Fritz Haber (9. Dezember 1868 – 29. Januar 1934) war ein deutscher Chemiker und Nobelpreisträger. Er entwickelte die Ammoniaksynthese, die als Haber-Bosch-Verfahren die Grundlage für die industrielle Herstellung von Kunstdünger schuf. Im Ersten Weltkrieg war er maßgeblich für den Einsatz von Giftgas als Massenvernichtungswaffe verantwortlich.
Am Abend des 22. April 1915 stand ein Hauptmann der preußischen Armee an der Front bei Ypern und wartete auf den richtigen Wind. Er war kein Militär von altem Schrot und Korn. Er war Wissenschaftler. Unter seinem Kommando öffneten Pioniere die Hähne von 6.000 Stahlflaschen. Eine gelbgrüne Wolke aus 150 Tonnen Chlorgas kroch langsam über das Niemandsland auf die französischen und algerischen Stellungen zu. Der Mann, der diesen Einsatz persönlich überwachte, war der Chemiker Fritz Haber. Er hatte der Obersten Heeresleitung eine Waffe versprochen, die den festgefahrenen Stellungskrieg entscheiden sollte. Eine Waffe, die den Krieg verkürzen und damit, so seine Logik, Leben retten würde. An jenem Abend in Flandern begann die Geschichte der modernen Massenvernichtungswaffen. Ihr Architekt sollte Jahre später den Nobelpreis erhalten – für eine Entdeckung, die Millionen Menschen das Leben rettete.
Sein Name ist untrennbar mit dem größten Widerspruch des 20. Jahrhunderts verbunden. Fritz Haber schuf Brot aus der Luft und zugleich den Tod aus der Fabrik. Er war ein glühender deutscher Patriot, der für sein Land alles opferte und von diesem Land am Ende verstoßen wurde.
Inhalt (5)
| Jahre | Position | Institution | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1894–1911 | Assistent, später Professor | Technische Hochschule Karlsruhe | Habilitation; Entwicklung der Ammoniaksynthese |
| 1911–1933 | Gründungsdirektor | Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie | Aufbau eines weltweit führenden Forschungszentrums |
| 1914–1918 | Wissenschaftlicher Berater | Kriegsministerium | Leitung der Entwicklung und des Einsatzes von Giftgas |
| 1919 | Nobelpreisträger | Königlich Schwedische Akademie | Auszeichnung für die Ammoniaksynthese (für 1918) |
| 1925–1932 | Aufsichtsratsmitglied | I.G. Farben | Verbindung von Wissenschaft und Großindustrie |
| 1933 | Emigrant | Universität Cambridge | Kurze Tätigkeit nach der Flucht aus Deutschland |
Der Weg zur Synthese
Fritz Haber wurde am 9. Dezember 1868 in Breslau in eine jüdische Familie geboren. Er studierte Chemie in Berlin und Heidelberg, promovierte 1891 bei Carl Liebermann und habilitierte sich 1896 in Karlsruhe. Dort gelang ihm 1909 der Durchbruch bei der katalytischen Ammoniaksynthese bei hohem Druck.
Habers Herkunft war bürgerlich und assimiliert. Der Vater, Siegfried Haber, ein angesehener Kaufmann für Farben und Chemikalien, war ein pragmatischer Geschäftsmann, der für die künstlerischen und intellektuellen Neigungen seines Sohnes wenig Verständnis aufbrachte. Das Verhältnis blieb zeitlebens von Spannungen geprägt. Nach dem frühen Tod der Mutter wuchs Haber in einem Umfeld auf, das Leistung und gesellschaftliche Anerkennung hochhielt. Um die Barrieren zu überwinden, die ihm sein Judentum in den Weg stellten, konvertierte er 1892 zum Protestantismus. Es war ein pragmatischer Schritt, der ihm den Weg zu einer akademischen Karriere im preußisch-deutschen Staat ebnen sollte, eine Entscheidung, die viele seiner Zeitgenossen trafen.
Seine wissenschaftliche Laufbahn begann nach einigen kurzen, unbefriedigenden Stationen in der Industrie 1894 an der Technischen Hochschule Karlsruhe bei Hans Bunte. Hier fand er sein Feld: die physikalische Chemie und insbesondere die Elektrochemie. Er war ein unermüdlicher Arbeiter, dessen Ehrgeiz ihn antrieb. Sein Lehrbuch „Grundriß der technischen Elektrochemie auf theoretischer Grundlage“ von 1898 etablierte ihn in der Fachwelt. Die entscheidende Herausforderung seiner Zeit war die „Stickstofffrage“. Die wachsende Weltbevölkerung benötigte Dünger, doch die natürlichen Vorkommen von Salpeter waren begrenzt. Stickstoff aus der Luft, der zu 78 Prozent unsere Atmosphäre ausmacht, schien die Lösung. Doch dieses Element ist extrem reaktionsträge.
Haber nahm sich des Problems an. Er erforschte das Gleichgewicht von Stickstoff und Wasserstoff bei hohen Temperaturen und Drücken. Nach jahrelangen Experimenten fand er 1909 die Lösung: Mit einem Osmium-Katalysator gelang es ihm, bei 200 bar Druck und über 500 Grad Celsius Ammoniak in einer kontinuierlichen Reaktion zu synthetisieren. Es war der Durchbruch. Die BASF und der Ingenieur Carl Bosch skalierten das Verfahren für die industrielle Produktion. Das Haber-Bosch-Verfahren war geboren. Es ermöglichte die Massenproduktion von Kunstdünger. Brot aus der Luft. Ein Segen für die Menschheit.
Im Dienste des Reiches
Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 meldete sich Haber freiwillig. Er wurde wissenschaftlicher Berater im Kriegsministerium und organisierte die Produktion kriegswichtiger Chemikalien. Ab Ende 1914 leitete er die Entwicklung von Giftgas als Waffe und überwachte den ersten Einsatz am 22. April 1915 bei Ypern.

Der Kriegsausbruch verwandelte den Wissenschaftler in einen strategischen Kopf der Rüstungsindustrie. Die britische Seeblockade schnitt Deutschland von den chilenischen Salpeter-Importen ab, die für die Herstellung von Sprengstoff und Munition unerlässlich waren. Habers Ammoniaksynthese wurde zur Rettung. Das Verfahren, das die Welt ernähren sollte, ermöglichte nun die unbegrenzte Produktion von Explosivstoffen. Es verlängerte den Krieg um Jahre. Für Haber war dies kein Widerspruch, sondern patriotische Pflicht. Er sah sich als Soldat der Wissenschaft, der seinem Vaterland mit seinem besten Werkzeug diente: seinem Verstand.
Er wollte Deutschland dienen, doch das Deutschland, dem er diente, verstieß ihn am Ende.
Als der Stellungskrieg an der Westfront erstarrte, suchte die Oberste Heeresleitung unter Erich von Falkenhayn nach einer neuen Waffe. Haber schlug den Einsatz von Chlorgas vor. Er argumentierte, Gas würde den Krieg beschleunigen und so letztlich Leben schonen. Er ignorierte die Haager Landkriegsordnung, die den Einsatz von Giftgeschossen verbot, und organisierte eine Spezialtruppe, in der auch spätere Nobelpreisträger wie Otto Hahn und James Franck dienten. Er war kein Schreibtischtäter. Er reiste an die Front, wählte die Stellungen für die Gasflaschen aus und bestimmte den Zeitpunkt des Angriffs. Der Erfolg bei Ypern war aus militärischer Sicht verheerend und überzeugte die Heeresleitung. Haber wurde zum Hauptmann befördert und übernahm die Leitung des gesamten deutschen Gaskampfwesens. Er entwickelte noch tödlichere Substanzen wie Phosgen und Senfgas.
Dieser Dienst forderte einen hohen persönlichen Preis. Seine erste Frau, die Chemikerin Clara Immerwahr, eine überzeugte Pazifistin, litt unter der Arbeit ihres Mannes, die sie als „Perversion der Wissenschaft“ bezeichnete. Wenige Tage nach dem ersten Gasangriff bei Ypern und nach einem heftigen Streit mit ihrem Mann nahm sie sich am 2. Mai 1915 mit seiner Dienstwaffe das Leben. Am nächsten Morgen reiste Fritz Haber an die Ostfront, um den nächsten Gaseinsatz vorzubereiten.
Fritz Habers umstrittener Nobelpreis
Nach Kriegsende floh Fritz Haber kurzzeitig in die Schweiz, da er als Kriegsverbrecher gesucht wurde. Im November 1919 wurde ihm rückwirkend für 1918 der Nobelpreis für Chemie für die Ammoniaksynthese verliehen. Die Ehrung des „Vaters des Gaskriegs“ löste internationale Proteste aus.

Die Nachricht von der Preisverleihung traf die wissenschaftliche Gemeinschaft der Alliierten wie ein Schock. In Frankreich und Belgien galt Haber als Symbol deutscher Barbarei. Wissenschaftler erinnerten an seine Unterschrift unter dem „Manifest der 93“, das die deutsche Kriegsführung verteidigte. Doch das Nobelkomitee bewertete ausschließlich die wissenschaftliche Leistung der Ammoniaksynthese. In seiner Nobelpreisrede erwähnte Haber die militärische Nutzung seines Verfahrens mit keinem Wort. Er verteidigte den Gaskrieg bis an sein Lebensende als nicht grausamer als den konventionellen Krieg mit Artillerie. Verstümmelungen, so argumentierte er, seien seltener. Es war eine Rationalisierung, die die moralische Dimension ausblendete.
Zurück in Berlin leitete Haber wieder sein Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem, das zu einem Mekka der physikalischen Chemie wurde. Sein wöchentliches Kolloquium zog die besten Köpfe aus aller Welt an. Er war ein brillanter, geistreicher und oft auch satirischer Diskussionsleiter. Gleichzeitig versuchte er, seinem Land erneut zu helfen. Um die drückenden Reparationszahlungen des Versailler Vertrags zu begleichen, initiierte er ein geheimes Projekt zur Gewinnung von Gold aus Meerwasser. Sechs Jahre lang forschte er akribisch, verbesserte die Analysemethoden um ein Vielfaches, nur um am Ende festzustellen, dass die Goldkonzentration im Meerwasser viel zu gering war. Das Projekt scheiterte, doch es zeigte erneut seinen unbedingten Willen, der Wissenschaft einen praktischen Nutzen für Deutschland abzugewinnen.
Die Tragödie des Patrioten
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zwang das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ Haber, seine jüdischen Mitarbeiter zu entlassen. Aus Protest reichte er am 30. April 1933 sein Rücktrittsgesuch ein. Er ging ins Exil nach England und starb am 29. Januar 1934 in Basel.
Das Jahr 1933 zerstörte Habers Lebenswerk und seine Illusionen. Als Kriegsveteran wäre er selbst von den antijüdischen Gesetzen zunächst ausgenommen gewesen. Doch er weigerte sich, in einer Institution zu arbeiten, in der seine jüdischen Kollegen und Schüler keinen Platz mehr hatten. In seinem Rücktrittsschreiben an den Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Max Planck, erklärte er, er könne nicht nach einer mehr als vierzigjährigen Tradition, seine Mitarbeiter nach fachlicher und charakterlicher Qualifikation auszuwählen, nun nach ihrer Abstammung urteilen. Es war ein Akt der Integrität in einer Zeit, in der viele schwiegen. Er nutzte seine verbliebenen Kontakte, um seinen entlassenen Wissenschaftlern Stellen im Ausland zu vermitteln.
Sein eigenes Exil führte ihn zunächst nach Cambridge. Doch seine Gesundheit war bereits schwer angeschlagen. In diesen letzten Monaten kam es zu einer bemerkenswerten Annäherung an den Zionistenführer Chaim Weizmann, den er früher bekämpft hatte. Weizmann, selbst Chemiker, bot ihm eine leitende Position an einem neuen Forschungsinstitut in Palästina an, dem späteren Weizmann-Institut. Haber, der deutsche Patriot, der sich nie als Jude, sondern immer als Deutscher gefühlt hatte, nahm das Angebot an. Er plante, sich dort niederzulassen. Doch dazu kam es nicht mehr. Auf der Reise in den Süden starb Fritz Haber, gebrochen und einsam, in einem Hotel in Basel an Herzversagen. Sein Freund und Kollege Albert Einstein schrieb über ihn: „Es war die Tragödie des deutschen Juden, die Tragödie der unerwiderten Liebe.“ Nach seinem Tod hielt Max Planck eine Gedenkfeier für Haber ab – gegen den ausdrücklichen Willen der nationalsozialistischen Regierung. Es war ein leiser, aber mutiger Akt des Widerstands in der deutschen Wissenschaft, deren Ansehen Haber maßgeblich geprägt und zugleich beschädigt hatte. Die Geschichte seines Instituts zeugt von dieser komplexen Vergangenheit.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Fritz Haber geboren und wann starb er?
Fritz Haber wurde am 9. Dezember 1868 in Breslau, damals Teil Preußens, geboren. Er starb am 29. Januar 1934 im Alter von 65 Jahren in Basel, Schweiz, während er sich auf der Reise nach Palästina befand.
Wofür ist Fritz Haber bekannt?
Fritz Haber ist für zwei gegensätzliche Leistungen bekannt: Einerseits für die Entwicklung der Ammoniaksynthese (Haber-Bosch-Verfahren), die die Herstellung von Kunstdünger ermöglichte. Andererseits gilt er als Vater des modernen chemischen Krieges wegen seiner führenden Rolle beim Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg.
Was ist das Haber-Bosch-Verfahren?
Das Haber-Bosch-Verfahren ist ein industrieller Prozess zur synthetischen Herstellung von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff. Der von Fritz Haber 1909 entwickelte und von Carl Bosch zur industriellen Reife gebrachte Prozess ist die Grundlage für die Produktion von Stickstoffdünger und damit entscheidend für die moderne Landwirtschaft.
Welche Rolle spielte Fritz Haber im Ersten Weltkrieg?
Im Ersten Weltkrieg war Fritz Haber als Leiter der chemischen Abteilung im Kriegsministerium für die Entwicklung und den Einsatz von Giftgasen wie Chlor und Phosgen verantwortlich. Er organisierte den ersten großangelegten Gaseinsatz bei Ypern 1915 und trieb die chemische Kriegsführung maßgeblich voran.
Was ist über den Tod seiner ersten Frau Clara Immerwahr bekannt?
Clara Immerwahr, selbst promovierte Chemikerin und Pazifistin, lehnte die Beteiligung ihres Mannes an der Entwicklung von Chemiewaffen vehement ab. Wenige Tage nach dem ersten erfolgreichen Chlorgaseinsatz bei Ypern nahm sie sich am 2. Mai 1915 aus Protest das Leben.
Warum musste Fritz Haber Deutschland verlassen?
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde Haber aufgrund seiner jüdischen Herkunft durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ gezwungen, seine jüdischen Mitarbeiter zu entlassen. Aus Protest gegen dieses Gesetz trat er von allen Ämtern zurück und ging ins Exil.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Szöllösi-Janze, M. (1998). Fritz Haber: 1868–1934. Eine Biographie. C.H. Beck.
- Stoltzenberg, D. (2004). Fritz Haber: Chemist, Nobel Laureate, German, Jew. Chemical Heritage Foundation.
- Charles, D. (2005). Master Mind: The Rise and Fall of Fritz Haber, the Nobel Laureate Who Launched the Age of Chemical Warfare. Ecco.