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Film & Bühne · Deutschland · * 1942

Margarethe von Trotta

Ihre Filme sind Sezierungen der deutschen Geschichte, erzählt durch die Biografien starker, widersprüchlicher Frauen

Margarethe von Trotta, Fotografie aus dem Jahr 2023
Margarethe von Trotta · Wikimedia Commons · Elena Ternovaja · CC-BY-SA

Margarethe von Trotta (geboren am 21. Februar 1942) ist eine deutsche Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin. Als eine zentrale Figur des Neuen Deutschen Films wurde sie international bekannt für ihre tiefgründigen Porträts historischer Frauenfiguren wie Rosa Luxemburg und Hannah Arendt sowie für Filme, die sich kritisch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen.

Geboren in den letzten Kriegsjahren in Berlin, wuchs sie als Staatenlose auf. Ein Leben ohne Pass, ohne formale Zugehörigkeit, wurde zur grundlegenden Erfahrung. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihrer Mutter, Elisabeth von Trotta, einer Nachfahrin eines deutsch-baltischen Adelsgeschlechts, im Nachkriegs-Düsseldorf. Der Vater, der Maler Alfred Roloff, blieb eine ferne Figur. Diese frühe Prägung des Außenseiterblicks, des genauen Beobachtens von gesellschaftlichen Strukturen, sollte später zum Kern ihrer filmischen Arbeit werden.

Sie begann als Schauspielerin, doch es war der Platz hinter der Kamera, von dem aus sie das deutsche Kino nachhaltig veränderte. Ihre Inszenierungen sind keine einfachen Heldinnengeschichten, sondern komplexe Analysen von Macht, Erinnerung und weiblicher Identität.

Inhalt (5)

Staatenlos in Düsseldorf

Nach ihrer Geburt 1942 in Berlin wuchs Margarethe von Trotta staatenlos in Düsseldorf auf. Nach der Mittleren Reife und einer Höheren Handelsschule holte sie 1960 ihr Abitur nach. Es folgten abgebrochene Studien der Kunst, Germanistik und Romanistik, bevor sie sich für eine Schauspielausbildung entschied.

Der Weg zur Kunst war kein direkter. Nach der Schule arbeitete die junge Margarethe von Trotta zunächst in einem Büro, ein pragmatischer Einstieg in eine Welt, die wenig mit der ihrer adligen Mutter oder ihres künstlerischen Vaters zu tun hatte. Doch ein Aufenthalt in Paris Ende der 1950er-Jahre entfachte die Leidenschaft für den Film. Die Cinémathèque française, geleitet von Henri Langlois, wurde zu ihrem Hörsaal, die Werke der Nouvelle Vague, von Regisseuren wie François Truffaut und Jean-Luc Godard, zu Offenbarungen. Sie sah, dass Kino mehr sein konnte als Unterhaltung – es konnte eine persönliche Handschrift tragen, eine Autoren-Kunst sein. Zurück in Deutschland, holte sie 1960 am Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf das Abitur nach, ein Akt der Selbstermächtigung, der ihr neue Wege eröffnen sollte.

Sie begann ein Kunststudium, wechselte zu Germanistik und Romanistik in München, doch die akademische Welt blieb ihr fremd. Die wahre Berufung fand sie schließlich an einer Münchner Schauspielschule. Die Bühne bot eine erste Heimat, einen Ort der strukturierten Darstellung von Emotionen. 1964 erhielt sie nicht nur ihr erstes größeres Engagement in Dinkelsbühl, sondern durch die Heirat mit dem Lektor Jürgen Moeller auch die deutsche Staatsbürgerschaft – ein entscheidender Schritt aus der formalen Ortlosigkeit ihrer Jugend. Ein Jahr später, 1965, wurde ihr Sohn, der spätere Historiker und Regisseur Felix Moeller, geboren. Die Erfahrung, eine junge Mutter zu sein und gleichzeitig eine künstlerische Karriere anzustreben, schärfte ihren Blick für die gesellschaftlichen Zwänge, denen Frauen ausgesetzt waren.

Vor der Kamera: Fassbinder und Schlöndorff

Ab 1964 sammelte von Trotta Bühnenerfahrung in Dinkelsbühl, Stuttgart und am Kleinen Theater am Zoo in Frankfurt am Main. Ab 1968 konzentrierte sie sich auf die Filmarbeit und trat in Werken von Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff auf. Von 1971 bis 1991 war sie mit Schlöndorff verheiratet und an dessen Drehbüchern beteiligt.

Margarethe von Trotta
Margarethe von Trotta und Jane Campion bei der Verleihung der "Film Festival Cologne Awards 2017". · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die späten 1960er-Jahre waren die formative Phase des Neuen Deutschen Films, und Margarethe von Trotta befand sich in dessen Epizentrum. Sie wurde zu einem der Gesichter dieser Bewegung, spielte in Filmen von Regisseuren, die mit dem Oberhausener Manifest die „Papas Kino ist tot“-Ära eingeläutet hatten. Ihre Präsenz war intensiv, intellektuell, oft spröde. Viermal stand sie für Rainer Werner Fassbinder vor der Kamera, unter anderem in „Götter der Pest“ (1970), und verkörperte eine Kühle, die die emotionale Verfassung der jungen Bundesrepublik spiegelte. Ihre wichtigste künstlerische und persönliche Beziehung dieser Zeit war jedoch die zu Volker Schlöndorff. Sie spielte in seinen Filmen, etwa in „Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach“ (1971), und wurde bald zu seiner wichtigsten kreativen Partnerin.

Ihre Mitarbeit an den Drehbüchern ging weit über das Korrekturlesen hinaus; sie war eine entscheidende dramaturgische Instanz. Dies zeigte sich exemplarisch bei der Verfilmung von Heinrich Bölls Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975). In der aufgeheizten Atmosphäre des Deutschen Herbstes erzählte der Film von der medialen Hetze gegen eine unschuldige Frau, die ins Visier der Terrorismusfahndung gerät. Von Trotta, die im Abspann auch als Co-Regisseurin geführt wird, prägte die weibliche Perspektive und die psychologische Genauigkeit des Werks. Die Ehe mit Jürgen Moeller war bereits 1969 geschieden worden. 1971 heirateten von Trotta und Schlöndorff. Diese Ehe war zugleich eine intensive Arbeitsgemeinschaft, die bis 1991 hielt und in der sie das Handwerk der Regie aus nächster Nähe erlernte.

Ihre Filme sind keine Denkmäler, sondern Annäherungen an die Brüche und Widersprüche weiblicher Biografien im 20. Jahrhundert.

Die bleierne Zeit: Der Blick hinter die Kamera

1978 führte von Trotta mit „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ erstmals allein Regie. Ihr politisches Engagement zeigte sich 1978 in einer Klage gegen den Stern. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1981, als ihr Film „Die bleierne Zeit“ bei den Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen gewann – als erste Regisseurin überhaupt.

Margarethe von Trotta, Aufnahme aus dem Jahr 2018
Margarethe von Trotta bei ihrer Dankesrede, in der Frankfurter Paulskirche zur "Überreichung des Theodor-W.-Adorno-Preises 2018 an Margarethe von Trotta. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Der Schritt zur eigenen Regie war eine logische Konsequenz. Nach der Co-Regie bei „Katharina Blum“ legte sie 1978 ihr Debüt als alleinige Regisseurin und Drehbuchautorin vor. „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ basierte auf dem realen Fall einer Münchner Kindergärtnerin, die eine Bank überfiel, um ihren Laden zu retten. Schon hier zeigte sich ihr zentrales Thema: weibliche Solidarität und die gesellschaftlichen Bedingungen, die Frauen zu radikalen Taten zwingen. Ihr Engagement war nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch. Gemeinsam mit Alice Schwarzer, Inge Meysel und weiteren Frauen klagte sie 1978 gegen die als sexistisch empfundenen Titelbilder des Magazins Stern. Obwohl der Prozess verloren ging, war er ein wichtiges Signal im Kampf gegen die mediale Objektivierung von Frauen.

Der Höhepunkt ihres frühen Schaffens war „Die bleierne Zeit“ (1981). Der Film, inspiriert von der Geschichte der Schwestern Gudrun und Christiane Ensslin, analysiert die Radikalisierung der 68er-Generation und die deutsche Reaktion darauf. Von Trotta verweigerte sich einer simplen Täter-Opfer-Darstellung und schuf stattdessen ein komplexes psychologisches Porträt zweier Frauen, die unterschiedliche Wege des Protests wählen. Die Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig war eine Sensation. Erstmals in der Geschichte des Festivals ging der Hauptpreis an eine Frau. Dieser Erfolg etablierte von Trotta endgültig als eine der führenden Stimmen des europäischen Autorenkinos und bewies, dass feministische Themen ein großes, internationales Publikum erreichen konnten.

Porträts wider das Vergessen

Ab den 1980er-Jahren spezialisierte sich von Trotta auf die filmische Auseinandersetzung mit bedeutenden Frauen der deutschen Geschichte. Ihre Biopics über „Rosa Luxemburg“ (1986), „Hildegard von Bingen“ (2009) und „Hannah Arendt“ (2012) wurden international gefeiert und prägten ihr Bild als Chronistin weiblicher Intellektualität.

Mit dem internationalen Erfolg festigte sich ihr künstlerischer Fokus. Margarethe von Trotta wurde zur Archäologin weiblicher Biografien, die vom offiziellen Geschichtskanon oft an den Rand gedrängt worden waren. Sie porträtierte nicht nur die öffentliche Person, sondern suchte stets den privaten Kern, die Zweifel, die Verletzlichkeit. In „Rosa Luxemburg“ (1986) schuf sie mit ihrer Stammschauspielerin Barbara Sukowa das vielschichtige Bild einer Revolutionärin, die zugleich eine liebende, naturverbundene Frau war. Der Film war ein großer Erfolg und Sukowa erhielt in Cannes den Preis als beste Darstellerin. Nach ihrer Trennung von Volker Schlöndorff 1991 lebte von Trotta lange in Italien, bevor sie nach Paris zog. Sie arbeitete weiter an ihrem Werk, verfilmte mit „Das Versprechen“ (1995) die Geschichte einer Liebe im geteilten Deutschland und thematisierte in „Rosenstraße“ (2003) den mutigen Protest von Frauen gegen die Deportation ihrer jüdischen Ehemänner 1943.

Ein später Triumph gelang ihr mit „Hannah Arendt“ (2012). Der Film konzentriert sich klug auf die Zeit, in der die Philosophin für den New Yorker über den Eichmann-Prozess berichtete und mit ihrer These von der „Banalität des Bösen“ einen internationalen Skandal auslöste. Erneut bewies von Trotta ihre Fähigkeit, komplexes intellektuelles Geschehen in packendes, emotionales Kino zu übersetzen. Ihr Werk setzte sie konsequent fort, etwa mit „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ (2009) und zuletzt mit „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ (2023), einer Studie über die toxische Beziehung der Dichterin zu Max Frisch. Margarethe von Trottas Œuvre bleibt ein Monument der filmischen Geschichtsschreibung aus weiblicher Perspektive.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Margarethe von Trotta geboren?

Margarethe von Trotta wurde am 21. Februar 1942 in Berlin geboren. Sie wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Mutter in Düsseldorf auf und begann ihre Karriere in den 1960er-Jahren, nachdem sie die deutsche Staatsbürgerschaft durch Heirat erhalten hatte.

Wofür ist Margarethe von Trotta bekannt?

Margarethe von Trotta ist als eine der wichtigsten Regisseurinnen des Neuen Deutschen Films bekannt. Ihr Werk zeichnet sich durch intensive Porträts starker, oft historischer Frauenfiguren und eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte aus.

Welche sind die wichtigsten Filme von Margarethe von Trotta?

Zu ihren bedeutendsten Werken zählen „Die bleierne Zeit“ (1981), der den Goldenen Löwen in Venedig gewann, sowie die biografischen Filme „Rosa Luxemburg“ (1986) und „Hannah Arendt“ (2012). Diese Filme gelten als Meilensteine des feministischen Autorenkinos.

War Margarethe von Trotta verheiratet?

Ja, Margarethe von Trotta war zweimal verheiratet. Von 1964 bis 1969 mit dem Lektor Jürgen Moeller, mit dem sie ihren Sohn Felix Moeller hat. Von 1971 bis 1991 war sie mit dem Regisseur Volker Schlöndorff verheiratet und arbeitete eng mit ihm zusammen.

Welchen Einfluss hatte Margarethe von Trotta?

Margarethe von Trotta hat das deutsche und internationale Kino nachhaltig geprägt, indem sie weibliche Perspektiven ins Zentrum rückte. Sie gilt als Pionierin des feministischen Films und hat mit ihren Werken die filmische Aufarbeitung deutscher Geschichte maßgeblich beeinflusst.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Wydra, T. (2000). Margarethe von Trotta – Filmen, um zu überleben. Henschel.
  • Jacke, A. (2022). Écriture féminine im internationalen Film: Margarethe von Trotta, Claire Denis, Chantal Akerman und Sofia Coppola. Psychosozial-Verlag.
  • Boehm, G. von (2012). Margarethe von Trotta. 24. August 2003. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne.
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