Gerhard Richter (geboren am 9. Februar 1932) ist ein deutscher Maler, Bildhauer und Fotograf, dessen Werk eine zentrale Position in der Kunst nach 1945 einnimmt. Bekannt für seine stilistische Vielfalt, changiert sein Schaffen zwischen fotorealistischen Gemälden und großformatigen abstrakten Arbeiten, die das Verhältnis von Malerei und Fotografie befragen.
Die Farbe ist noch feucht. Mit einem breiten, trockenen Pinsel wischt die Hand über die Leinwand und verwischt die präzisen Konturen eines abgemalten Familienfotos. Aus einem scharfen Abbild wird eine Erinnerung, ein Schemen, der zwischen Präsenz und Absenz oszilliert. Diese Geste, das gezielte Unkenntlichmachen des Gegenständlichen, wird zu einem zentralen Verfahren im Werk von Gerhard Richter. Es ist der Akt, der die Malerei von der reinen Repräsentation befreit und sie gleichzeitig auf ihre eigene mediale Bedingtheit zurückwirft. In diesem kontrollierten Verwischen liegt der Kern einer künstlerischen Untersuchung, die über Jahrzehnte die Möglichkeiten des gemalten Bildes im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit neu verhandelt und die Frage stellt, was ein Bild überhaupt zeigen kann – und was es zwangsläufig verbirgt.
Sein Weg führte von den dogmatischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus in der DDR über eine radikale Selbstneuerfindung im Westen bis an die Spitze des globalen Kunstmarktes. Ein Werk, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1962 | Tisch (WVZ: 1) | Öl auf Leinwand | Erstes Werk im offiziellen Verzeichnis; Beginn der fotobasierten Malerei. |
| 1966 | Ema (Akt auf einer Treppe) | Öl auf Leinwand | Ikone seines fotorealistischen Stils, Zitat der Kunstgeschichte und intimes Porträt. |
| 1972 | 48 Portraits | Öl auf Leinwand | Beitrag zur Biennale Venedig; serielle Auseinandersetzung mit Geistesgeschichte. |
| 1982 | Kerze | Öl auf Leinwand | Beginn einer Serie, die traditionelle Stillleben-Motive neu interpretiert. |
| 1988 | 18. Oktober 1977 | Öl auf Leinwand | 15-teiliger Zyklus über die RAF; zentrale Arbeit zur deutschen Nachkriegsgeschichte. |
| 1990 | Abstraktes Bild (WVZ: 724-4) | Öl auf Leinwand | Exemplarisch für seine reife Phase der abstrakten Malerei mit Rakel-Technik. |
| 2007 | Kölner Domfenster | Glasfenster | Monumentales öffentliches Werk aus 11.263 farbigen Glasquadraten. |
Dresden, Düsseldorf, eine Flucht
Geboren 1932 in Dresden, absolvierte Gerhard Richter seine erste Ausbildung an der Hochschule für Bildende Künste Dresden von 1952 bis 1956. Nach frühen Erfolgen mit Wandbildern im Stil des Sozialistischen Realismus floh er 1961, kurz vor dem Mauerbau, nach West-Berlin und begann ein zweites Studium an der Kunstakademie Düsseldorf.
Die künstlerische Sozialisation in der DDR war geprägt von den strengen Vorgaben des Sozialistischen Realismus. Richter lernte das Handwerk der Malerei bei Lehrern wie Karl von Appen und Heinz Lohmar. Seine Diplomarbeit, das Wandbild „Lebensfreude“ von 1956 für das Deutsche Hygiene-Museum, folgte dem geforderten Stil. Doch unter der Oberfläche gärte der Zweifel am dogmatischen Kunstverständnis. Die Begegnung mit Werken von Jackson Pollock oder Lucio Fontana auf einer Reise nach West-Berlin öffnete ihm die Augen für die Möglichkeiten der Abstraktion und der künstlerischen Freiheit. Diese Erfahrung wurde zum Katalysator für seine Entscheidung, die DDR zu verlassen.
In Düsseldorf fand er sich in einer der lebendigsten Kunstszenen Europas wieder. An der Kunstakademie studierte er in der Klasse von Karl Otto Götz, einem der Hauptvertreter des deutschen Informel. Hier traf er auf Kommilitonen wie Sigmar Polke, Konrad Lueg und Gotthard Graubner. Gemeinsam suchten sie nach einer neuen Bildsprache, die sich sowohl von der amerikanischen Pop Art als auch von der europäischen Abstraktion abgrenzte. In einer radikalen Geste verbrannte Richter später viele seiner frühen, im Westen entstandenen Werke im Innenhof der Akademie. Ein Neuanfang war notwendig. Dieser manifestierte sich in einer Kunst, die nicht mehr erfinden, sondern das bereits Vorhandene befragen wollte.
Die Fotografie als Vorlage
Ab 1962 begann Richter, Fotografien aus Zeitungen, Magazinen und privaten Alben als direkte Vorlage für seine Gemälde zu nutzen. Diese „Abmalungen“, oft in Grautönen gehalten und mit einer charakteristischen Unschärfe versehen, stellten die traditionelle Hierarchie zwischen Malerei und Fotografie infrage.

Das Verfahren war ebenso einfach wie revolutionär. Ein Motiv wurde mittels Episkop auf die Leinwand projiziert, mit Kohle nachgezeichnet und anschließend in Öl umgesetzt. Der entscheidende Schritt folgte zum Schluss: Das Verwischen der noch nassen Farbe mit einem Pinsel oder Rakel. Diese Unschärfe entzog dem Bild seine fotografische Eindeutigkeit und verlieh ihm eine malerische Qualität, die zwischen Dokument und Interpretation schwebt. Motive wie „Tisch“ (1962) oder „Onkel Rudi“ (1965), der die Banalität des familiären Schnappschusses mit der Last der deutschen Geschichte verbindet, sind frühe Beispiele dieser Methode.
Es demonstriert die Zahllosigkeit der Aspekte, es nimmt uns unsere Sicherheit, weil es uns die Meinung und den Namen von einem Ding nimmt.
Zusammen mit Sigmar Polke und Konrad Lueg prägte Richter den Begriff des „Kapitalistischen Realismus“. Es war eine ironische Antwort auf den Sozialistischen Realismus seiner Herkunft und eine kritische Reflexion der westlichen Konsumgesellschaft. Ihre gemeinsamen Ausstellungen in den frühen 1960er-Jahren, etwa in einem Düsseldorfer Möbelhaus, waren provokante Aktionen, die den etablierten Kunstbetrieb herausforderten. Richters Werk aus dieser Periode, wie das Gemälde „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966, zeigt, wie er persönliche Motive mit kunsthistorischen Referenzen, in diesem Fall zu Marcel Duchamp, verband und durch seine Technik verfremdete.
Zwischen Serie und Abstraktion
In den späten 1960er- und 1970er-Jahren erweiterte Richter sein Repertoire um serielle und konzeptuelle Arbeiten. Die „Farbtafeln“ und die Werkgruppe „48 Portraits“ für die Biennale von Venedig 1972 zeugen von einem systematischen Interesse an der Dekonstruktion von Malerei und Repräsentation. Später wandte er sich verstärkt der Abstraktion zu.

Die „48 Portraits“ zeigen ausschließlich weiße Männer – Schriftsteller, Komponisten und Wissenschaftler –, abgemalt von Fotografien aus enzyklopädischen Nachschlagewerken. Die Auswahl wirkt objektiv, fast bürokratisch, und entpersönlicht die dargestellten Ikonen der Geistesgeschichte. Gleichzeitig begann er, mit seinen „Grauen Bildern“ die Malerei auf ihren Nullpunkt zu reduzieren. Grau, für ihn die Farbe der Indifferenz und des Nicht-Meinens, wurde zum Medium einer Malerei, die nichts mehr darstellen wollte. Parallel dazu entstanden die „Farbtafeln“, die auf industriellen Farbmusterkarten basieren und die Farbwahl dem Zufallsprinzip überlassen. Jede dieser Werkgruppen ist eine methodische Untersuchung der Bedingungen von Malerei selbst.
Ab Mitte der 1970er-Jahre entwickelte sich daraus seine bis heute andauernde Auseinandersetzung mit der Abstraktion. Seine „Abstrakten Bilder“ entstehen in einem komplexen Prozess aus Farbauftrag und -abtrag. Mit einem großen Rakel, einer Art Gummispachtel, zieht er Farbschichten über die Leinwand, zerstört und schafft dabei immer neue Strukturen. Der Zufall spielt eine wesentliche Rolle, wird aber vom Künstler in einem langen Arbeitsprozess kontrolliert und komponiert. Diese Werke sind keine Abbilder einer inneren Gefühlswelt, sondern Resultate eines malerischen Prozesses, der die Materialität der Farbe selbst zum Thema macht. Mehr Informationen zu seinem Werkverzeichnis finden sich im Gerhard Richter Archiv.
Gerhard Richters Auseinandersetzung mit der Geschichte
Immer wieder setzte sich Gerhard Richter in seinem Werk mit der deutschen Geschichte auseinander. Der 15-teilige Zyklus „18. Oktober 1977“ von 1988, der sich mit dem Tod der RAF-Mitglieder in Stammheim befasst, ist sein wohl politischstes und am kontroversesten diskutiertes Werk. Er basiert auf Polizei- und Pressefotos.
Die Gemälde zeigen die toten Terroristen Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof sowie die Beerdigung in unscharfen, fast geisterhaften Grautönen. Richter vermeidet jede ideologische Positionierung. Die Unschärfe macht die Ereignisse ungreifbar und verweigert eine einfache Lesart. Der Zyklus ist kein Denkmal für die Täter, aber auch keine Anklage. Stattdessen thematisiert er den Umgang mit diesen Bildern in den Medien und im kollektiven Gedächtnis. Die Werkgruppe, die heute im Museum of Modern Art in New York hängt, löste bei ihrer ersten Präsentation heftige Debatten aus. Sie gilt als ein Schlüsselwerk zur Aufarbeitung des Deutschen Herbstes.
Auch seine eigene Familiengeschichte ist von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gezeichnet. Erst Jahre später wurde bekannt, dass seine Tante Marianne Schönfelder 1945 von NS-Ärzten im Rahmen der „Euthanasie“-Programme ermordet wurde. Sein erster Schwiegervater, Heinrich Eufinger, war als SS-Arzt an Zwangssterilisationen beteiligt. Richter wusste von diesen Zusammenhängen lange nichts, hat sie aber unbewusst in Bildern wie „Tante Marianne“ (1965) verarbeitet. Das Kölner Domfenster von 2007, eine abstrakte Komposition aus Tausenden farbigen Glasquadraten, die auf dem Zufallsprinzip basiert, kann ebenfalls als eine Form der Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte gelesen werden – als ein bewusstes Setzen gegen die figurative, ideologisch aufgeladene Tradition von Kirchenfenstern.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Gerhard Richter geboren?
Gerhard Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren. Er wuchs in Reichenau und Waltersdorf in der Oberlausitz auf und erlebte als Kind das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
Wofür ist Gerhard Richter bekannt?
Gerhard Richter ist bekannt für seine stilistische Vielfalt, die von fotorealistischen Gemälden bis zu großformatigen abstrakten Werken reicht. Seine Technik des Verwischens und die Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Fotografie und Malerei prägen sein Werk.
Was ist der RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“?
Der Zyklus „18. Oktober 1977“ ist eine Serie von 15 Gemälden aus dem Jahr 1988. Er thematisiert den Tod der inhaftierten Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) und gilt als zentrale künstlerische Auseinandersetzung mit dem Deutschen Herbst.
Welche Technik verwendet Richter für seine abstrakten Bilder?
Für seine abstrakten Bilder trägt Richter mehrere Farbschichten auf und bearbeitet diese mit einem großen Rakel, einer Gummispachtel. Durch das Abziehen der Farbe entstehen komplexe, zufallsgesteuerte Strukturen, die er in einem langen Prozess weiterbearbeitet, bis eine Komposition entsteht.
Wie ist die Familiengeschichte von Gerhard Richter mit der NS-Zeit verbunden?
Richters Tante Marianne Schönfelder wurde 1945 Opfer der NS-„Euthanasie“. Sein erster Schwiegervater, Heinrich Eufinger, war als SS-Arzt an Zwangssterilisationen beteiligt. Richter verarbeitete diese unbewussten biografischen Verknüpfungen in Werken wie „Tante Marianne“ (1965).
Wo lebt Gerhard Richter heute?
Seit 1983 lebt und arbeitet Gerhard Richter in Köln. Sein Atelier befindet sich im Stadtteil Hahnwald. Obwohl er 2020 ankündigte, seine malerische Arbeit beenden zu wollen, stellt er weiterhin neue grafische Arbeiten aus und bleibt eine präsente Figur im Kunstgeschehen.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Elger, D. (2009). Gerhard Richter, Maler. Eine Biografie. DuMont Buchverlag.
- Schreiber, J. (2005). Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie. Pendo Verlag.
- Buchloh, B. H. D. (Ed.). (1988). Gerhard Richter: October 18, 1977. Walther König.