Igor Strawinsky (18. Juni 1882 – 6. April 1971) war ein Komponist, Dirigent und Pianist russischer Herkunft, der die musikalische Moderne des 20. Jahrhunderts entscheidend prägte. Mit seinen Balletten für die Ballets Russes, darunter *Der Feuervogel* und *Le Sacre du printemps*, brach er radikal mit romantischen Traditionen und führte neue rhythmische und harmonische Konzepte ein.
Paris, 29. Mai 1913. Im neu eröffneten Théâtre des Champs-Élysées hebt der Dirigent Pierre Monteux den Taktstock. Ein Fagott beginnt in einer fast unspielbar hohen Lage, eine klagende, fremdartige Melodie. Es ist die Uraufführung von „Le Sacre du printemps“. Was folgt, ist kein Ballett im herkömmlichen Sinn, sondern ein archaisches Ritual in Tönen und Bewegungen, eine seismografische Erschütterung der europäischen Musikkultur. Die Dissonanzen, die polyrhythmischen Überlagerungen, die stampfenden Akzente entfesseln im Publikum einen der größten Theaterskandale der Geschichte. Es wird geschrien, gepfiffen, gestritten. Der Komponist, ein junger Russe namens Igor Strawinsky, flüchtet hinter die Bühne. Er ahnt nicht, dass dieser Abend die Musik für immer verändern wird.
Sein Weg führte ihn von der russischen Folklore über die Zerschlagung der Tonalität, durch die kühle Ordnung des Neoklassizismus bis zur strengen Logik der seriellen Komposition. Er war ein musikalischer Gestaltwandler, ein Meister der Masken, dessen einzige Konstante die stete Neuerfindung war.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1910 | L’Oiseau de feu (Der Feuervogel) | Ballett | Internationaler Durchbruch in Paris; spätromantisch-impressionistische Klangfarben. |
| 1913 | Le sacre du printemps | Ballett | Skandalöse Uraufführung; revolutionierte Rhythmus, Harmonie und Instrumentation. |
| 1920 | Pulcinella | Ballett mit Gesang | Beginn der neoklassizistischen Phase; Bearbeitung barocker Vorlagen. |
| 1923 | Les Noces (Die Bauernhochzeit) | Ballettkantate | Radikale Reduktion auf Schlagwerk und Stimmen, ein russisches Ritual in Musik gefasst. |
| 1930 | Psalmensinfonie | Sinfonie-Kantate | Geistliches Werk für Chor und Orchester; Verbindung von Archaik und Moderne. |
| 1951 | The Rake’s Progress | Oper | Höhepunkt des Neoklassizismus; Libretto von W. H. Auden nach Hogarth-Stichen. |
| 1957 | Agon | Ballett | Meisterwerk der späten, seriellen Phase; abstrakte, dodekaphonische Struktur. |
Sankt Petersburg, Paris und der Lärm der Moderne
Geboren 1882 in Oranienbaum bei Sankt Petersburg als Sohn eines Opernsängers, studierte Igor Strawinsky zunächst Jura. Privatunterricht bei Nikolai Rimski-Korsakow lenkte ihn zur Komposition. Die schicksalhafte Begegnung mit dem Impresario Sergei Diaghilew führte ihn 1910 nach Paris, wo seine Werke für die Ballets Russes ihn berühmt machten.
Die musikalische Ausbildung begann spät. Der Vater, Fjodor Strawinski, ein gefeierter Bass am Mariinski-Theater, sah für den Sohn eine juristische Laufbahn vor. Die Musik blieb zunächst eine private Leidenschaft. Er studierte Partituren, improvisierte am Klavier und nahm heimlich Harmonieunterricht. Erst nach dem Abschluss des Jurastudiums 1905 erhielt er die Erlaubnis, sich ganz der Komposition zu widmen. Sein entscheidender Lehrer wurde Nikolai Rimski-Korsakow, der Meister der russischen Orchestrierung. Er lehrte ihn das Handwerk, die Kontrolle über den Klangapparat, die Präzision in der Notation. Die frühen Werke, wie die Sinfonie in Es-Dur, zeigen noch deutlich den Einfluss des Lehrers.
Alles änderte sich mit einer Aufführung seines Orchesterwerks „Feuerwerk“ im Jahr 1909. Im Publikum saß Sergei Diaghilew, der charismatische Gründer der Ballets Russes, einer Kompanie, die die Pariser Kunstwelt aufmischen wollte. Diaghilew erkannte das Potenzial des jungen Komponisten und erteilte ihm den Auftrag für „Der Feuervogel“. Die Uraufführung 1910 wurde ein Triumph. Es folgten „Petruschka“ (1911) und schließlich der Paukenschlag von „Le Sacre du printemps“ (1913). Diese drei Ballette etablierten ihn als führende Figur der musikalischen Avantgarde. Die bolschewistische Revolution 1917 schnitt ihn von seiner russischen Heimat ab. Frankreich wurde sein neues Zentrum.
Neoklassische Ordnung nach dem Chaos
Nach den Eruptionen der russischen Phase und den Verwerfungen des Ersten Weltkriegs suchte Strawinsky nach Klarheit und Form. Ab 1920 entwickelte er seinen neoklassizistischen Stil, eine Auseinandersetzung mit musikalischen Modellen des 17. und 18. Jahrhunderts. Werke wie „Pulcinella“ (1920) und die Oper „Oedipus Rex“ (1927) prägten diese Periode.

Der Krieg hatte die Welt verändert. Die opulenten Orchester der Vorkriegszeit waren oft nicht mehr finanzierbar. Strawinsky reagierte mit einer neuen Ästhetik der Reduktion und Transparenz. Die „Geschichte vom Soldaten“ (1918) für ein kleines Kammerensemble ist ein Schlüsselwerk dieses Wandels. An die Stelle russischer Folklore trat eine bewusste Rückbesinnung auf die Formen und Gesten der europäischen Musikgeschichte, insbesondere des Barock und der Klassik. Es war keine nostalgische Kopie, sondern ein dialektisches Spiel mit der Vergangenheit. Er zerlegte die alten Modelle, um sie mit seiner eigenen rhythmischen und harmonischen Sprache neu zusammenzusetzen.
Musik ist ihrer Natur nach im Wesentlichen unfähig, irgendetwas auszudrücken.
Das Ballett „Pulcinella“, basierend auf Musikfragmenten, die Giovanni Battista Pergolesi zugeschrieben wurden, markierte den offiziellen Beginn dieser neoklassizistischen Phase. Er selbst beschrieb die Entdeckung dieser Musik als „Offenbarung“. Was folgte, war eine zwei Jahrzehnte andauernde Periode intensiver Auseinandersetzung mit musikalischer Tradition: das Oktett für Blasinstrumente, das Concerto für Klavier und Blasorchester, das Ballett „Apollon musagète“ und die für großen Chor und Orchester gesetzte „Psalmensinfonie“. 1934 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. Seine Musik wurde objektiver, kühler, distanzierter. Er forderte von den Interpreten eine werkgetreue Wiedergabe ohne romantische Gefühlsausbrüche.
Exil in Hollywood und die neue Welt
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und persönliche Schicksalsschläge zwangen Igor Strawinsky 1939 zur Emigration in die USA. Er ließ sich in West Hollywood, Los Angeles, nieder und wurde 1945 amerikanischer Staatsbürger. In dieser Zeit entstand die Oper „The Rake’s Progress“ (1951), und seine Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Robert Craft begann.

Das Jahr 1939 war ein Wendepunkt. Innerhalb weniger Monate starben seine älteste Tochter Ludmilla, seine Frau Jekaterina und seine Mutter. Europa stand am Rande des Krieges. Strawinsky nahm eine Einladung für eine Vorlesungsreihe an der Harvard University an und verließ den Kontinent für immer. 1940 heiratete er seine langjährige Geliebte, die Malerin Vera de Bosset, und fand in Kalifornien eine neue Heimat. Das Leben in Los Angeles, unweit der großen Filmstudios, war ein Kulturschock. Er komponierte einige kleinere Stücke für den kommerziellen Markt, darunter die „Zirkuspolka“ für einen Elefanten-Ballettakt, doch eine engere Verbindung zur Filmindustrie kam nie zustande. Sein Stil war zu sperrig, zu unkonventionell für Hollywood.
Die entscheidende Begegnung dieser Jahre war die mit dem jungen Musiker Robert Craft. Craft wurde sein Assistent, Übersetzer, Chronist und musikalischer Vertrauter. Er öffnete dem alternden Komponisten die Ohren für die Musik der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg, die Strawinsky lange kritisch betrachtet hatte. Die Krönung seiner neoklassizistischen Periode war die Oper „The Rake’s Progress“, ein moralisches Märchen nach einer Kupferstichserie von William Hogarth, für das der Dichter W. H. Auden das Libretto verfasste. Die Uraufführung 1951 in Venedig schien ein Abschied von einer Epoche zu sein.
Die späte Hinwendung zur Dodekaphonie
Angeregt durch Robert Craft und den Tod seines musikalischen Antipoden Arnold Schönberg 1951, begann Strawinsky, sich mit der Zwölftontechnik auseinanderzusetzen. Ab 1952 integrierte er serielle Verfahren in seine Kompositionen. Hauptwerke dieser letzten Schaffensphase sind das Ballett „Agon“ (1957) und die „Requiem Canticles“ (1966).
Es war eine der überraschendsten Volten in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Komponist, der jahrzehntelang als Gegenpol zu Schönbergs Dodekaphonie galt, adaptierte nun selbst serielle Techniken. Es war kein Bruch, sondern eine langsame Annäherung. Werke wie das Septett und die Kantate „Canticum Sacrum“ zeigen diesen Übergang. Strawinsky übernahm nicht dogmatisch das System, sondern formte es für seine eigenen Zwecke um. Er verband die strenge Reihentechnik mit seiner unverwechselbaren rhythmischen Vitalität und klanglichen Klarheit. Das Ergebnis war eine Musik von kristalliner Härte und expressiver Dichte.
Das Ballett „Agon“ gilt als Meisterwerk dieser späten Phase, eine abstrakte Choreografie für zwölf Tänzer, deren Struktur vollständig auf einer Zwölftonreihe basiert. Bis ins hohe Alter blieb seine schöpferische Energie ungebrochen. Mit den „Requiem Canticles“, einem konzentrierten, fast skelettierten Werk für Soli, Chor und Orchester, schuf er 1966 sein musikalisches Testament. 1969 verließ er Kalifornien und zog nach New York, wo er seine letzten Jahre im Essex House verbrachte. Er starb am 6. April 1971. Seinem Wunsch entsprechend wurde sein Leichnam nach Venedig überführt und auf der Friedhofsinsel San Michele beigesetzt, in unmittelbarer Nähe zum Grab seines einstigen Weggefährten Sergei Diaghilew. Die Paul-Sacher-Stiftung in Basel bewahrt heute einen Großteil seines Nachlasses. Seine Werke, herausgegeben von Verlagen wie Boosey & Hawkes, gehören zum Kernrepertoire der Konzertsäle weltweit.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Igor Strawinsky geboren und wann starb er?
Igor Strawinsky wurde am 18. Juni 1882 in Oranienbaum, einem Vorort von Sankt Petersburg in Russland, geboren. Er starb am 6. April 1971 im Alter von 88 Jahren in seiner Wohnung in New York City, USA.
Wofür ist Igor Strawinsky bekannt?
Igor Strawinsky ist bekannt als Komponist, der die Musik des 20. Jahrhunderts entscheidend formte. Seine rhythmisch und harmonisch kühnen Ballette für die Ballets Russes, insbesondere „Le Sacre du printemps“, lösten mit ihrer Uraufführung 1913 einen Skandal aus.
Was war der Skandal um „Le Sacre du printemps“?
Die Uraufführung von „Le Sacre du printemps“ am 29. Mai 1913 in Paris führte zu einem Tumult im Publikum. Die dissonante Musik, die stampfenden Rhythmen und die als ungraziös empfundene Choreografie von Vaslav Nijinsky provozierten laute Proteste.
Welche drei Phasen prägten Strawinskys Werk?
Strawinskys Schaffen wird typischerweise in drei Phasen unterteilt: die russische Periode (ca. 1907–1919) mit Werken wie „Der Feuervogel“, die neoklassizistische Periode (ca. 1920–1951) mit „Pulcinella“ und die serielle Periode (ca. 1952–1966).
Hatte Igor Strawinsky eine Familie?
Ja, Igor Strawinsky heiratete 1906 seine Cousine Jekaterina Nossenko, mit der er vier Kinder hatte. Nach Jekaterinas Tod 1939 heiratete er 1940 seine langjährige Partnerin, die Künstlerin Vera de Bosset, mit der er bis zu seinem Tod zusammenblieb.
Wo ist Igor Strawinsky begraben?
Igor Strawinsky ist auf der Friedhofsinsel San Michele in Venedig, Italien, beigesetzt. Sein Grab befindet sich im orthodoxen Teil des Friedhofs, nur wenige Meter von der letzten Ruhestätte seines Impresarios Sergei Diaghilew entfernt, wie er es sich gewünscht hatte.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Craft, R. (2000). Strawinsky – Einblicke in sein Leben. Atlantis Musikbuch-Verlag.
- Strawinsky, I. (1982). Mein Leben. Suhrkamp.
- Kirchmeyer, H. (2001ff.). Kommentiertes Verzeichnis der Werke und Werkausgaben Igor Strawinskys bis 1971. Veröffentlichungen der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.
- White, E. W. (1979). Stravinsky: The Composer and His Works. University of California Press.