Leonard Cohen (21. September 1934 – 7. November 2016) war ein kanadischer Singer-Songwriter, Dichter und Schriftsteller. Bekannt für seine tiefgründigen, poetischen Texte und seine markante Bassstimme, schuf er Werke wie „Hallelujah“, „Suzanne“ und „So Long, Marianne“. Seine Karriere begann als Literat, bevor er sich der Musik zuwandte.
Montreal, Mitte der Fünfzigerjahre. Ein junger Mann, Erbe einer wohlhabenden jüdischen Tuchhändlerfamilie, studiert englische Literatur an der McGill University. Er trägt Anzüge, die ihm eine Aura von vornehmer Seriosität verleihen, und schreibt Gedichte. Die Musik ist zunächst nur ein Mittel, um Mädchen zu beeindrucken, eine Beschäftigung in Cafés mit seiner Country-Band, den Buckskin Boys. Niemand ahnt, dass die wahre Bestimmung dieses Mannes nicht in den Hörsälen oder im väterlichen Betrieb liegt, sondern in der leisen, insistierenden Kraft seiner Worte, die er später mit drei Akkorden und einer Stimme, die wie gealterter Whiskey klingt, in die Welt tragen wird. Dieser junge Mann ist Leonard Cohen, und sein Weg hat gerade erst begonnen. Er führte ihn weg von der sicheren Existenz, hin zu einem unsteten Leben als Dichter.
Sein Werk ist eine lebenslange Verhandlung über die Bedingungen der menschlichen Existenz: die Liebe und ihr Scheitern, die spirituelle Sehnsucht und den Zweifel, die Niederlage und die darin verborgene Gnade.
Inhalt (6)
| Jahr | Album | Label | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1967 | Songs of Leonard Cohen | Columbia | Das Debüt, das ihn mit Klassikern wie „Suzanne“ und „So Long, Marianne“ international etablierte. |
| 1969 | Songs from a Room | Columbia | Festigte seinen Ruf als melancholischer Poet; enthält das ikonische „Bird on the Wire“. |
| 1977 | Death of a Ladies‘ Man | Warner Bros. | Kontroverse Zusammenarbeit mit Phil Spector, dessen „Wall of Sound“ auf Cohens intime Lieder traf. |
| 1984 | Various Positions | Columbia | Enthält „Hallelujah“, das zunächst kommerziell scheiterte, aber zu seinem bekanntesten Werk wurde. |
| 1988 | I’m Your Man | Columbia | Eine stilistische Wende mit Synthesizern, die ihm ein neues, jüngeres Publikum erschloss. |
| 2001 | Ten New Songs | Columbia | Das Comeback-Album nach Jahren im Zen-Kloster, in enger Zusammenarbeit mit Sharon Robinson entstanden. |
| 2016 | You Want It Darker | Columbia | Sein letztes Studioalbum, eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Tod, veröffentlicht 19 Tage vor seinem Ableben. |
Der Dichter auf Hydra
Nach ersten literarischen Erfolgen in Kanada, darunter der Gedichtband „Let Us Compare Mythologies“ (1956), nutzte Leonard Cohen Stipendien und Erbschaftsgelder, um nach Europa zu reisen. Von 1960 bis 1967 lebte er auf der griechischen Insel Hydra, wo seine wichtigsten Romane entstanden.
Die Musik spielte zunächst eine Nebenrolle. Cohen verstand sich als Schriftsteller, als Erbe einer literarischen Tradition, die er an der McGill University studierte. Sein erster Gedichtband erschien 1956 in einer Auflage von nur 400 Exemplaren, gefolgt von „The Spice-Box of Earth“ (1961), das ihm in Kanada literarische Anerkennung verschaffte. Doch das bürgerliche Leben in Montreal engte ihn ein. Mit dem Geld aus einer kleinen Erbschaft kaufte er 1960 für 1.500 Dollar ein Haus ohne Strom und fließendes Wasser auf der griechischen Insel Hydra. Hier fand er eine Umgebung, die seinem Rhythmus entsprach: Stille, Sonne und eine Gemeinschaft von Künstlern und Aussteigern.
Auf Hydra traf er die Norwegerin Marianne Ihlen. Sie wurde seine Muse und Lebensgefährtin. Ihre Beziehung prägte einige seiner berühmtesten frühen Lieder. In der Abgeschiedenheit der Insel vollendete er seine Romane „The Favourite Game“ (1963) und den experimentellen Kultroman „Beautiful Losers“ (1966). Er schrieb diszipliniert, oft stundenlang in der Mittagshitze, angetrieben von dem Wunsch, ein bedeutendes literarisches Werk zu schaffen. Die Bücher brachten ihm zwar Kritikerlob, aber kaum Geld ein. Die Schriftstellerei allein konnte ihn nicht ernähren. Langsam reifte der Entschluss, seine Gedichte zu vertonen. Es war ein pragmatischer Schritt.
Die Stimme aus dem Chelsea Hotel
1967 zog Cohen nach New York City, um eine Karriere als Musiker zu beginnen. Er lebte im berühmten Chelsea Hotel, knüpfte Kontakte in der Folkszene von Greenwich Village und wurde vom Produzenten John Hammond für Columbia Records unter Vertrag genommen, der auch Bob Dylan entdeckt hatte.

New York war das Epizentrum der Folk-Bewegung. Cohens Ankunft war kein Sprung ins kalte Wasser. Die Sängerin Judy Collins hatte bereits mit ihrer Interpretation seines Liedes „Suzanne“ einen Hit gelandet und ihn ermutigt, selbst auf die Bühne zu gehen. Sein Auftritt beim Newport Folk Festival 1967, bei dem er von Lampenfieber geplagt die Bühne fast wieder verlassen hätte, wurde zum Wendepunkt. John Hammond erkannte das Potenzial des kanadischen Dichters und bot ihm einen Plattenvertrag an. Das Ergebnis war das Album „Songs of Leonard Cohen“ (1967). Es war ein stilles, melancholisches Werk in einer Zeit lauter Protestsongs. Lieder wie „Sisters of Mercy“ und „So Long, Marianne“ offenbarten eine lyrische Tiefe, die im Pop-Kontext neu war.
Like a bird on the wire, like a drunk in a midnight choir, I have tried in my way to be free.
Das Chelsea Hotel wurde sein Zuhause und ein Mikrokosmos seiner Erfahrungen. Hier traf er auf Künstler wie Janis Joplin, mit der er eine kurze Affäre hatte, die er später im Lied „Chelsea Hotel No. 2“ verarbeitete. Er führte eine intensive Beziehung mit der Musikerin Joni Mitchell. Die folgenden Alben, „Songs from a Room“ (1969) und das düstere „Songs of Love and Hate“ (1971), festigten sein Image als Poet der Melancholie. Seine Stimme war limitiert, oft mehr ein Sprechgesang, doch gerade diese Unvollkommenheit verlieh seinen Worten eine eindringliche Authentizität. Er sah sich nicht als Sänger. Er war ein Schriftsteller, der seine Gedichte vortrug.
Die Suche nach Gnade
Die 1980er Jahre markierten eine Wende in Cohens Werk. Nach einer umstrittenen Zusammenarbeit mit dem Produzenten Phil Spector auf „Death of a Ladies‘ Man“ (1977) wandte er sich verstärkt religiösen und spirituellen Themen zu. Dies kulminierte 1984 im Album „Various Positions“ und dem Song „Hallelujah“.

Die Zusammenarbeit mit Phil Spector war eine künstlerische Katastrophe. Spectors bombastischer „Wall of Sound“ erdrückte die Subtilität von Cohens Texten. Cohen selbst distanzierte sich von dem Album. Er zog sich zurück und fand in den späten Siebzigerjahren Trost und Struktur im Zen-Buddhismus. Gleichzeitig vertiefte er sich in seine jüdischen Wurzeln. Diese spirituelle Auseinandersetzung floss direkt in sein nächstes Werk. Das Album „Various Positions“ (1984) war ein Wendepunkt. Es enthielt Lieder von fast biblischer Wucht, darunter „Dance Me to the End of Love“, eine Allegorie auf den Holocaust, und „If It Be Your Will“, ein modernes Gebet.
Und es enthielt „Hallelujah“. Das Lied, an dem Cohen Jahre gefeilt und über 80 Strophen geschrieben hatte, wurde von seiner Plattenfirma Columbia Records in den USA zunächst abgelehnt. Der Label-Chef Walter Yetnikoff hielt das Album für nicht kommerziell genug. Es erschien auf einem kleinen Independent-Label und blieb weitgehend unbeachtet. Erst durch die Coverversionen von John Cale und später Jeff Buckley begann der langsame Aufstieg des Liedes zu einer globalen Hymne. Es verkörpert die Essenz von Cohens Kunst: die Verbindung von Heiligem und Profanem, von Zweifel und Glauben, von Zerbrochenheit und Erlösung. Der kommerzielle Durchbruch gelang ihm erst 1988 mit „I’m Your Man“, einem Album, das mit seinem von Synthesizern geprägten Sound und selbstironischen Texten wie in „Tower of Song“ überraschte.
Leonard Cohens Jahre als Jikan, der Stille
In den frühen 1990er Jahren, nach dem Erfolg von Alben wie „I’m Your Man“ und „The Future“, zog sich Leonard Cohen aus der Öffentlichkeit zurück. Von 1994 bis 1999 lebte er im Mount Baldy Zen Center in der Nähe von Los Angeles, wo er 1996 als Zen-Mönch mit dem Namen Jikan („der Stille“) ordiniert wurde.
Der Rückzug war kein eskapistischer Akt, sondern die konsequente Fortsetzung seiner lebenslangen Suche. Er litt unter schweren Depressionen, die er als „Hintergrund meines ganzen Lebens“ beschrieb. Im Kloster fand er durch die strenge Disziplin der Zen-Meditation und die einfache Arbeit als Koch und Fahrer für seinen Meister Kyozan Joshu Sasaki eine Form von Frieden. Die Stille des Klosters ersetzte den Lärm des Musikgeschäfts. Fünf Jahre lang schrieb er kaum, veröffentlichte nichts. Er schien mit seiner öffentlichen Persona abgeschlossen zu haben.
Die Rückkehr in die Welt geschah nicht freiwillig. Im Jahr 2004 entdeckte seine Tochter Lorca, dass seine langjährige Managerin Kelley Lynch sein gesamtes Vermögen, über fünf Millionen Dollar, veruntreut hatte. Mit über 70 Jahren stand Cohen vor dem finanziellen Ruin. Dieser Verrat zwang ihn zurück auf die Bühne. Was als Notwendigkeit begann, entwickelte sich zu einem triumphalen späten Kapitel seiner Karriere. Ab 2008 begab er sich auf eine mehrjährige Welttournee. Die Konzerte waren keine Rockshows, sondern fast sakrale Ereignisse, bei denen ein älterer Herr in Anzug und Hut mit Demut und Anmut seine Lebenslieder zelebrierte. Er war präsenter, gelöster und humorvoller als je zuvor. Die Tourneen füllten nicht nur seine Kassen, sondern brachten ihm auch eine neue Generation von Bewunderern.
Das letzte Testament
Die letzten Jahre seines Lebens waren von einer bemerkenswerten kreativen Produktivität geprägt. Er veröffentlichte die Studioalben „Old Ideas“ (2012), „Popular Problems“ (2014) und, nur wenige Wochen vor seinem Tod, „You Want It Darker“ (2016), ein bewusstes musikalisches und spirituelles Resümee.
Der Tod war ein ständiger Begleiter in Cohens Werk, doch in seinen letzten Alben wurde er zum direkten Gesprächspartner. Die Musik wurde karger, seine Stimme tiefer und brüchiger. Die Texte waren eine ungeschönte Bestandsaufnahme des Alterns und der Sterblichkeit. In einem seiner letzten Interviews für den New Yorker sagte er: „Ich bin bereit zu sterben.“ Das Titelstück von „You Want It Darker“ ist ein Kaddisch, ein jüdisches Totengebet, das er für sich selbst sprach. Mit der hebräischen Phrase „Hineni“ („Hier bin ich“) meldet er sich bei seinem Gott, bereit für die letzte Konsequenz. Der Chor seiner Heimat-Synagoge aus Montreal untermalt seine Worte.
Leonard Cohen starb am 7. November 2016 in seinem Haus in Los Angeles. Er wurde, wie er es sich gewünscht hatte, in einem einfachen Kiefernsarg auf dem jüdischen Friedhof seiner Familie in Montreal beigesetzt. Sein Werk bleibt eine Anleitung zur Auseinandersetzung mit den großen Fragen, ohne einfache Antworten zu geben. Es ist ein Riss in allem, durch den das Licht hereinkommt, wie er es in seinem Lied „Anthem“ formulierte. Ein posthumes Album, „Thanks for the Dance“, zusammengestellt von seinem Sohn Adam Cohen, erschien 2019 und fügte dem großen Oeuvre ein letztes, leises Kapitel hinzu. Sein Einfluss ist in der Arbeit unzähliger Musiker und Schriftsteller spürbar, was seine Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame im Jahr 2008 unterstreicht.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Leonard Cohen geboren und wann starb er?
Leonard Cohen wurde am 21. September 1934 in Westmount, einem Vorort von Montreal in Kanada, geboren. Er starb am 7. November 2016 im Alter von 82 Jahren in seinem Haus in Los Angeles, Kalifornien, und wurde in Montreal beigesetzt.
Wofür ist Leonard Cohen bekannt?
Leonard Cohen ist bekannt für seine Karriere als Singer-Songwriter und Dichter, dessen Werke tiefgründige Themen wie Liebe, Spiritualität, Depression und menschliche Beziehungen behandeln. Seine bekanntesten Lieder sind „Hallelujah“, „Suzanne“ und „So Long, Marianne“.
Was war Leonard Cohens berühmtestes Lied?
Sein mit Abstand berühmtestes Lied ist „Hallelujah“ vom Album „Various Positions“ (1984). Obwohl es bei seiner Veröffentlichung kaum Beachtung fand, wurde es durch zahlreiche Coverversionen, insbesondere von John Cale und Jeff Buckley, zu einer weltweiten Hymne.
War Leonard Cohen verheiratet und hatte er Kinder?
Leonard Cohen war nie verheiratet. Aus seiner Beziehung mit der Künstlerin Suzanne Elrod in den 1970er Jahren gingen zwei Kinder hervor: sein Sohn Adam Cohen, der ebenfalls Musiker ist, und seine Tochter Lorca Cohen, eine Fotografin und Filmemacherin.
Warum zog sich Cohen in ein Zen-Kloster zurück?
Cohen zog sich von 1994 bis 1999 in das Mount Baldy Zen Center zurück, um seine langjährigen Depressionen zu bewältigen und eine tiefere spirituelle Praxis zu verfolgen. Er wurde dort als Zen-Mönch unter dem Namen Jikan, was „der Stille“ bedeutet, ordiniert.
Welchen Einfluss hatte Leonard Cohen auf die Musik?
Sein Einfluss liegt in der literarischen Qualität seiner Songtexte, die die Grenzen zwischen Poesie und Popmusik auflösten. Er inspirierte Generationen von Songwritern, persönliche und komplexe Themen mit sprachlicher Präzision und emotionaler Tiefe zu behandeln.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Simmons, S. (2012). I'm Your Man: The Life of Leonard Cohen. Ecco.
- Nadel, I. B. (1996). Various Positions: A Life of Leonard Cohen. Random House of Canada.
- Burger, J. (Ed.). (2014). Leonard Cohen on Leonard Cohen: Interviews and Encounters. Chicago Review Press.