Gabriel Fauré (12. Mai 1845 – 4. November 1924) war ein französischer Komponist, Organist und Musikpädagoge des Fin de siècle. Als einflussreicher Direktor des Pariser Konservatoriums reformierte er den Musikunterricht grundlegend. Sein Werk umfasst bedeutende Kammermusik, Liederzyklen wie „La Bonne Chanson“ und das Requiem op. 48.
In der Nähe von Pamiers, am Fuße der Pyrenäen, stand eine kleine Kapelle. In ihr befand sich ein Harmonium. Ein kleiner Junge, jüngstes von sechs Kindern eines Schulleiters, schlich sich oft dorthin, um auf dem Instrument zu spielen. Er hatte keine Noten, keinen Lehrer, nur sein Gehör und eine unbändige Neugier. Diese frühen, selbstentdeckten Harmonien bildeten das Fundament für ein musikalisches Schaffen, das die französische Musik an der Schwelle zur Moderne entscheidend prägen sollte. Der Junge war Gabriel Fauré. Seine musikalische Sprache blieb zeitlebens von dieser intimen, fast improvisatorischen Herangehensweise geprägt, einer Kunst des Andeutens, die mehr verbirgt als sie offenbart.
Sein Leben bewegte sich zwischen zwei Welten: dem liturgischen Halbdunkel der Orgelempore und dem gleißenden Licht der Pariser Salons. Er war ein Meister der kleinen Form, doch als Direktor des Konservatoriums ein unnachgiebiger Reformator. Diese Spannung durchzieht seine Kompositionen.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1877 | Violinsonate Nr. 1 A-Dur, op. 13 | Kammermusik | Erstes Meisterwerk; Saint-Saëns erklärte, Fauré trete damit in die Riege der Meister ein. |
| 1887 | Requiem, op. 48 | Geistliche Chormusik | Eines der meistaufgeführten Chorwerke, abseits der dramatischen Dies-irae-Tradition. |
| 1894 | La Bonne Chanson, op. 61 | Liederzyklus | Vertonung von Verlaine-Gedichten, gilt als Höhepunkt französischer Vokalmusik. |
| 1898 | Pelléas et Mélisande, op. 80 | Bühnenmusik | Bekannt durch die Orchester-Suite, insbesondere die zarte „Sicilienne“. |
| 1913 | Pénélope | Oper (Drame lyrique) | Faurés einzige große Oper, uraufgeführt im Théâtre des Champs-Élysées. |
| 1924 | Streichquartett e-Moll, op. 121 | Kammermusik | Sein letztes vollendetes Werk, im Zustand völliger Taubheit komponiert. |
Der Klang der Kapelle
Gabriel Fauré wurde am 12. Mai 1845 in Pamiers geboren. Sein musikalisches Talent zeigte sich früh am Harmonium einer Kapelle. 1854, mit nur neun Jahren, wurde er an der von Louis Niedermeyer gegründeten Schule für Kirchenmusik in Paris aufgenommen, wo er eine strenge Ausbildung erhielt.
Die musikalische Erziehung an der École Niedermeyer war auf die Liturgie ausgerichtet. Sie legte den Schwerpunkt auf den Gregorianischen Choral, die alten Kirchentonarten und die kontrapunktische Strenge eines Palestrina. Diese Fundamente durchdringen Faurés Harmonik, die sich zwar später weit von der reinen Diatonik entfernte, aber nie die Klarheit und logische Stimmführung verlor. Nach dem Tod Niedermeyers 1861 übernahm ein junger, brillanter Komponist die Klavierklasse: Camille Saint-Saëns. Er war nur zehn Jahre älter als sein Schüler Fauré. Zwischen Lehrer und Schüler entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Saint-Saëns öffnete Fauré die Türen zur zeitgenössischen Musik von Komponisten wie Robert Schumann und Franz Liszt, die im konservativen Lehrplan der Schule keinen Platz hatten. Diese Begegnung war entscheidend. Sie verband die alte Kirchenmusik mit der Harmonik der deutschen Romantik.
Fauré verließ die Schule 1865 als ausgezeichneter Organist und Komponist. Seine erste veröffentlichte Komposition, der „Cantique de Jean Racine“, entstand noch während seiner Schulzeit und deutet bereits jene fließende Melodik und schwebende Harmonik an, die sein späteres Werk auszeichnen. Es war der Beginn eines langen Weges. Ein Weg, der ihn zunächst auf die Orgelbänke der französischen Provinz führte.
Organist in den Salons von Paris
Nach Stationen in Rennes kehrte Fauré 1870 nach Paris zurück. Er diente im Deutsch-Französischen Krieg und zählte 1871 zu den Gründungsmitgliedern der Société Nationale de Musique. Seine Karriere als Organist, Chorleiter und Lehrer sicherte ihm ein bescheidenes Einkommen, während er abends als Improvisator glänzte.

Das Leben des Komponisten war ein beständiger Spagat. Tagsüber saß er an der Orgel, zunächst in Saint-Sulpice, später als Titularorganist an der prestigeträchtigen La Madeleine. Die Organistenstellen waren schlecht bezahlt, weshalb er zusätzlich privaten Klavierunterricht gab. Abends jedoch trat er in eine andere Welt ein: die der Pariser Salons. Durch die Vermittlung von Saint-Saëns wurde er 1872 in den Kreis der Familie Viardot eingeführt, einem Zentrum des intellektuellen Lebens. Hier traf er auf Persönlichkeiten wie Iwan Turgenjew, Gustave Flaubert und George Sand. Er war ein gern gesehener Gast, nicht nur wegen seiner eleganten Erscheinung, sondern vor allem wegen seiner Kunst der Improvisation am Klavier.
In diesem Umfeld entstand ein Großteil seiner frühen Kammermusik und Lieder. Die Uraufführung seiner ersten Violinsonate op. 13 im Jahr 1877, deren Manuskript vom Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel gedruckt wurde, markierte einen Wendepunkt. Saint-Saëns selbst konstatierte, sein ehemaliger Schüler habe sich damit in die Riege der Meister eingereiht. Dennoch blieb die große öffentliche Anerkennung aus. Die französische Musikwelt war polarisiert durch den „Wagnerisme“, die alles überstrahlende Wirkung Richard Wagners. Auch Fauré reiste nach Bayreuth und München, um dessen Opern zu erleben, doch seine eigene musikalische Sprache entwickelte sich in eine entgegengesetzte Richtung: zur Intimität, zur Zurückhaltung, zur Andeutung.
Seine Musik zeichnet sich durch parfümfreien Charme und gebändigte Melancholie aus.
Der Reformator des Konservatoriums
Ab 1892 stieg Fauré in der offiziellen Hierarchie auf: Er wurde Inspektor für den Musikunterricht, 1896 Professor für Komposition am Pariser Konservatorium als Nachfolger von Jules Massenet. 1905 folgte seine Ernennung zum Direktor der Institution, was einen erheblichen Skandal auslöste.

Die Ernennung zum Direktor war ein Affront für das Establishment. Fauré hatte selbst nie am Konservatorium studiert, sondern an der als weniger prestigeträchtig geltenden École Niedermeyer. Seine Berufung war das Resultat einer Affäre um den Prix de Rome, bei dem sein hochtalentierter Schüler Maurice Ravel mehrfach durchgefallen war, was den Reformbedarf der verkrusteten Institution offenbarte. Fauré nutzte seine Macht für eine grundlegende Modernisierung des Lehrplans. Er öffnete das Studium für zeitgenössische Werke, auch für die Musik Richard Wagners, und legte Wert auf eine breitere musikalische Bildung. Die alte Garde der Professoren war entsetzt und beschimpfte ihn hinter vorgehaltener Hand als „Robespierre“.
Seine Tätigkeit als Direktor ließ ihm wenig Zeit für das eigene Schaffen. Dennoch entstanden in dieser Zeit bedeutende Werke, darunter die Oper „Pénélope“ (1913) und zahlreiche Liederzyklen. Er unterrichtete eine ganze Generation von Komponisten, die die französische Musik des 20. Jahrhunderts prägen sollten, darunter neben Ravel auch George Enescu und die einflussreiche Pädagogin Nadia Boulanger. Seine Lehre war geprägt von Offenheit. Er zwang seinen Schülern keinen Stil auf, sondern ermutigte sie, ihre eigene Stimme zu finden. Ab 1903 schrieb er zudem Musikkritiken für die Zeitung „Le Figaro“ und wurde so zu einer zentralen Autorität im französischen Musikleben.
Gabriel Faurés späte Jahre: Komponieren in der Stille
Etwa ab 1903 bemerkte Gabriel Fauré eine fortschreitende Verschlechterung seines Gehörs. Bis 1920 war er vollständig taub, was ihn zum Rücktritt als Direktor des Konservatoriums zwang. Trotz dieses Schicksals komponierte er bis zu seinem Tod weiter, darunter einige seiner kühnsten Kammermusikwerke.
Die fortschreitende Taubheit veränderte sein Leben, aber nicht seinen Schaffensdrang. Die äußere Welt verklang für ihn, doch die innere Welt der Töne wurde umso reicher und komplexer. In völliger Stille schuf er seine späten Meisterwerke: zwei Cellosonaten, das Klaviertrio op. 120 und als letztes vollendetes Werk das Streichquartett op. 121, seine einzige Komposition in dieser Gattung. Diese späten Werke sind von einer radikalen Reduktion und einer konzentrierten, fast vergeistigten Sprache geprägt. Die Harmonik ist kühner, die Melodik löst sich von der sanglichen Kantilene seiner früheren Jahre. Es ist eine Musik des Abschieds, die nach innen lauscht.
Sein Privatleben war ebenfalls von einer stillen Komplexität geprägt. 1883 heiratete er Marie Frémiet, die Tochter eines Bildhauers, mit der er zwei Söhne hatte, Emmanuel und den späteren Schriftsteller Philippe. Die Ehe scheint eher eine Konvention gewesen zu sein. Ab etwa 1900 bis zu seinem Tod unterhielt er eine offene, langjährige Beziehung mit der Pianistin Marguerite Hasselmans. Gabriel Fauré starb am 4. November 1924 in Paris an den Folgen einer Lungenentzündung. Er erhielt ein Staatsbegräbnis in der Kirche La Madeleine, wo er so lange als Organist gewirkt hatte. Bei der Trauerfeier wurde sein eigenes Requiem aufgeführt, ein Werk, das den Tod nicht als Schreckensvision, sondern als sanfte Erlösung darstellt – eine treffende Beschreibung seiner Kunst. Seine Partituren und Werke bleiben ein Zeugnis dieser musikalischen Stimme.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Gabriel Fauré geboren und wann starb er?
Gabriel Fauré wurde am 12. Mai 1845 in Pamiers, einer kleinen Stadt am Fuße der Pyrenäen in Frankreich, geboren. Er starb im hohen Alter von 79 Jahren am 4. November 1924 in Paris an den Folgen einer Lungenentzündung.
Wofür ist Gabriel Fauré bekannt?
Gabriel Fauré ist bekannt für seine subtile und harmonisch reiche Musik des Fin de siècle. Zu seinen berühmtesten Werken zählen das Requiem op. 48, der Liederzyklus „La Bonne Chanson“ und zahlreiche kammermusikalische Stücke, die die französische Musik nachhaltig prägten.
Welche sind die wichtigsten Werke von Gabriel Fauré?
Zu seinen zentralen Werken gehören das Requiem op. 48 (1887), die Oper „Pénélope“ (1913), die Bühnenmusik zu „Pelléas et Mélisande“ (1898) sowie zahlreiche Klavierstücke wie die „Nocturnes“ und Kammermusik, darunter zwei stilprägende Violinsonaten und ein spätes Streichquartett.
Hatte Gabriel Fauré eine Familie?
Ja, Gabriel Fauré heiratete 1883 Marie Frémiet, mit der er zwei Söhne hatte: Emmanuel und Philippe, der später eine Biografie über seinen Vater verfasste. Ab 1900 bis zu seinem Tod pflegte er zudem eine langjährige Beziehung zur Pianistin Marguerite Hasselmans.
Welchen Einfluss hatte Gabriel Fauré auf die Musikgeschichte?
Fauré gilt als Brückenfigur zwischen der Spätromantik und dem Impressionismus. Seine innovative Harmonik beeinflusste viele nachfolgende Komponisten. Als Lehrer am Pariser Konservatorium prägte er eine ganze Generation, darunter Schlüsselfiguren wie Maurice Ravel und Nadia Boulanger.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Nectoux, J.-M. (2013). Fauré: seine Musik – sein Leben; »Die Stimmen des Clair-obscur«. Bärenreiter.
- Jost, P. (Hrsg.). (1996). Gabriel Fauré. Werk und Rezeption. Mit Werkverzeichnis und Bibliographie. Bärenreiter.
- Duchen, J. (2000). Gabriel Fauré. Phaidon Press.