Julian Assange (* 3. Juli 1971) ist ein australischer Programmierer, Politaktivist und Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Er wurde weltweit bekannt durch die Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente im Jahr 2010, die Kriegsverbrechen aufdeckten. Dies führte zu einer langjährigen juristischen Verfolgung durch die USA, die in seiner Freilassung 2024 endete.
Ein Commodore 64. Das war der Anfang. Im Australien der 1980er-Jahre entdeckte ein Jugendlicher mit unsteter Kindheit die Welt der Bits und Bytes. Er gab sich das Pseudonym „Mendax“, nach Horaz’ „splendide mendax“ – dem edlen Lügner. Zusammen mit zwei Mitstreitern gründete er die Hackergruppe „International Subversives“. Ihr Ziel war nicht Zerstörung, sondern das Erkunden digitaler Räume, das Aufspüren von Sicherheitslücken in den Netzwerken von Unternehmen und Behörden. Es war ein Spiel mit den Grenzen des Möglichen, eine frühe Form des Protests gegen geschlossene Systeme. Diese Neugier, gepaart mit einem tiefen Misstrauen gegenüber Autoritäten, formte den Kern jenes Mannes, der Jahrzehnte später die Geheimnisse von Supermächten veröffentlichen und dafür einen hohen Preis zahlen sollte.
Sein Name wurde zum Synonym für den Kampf um Informationsfreiheit. Für die einen ist er ein Held der Transparenz, für die anderen ein Verräter. Die Geschichte von Julian Assange ist die Chronik eines Mannes, der die Macht des Internets nutzte, um staatliche Geheimhaltung herauszufordern, und der daraufhin selbst zum Gejagten wurde.
Inhalt (6)
| Jahre | Ereignis / Station | Rolle | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1987–1992 | Hacker-Aktivitäten | Mitgründer „International Subversives“ | Frühe Auseinandersetzung mit Datensicherheit; Verurteilung wegen Hackens. |
| 1997 | Entwicklung von Rubberhose | Programmierer | Schuf ein glaubhaft abstreitbares Kryptografie-System. |
| 2006 | Gründung von WikiLeaks | Gründer, Sprecher | Schaffung einer Plattform zur anonymen Veröffentlichung von geheimen Dokumenten. |
| 2010 | Veröffentlichung der US-Militär-Dateien | Herausgeber | Globale Bekanntheit durch „Iraq War Logs“ und „Afghan War Diary“. |
| 2012–2019 | Politisches Asyl | Asylsuchender | Sieben Jahre Aufenthalt in der ecuadorianischen Botschaft in London. |
| 2019–2024 | Haft in HMP Belmarsh | Häftling | Inhaftierung im britischen Hochsicherheitsgefängnis während des Auslieferungsverfahrens. |
| 2024 | Freilassung | Freier Mann | Einigung mit dem US-Justizministerium und Ende der Haft. |
Mendax und die International Subversives
Julian Assange wurde am 3. Juli 1971 in Townsville, Australien, als Julian Hawkins geboren. Seine Eltern, Christine Ann Hawkins und John Shipton, trennten sich vor seiner Geburt. Eine nomadische Kindheit mit über 30 Wohnorten und wechselnden Schulen prägte seine Jugend, die er teils im Heimunterricht verbrachte.
Die Kindheit war von ständigen Umzügen geprägt. Nach der Trennung von John Shipton heiratete seine Mutter den Schauspieler Richard Brett Assange, dessen Nachnamen der Junge annahm. Die Familie leitete ein kleines Tourneetheater. Diese unstete Lebensweise setzte sich auch nach der Scheidung der Mutter 1979 fort. Ein Studium an der University of Melbourne in den Jahren 2003 bis 2006 brach er ab. Er protestierte damit gegen die Kooperation der mathematischen Fakultät mit der DARPA, einer Forschungsbehörde des US-Verteidigungsministeriums. Die Universität bestritt die Vorwürfe.
Seine eigentliche Ausbildung fand vor dem Bildschirm statt. Mit einem Modem tauchte er 1987 in die digitale Welt ein und wurde unter dem Pseudonym „Mendax“ zu einer bekannten Figur in der frühen Hacker-Szene. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er die Gruppe „International Subversives“. Ihr Ethos war es, Informationen zu befreien, nicht sie zu stehlen oder zu zerstören. Dennoch führten ihre Aktivitäten 1991 zu einer Razzia der Australian Federal Police. Ein Jahr später wurde Assange in 24 Fällen des illegalen Hackens für schuldig befunden. Das Urteil fiel milde aus: eine Geldstrafe von 2.100 australischen Dollar und eine Bewährungsstrafe. Bereits in dieser Zeit zeigte sich sein Talent als Programmierer. Er entwickelte 1995 mit Strobe einen der ersten freien Portscanner und befasste sich intensiv mit Verschlüsselungssoftware.
Die Geburt von WikiLeaks
Im Jahr 2006 gründete Julian Assange die Plattform WikiLeaks. Das Ziel: Whistleblowern und Regimekritikern eine sichere, anonyme Möglichkeit zu geben, geheime Dokumente von öffentlichem Interesse zu veröffentlichen. Die technologische Basis bildeten Verschlüsselung und ein dezentrales Server-Netzwerk, um Zensur und Verfolgung zu erschweren.

Die Plattform war von Beginn an als radikales Projekt konzipiert. Sie sollte die traditionelle Rolle des Journalismus als „Gatekeeper“ umgehen und Material unzensiert der Öffentlichkeit zugänglich machen. Assange agierte als Sprecher und zentrale Figur, was später zu internen Konflikten führte. Einer seiner engsten Mitarbeiter, der deutsche Informatiker Daniel Domscheit-Berg, kritisierte zunehmend den autoritären Führungsstil und die mangelnden organisatorischen Strukturen. Der Streit eskalierte 2010 in Domscheit-Bergs Suspendierung und seinem anschließenden Austritt. Er warf Assange vor, die Sicherheit von Informanten zu gefährden und die ursprünglichen Ideale des Projekts verraten zu haben.
Transparenz wurde zur Waffe und zur Anklage zugleich.
Trotz der internen Querelen erzielte WikiLeaks erste Erfolge und erlangte Anerkennung. Für die Veröffentlichung von Dokumenten, die Korruption in Kenia aufdeckten, erhielt die Organisation 2009 den Amnesty International Media Award. Die Plattform funktionierte nach einem einfachen Prinzip: Quellen konnten Material über einen digitalen Briefkasten einreichen, dessen Inhalt von einem kleinen Team von Freiwilligen geprüft und aufbereitet wurde. Die technische Infrastruktur war global verteilt, um die Plattform vor dem Zugriff einzelner Staaten zu schützen. Zeitweise stellte die schwedische Piratenpartei Server zur Verfügung, da das schwedische Recht einen besonders starken Quellenschutz für Journalisten bietet.
Kabelgate und die Staatsmacht
Den Wendepunkt markierte das Jahr 2010. Die Whistleblowerin und damalige US-Soldatin Chelsea Manning übergab WikiLeaks einen gigantischen Datensatz. Er umfasste Hunderttausende als geheim eingestufte Dokumente über die Kriege im Irak und in Afghanistan sowie diplomatische Depeschen des US-Außenministeriums.

Die Veröffentlichung erfolgte in Kooperation mit etablierten Medienhäusern wie dem Spiegel, der New York Times und dem Guardian. Die „Afghan War Diary“ (76.911 Dokumente) und die „Iraq War Logs“ (391.832 Dokumente) legten detailliert Rechenschaft über den Kriegsalltag ab. Sie enthielten Belege für zivile Opfer, die zuvor nicht bekannt waren, und dokumentierten mutmaßliche Kriegsverbrechen. Ein Video mit dem Titel „Collateral Murder“ zeigte, wie die Besatzung eines US-Kampfhubschraubers im Irak unbewaffnete Zivilisten, darunter zwei Reuters-Journalisten, tötete. Die Bilder gingen um die Welt und erschütterten das öffentliche Bild der US-Kriegsführung. Die US-Regierung reagierte mit scharfer Verurteilung. Man warf Assange vor, das Leben von US-Soldaten und Informanten zu gefährden.
Die Veröffentlichung der diplomatischen Depeschen, bekannt als „Cablegate“, offenbarte die ungeschminkte Sichtweise von US-Diplomaten auf internationale Politik und fremde Staatsoberhäupter. Für die USA war dies ein diplomatisches Desaster. Für Assange und WikiLeaks war es der Höhepunkt ihres Einflusses. Doch die Reaktion der Staatsmacht ließ nicht auf sich warten. In den USA wurden Ermittlungen wegen Spionage und Geheimnisverrat eingeleitet. Gleichzeitig geriet Assange in Schweden ins Visier der Justiz. Im August 2010 wurde ein Haftbefehl wegen des Vorwurfs sexueller Vergehen ausgestellt. Assange sah darin einen politisch motivierten Versuch, seine Auslieferung an die Vereinigten Staaten vorzubereiten.
Sieben Jahre in der Botschaft
Um einer Auslieferung von Großbritannien nach Schweden zu entgehen, floh Julian Assange am 19. Juni 2012 in die ecuadorianische Botschaft in London. Er beantragte politisches Asyl, das ihm von der Regierung des damaligen Präsidenten Rafael Correa gewährt wurde. Die Botschaft wurde für die nächsten sieben Jahre sein Zuhause und sein Gefängnis.
Das Leben im Botschaftsasyl war von strenger Isolation geprägt. Das kleine Gebäude im Londoner Stadtteil Knightsbridge wurde rund um die Uhr von der britischen Polizei bewacht. Verließ er das Gebäude, drohte die sofortige Verhaftung wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen. Vom Balkon der Botschaft hielt er gelegentlich Reden an seine Unterstützer. Er empfing prominente Besucher und führte seine Arbeit für WikiLeaks unter erschwerten Bedingungen fort. Die ecuadorianische Regierung stattete ihn mit der Staatsbürgerschaft aus und versuchte, ihm einen diplomatischen Status zu verschaffen, was von Großbritannien jedoch abgelehnt wurde.
Die Situation änderte sich dramatisch mit dem Regierungswechsel in Ecuador. Der neue Präsident Lenín Moreno, der 2017 sein Amt antrat, distanzierte sich zunehmend von seinem Vorgänger Correa und dessen Unterstützung für den WikiLeaks-Gründer. Das Verhältnis verschlechterte sich rapide. Moreno bezeichnete Assange als „Stein im Schuh“ und warf ihm vor, sich in die ecuadorianische Politik einzumischen. Im April 2019 entzog Ecuador ihm schließlich das Asyl und die Staatsbürgerschaft. Am 11. April 2019 betrat die britische Polizei die Botschaft und nahm einen sichtlich geschwächten Assange fest. Die sieben Jahre währende Zuflucht war beendet.
Belmarsh, der Deal und die Freiheit für Julian Assange
Nach seiner Festnahme wurde Assange zunächst wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen zu 50 Wochen Haft verurteilt, die er im Londoner Hochsicherheitsgefängnis HMP Belmarsh antrat. Gleichzeitig stellten die USA einen formellen Auslieferungsantrag. Die Anklage umfasste 18 Punkte, hauptsächlich unter dem Espionage Act von 1917. Ihm drohten bis zu 175 Jahre Haft.
Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit durch die britischen Instanzen. Menschenrechtsorganisationen, darunter der UN-Sonderberichterstatter über Folter, Nils Melzer, kritisierten die Haftbedingungen und das Verfahren scharf. Sie sahen darin einen Angriff auf die Pressefreiheit. Im Januar 2021 lehnte ein britisches Gericht die Auslieferung zunächst ab, begründet mit der Suizidgefahr Assanges unter den Bedingungen des US-Haftsystems. Ein Berufungsgericht hob diese Entscheidung jedoch im Dezember 2021 wieder auf, nachdem die USA diplomatische Zusicherungen zur Behandlung Assanges gegeben hatten. Der internationale Druck wuchs. Der australische Premierminister Anthony Albanese sowie führende Medienhäuser wie die New York Times und der Guardian forderten die US-Regierung auf, die Anklage fallen zu lassen.
Nach über fünf Jahren in Belmarsh kam im Juni 2024 die überraschende Wende. Assanges Anwälte und das US-Justizministerium einigten sich auf einen Deal. Er bekannte sich vor einem US-Gericht auf den Nördlichen Marianen in einem Anklagepunkt – der Verschwörung zur unrechtmäßigen Beschaffung und Verbreitung von geheimem Material – schuldig. Im Gegenzug wurde er zu einer Haftstrafe verurteilt, die durch seine bereits verbüßte Zeit in London als abgegolten galt. Am 25. Juni 2024 verließ Julian Assange Großbritannien als freier Mann und kehrte in seine Heimat Australien zurück. Die vierzehnjährige Odyssee aus Verfolgung und Inhaftierung, die von Organisationen wie Reporter ohne Grenzen als Gefahr für den Journalismus weltweit eingestuft wurde, fand damit ein Ende.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Julian Assange geboren?
Julian Assange wurde am 3. Juli 1971 in Townsville, Queensland, Australien, geboren. Seine Eltern sind die bildende Künstlerin Christine Ann Hawkins und der Bauunternehmer und Anti-Kriegs-Aktivist John Shipton, die sich bereits vor seiner Geburt trennten.
Wofür ist Julian Assange bekannt?
Julian Assange ist vor allem als Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks bekannt. Internationale Aufmerksamkeit erlangte er 2010 durch die Veröffentlichung geheimer US-Militärdokumente und diplomatischer Depeschen, die von der Whistleblowerin Chelsea Manning zur Verfügung gestellt wurden und Kriegsverbrechen aufdeckten.
Was waren die wichtigsten Veröffentlichungen von WikiLeaks unter Assange?
Zu den bedeutendsten Veröffentlichungen zählen die „Afghan War Diary“ (2010), die „Iraq War Logs“ (2010) und das Video „Collateral Murder“ (2010). Ebenfalls zentral war die Veröffentlichung Tausender diplomatischer US-Depeschen, bekannt als „Cablegate“, im selben Jahr.
Warum war Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft?
Assange suchte 2012 in der ecuadorianischen Botschaft in London Schutz, um einer Auslieferung nach Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen zu entgehen. Er befürchtete, von Schweden aus an die USA ausgeliefert zu werden, wo ihm wegen der WikiLeaks-Veröffentlichungen eine hohe Haftstrafe drohte.
Wer sind die Eltern von Julian Assange?
Seine Mutter ist die bildende Künstlerin Christine Ann Hawkins. Sein leiblicher Vater ist John Shipton, ein Bauunternehmer und Aktivist, den er erst als Erwachsenen kennenlernte. Aufgewachsen ist er mit seiner Mutter und seinem Stiefvater, dem Schauspieler Richard Brett Assange.
Wie endete die Strafverfolgung von Julian Assange durch die USA?
Die Verfolgung endete im Juni 2024 durch eine Einigung mit dem US-Justizministerium. Assange bekannte sich in einem minderschweren Anklagepunkt schuldig und wurde im Gegenzug zu einer Haftstrafe verurteilt, die durch seine bereits verbüßte Zeit in britischer Haft als abgegolten galt.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Melzer, N. (2022). Der Fall Julian Assange: Geschichte einer Verfolgung. Piper Verlag.
- Domscheit-Berg, D. (2011). Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt. Econ Verlag.
- Leigh, D., & Harding, L. (2011). WikiLeaks: Inside Julian Assange's War on Secrecy. Guardian Books.