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Musik · Deutschland, Hamburg · 1809–1847

Felix Mendelssohn Bartholdy: Dirigent, Komponist, Erneuerer

Ein Wunderkind, das Bach wiederentdeckte, mit 17 eine vollendete Ouvertüre schrieb und das Musikleben Leipzigs für immer veränderte

Felix Mendelssohn Bartholdy, Fotografie aus dem Jahr 1833
Felix Mendelssohn Bartholdy: Dirigent, Komponist, Erneuerer · Wikimedia Commons · Eduard Magnus · PD

Felix Mendelssohn Bartholdy (3. Februar 1809 – 4. November 1847) war ein deutscher Komponist, Pianist und Dirigent der Romantik. Er gilt als Mitbegründer der historischen Musikpflege durch seine Wiederaufführung von Bachs Matthäus-Passion 1829 und prägte als Gewandhauskapellmeister das Musikleben in Leipzig nachhaltig. 1843 gründete er dort das erste deutsche Konservatorium.

Am 11. März 1829 stand ein zwanzigjähriger Mann vor der Sing-Akademie zu Berlin. Das Orchester war versammelt. Die Partitur vor ihm galt als unspielbar, ihr Schöpfer war fast vergessen. An diesem Tag dirigierte der junge Felix Mendelssohn Bartholdy die erste Wiederaufführung von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion seit dessen Tod. Es war mehr als ein Konzert. Es war die Wiedergeburt eines Giganten und die Geburtsstunde eines neuen musikalischen Bewusstseins, das die Vergangenheit nicht als abgeschlossen, sondern als lebendigen Quellgrund begriff. Mendelssohn, das einstige Wunderkind, das mit Goethe diskutiert und mit siebzehn die vollendete „Sommernachtstraum“-Ouvertüre komponiert hatte, wurde an diesem Tag zum Archivar und Erneuerer der deutschen Musik zugleich.

Sein Leben verlief in einer Geschwindigkeit, die seiner Musik entsprach: brillant, formvollendet, doch von einer inneren Unruhe getrieben. Er war Organisator, Gründer, Dirigent und Komponist in einer Person, ein Fixstern des bürgerlichen Musiklebens, dessen früher Tod mit nur 38 Jahren eine Epoche beendete, die er selbst entscheidend geformt hatte.

Inhalt (6)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1826 Ouvertüre zu „Ein Sommernachtstraum“, op. 21 Konzertouvertüre Ein Meisterwerk an formaler Perfektion und orchestraler Farbe, komponiert im Alter von 17 Jahren.
1830–1842 Hebriden-Ouvertüre, op. 26 Konzertouvertüre Inspiriert von einer Schottlandreise; gilt als eines der ersten musikalischen Tongedichte.
1833 Sinfonie Nr. 4 A-Dur, op. 90 „Italienische“ Sinfonie Fängt die Atmosphäre Italiens ein; berühmt für den stürmischen Schlusssatz, einen Saltarello.
1836 Paulus, op. 36 Oratorium Sein erstes großes Oratorium, das seinen Ruf als Erneuerer der geistlichen Musik festigte.
1839–1845 Lieder ohne Worte Klavierstücke Acht Bände lyrischer Klavierstücke, die das Genre prägten und enorme Popularität erlangten.
1844 Violinkonzert e-Moll, op. 64 Solokonzert Eines der zentralen Werke des romantischen Violinkonzerts, bekannt für seine nahtlosen Übergänge.
1846 Elias, op. 70 Oratorium Sein letztes großes Werk, das bei der Uraufführung in Birmingham triumphale Erfolge feierte.

Das Berliner Wunderkind und der alte Goethe

Geboren am 3. Februar 1809 in Hamburg, wuchs Felix Mendelssohn Bartholdy in einer wohlhabenden, hochkultivierten Berliner Familie auf. Er erhielt zusammen mit seiner Schwester Fanny eine exzellente musikalische Ausbildung, unter anderem bei Carl Friedrich Zelter. Bereits als Jugendlicher komponierte er auf höchstem Niveau und traf 1821 Johann Wolfgang von Goethe.

Das Haus der Mendelssohns in der Leipziger Straße 3 in Berlin war ein geistiges Zentrum. Hier verkehrten Gelehrte, Künstler und Musiker. Der Vater Abraham, ein erfolgreicher Bankier und Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn, ermöglichte seinen Kindern eine umfassende Bildung, die weit über das Musikalische hinausging. Die Familie war jüdischer Herkunft, doch die Eltern ließen ihre Kinder 1816 protestantisch taufen und fügten dem Familiennamen den Zusatz „Bartholdy“ hinzu. Sie selbst konvertierten 1822. Diese Assimilation war Teil einer bürgerlichen Strategie, die den Kindern den Weg in die preußische Gesellschaft ebnen sollte.

Felix war ein Phänomen. Mit neun Jahren trat er öffentlich als Pianist auf, mit zwölf hatte er bereits mehrere Singspiele, Sinfonien und Kammermusikwerke geschaffen. Seine musikalische Entwicklung verlief parallel zu der seiner vier Jahre älteren Schwester Fanny, einer ebenfalls hochbegabten Pianistin und Komponistin. Ihre enge künstlerische und persönliche Bindung hielt ein Leben lang, auch wenn die gesellschaftlichen Konventionen ihr eine professionelle Karriere verwehrten. Die sonntäglichen Hauskonzerte, bei denen professionelle Musiker aus der Hofkapelle die neuesten Werke des jungen Felix aufführten, erlangten weithin Bekanntheit.

Ein entscheidender Moment war die Reise nach Weimar im Jahr 1821. Sein Lehrer Carl Friedrich Zelter, ein Freund Goethes, stellte ihm den Dichterfürsten vor. Der zwölfjährige Felix spielte dem 72-jährigen Goethe Werke von Bach vor, improvisierte und beeindruckte den alten Meister tief. Goethe erkannte das Genie. Er sah in ihm die Vollendung dessen, was Mozart als Wunderkind begonnen hatte. Diese Anerkennung durch die höchste literarische Autorität Deutschlands war für den jungen Komponisten eine prägende Bestätigung seines Weges.

Bachs Passion und die neue Musikpflege

Am 11. März 1829 leitete Mendelssohn in der Sing-Akademie zu Berlin die erste Wiederaufführung von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion seit dessen Tod 1750. Dieses Ereignis, gegen den anfänglichen Widerstand seines Lehrers Zelter durchgesetzt, löste die Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert aus und etablierte eine neue Form der historischen Musikpflege.

Felix Mendelssohn Bartholdy
Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1840), deutscher Komponist. Lithographie von Rudolf Hoffmann, fotografiert von Rudolf Hoffmann (1820-1882). · Wikimedia Commons · PD

Die Musik von Johann Sebastian Bach war um 1820 nur noch wenigen Kennern ein Begriff. Seine großen Chorwerke galten als veraltet und zu komplex für den modernen Konzertbetrieb. Doch Mendelssohn, der durch seine Großmutter eine Abschrift der Matthäus-Passion besaß, brannte für dieses Werk. Er sah darin nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein lebendiges, spirituelles Drama von universeller Gültigkeit. Gemeinsam mit dem Schauspieler Eduard Devrient, der die Christus-Partie sang, bereitete er die Aufführung akribisch vor.

Es war ein Wagnis. Mendelssohn musste die Partitur kürzen und die Besetzung an die verfügbaren Instrumente anpassen, um das Publikum nicht zu überfordern. Er selbst leitete die Aufführung vom Hammerflügel aus. Der Erfolg war überwältigend. Prominente wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Heinrich Heine saßen im Publikum. Die Aufführung musste zweimal wiederholt werden und löste eine Welle der Begeisterung für Bach in ganz Deutschland aus. Mendelssohn hatte bewiesen, dass die Musik der Vergangenheit nicht museal, sondern auf der modernen Bühne relevant sein konnte. Er wurde damit zum Mitbegründer dessen, was heute historische Aufführungspraxis genannt wird. Er verstand es, das Alte für das Neue fruchtbar zu machen.

Europas Bühnen und die Hebriden

Zwischen 1829 und 1832 unternahm Mendelssohn eine ausgedehnte Bildungsreise, die ihn nach England, Schottland, Italien und Frankreich führte. In London feierte er Triumphe als Pianist und Dirigent. Die raue Landschaft Schottlands, insbesondere die Fingalshöhle auf der Insel Staffa, inspirierte ihn 1830 zur Komposition seiner berühmten Hebriden-Ouvertüre.

Felix Mendelssohn Bartholdy
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), German composer, pianist and organist, fotografiert von Theodor Hildebrandt. · Wikimedia Commons · PD

Die Reisen waren für seine künstlerische Entwicklung von unschätzbarem Wert. England wurde zu seiner zweiten Heimat. Das britische Publikum empfing ihn mit einer Begeisterung, die ihm in Deutschland manchmal versagt blieb. Er dirigierte die London Philharmonic Society, spielte Orgel in der St. Paul’s Cathedral und verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Seine Musik, eine Synthese aus klassischer Klarheit und romantischer Empfindsamkeit, traf den Geschmack des viktorianischen Zeitalters perfekt.

Seine Wiederaufführung der Matthäus-Passion war kein Konzert, sondern ein kulturhistorischer Wendepunkt.

Die Reise durch Schottland im Sommer 1829 hinterließ die tiefsten Spuren. Das Düstere, Nebelverhangene der Highlands und der Anblick der basalen Felsformationen der Fingalshöhle auf der unbewohnten Insel Staffa wurden zum musikalischen Erlebnis. Noch vor Ort notierte er die ersten Takte der Hebriden-Ouvertüre, einem Werk, das die Bewegung der Wellen und die majestätische Einsamkeit des Ortes in Töne fasst. Johannes Brahms nannte es später ein Meisterwerk der musikalischen Landschaftsmalerei. Während die anschließende Zeit in Italien ihm die Inspiration für die heitere „Italienische“ Sinfonie lieferte, blieb die Begegnung mit der Pariser Musikszene distanziert. Er schätzte zwar Musiker wie Frédéric Chopin und Franz Liszt, fremdelte aber mit dem Pomp der französischen Grand opéra von Komponisten wie Giacomo Meyerbeer.

Die Leipziger Jahre: Felix Mendelssohn Bartholdy als Gewandhauskapellmeister

1835 wurde Felix Mendelssohn Bartholdy zum Kapellmeister des Gewandhausorchesters in Leipzig ernannt. Er reformierte den Konzertbetrieb, etablierte das Orchester als eines der führenden in Europa und gründete 1843 das erste deutsche Konservatorium. Leipzig wurde unter seiner Ägide zum musikalischen Zentrum Deutschlands.

Die Leipziger Position bot ihm die ideale Plattform, um seine Visionen umzusetzen. Er war nicht nur Dirigent, sondern ein umfassender Musikmanager. Er erhöhte die Gehälter der Musiker, erweiterte das Repertoire und setzte sich für die Werke von Zeitgenossen wie Robert Schumann ein. Seine Probenarbeit war bekannt für ihre Präzision und ihren Respekt vor der Partitur. Er etablierte den Taktstock als zentrales Werkzeug des Dirigenten und formte einen Orchesterklang von bis dahin unerreichter Homogenität und Brillanz. Die Gewandhauskonzerte wurden unter seiner Leitung zu einem gesellschaftlichen Ereignis von nationaler Bedeutung.

In Leipzig fand er auch sein privates Glück. 1837 heiratete er Cécile Jeanrenaud, die Tochter eines hugenottischen Pfarrers, mit der er fünf Kinder hatte. Die Jahre in Leipzig waren seine produktivsten. Hier vollendete er das Oratorium „Paulus“, das Violinkonzert in e-Moll für seinen Freund, den Geiger Ferdinand David, und große Teile des Oratoriums „Elias“. Die Gründung des Leipziger Konservatoriums im Jahr 1843 war die Krönung seines institutionellen Schaffens. Er schuf eine Ausbildungsstätte, die auf Professionalität, umfassender Bildung und der Verbindung von Tradition und Fortschritt basierte. Sie wurde zum Vorbild für Musikhochschulen weltweit.

Die letzten Jahre und der frühe Tod

Die letzten Lebensjahre waren von einer enormen Arbeitsbelastung zwischen seinen Pflichten in Leipzig und einem ungeliebten Amt in Berlin geprägt. Der plötzliche Tod seiner Schwester Fanny Hensel im Mai 1847 stürzte ihn in eine tiefe Krise. Er starb nur wenige Monate später, am 4. November 1847, im Alter von 38 Jahren in Leipzig an den Folgen mehrerer Schlaganfälle.

König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen hatte Mendelssohn 1841 nach Berlin berufen, um das dortige Musikleben zu reformieren. Doch das Projekt scheiterte an höfischen Intrigen und dem Widerstand der etablierten Kreise. Mendelssohn fühlte sich in der preußischen Hauptstadt nie wohl und kehrte 1845 erleichtert nach Leipzig zurück. Die ständige Pendelei und die Doppelbelastung hatten seine Gesundheit untergraben. Er litt an Erschöpfungszuständen und starken Kopfschmerzen. Er war ausgebrannt.

Die Nachricht vom Tod seiner Schwester Fanny, die während der Leitung einer Chorprobe einen Schlaganfall erlitten hatte, traf ihn vernichtend. Sie war sein musikalischer Zwilling, seine engste Vertraute. Ihr Verlust raubte ihm die letzte Kraft. Nach einer Reise in die Schweiz, die ihm Linderung verschaffen sollte, kehrte er nach Leipzig zurück, wo sich sein Zustand rapide verschlechterte. Nach mehreren Schlaganfällen starb Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Tod löste in ganz Europa Trauer aus. Mit ihm verlor die Musikwelt eine ihrer prägendsten und zugleich integren Persönlichkeiten, einen Künstler, der die Brücke zwischen Klassik und Romantik schlug wie kein Zweiter. Sein umfangreiches Werkverzeichnis zeugt von einer schöpferischen Kraft, die in nur wenigen Jahrzehnten ein ganzes Jahrhundert prägte.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Felix Mendelssohn Bartholdy geboren und wann starb er?

Felix Mendelssohn Bartholdy wurde am 3. Februar 1809 in Hamburg geboren. Er starb im Alter von nur 38 Jahren am 4. November 1847 in Leipzig an den Folgen mehrerer Schlaganfälle, nur wenige Monate nach dem Tod seiner Schwester Fanny.

Wofür ist Felix Mendelssohn Bartholdy bekannt?

Felix Mendelssohn Bartholdy ist bekannt für seine Wiederentdeckung von Johann Sebastian Bachs Musik, insbesondere durch die Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829. Als Komponist schuf er Meisterwerke wie die „Sommernachtstraum“-Musik und das Violinkonzert e-Moll.

Was war die Bedeutung der Wiederaufführung der Matthäus-Passion?

Die von Mendelssohn geleitete Aufführung war die erste seit Bachs Tod. Sie löste die sogenannte Bach-Renaissance aus und etablierte die Idee der historischen Musikpflege, also der bewussten Auseinandersetzung mit und Aufführung von Musik vergangener Epochen.

Welche Rolle spielte seine Schwester Fanny Hensel?

Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, war eine hochbegabte Komponistin und Pianistin und die engste Vertraute ihres Bruders Felix. Obwohl gesellschaftliche Normen ihre professionelle Karriere behinderten, war sie eine wichtige künstlerische Ratgeberin für ihn. Ihr plötzlicher Tod 1847 traf ihn schwer.

Welches sind die wichtigsten Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy?

Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Ouvertüre zu „Ein Sommernachtstraum“, das Violinkonzert e-Moll, die Sinfonien Nr. 3 („Schottische“) und Nr. 4 („Italienische“), die „Lieder ohne Worte“ für Klavier sowie die Oratorien „Paulus“ und „Elias“.

Woran starb Felix Mendelssohn Bartholdy?

Felix Mendelssohn Bartholdy starb an den Folgen mehrerer Schlaganfälle. Sein Gesundheitszustand war durch jahrelange Überarbeitung bereits geschwächt. Der Schock über den plötzlichen Tod seiner Schwester Fanny im Mai 1847 gilt als unmittelbarer Auslöser für seine rapide gesundheitliche Verschlechterung.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Todd, R. Larry (2003). Mendelssohn: A Life in Music. Oxford University Press.
  • Elvers, Rudolf (1994). Felix Mendelssohn Bartholdy: Briefe. S. Fischer Verlag.
  • Kupferberg, Herbert (1972). The Mendelssohns: Three Generations of Genius. Charles Scribner's Sons.
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