Freitag, 5. Juni 2026 · 156 Biografien · Lesezeit pro Beitrag 6–9 Min.
biografien-im-netz.de

Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Film & Bühne · Deutschland · 1941–2026

Angelica Domröse

Sie war das Gesicht der DEFA, die unangepasste Paula, eine Ikone in Ost und West – und eine Frau, die für ihre Kunst und ihre Haltung das Land wechselte

Angelica Domröse als Paula in einer Szene aus dem DEFA-Kultfilm 'Die Legende von Paul und Paula' von 1973, mit nachdenklichem Blick.
Angelica Domröse · Wikimedia Commons · Franz Richter (User:FRZ) · CC-BY-SA

Angelica Domröse (1941–2026) war eine deutsche Schauspielerin. Berühmt wurde sie durch die Hauptrolle in dem DEFA-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), die sie zu einer Ikone des DDR-Kinos machte. Nach Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns siedelte sie 1980 in die Bundesrepublik über und setzte ihre Karriere erfolgreich fort.

Eine Zeitungsanzeige veränderte alles. Angelica Domröse, gelernte Stenotypistin in einem staatlichen Außenhandelsunternehmen der DDR, meldete sich 1958 auf ein Inserat, das nach jungen Talenten für einen Film suchte. Der Regisseur Slatan Dudow erkannte ihr Potenzial unter Hunderten von Bewerberinnen und besetzte sie für eine der Hauptrollen in seiner Produktion „Verwirrung der Liebe“. Es war der Beginn einer Karriere, die sie auf die bedeutendsten Bühnen und vor die Kameras der DEFA führen sollte, ein Weg, der im geteilten Berlin begann und sie zu einem gesamtdeutschen Star machte.

Ihre Laufbahn ist untrennbar mit den Widersprüchen der deutschen Nachkriegsgeschichte verbunden: ein Aufstieg zum gefeierten Star in einem autoritären Staat, der künstlerische Triumph mit einem Film, der die Grenzen des Erlaubten auslotete, und schließlich der Bruch, der sie in ein neues Leben und eine neue Karriere im Westen zwang.

Inhalt (5)
Jahr Film / Stück Rolle / Funktion Bedeutung
1959 Verwirrung der Liebe Sieglinde Filmdebüt, entdeckt von Slatan Dudow
1970 Effi Briest Effi Briest Gefeierte Hauptrolle in der Fontane-Verfilmung
1973 Die Legende von Paul und Paula Paula Kultstatus, bekannteste Rolle ihrer Karriere
1979 Bis daß der Tod euch scheidet Sonja Letzte große DEFA-Produktion vor ihrer Ausreise
1986 Kir Royal Peggy Kaufmann Markante Rolle in Helmut Dietls Kultserie
1994–1997 Polizeiruf 110 Vera Bilewski Ermittlerin in der ARD-Krimireihe für den SDR
2012 Bis zum Horizont, dann links! Annegret Simon Letzte Kinorolle an der Seite von Otto Sander

Vom Außenhandel auf die Bühne des Berliner Ensembles

Geboren in Berlin, wuchs Angelica Domröse bei Mutter und Stiefvater auf. Nach einer Ausbildung zur Stenotypistin studierte sie von 1958 bis 1961 an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam. Ihr erstes festes Engagement führte sie von 1961 bis 1966 an das renommierte Berliner Ensemble.

Die frühen Jahre von Angelica Domröse waren von den Unwägbarkeiten der Nachkriegszeit gezeichnet. Sie wuchs in Berlin nahe dem Stettiner Bahnhof auf und lernte ihren leiblichen Vater, einen jüdischen Zwangsarbeiter aus Frankreich, nie kennen. Der pragmatische Weg schien vorgezeichnet: eine Ausbildung, ein sicherer Posten in der Verwaltung. Doch das Casting bei Slatan Dudow legte eine andere Fährte. Das Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg von 1958 bis 1961 professionalisierte ihr Talent und öffnete ihr die Tür zur Theaterwelt. Ihr erster Weg führte sie an eine der heiligsten Stätten des deutschen Theaters: das Berliner Ensemble. Unter der Nachwirkung von Bertolt Brecht, der wenige Jahre zuvor verstorben war, sammelte sie hier entscheidende Bühnenerfahrungen. Sie spielte in kanonischen Inszenierungen wie der „Dreigroschenoper“ oder „Die Tage der Commune“ und lernte, was es bedeutet, Teil eines disziplinierten und politisch bewussten Ensembles zu sein.

Diese Zeit war mehr als nur eine Lehrzeit; sie war eine Prägung. Das präzise Arbeiten am Text, die physische Genauigkeit auf der Bühne und das Verständnis für die gesellschaftliche Funktion des Theaters bildeten das Fundament ihrer gesamten späteren Arbeit. Nach fünf Jahren am Schiffbauerdamm wechselte sie 1966 an die Volksbühne Berlin, die unter der Intendanz von Benno Besson eine neue, experimentierfreudigere Ära einläutete. Hier entfaltete sie ihr volles Potenzial und wurde zu einer der führenden Darstellerinnen des Hauses. Sie spielte die großen Frauenrollen der Weltliteratur, von Shaws Cleopatra über Ibsens Nora bis zu Shakespeares Cressida, und prägte das Profil des Theaters entscheidend mit.

Paula, Effi und der Kultstatus bei der DEFA

In den späten 1960er und 1970er Jahren wurde Domröse zum Star des DEFA-Kinos. Ihre Rollen in Fontane-Verfilmungen wie „Effi Briest“ (1970) und vor allem die Titelrolle in Heiner Carows „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) an der Seite von Winfried Glatzeder brachten ihr immense Popularität.

Angelica Domröse
Star of Angelica Domröse at the "Boulevard der Sterne" in Berlin, fotografiert von JCS. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Parallel zu ihrer Bühnenkarriere etablierte sich Angelica Domröse als Gesicht des anspruchsvollen DDR-Films. Während sie in den 1960er-Jahren in diversen DEFA-Produktionen wie dem Antikriegsfilm „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1965) oder der Komödie „Ein Lord am Alexanderplatz“ (1967) mitwirkte, brachte das folgende Jahrzehnt ihre ikonischen Rollen hervor. Die Darstellung der Effi Briest 1970 in einer Fernsehverfilmung von Wolfgang Luderer zeigte ihre Fähigkeit, historische Figuren mit moderner Psychologie und subtiler Verletzlichkeit auszustatten. Doch es war die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Heiner Carow, die sie unsterblich machen sollte. Das Drehbuch von Ulrich Plenzdorf für „Die Legende von Paul und Paula“ war ein Wagnis: eine Geschichte über eine alleinerziehende, unangepasste Frau, die eine kompromisslose Liebe lebt und dabei mit den kleinbürgerlichen Konventionen der DDR-Gesellschaft kollidiert.

Sie war das Gesicht eines anderen, möglichen Deutschlands – unangepasst, verletzlich und von unbedingtem Lebenswillen.

Der Film von 1973 wurde zu einem phänomenalen Erfolg. Mit über drei Millionen Zuschauern traf er den Nerv einer ganzen Generation. Domröses Paula war keine sozialistische Heldin, sondern eine anarchische, lebenshungrige und zutiefst menschliche Figur, die sich ihr Recht auf Glück nahm. Die Rolle wurde zu ihrem Markenzeichen und machte sie und ihren Filmpartner Winfried Glatzeder zu Idolen. Der Erfolg bestätigte ihre Ausnahmestellung. Sie erhielt mehrfach den Preis als DDR-Fernsehkünstlerin des Jahres und 1976 den Nationalpreis der DDR II. Klasse. Weitere Hauptrollen in Literaturverfilmungen wie „Unterm Birnbaum“ (1973) festigten ihren Ruf als eine der vielseitigsten und ausdrucksstärksten Schauspielerinnen des Landes.

Protest, Ausreise und ein Neuanfang im Westen

Im November 1976 unterzeichnete Domröse die Protestresolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. In der Folge wurde ihre Arbeit in der DDR zunehmend behindert. 1980 siedelte sie mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler Hilmar Thate, in die Bundesrepublik Deutschland über.

Angelica Domröse
Star of Angelica Domröse at "Boulevard der Stars" in Berlin, fotografiert von Times. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Der künstlerische Höhepunkt fiel mit dem Beginn der politischen Erosion zusammen. Die Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 war ein Wendepunkt für viele Kulturschaffende in der DDR. Angelica Domröse gehörte zu den Erstunterzeichnern der Petition, die eine Rücknahme der Entscheidung forderte – ein Akt des Mutes, der unweigerlich Konsequenzen nach sich zog. Plötzlich stand die gefeierte Schauspielerin unter Beobachtung. Filmprojekte wurden erschwert, die künstlerische Freiheit eingeschränkt. Ihre letzte große Rolle für die DEFA spielte sie 1979 in Heiner Carows Ehedrama „Bis daß der Tod euch scheidet“. Die Atmosphäre der Gängelung und des Misstrauens wurde für sie und ihren zweiten Ehemann, den ebenfalls prominenten Schauspieler Hilmar Thate, unerträglich. Bereits 1979 hatte sie ein Gastspiel als Helena in Goethes „Faust II“ am Thalia-Theater in Hamburg angenommen. Ein Jahr später, 1980, fiel die endgültige Entscheidung: Das Paar kehrte von einer Reise nicht mehr in die DDR zurück und siedelte in die Bundesrepublik über.

Der Übergang gelang. Anders als manchen ihrer Kollegen, die im Westen nur schwer Fuß fassen konnten, gelang es Domröse, ihre Karriere nahtlos fortzusetzen. Sie war keine Unbekannte; ihre Filme waren auch im Westen bekannt. Sie spielte an renommierten Bühnen in Stuttgart, Hamburg, Bochum und Wien und fand am Schillertheater in West-Berlin eine neue künstlerische Heimat. Auch im Fernsehen blieb sie präsent, etwa mit ihrer markanten Rolle als Musikproduzentin Peggy Kaufmann in Helmut Dietls hochgelobter Mediensatire „Kir Royal“ (1986). Sie arbeitete mit Regisseuren wie Frank Beyer, Michael Haneke und Egon Günther und bewies, dass ihre schauspielerische Kraft an kein politisches System gebunden war.

Späte Rollen und das Ringen mit dem Leben

Nach der Wiedervereinigung arbeitete Domröse auch als Regisseurin und Dozentin an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Von 1994 bis 1997 ermittelte sie als Kommissarin im „Polizeiruf 110“. In ihrer Autobiografie „Ich fang mich selbst ein“ (2003) sprach sie offen über persönliche Krisen.

Die Jahre nach dem Fall der Mauer brachten neue Aufgaben. Domröse, die nun wieder in einem vereinten Berlin lebte, gab ihre Erfahrungen an die nächste Generation weiter und übernahm eine Dozentur an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Sie führte Regie am Studiotheater Berlin und am Meininger Theater. Einem breiten Publikum wurde sie ab 1994 erneut durch das Fernsehen bekannt, als sie die Rolle der Kommissarin Vera Bilewski in der Krimireihe „Polizeiruf 110“ für den SDR übernahm. Ihre letzte Kinorolle spielte sie 2012 an der Seite von Otto Sander in der Tragikomödie „Bis zum Horizont, dann links!“. Es war ein leiser Abschied von der Leinwand nach einer Karriere, die über 70 Film- und Fernsehproduktionen umspannte.

In ihrer 2003 erschienenen Autobiografie „Ich fang mich selbst ein“ gewährte sie einen schonungslosen Einblick in ihr Inneres. Sie thematisierte ihre jahrelange Alkoholsucht und psychische Krisen, die sie durchlebt hatte. Es war das Zeugnis einer Frau, die nicht nur auf der Bühne und vor der Kamera große Kämpfe ausfocht, sondern auch im Privaten. Nach dem Tod ihres Mannes Hilmar Thate im Jahr 2016 zog sie sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Angelica Domröse starb im Mai 2026 im Alter von 85 Jahren in ihrer Heimatstadt Berlin. Ihr Vermächtnis bleibt das einer außergewöhnlichen Darstellerin, deren Leben und Werk die Brüche und Hoffnungen der deutschen Geschichte spiegeln.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Angelica Domröse geboren und wann starb sie?

Angelica Domröse wurde am 4. April 1941 in Berlin geboren. Sie starb am 15. Mai 2026 im Alter von 85 Jahren, ebenfalls in Berlin. Sie verbrachte den größten Teil ihres Lebens in ihrer Geburtsstadt, sowohl im Osten als auch im Westen.

Wofür ist Angelica Domröse bekannt?

Angelica Domröse ist vor allem für ihre Hauptrolle als Paula in dem DEFA-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“ aus dem Jahr 1973 bekannt. Diese Rolle machte sie zu einer Ikone des DDR-Kinos und zu einer der populärsten Schauspielerinnen ihrer Generation.

Welche wichtigen Filme und Serien prägten ihre Karriere?

Zu ihren wichtigsten Werken zählen neben „Die Legende von Paul und Paula“ (1973) die Fontane-Verfilmung „Effi Briest“ (1970) und der Antikriegsfilm „Die Abenteuer des Werner Holt“ (1965). Nach ihrer Übersiedlung in den Westen war sie in der Kultserie „Kir Royal“ (1986) zu sehen.

War Angelica Domröse verheiratet und hatte sie Kinder?

Angelica Domröse war zweimal verheiratet. Von 1966 bis 1975 mit dem Schauspieler Jiří Vršťala und von 1976 bis zu seinem Tod 2016 mit dem Schauspieler Hilmar Thate. Sie hatte keine Kinder.

Woran starb Angelica Domröse?

Angelica Domröse starb im Mai 2026 nach längerer Krankheit. In den Jahren zuvor hatte sie sich nach gesundheitlichen Problemen, die sie auch in ihrer Autobiografie thematisierte, weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Domröse, A. (2003). Ich fang mich selbst ein: Mein Leben. Lübbe.
  • Funke, C., & Kranz, D. (1976). Angelica Domröse. Henschel.
  • Bock, H.-M. (1987). Angelica Domröse – Schauspielerin. In: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film.
  • Kaiser, M., & Müller-Enbergs, H. (2010). Domröse, Angelica. In: Wer war wer in der DDR? (5. Aufl.). Ch. Links.
Briefeditorial

Jeden Sonntag eine Biografie

Eine sorgfältig recherchierte Lebensgeschichte aus unserem Archiv — handverlesen, werbefrei, in Ihrem Postfach.

Kostenlos · jederzeit kündbar · Datenschutz