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Politik · Italien, Vereinigte Staaten · * 1942

Martin Scorsese: Der Chronist der Straßen von New York

Von den Straßen Little Italys zu den Gipfeln Hollywoods, ein Leben zwischen Katholizismus, Gewalt und der erlösenden Kraft des Films

Der Regisseur Martin Scorsese am Set, mit konzentriertem Blick und gestikulierender Hand eine Szene für einen seiner Filme dirigierend.
Martin Scorsese: Der Chronist der Straßen von New York · Wikimedia Commons · Montclair Film · CC-BY

Martin Scorsese (geboren am 17. November 1942) ist ein US-amerikanischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent. Als eine Schlüsselfigur des New Hollywood analysieren seine Werke wie „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „GoodFellas“ Themen wie Schuld, Männlichkeit und Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft.

Ein asthmatischer Junge sitzt im abgedunkelten Wohnzimmer in Queens, New York. Draußen spielen die anderen Kinder, doch seine Lungen erlauben es nicht. Seine Welt ist das Fenster, durch das er das Leben beobachtet, und der flackernde Bildschirm des Fernsehers, der ihm die Mythen Amerikas in Western und Gangsterfilmen nahebringt. Er zeichnet seine eigenen Storyboards, kleine Hefte voller Bilder, die bereits die rastlose Energie und den präzisen Blick des späteren Meisters verraten. Diese frühe Isolation schärfte seine Beobachtungsgabe. Sie wurde zum Fundament einer Karriere, die das amerikanische Kino für immer verändern sollte. Der Junge war Martin Charles Scorsese.

Seine Filme sind Sezierungen der menschlichen Seele, gefangen im Spannungsfeld von Glaube und Sünde, Loyalität und Verrat. Er machte die Straßen von New York zu einer globalen Bühne und seine Protagonisten zu modernen Heiligen und Verdammten.

Inhalt (5)
Jahr Film Funktion Bedeutung
1973 Hexenkessel (Mean Streets) Regie, Drehbuch Durchbruch im Autorenkino; erste prägende Zusammenarbeit mit Robert De Niro.
1976 Taxi Driver Regie Gewinn der Goldenen Palme in Cannes; stilbildendes Werk des New Hollywood.
1980 Wie ein wilder Stier (Raging Bull) Regie Gilt als einer der besten Filme aller Zeiten; brachte De Niro den Oscar ein.
1990 GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia Regie, Drehbuch Neudefinition des modernen Gangsterfilms; vielfach ausgezeichnet.
2002 Gangs of New York Regie Beginn der langjährigen Zusammenarbeit mit Leonardo DiCaprio; zehn Oscar-Nominierungen.
2006 Departed – Unter Feinden Regie Gewinn des Oscars für die Beste Regie und den Besten Film.
2013 The Wolf of Wall Street Regie Großer kommerzieller Erfolg; eine entfesselte Satire auf den Kapitalismus.
2019 The Irishman Regie, Produzent Episches Spätwerk für Netflix; reflektiert über Alter, Tod und das Erbe der Gewalt.

Die Gesetze der Straße und der Kirche

Geboren am 17. November 1942 in Queens, wuchs Martin Scorsese als Sohn italoamerikanischer Eltern in Little Italy, Manhattan, auf. Aufgrund von chronischem Asthma verbrachte er seine Kindheit oft isoliert. Diese Zeit prägte seine Faszination für das Kino und seinen Plan, Priester zu werden, den er später zugunsten eines Filmstudiums an der New York University aufgab.

Die Welt des jungen Scorsese war zweigeteilt. Auf der einen Seite stand die römisch-katholische Kirche mit ihren Ritualen, ihrer Ikonografie von Schuld und Sühne und dem Versprechen der Erlösung. Auf der anderen Seite lag die Straße, ein Ort rauer Männlichkeitsrituale, alltäglicher Gewalt und ungeschriebener Gesetze. Diese Dualität wurde zum zentralen Motor seines Schaffens. Er besuchte eine Jesuitenschule mit dem festen Vorsatz, sein Leben Gott zu widmen. Doch die Verlockungen des Kinos, insbesondere die Filme von Regisseuren wie Michael Powell und Elia Kazan, erwiesen sich als stärker. Die Hochschule wurde sein neues Priesterseminar.

An der New York University (NYU) fand er seine wahre Berufung. Er schloss 1965 sein Bachelor-Studium ab und begann, an seinem ersten Langfilm zu arbeiten: „Wer klopft denn da an meine Tür?“. Das Projekt, das über vier Jahre dauerte und mit einem minimalen Budget von 75.000 US-Dollar realisiert wurde, brachte ihn an den Rand des finanziellen Ruins. Es legte jedoch den Grundstein für seine Themen und seinen Stil: ein roher, fast dokumentarischer Blick auf das Leben seiner Protagonisten, unterlegt mit einem präzise kuratierten Soundtrack. Der Film etablierte auch die Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Harvey Keitel, der zu einer festen Größe in seinem frühen Werk wurde.

New Hollywood und die kreative Explosion

In den frühen 1970er-Jahren zog Scorsese nach Kalifornien und schloss sich einer neuen Generation von Filmemachern an, darunter Francis Ford Coppola und Steven Spielberg. Sein Film „Hexenkessel“ (1973) markierte den Durchbruch und den Beginn seiner ikonischen Partnerschaft mit dem Schauspieler Robert De Niro. Der Welterfolg von „Taxi Driver“ (1976) festigte seinen Ruf.

Martin Scorsese
Film director Martin Scorsese at the 74th Berlin International Film Festival 2024, fotografiert von Harald Krichel. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Nach einem kurzen Intermezzo unter der Ägide des B-Movie-Produzenten Roger Corman, für den er „Die Faust der Rebellen“ (1972) drehte, fand Scorsese seine künstlerische Stimme. „Hexenkessel“ war mehr als nur ein Film; es war eine Offenbarung. Mit einer nervösen Handkamera und einem Soundtrack aus Rock-’n’-Roll-Klassikern fing der Film die fiebrige Energie der Straßen von Little Italy ein. Hier begann die Symbiose mit Robert De Niro, einem Darsteller, der Scorseses Visionen mit einer fast beängstigenden Intensität verkörperte. Der Film machte beide schlagartig bekannt.

Kino ist eine Frage dessen, was im Bildausschnitt ist und was nicht.

Der Höhepunkt dieser Schaffensphase war „Taxi Driver“. Das Drehbuch von Paul Schrader fand in Scorsese den idealen Interpreten. Der Film ist eine fiebrige Studie der urbanen Entfremdung, ein Abstieg in die Psyche eines Vietnam-Veteranen, der den Schmutz der Stadt wegwaschen will. Die Goldene Palme in Cannes 1976 war die offizielle Krönung, doch der Erfolg hatte eine dunkle Seite. Scorsese geriet in eine Spirale aus Drogensucht und kreativem Druck. Sein ambitioniertes Musical „New York, New York“ (1977) scheiterte an den Kinokassen und stürzte den Regisseur in eine tiefe persönliche und berufliche Krise. Aus dieser Asche entstand sein vielleicht persönlichstes Meisterwerk: „Wie ein wilder Stier“ (1980), ein Film über den Boxer Jake LaMotta, der für Scorsese selbst zu einem Akt der Katharsis wurde.

Der lange Weg zum Oscar für Martin Scorsese

Obwohl „Wie ein wilder Stier“ von der Kritik als Meisterwerk gefeiert wurde, blieb Martin Scorsese kommerziell unberechenbar. Filme wie „King of Comedy“ (1983) floppten. Erst mit „Die Farbe des Geldes“ (1986) und dem kontroversen „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) fand er zurück in die Erfolgsspur. Seinen ersten Regie-Oscar erhielt er erst 2007.

Martin Scorsese
Film director Martin Scorsese at the 74nd Berlin International Film Festival 2024, fotografiert von Harald Krichel. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die 1980er-Jahre waren eine Zeit der Neuausrichtung. Scorsese experimentierte mit Genres, von der schwarzen Komödie („Die Zeit nach Mitternacht“, 1985) bis zum Kostümdrama („Zeit der Unschuld“, 1993). Mit „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1990) kehrte er triumphal zum Gangster-Genre zurück und schuf einen Film, dessen Einfluss bis heute spürbar ist. Die dynamische Kameraführung, der virtuose Schnitt seiner langjährigen Editorin Thelma Schoonmaker und der Einsatz von Popmusik als erzählerisches Element setzten neue Maßstäbe. Trotz sechs Oscar-Nominierungen ging der Film bei der Verleihung weitgehend leer aus – ein wiederkehrendes Muster in Scorseses Karriere.

Parallel zu seiner Arbeit als Regisseur engagierte er sich vehement für die Bewahrung des Filmerbes. 1990 gründete er The Film Foundation, eine Organisation, die sich der Restaurierung und dem Erhalt alter Filme widmet. Es war der Beginn einer neuen Ära, in der er eine kreative Partnerschaft mit Leonardo DiCaprio einging. Beginnend mit „Gangs of New York“ (2002) drehten sie eine Reihe von Filmen, die sowohl künstlerisch als auch kommerziell erfolgreich waren. Die Krönung erfolgte 2007, als Scorsese für „Departed – Unter Feinden“ endlich den Oscar für die beste Regie entgegennahm. Es war ein Moment, auf den die gesamte Filmwelt gewartet zu haben schien.

Spätwerk und das Vermächtnis des Bewahrers

Im 21. Jahrhundert festigte Scorsese seinen Status als eine der zentralen Figuren des Weltkinos. Mit Filmen wie „The Irishman“ (2019) und „Killers of the Flower Moon“ (2023) schuf er komplexe, epische Werke, die sein Lebenswerk reflektieren. Er nutzte neue Plattformen wie Netflix und blieb eine wichtige Stimme im Diskurs über die Zukunft des Kinos.

Sein Spätwerk ist von einer tiefen Reflexion über Zeit, Moral und Vergänglichkeit geprägt. „The Irishman“, produziert für den Streaming-Dienst Netflix, ist ein melancholischer Abgesang auf die Mythen des Gangsterlebens, den er über Jahrzehnte selbst mitgeprägt hatte. Der Film vereinte seine alten Weggefährten Robert De Niro, Harvey Keitel und Al Pacino. Er nutzte digitale Verjüngungstechnologie, um eine Lebensgeschichte über Jahrzehnte zu erzählen, und stellte damit die Frage, was von einem Leben voller Gewalt und Verrat am Ende übrig bleibt.

Mit „Killers of the Flower Moon“ wandte er sich einem dunklen Kapitel der amerikanischen Geschichte zu und schuf ein bedrückendes Epos über Gier und systemischen Rassismus. Martin Scorsese ist heute mehr als nur ein Regisseur. Er ist ein Archivar, ein Lehrer und das Gewissen des Kinos. In einer Zeit, in der Filme oft zu bloßem „Content“ degradiert werden, verteidigt er die Leinwand als einen Ort der Kunst, der spirituellen Erfahrung und der tiefen menschlichen Auseinandersetzung. Der Junge aus Queens hat seine Kathedrale gefunden: Sie besteht aus Licht und Schatten.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Martin Scorsese geboren?

Martin Scorsese wurde am 17. November 1942 in Queens, einem Stadtteil von New York City, geboren. Er wuchs als Sohn italoamerikanischer Eltern auf und verbrachte einen prägenden Teil seiner Jugend im Viertel Little Italy in Manhattan.

Wofür ist Martin Scorsese bekannt?

Martin Scorsese ist bekannt für seine stilprägenden und intensiven Filme, die sich oft mit Schuld, Gewalt und Erlösung im italoamerikanischen Milieu befassen. Zu seinen berühmtesten Werken zählen „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „GoodFellas“.

Welche Schauspieler arbeiten häufig mit Martin Scorsese zusammen?

Zwei Schauspieler sind besonders eng mit Scorseses Werk verbunden. In seiner frühen Karriere war es Robert De Niro in Filmen wie „Hexenkessel“. Seit 2002 ist Leonardo DiCaprio sein bevorzugter Hauptdarsteller in Filmen wie „Departed“.

Hat Martin Scorsese einen Oscar gewonnen?

Ja, nach zahlreichen Nominierungen über Jahrzehnte hinweg gewann Martin Scorsese im Jahr 2007 den Oscar für die Beste Regie. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Thriller „Departed – Unter Feinden“, der auch als Bester Film prämiert wurde.

Was ist die Film Foundation?

The Film Foundation ist eine gemeinnützige Organisation, die Martin Scorsese 1990 gründete. Ihr Ziel ist es, das Filmerbe zu schützen, indem sie sich für die Restaurierung und den Erhalt gefährdeter historischer Filme aus aller Welt einsetzt.

War Martin Scorsese verheiratet?

Ja, Martin Scorsese war fünfmal verheiratet. Zu seinen Ehefrauen zählten Isabella Rossellini (1979–1983) und Barbara De Fina (1985–1991). Seit 1999 ist er mit Helen Morris verheiratet. Er ist Vater von drei Töchtern.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Wilson, M. H. (2011). Scorsese on Scorsese. Cahiers du cinéma.
  • Poppenberg, D., & Poppenberg, G. (2018). Martin Scorsese. Einführung in seine Filme und Filmästhetik. Wilhelm Fink.
  • Seeßlen, G. (2003). Martin Scorsese. Bertz + Fischer.
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