Freitag, 19. Juni 2026 · 201 Biografien · Lesezeit pro Beitrag 6–9 Min.
biografien-im-netz.de

Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Literatur · Deutschland · * 1942

Alice Schwarzer: Publizistin, Feministin, EMMA-Gründerin

Sie gab der deutschen Frauenbewegung eine Stimme, gründete das Magazin EMMA und prägt mit ihren Thesen die Debatten der Bundesrepublik

Alice Schwarzer, Fotografie aus dem Jahr 2010
Alice Schwarzer: Publizistin, Feministin, EMMA-Gründerin · Wikimedia Commons · Michael Lucan · CC-BY-SA

Alice Schwarzer (* 3. Dezember 1942) ist eine deutsche Journalistin, Publizistin und eine der bekanntesten Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung. Sie gründete 1977 die feministische Zeitschrift EMMA, deren Herausgeberin und Chefredakteurin sie über Jahrzehnte war. Ihre Bücher und Aktionen prägten die gesellschaftlichen Debatten der Bundesrepublik nachhaltig.

Februar 1975. Zwei Frauen sitzen in einem Fernsehstudio des Westdeutschen Rundfunks, ein unmoderiertes Streitgespräch. Auf der einen Seite Esther Vilar, Autorin des Buches „Der dressierte Mann“, die behauptet, Frauen unterdrückten die Männer. Ihr gegenüber eine junge Journalistin mit markanter Brille und unerbittlichem Blick: Alice Schwarzer. Das Duell wurde zu einem Schlüsselmoment des deutschen Fernsehens. Sie attackiert Vilars Thesen als „reaktionär“ und verteidigt die Anliegen der neuen Frauenbewegung mit einer Schärfe, die das Land spaltet. An diesem Abend wird eine öffentliche Person geboren. Sie wird die Debatten der Bundesrepublik für die nächsten Jahrzehnte prägen.

Ihre Stimme wurde zum Synonym für den Feminismus in Deutschland. Sie holte die Ideen von Simone de Beauvoir aus den Pariser Salons in die deutschen Wohnzimmer und machte aus dem privaten Leid von Frauen ein Politikum ersten Ranges.

Inhalt (5)
Jahr Titel / Ereignis Gattung Bedeutung
1971 Aktion „Wir haben abgetrieben!“ Politische Aktion Brachte das Thema § 218 auf die Titelseite des Stern und in die Mitte der Gesellschaft.
1975 Der kleine Unterschied und seine großen Folgen Sachbuch Analyse der Sexualität als Machtinstrument; wurde zum internationalen Bestseller.
1977 Gründung der Zeitschrift EMMA Zeitschrift Etablierung des wichtigsten feministischen Mediums im deutschsprachigen Raum.
1978 Klage gegen den „Stern“ Juristische Aktion Erste Anti-Sexismus-Klage in Deutschland, die eine Debatte über die Darstellung von Frauen in Medien auslöste.
1993 Eine tödliche Liebe. Petra Kelly und Gert Bastian Sachbuch Aufarbeitung des Todesfalls und der komplexen Beziehung des Grünen-Paares.
2011 Lebenslauf Autobiografie Erste umfassende Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Biografie und ihren Beziehungen.

Die Jahre in Paris: Ein politisches Erwachen

Von 1970 bis 1974 lebte die Journalistin als freie Korrespondentin in Paris. Sie studierte an der Universität Vincennes bei Michel Foucault, schloss Freundschaft mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre und wurde zu einer Initiatorin des Mouvement de Libération des Femmes (MLF).

Geboren am 3. Dezember 1942 in Wuppertal, wuchs Alice Schwarzer bei ihren Großeltern in einem atheistischen, politisch wachen Milieu auf. Nach einer kaufmännischen Ausbildung zog es sie 1963 nach Paris. Diese Stadt wurde zu ihrem intellektuellen Zuhause. Ab 1970 arbeitete sie dort als politische Korrespondentin und berichtete über die Nachwirkungen der 68er-Bewegung. An der experimentellen Universität Vincennes, die auch Studierenden ohne Abitur offenstand, belegte sie Kurse in Psychologie und Soziologie. Der Philosoph Michel Foucault zählte zu ihren Lehrern.

Die entscheidende Begegnung war jedoch die mit Simone de Beauvoir. Die Autorin von „Das andere Geschlecht“ wurde zu ihrer Mentorin und Freundin. Aus ihren Gesprächen zwischen 1971 und 1982 entstand später das Buch „Weggefährtinnen im Gespräch“. In Paris schloss sich Schwarzer dem neu gegründeten Mouvement de Libération des Femmes an. Dort erlebte sie die Kraft kollektiven Handelns. Als das Magazin „Le Nouvel Observateur“ am 5. April 1971 das Bekenntnis von 343 Frauen druckte, abgetrieben zu haben, erkannte sie das Potenzial dieser Aktion. Sie exportierte die Idee nach Deutschland. Am 6. Juni 1971 erschien im „Stern“ die von ihr initiierte Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben!“. 374 Frauen, darunter Romy Schneider und Senta Berger, bekannten sich öffentlich. Der Kampf gegen den Paragrafen 218 hatte ein Gesicht bekommen.

EMMA: Ein Magazin als Institution

Im Januar 1977 erschien die erste Ausgabe der von ihr gegründeten Zeitschrift EMMA. Schwarzer fungierte als Verlegerin und Chefredakteurin und machte das Magazin zum zentralen Organ der deutschen Frauenbewegung. Die Auflage war von Beginn an ein Erfolg.

Alice Schwarzer, Aufnahme aus dem Jahr 2022
Alice Schwarzer in WDR-Show Maischberger at 2022-11-29, fotografiert von Superbass. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Nach dem Bestseller „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ (1975), in dem sie die kulturelle Konstruktion von Sexualität analysierte, verfügte sie über das nötige Kapital. Sie wollte ein Medium schaffen, das feministische Themen dauerhaft in der Öffentlichkeit verankert. EMMA wurde dieses Medium. Der Name war eine ironische Anspielung auf „Emanzipation“. Das Magazin thematisierte von Beginn an Gewalt gegen Frauen, Pornografie, Lohnungleichheit und die Rolle von Frauen in der Politik. Es war streitbar, direkt und oft provokant.

Der Kampf muss immer auf einer kollektiven und einer individuellen Ebene zugleich geführt werden.

Die öffentliche Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. 1978 zog die Publizistin gemeinsam mit neun weiteren Frauen, darunter Inge Meysel und Margarethe von Trotta, gegen den „Stern“ und dessen Chefredakteur Henri Nannen vor Gericht. Sie klagten wegen der herabwürdigenden Darstellung von Frauen auf den Titelseiten des Magazins. Obwohl die Klage aus formalen Gründen abgewiesen wurde, gilt sie als die erste Anti-Sexismus-Klage in der Geschichte der Bundesrepublik. Sie löste eine fundamentale Debatte über Sexismus in den Medien aus. EMMA wurde zur publizistischen Heimat für Generationen von Feministinnen und ist es bis heute, auch wenn die Gründerin die Chefredaktion nominell abgegeben hat.

Alice Schwarzers Rolle in späteren Kontroversen

In späteren Jahren geriet die Publizistin zunehmend selbst in die Kritik. Ihre Berichterstattung im Kachelmann-Prozess für die „Bild“-Zeitung (2010–2011) und eine Steueraffäre im Jahr 2014 beschädigten ihr öffentliches Ansehen und führten zu scharfen Auseinandersetzungen mit anderen Medienschaffenden.

Alice Schwarzer, Aufnahme aus dem Jahr 2022
Alice Schwarzer in WDR-Show Maischberger at 2022-11-29, fotografiert von Superbass. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die Zusammenarbeit mit der „Bild“-Zeitung, die sie jahrzehntelang als frauenfeindlich kritisiert hatte, sorgte bereits 2007 für Irritationen. Ihre Prozessberichterstattung über den Wettermoderator Jörg Kachelmann, dem Vergewaltigung vorgeworfen wurde, wurde als einseitig und vorverurteilend kritisiert. Juristen und Journalisten warfen ihr vor, die Unschuldsvermutung zu missachten. Es kam zu mehreren juristischen Auseinandersetzungen, in denen Schwarzer Unterlassungserklärungen abgeben und Vergleiche schließen musste. Der Axel-Springer-Verlag wurde später wegen der Berichterstattung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Im Februar 2014 wurde durch einen Bericht des Magazins „Der Spiegel“ bekannt, dass die EMMA-Herausgeberin seit den 1980er-Jahren Steuern auf Kapitalerträge eines Schweizer Kontos hinterzogen hatte. Sie hatte 2013 eine Selbstanzeige erstattet und rund 200.000 Euro nachgezahlt. Da sich die Selbstanzeige als unvollständig erwies, wurde 2016 ein Strafbefehl gegen sie erlassen, der eine Strafzahlung im sechsstelligen Bereich nach sich zog. Sie selbst sah in der Veröffentlichung eine Kampagne, die mit ihrem Engagement gegen Prostitution zusammenhänge. Kritiker warfen ihr vor, sich als politisch Verfolgte zu inszenieren.

Das Private wird politisch

In ihrer Autobiografie „Lebenslauf“ von 2011 schrieb Schwarzer erstmals offen über ihre langjährigen Beziehungen zu Männern und Frauen. Im Juni 2018 heiratete sie die Fotografin Bettina Flitner, mit der sie bereits viele Jahre liiert und beruflich verbunden war.

Lange Zeit galt ihr Privatleben als Tabu. Sie schützte es konsequent vor der Öffentlichkeit. In ihrer Autobiografie brach sie dieses Schweigen. Sie beschrieb eine zehnjährige Beziehung mit einem Franzosen namens Bruno in ihren Pariser Jahren. Später, so schrieb sie, ging sie eine ebenso lange und intensive Beziehung mit einer Frau ein. Mit der Heirat der Fotografin Bettina Flitner, die seit langem für EMMA arbeitet, machte sie ihre Partnerschaft auch formell öffentlich. Dieser Schritt war eine späte Einlösung des zentralen feministischen Postulats, dass das Private politisch ist. Es zeigte eine Seite der Ikone, die lange verborgen geblieben war: die persönliche Suche nach einem Lebensmodell jenseits der traditionellen Normen, für deren Überwindung sie ein Leben lang gekämpft hat. Ihre Arbeit und ihr Einfluss bleiben, auch durch die von ihr gegründete Alice-Schwarzer-Stiftung, ein zentraler Teil der deutschen Zeitgeschichte, dokumentiert im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Alice Schwarzer geboren?

Alice Schwarzer wurde am 3. Dezember 1942 in Wuppertal-Elberfeld geboren. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf. Ihre Kindheit in der Nachkriegszeit prägte ihr politisches Bewusstsein und ihren Sinn für Gerechtigkeit, die später ihre journalistische und aktivistische Arbeit bestimmten.

Wofür ist Alice Schwarzer bekannt?

Alice Schwarzer ist vor allem als Gründerin und Herausgeberin der feministischen Zeitschrift EMMA (1977) bekannt. Zudem gilt sie als eine der führenden Figuren der zweiten deutschen Frauenbewegung, maßgeblich durch die von ihr initiierte Aktion „Wir haben abgetrieben!“ (1971).

Was war die Aktion „Wir haben abgetrieben!“?

Die Aktion „Wir haben abgetrieben!“ war eine von Alice Schwarzer 1971 initiierte Kampagne. Im Magazin „Stern“ bekannten sich 374 Frauen öffentlich zu einem Schwangerschaftsabbruch, um gegen den Paragrafen 218 zu protestieren und eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts zu fordern.

Was ist die Zeitschrift EMMA?

EMMA ist eine feministische Zeitschrift, die 1977 von Alice Schwarzer gegründet wurde. Das Magazin wurde zum wichtigsten publizistischen Organ der deutschen Frauenbewegung und behandelt Themen wie Gleichberechtigung, sexuelle Gewalt, Pornografie und die politische Teilhabe von Frauen.

Ist Alice Schwarzer verheiratet?

Ja, Alice Schwarzer heiratete im Juni 2018 die Fotografin Bettina Flitner. Zuvor hatte sie in ihrer Autobiografie „Lebenslauf“ (2011) erstmals öffentlich über ihre langjährigen Beziehungen zu Männern und Frauen geschrieben und damit ihr privates Leben thematisiert.

Welchen Einfluss hatte ihre Zeit in Paris?

Ihre Jahre in Paris (1970–1974) waren prägend. Sie studierte bei Michel Foucault, schloss Freundschaft mit Simone de Beauvoir und wurde im Mouvement de Libération des Femmes aktiv. Diese Erfahrungen legten den Grundstein für ihren späteren Aktivismus in Deutschland, insbesondere für die §-218-Kampagne.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Schwarzer, A. (2011). Lebenslauf. Kiepenheuer & Witsch.
  • Schwarzer, A. (1975). Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. S. Fischer Verlag.
  • Gerhard, U. (2001). Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Rowohlt.
Briefeditorial

Jeden Sonntag eine Biografie

Eine sorgfältig recherchierte Lebensgeschichte aus unserem Archiv — handverlesen, werbefrei, in Ihrem Postfach.

Kostenlos · jederzeit kündbar · Datenschutz