Jawaharlal Nehru (1889–1964) war ein indischer Politiker, Widerstandskämpfer und von 1947 bis zu seinem Tod der erste Premierminister Indiens. Als Architekt des modernen Nationalstaates prägte er dessen säkulare, demokratische Verfassung, initiierte Wirtschaftsreformen und war eine führende Stimme der Bewegung der Blockfreien Staaten während des Kalten Krieges.
Am Trinity College in Cambridge saß ein junger Mann aus Allahabad über Büchern der Biologie, der Politik und der Geschichte. Er las die großen europäischen Denker, debattierte in den ehrwürdigen Hallen einer britischen Elite-Universität und schloss sein Studium der Rechtswissenschaften am Inner Temple in London ab. Nichts an seiner Ausbildung deutete darauf hin, dass dieser Mann, Jawaharlal Nehru, Jahrzehnte später die Herrschaft ebenjenes britischen Empires beenden und zum Symbol für die Unabhängigkeit eines ganzen Subkontinents werden würde. Seine Erziehung war westlich, sein Geist geschult in den Prinzipien der Aufklärung. Doch sein Schicksal war untrennbar mit Indien verbunden, einem Land, das er erst neu entdecken musste.
Als Erbe einer wohlhabenden Familie und Zögling britischer Eliteschulen wurde er zum engsten Vertrauten eines Asketen, Mahatma Gandhi, und führte eine Nation mit Hunderten Millionen Menschen in eine ungewisse Freiheit.
Inhalt (5)
| Jahre | Amt / Funktion | Partei / Institution | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1929–1931 | Präsident | Indischer Nationalkongress | Nachfolge seines Vaters; Forderung nach vollständiger Unabhängigkeit. |
| 1942–1945 | Inhaftierter politischer Führer | Britisch-Indien | Letzte und längste Haftstrafe wegen der „Quit India“-Bewegung. |
| 1946–1947 | Stellvertretender Präsident | Provisorische Regierung Indiens | Führung der Übergangsregierung vor der Unabhängigkeit. |
| 1947–1964 | Premierminister Indiens | Regierung von Indien | Erster und bis heute am längsten amtierender Premierminister. |
| 1947–1964 | Außenminister | Regierung von Indien | Gleichzeitige Leitung der Außenpolitik; Begründer der Blockfreiheit. |
| 1952, 1957, 1962 | Mitglied der Lok Sabha | Parlament von Indien | Dreimal durch freie Wahlen im Amt des Premierministers bestätigt. |
Ein Geist, geformt in Harrow und Cambridge
Geboren am 14. November 1889 in Allahabad, erhielt Jawaharlal Nehru seine prägende Ausbildung in England. Er besuchte die Harrow School, studierte Naturwissenschaften am Trinity College in Cambridge und schloss eine juristische Ausbildung am Inner Temple in London ab. Diese Jahre formten sein rationales, säkulares Weltbild.
Jawaharlal Nehru entstammte einer privilegierten Welt. Sein Vater, Motilal Nehru, war ein angesehener und wohlhabender Rechtsanwalt, der zweimal dem Indischen Nationalkongress als Präsident vorstand. Die Familie gehörte zur Gemeinschaft der Kaschmir-Pandits. Der junge Nehru wuchs in einem westlich orientierten Haushalt auf, seine erste Bildung erhielt er von europäischen Hauslehrern. Die eigentliche intellektuelle Formung fand jedoch fern der Heimat statt. Ab 1905 durchlief er das strenge System der englischen Oberschicht: zunächst an der Harrow School, einer der Kaderschmieden des britischen Empires, dann an der Universität Cambridge.
Am Trinity College belegte er naturwissenschaftliche Fächer, doch sein Interesse galt ebenso der Politik, der Ökonomie und der Literatur. Er las, er debattierte, er sog den Geist des europäischen Liberalismus und des Fabian-Sozialismus auf. Diese Jahre in England, die er 1912 mit seiner Zulassung als Barrister abschloss, hinterließen ein unauslöschliches Gepräge. Er kehrte als Mann nach Indien zurück, der zwar indischer Herkunft war, aber in Denkmustern und Gewohnheiten einem englischen Gentleman glich. Dieser innere Zwiespalt zwischen westlicher Rationalität und indischer Identität sollte sein Leben und seine Politik bestimmen.
Die Schule des Ungehorsams an Gandhis Seite
Nach seiner Rückkehr nach Indien 1912 schloss sich Nehru der Unabhängigkeitsbewegung an und wurde ein enger Vertrauter von Mahatma Gandhi. Ab 1921 erlebte er wiederholte Verhaftungen wegen zivilen Ungehorsams. Die Jahre im Gefängnis nutzte er zum Schreiben, darunter die Briefe an seine Tochter Indira.

Die Begegnung mit Mahatma Gandhi veränderte alles. Der asketische, tief in der indischen Spiritualität verwurzelte Gandhi und der weltgewandte, agnostische Nehru bildeten ein ungleiches Paar. Doch Gandhi erkannte das Potenzial des jungen Mannes und machte ihn zu einem seiner wichtigsten politischen Erben. Nehru tauchte ein in die Realität des ländlichen Indien, die ihm bis dahin fremd war. Er sah die Armut, die Unterdrückung durch das Kolonialsystem und die tiefen sozialen Spaltungen. Unter Gandhis Anleitung wandelte er sich vom elitären Juristen zum politischen Aktivisten.
Sein Engagement für den zivilen Ungehorsam brachte ihn wiederholt in Konflikt mit der britischen Verwaltung. Die Gefängnisse wurden zu seiner zweiten Universität. Zwischen 1921 und 1945 verbrachte er insgesamt fast neun Jahre in Haft. In dieser erzwungenen Stille entstanden seine wichtigsten literarischen Werke. Aus dem Gefängnis schrieb er seiner jungen Tochter Indira Gandhi Hunderte von Briefen, die später als „Glimpses of World History“ veröffentlicht wurden – ein umfassender Versuch, einer Heranwachsenden die Weltgeschichte aus einer nicht-eurozentrischen Perspektive zu erklären. Seine Autobiografie und „The Discovery of India“ entstanden ebenfalls hinter Gittern. Diese Schriften sind Zeugnisse eines Mannes, der seine politische Vision im Exil der Zelle schärfte.
Der Dienst an Indien bedeutet den Dienst an den Millionen, die leiden.
Jawaharlal Nehrus Verabredung mit dem Schicksal
Am 15. August 1947 wurde Indien unabhängig, und Jawaharlal Nehru hielt seine berühmte Rede „A Tryst with Destiny“. Als erster Premierminister stand er vor der gewaltigen Aufgabe, die Verfassung einer säkularen Republik zu gestalten und die blutigen Folgen der Teilung Indiens zu bewältigen.

Die Stunde der Unabhängigkeit schlug um Mitternacht. In der Nacht zum 15. August 1947 trat Nehru vor die verfassungsgebende Versammlung in Neu-Delhi. Seine Worte gingen in die Geschichte ein: „Vor langer Zeit hatten wir eine Verabredung mit dem Schicksal, und nun ist die Zeit gekommen, da wir unser Versprechen einlösen werden.“ Es war ein Moment des Triumphs, doch er war getrübt von einer tiefen Tragödie. Die Teilung des Subkontinents in das säkulare Indien und das muslimische Pakistan, die Nehru nicht hatte verhindern können, führte zu einer der größten und gewaltsamsten Migrationsbewegungen der Menschheitsgeschichte. Millionen Menschen wurden vertrieben, Hunderttausende starben.
Die Ermordung Gandhis im Januar 1948 durch einen Hindu-Nationalisten war ein weiterer Schock, der die junge Nation erschütterte. In diesem Klima der Gewalt und Unsicherheit übernahm Nehru die Führung. Er stand einem Allparteienkabinett vor, dem auch politische Gegner wie der Jurist B. R. Ambedkar angehörten, der maßgeblich an der Ausarbeitung der indischen Verfassung beteiligt war. Nehru setzte sich für eine parlamentarische Demokratie, eine säkulare Staatsordnung und den Schutz von Minderheitenrechten ein. Die ersten freien Wahlen 1952, bei denen die von ihm geführte Kongresspartei einen überwältigenden Sieg errang, bestätigten seinen Kurs und festigten seine Position als unangefochtener Führer des Landes.
Der Dritte Weg im Kalten Krieg
Außenpolitisch etablierte Nehru Indien als führende Kraft der Bewegung der Blockfreien Staaten. Innenpolitisch trieb er große Industrie- und Landwirtschaftsreformen nach sozialistischem Vorbild voran. Er starb am 27. Mai 1964 im Amt, nachdem er Indien 17 Jahre lang regiert hatte.
In einer Welt, die vom Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion polarisiert war, suchte Jawaharlal Nehru einen eigenen Weg für Indien. Er lehnte die Einordnung in einen der beiden Militärblöcke ab. Stattdessen wurde er zu einem der Architekten der Bewegung der Blockfreien Staaten, die 1955 auf der Bandung-Konferenz ihren ideellen Anfang nahm. Diese Politik der Nicht-Pakt-Gebundenheit verschaffte Indien eine eigenständige Stimme auf der Weltbühne und machte Nehru zu einem Sprecher der postkolonialen Welt. Er trat für Abrüstung, friedliche Koexistenz und das Selbstbestimmungsrecht der Völker ein.
Innenpolitisch orientierte sich seine Wirtschaftspolitik an sozialistischen Ideen. Er setzte auf Fünfjahrespläne, förderte die Schwerindustrie und staatliche Unternehmen. Große Staudammprojekte und wissenschaftliche Institute wurden zu Symbolen des Fortschritts im „neuen Indien“. Gleichzeitig stieß seine Politik an Grenzen. Der Grenzkrieg mit China 1962 war eine militärische und persönliche Demütigung für ihn. Seine Gesundheit litt in den letzten Jahren. Am 27. Mai 1964 starb Jawaharlal Nehru in Neu-Delhi. Er hinterließ ein Land, dessen demokratische und säkulare Institutionen er maßgeblich geformt hatte und das er siebzehn Jahre lang durch die Stürme der Anfangszeit navigiert hatte. Sein Vermächtnis, festgehalten in seinen Schriften und Reden, prägt die politische Debatte in Indien bis heute.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Jawaharlal Nehru geboren und wann starb er?
Jawaharlal Nehru wurde am 14. November 1889 in Allahabad (heute Prayagraj), Indien, geboren. Er starb am 27. Mai 1964 im Alter von 74 Jahren in Neu-Delhi, während er noch im Amt des Premierministers war.
Wofür ist Jawaharlal Nehru bekannt?
Jawaharlal Nehru ist bekannt als der erste Premierminister des unabhängigen Indien, ein Amt, das er 17 Jahre lang innehatte. Er gilt als Architekt des modernen indischen Staates, prägte dessen säkulare, demokratische Verfassung und war eine führende Figur der Bewegung der Blockfreien Staaten.
Welche Rolle spielte Nehru bei der Unabhängigkeit Indiens?
Nehru war neben Mahatma Gandhi eine der zentralen Figuren des Indischen Nationalkongresses und der Unabhängigkeitsbewegung. Er verbrachte Jahre in britischer Haft und war maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt, die am 15. August 1947 zur Unabhängigkeit Indiens führten.
Wer gehörte zur Familie von Jawaharlal Nehru?
Nehru war der Sohn des Politikers Motilal Nehru. Er heiratete 1916 Kamala Kaul, mit der er eine Tochter hatte: Indira Gandhi, die später ebenfalls Premierministerin Indiens wurde. Sein Enkel Rajiv Gandhi und sein Urenkel Rahul Gandhi setzten die politische Tradition fort.
Was war die Bewegung der Blockfreien Staaten?
Die Bewegung der Blockfreien Staaten war ein von Nehru mitbegründeter internationaler Zusammenschluss von Staaten, die sich im Kalten Krieg weder dem West- noch dem Ostblock anschließen wollten. Ihr Ziel war es, eine unabhängige Außenpolitik zu verfolgen und für Frieden und Kooperation einzutreten.
Welche wichtigen Bücher hat Jawaharlal Nehru geschrieben?
Während seiner Gefängnisaufenthalte verfasste Nehru bedeutende Werke. Dazu zählen seine Autobiografie „An Autobiography“ (1936), „The Discovery of India“ (1946) und „Glimpses of World History“, eine Sammlung von Briefen an seine Tochter Indira, die zwischen 1930 und 1933 entstanden.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Tharoor, S. (2006). Die Erfindung Indiens. Das Leben des Pandit Nehru. Insel Verlag.
- Ali, T. (2005). Die Nehrus und die Gandhis. Eine indische Dynastie. Hugendubel.
- Nehru, J. (2011). Weltgeschichtliche Betrachtungen. Briefe an Indira. Vandenhoeck & Ruprecht.