenannte Transurane, gebildet würden. Die chemischen Analysen von Hahn und Straßmann lieferten jedoch verblüffende Ergebnisse. Statt schwererer Elemente fanden sie Barium, ein Element, das nur etwa halb so schwer ist wie Uran. Hahn, der Chemiker, war ratlos. Im Dezember 1938 schrieb er einen Brief an die exilierte Lise Meitner in Stockholm und fragte, ob es eine physikalische Erklärung für dieses Zerplatzen geben könne.

Dieser Brief wurde zum Katalysator der Entdeckung. Über die Weihnachtsfeiertage diskutierte Meitner die rätselhaften Befunde mit ihrem ebenfalls geflohenen Neffen, dem Physiker Otto Frisch. Während eines Spaziergangs im Schnee entwickelten sie das revolutionäre Modell: Der Urankern war durch den Neutronenbeschuss nicht gespalten, sondern in zwei leichtere Kerne „zerplatzt“. Sie berechneten die dabei freiwerdende enorme Energiemenge anhand von Einsteins Formel E=mc². Der Begriff „nuclear fission“ (Kernspaltung) war geboren. Im Februar 1939 veröffentlichten Meitner und Frisch ihre physikalische Deutung in der Zeitschrift Nature, kurz nachdem Hahn und Straßmann ihre chemischen Ergebnisse publiziert hatten. Die Entdeckung war eine Gemeinschaftsleistung, doch die Geschichte sollte sie anders erzählen.

Anerkennung ohne Nobelpreis

Für die Entdeckung der Kernspaltung erhielt Otto Hahn 1944 allein den Nobelpreis für Chemie. Lise Meitner wurde trotz zahlreicher Nominierungen übergangen. Nach dem Krieg setzte sie sich als überzeugte Pazifistin kritisch mit der militärischen Nutzung der Kernenergie auseinander und lehnte eine Mitarbeit am Manhattan-Projekt ab.

Die Verleihung des Nobelpreises an Otto Hahn allein zementierte eine historische Ungenauigkeit. Die Gründe sind komplex: Hahns Distanzierung von seiner jüdischen Kollegin im Nachkriegsdeutschland, die Trennung von chemischem Experiment und physikalischer Theorie durch das Nobelkomitee und vielleicht auch die unbewusste Voreingenommenheit gegenüber einer Frau in der Wissenschaft. Lise Meitner selbst äußerte sich nie verbittert, schrieb aber in einem Brief: „Hahn hat den Nobelpreis für Chemie sicher voll verdient, da ist gar kein Zweifel. Aber ich glaube, daß Frisch und ich etwas nicht Unwesentliches zur Aufklärung des Uranspaltungsprozesses beigetragen haben.“ In den USA wurde sie nach 1945 zur „Mutter der Atombombe“ stilisiert, ein Etikett, das sie zutiefst ablehnte. Sie hatte sich bewusst gegen jede Beteiligung an der Waffenentwicklung entschieden. Stattdessen erhielt sie zahlreiche andere Auszeichnungen, darunter den Enrico-Fermi-Preis 1966, den sie gemeinsam mit Hahn und Straßmann entgegennahm – eine späte, symbolische Anerkennung ihrer zentralen Rolle. Sie blieb bis ins hohe Alter eine moralische Instanz in der Debatte um die Verantwortung der Wissenschaft. 1960 zog sie nach Cambridge, um in der Nähe ihres Neffen Otto Frisch zu sein. Dort starb sie am 27. Oktober 1968, wenige Monate nach Otto Hahn.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Lise Meitner geboren und wann starb sie?

Lise Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien, Österreich-Ungarn, geboren. Sie starb am 27. Oktober 1968 im Alter von 89 Jahren in Cambridge, Vereinigtes Königreich, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte.

Wofür ist Lise Meitner bekannt?

Lise Meitner ist vor allem für ihre entscheidende Rolle bei der Entdeckung und Interpretation der Kernspaltung bekannt. Gemeinsam mit Otto Frisch lieferte sie 1939 die erste physikalisch-theoretische Erklärung für die experimentellen Ergebnisse von Otto Hahn und Fritz Straßmann.

Warum erhielt Lise Meitner keinen Nobelpreis für die Kernspaltung?

Die Gründe sind vielschichtig. Das Nobelkomitee würdigte 1944 nur die chemische Entdeckung durch Otto Hahn. Meitners physikalische Deutung aus dem Exil wurde nicht berücksichtigt, was heute oft als eine der größten Fehlentscheidungen in der Geschichte des Preises angesehen wird.

Hatte Lise Meitner eine Familie?

Lise Meitner war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Sie widmete ihr Leben vollständig der Wissenschaft. Eine enge persönliche Beziehung verband sie mit ihrem Neffen, dem Physiker Otto Frisch, mit dem sie auch wissenschaftlich zusammenarbeitete.

Wie war Lise Meitners Haltung zur Atombombe?

Lise Meitner war eine überzeugte Pazifistin. Sie lehnte die militärische Nutzung ihrer Entdeckungen strikt ab und weigerte sich, am Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe mitzuarbeiten. Sie setzte sich nach dem Krieg für die friedliche Nutzung der Kernenergie ein.

Welches Element hat Lise Meitner mitentdeckt?

Lise Meitner entdeckte 1917 gemeinsam mit Otto Hahn das radioaktive Element Protactinium. Genauer gesagt isolierten sie das langlebigste Isotop, Protactinium-231. Das Element mit der Ordnungszahl 91 war ein wichtiger Schritt in der Erforschung der Zerfallsreihen.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Sime, Ruth Lewin (1996). Lise Meitner: A Life in Physics. University of California Press.
  • Rennert, David & Traxler, Tanja (2018). Lise Meitner: Pionierin des Atomzeitalters. Residenz Verlag.
  • Kerner, Charlotte (2013). Lise, Atomphysikerin: Die Lebensgeschichte der Lise Meitner. Beltz & Gelberg.
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