Jean-Luc Godard (1930–2022) war ein französisch-schweizerischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Kritiker. Als eine der zentralen Figuren der Nouvelle Vague prägte er die Filmgeschichte mit Werken wie „Außer Atem“ (1960). Sein Stil zeichnet sich durch experimentelle Schnitttechniken, politische Essays und die Infragestellung der filmischen Erzählung aus.
Paris, 1949. In den abgedunkelten Sälen des Ciné-club du Quartier Latin sitzt ein junger Mann, der sich an der Sorbonne für Ethnologie eingeschrieben hat, aber sein eigentliches Studium hier betreibt, im Flackern des Projektors. Er sieht Filme nicht nur, er seziert sie. Er streitet, schreibt, formuliert eine neue Grammatik des Sehens. Zusammen mit François Truffaut, Éric Rohmer und Jacques Rivette gehört er zu einer Gruppe junger Kritiker, die das etablierte französische Kino als verstaubt und akademisch ablehnen. Sie bewundern das amerikanische Genrekino, die Direktheit eines Howard Hawks, die Düsternis eines Nicholas Ray. Dieser junge Mann, Jean-Luc Godard, ahnt noch nicht, dass er bald selbst die Kamera in die Hand nehmen und die Konventionen des Kinos herausfordern wird. Er ist noch Kritiker. Doch der Regisseur in ihm wartet bereits.
Er zerlegte die Erzählung und setzte sie neu zusammen. Er machte die Technik des Filmemachens sichtbar und die Politik zum Thema. Sein Werk ist ein permanenter Dialog mit der Geschichte des Kinos, ein Fragment, ein Essay, eine Provokation. Ein Ende gab es für ihn nicht, nur ein Ende des Kinos.
Inhalt (5)
| Jahr | Film / Stück | Rolle / Funktion | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1960 | À bout de souffle (Außer Atem) | Regie, Drehbuch | Durchbruch der Nouvelle Vague; stilprägend durch Handkamera und Jump-Cuts. |
| 1963 | Le Mépris (Die Verachtung) | Regie, Drehbuch | Eine kritische Auseinandersetzung mit der kommerziellen Filmproduktion. |
| 1965 | Pierrot le fou (Elf Uhr nachts) | Regie, Drehbuch | Kulmination seiner frühen Phase; ein farbenprächtiges, genreüberschreitendes Roadmovie. |
| 1967 | Week-end | Regie, Drehbuch | Apokalyptische Satire auf die bürgerliche Gesellschaft; deklariert das „Ende des Kinos“. |
| 1972 | Tout va bien (Alles in Butter) | Regie, Drehbuch | Politischer Film der Groupe Dziga Vertov über den Klassenkampf nach Mai 1968. |
| 1980 | Sauve qui peut (la vie) | Regie, Drehbuch | Als sein „zweiter erster Film“ bezeichnet; Rückkehr zu einer narrativeren Form. |
| 1988–1998 | Histoire(s) du cinéma | Regie, Konzept | Monumentales Videoprojekt, das die Geschichte des Kinos als Collage reflektiert. |
| 2014 | Adieu au langage (Adieu an die Sprache) | Regie, Drehbuch | Experimenteller 3D-Film, der die Grenzen von Bild und Sprache auslotet. |
Der Kritiker als Regisseur: Die Jahre der Cahiers
Geboren in eine großbürgerliche Familie, verbrachte Jean-Luc Godard seine Jugend in Nyon am Genfersee. Ab 1949 studierte er an der Sorbonne in Paris, widmete sich aber primär dem Film. Er wurde zu einem der prägenden Autoren der 1951 gegründeten Zeitschrift „Cahiers du cinéma“.
Jean-Luc Godard kam nicht als Autodidakt zum Film. Er kam als Gelehrter. Aufgewachsen zwischen der Schweiz und Frankreich, geprägt von einem bildungsbürgerlichen protestantischen Milieu, fand er seine wahre Universität in den Pariser Kinos. Das Ethnologiestudium an der Sorbonne war eine formale Angelegenheit; die wirkliche Auseinandersetzung mit der Welt geschah im Dunkel des Kinosaals und in den hitzigen Debatten danach. Gemeinsam mit späteren Regiekollegen wie François Truffaut und Éric Rohmer entwickelte er bei den „Cahiers du cinéma“ die sogenannte Auteur-Theorie. Sie besagt, dass der Regisseur der eigentliche Autor eines Films ist, dessen persönliche Handschrift jedes Werk durchdringt. Diese Idee war eine Kampfansage an das konventionelle französische Kino, das von Drehbuchautoren und Produzenten dominiert wurde.
Sein Schreiben war analytisch, polemisch und von einer tiefen Liebe zum Kino durchdrungen. Er verteidigte amerikanische Regisseure wie Alfred Hitchcock und Howard Hawks, die in Europa als reine Handwerker galten, und erkannte in ihren Genrefilmen eine künstlerische Vision. Diese Phase als Kritiker war keine bloße Vorübung. Sie war die auktoriale Grundlegung für sein gesamtes späteres Schaffen. In einem Gespräch mit den „Cahiers du cinéma“ formulierte er es 1962 selbst: „Zwischen Schreiben und Drehen gibt es nur einen quantitativen, nicht einen qualitativen Unterschied.“ Der erste Schritt zur Revolutionierung des Films war, ihn in Worte zu fassen.
À bout de souffle: Wie Jean-Luc Godard das moderne Kino erfand
1960 erschien sein Spielfilmdebüt „À bout de souffle“ (Außer Atem) und wurde zum Fanal der Nouvelle Vague. Mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle, einer Handkamera und dem Einsatz von Jump-Cuts brach der Film radikal mit den Sehgewohnheiten des Publikums und etablierte eine neue Filmsprache.

Es war ein Paukenschlag. Nichts war mehr wie zuvor. Die vierwöchigen Dreharbeiten zu „À bout de souffle“ verliefen improvisiert, fast anarchisch. Godard arbeitete ohne festes Drehbuch, schrieb Dialoge oft erst am Morgen des Drehtags. Der Kameramann Raoul Coutard filmte mit einer leichten Handkamera auf den Straßen von Paris, was eine bis dahin ungekannte Unmittelbarkeit und Beweglichkeit ermöglichte. Der Film atmete das Leben der Stadt. Er war schnell, nervös, modern. Das entscheidende Stilmittel aber fand Godard im Schneideraum: der Jump-Cut. Indem er Teile einer Einstellung einfach herausschnitt, erzeugte er rhythmische Sprünge, die die Kontinuität der Handlung bewusst störten. Das war ein Verstoß gegen alle Regeln der klassischen Montage.
Der Erfolg machte Godard und seinen Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo zu Ikonen. Es folgte eine Phase hoher Produktivität. In Filmen wie „Le petit soldat“ (1963), der wegen seiner Thematisierung des Algerienkriegs zensiert wurde, „Le Mépris“ (1963) oder „Pierrot le fou“ (1965) entwickelte er seinen Stil weiter. Seine damalige Ehefrau, die dänische Schauspielerin Anna Karina, wurde zum Gesicht dieser Ära. Ihre Zusammenarbeit war von einer intensiven kreativen Spannung geprägt. Seine Filme wurden zunehmend zu Collagen aus Zitaten, politischen Anspielungen, Werbeplakaten und philosophischen Reflexionen, die die Trennung zwischen Fiktion und Realität auflösten.
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Fin du Cinéma: Die Politisierung nach 1968
Der Pariser Mai 1968 markierte einen tiefen Einschnitt. Godard radikalisierte sich politisch und wandte sich vom kommerziellen Kino ab. Mit Filmen wie „Week-end“ (1967) und der Gründung der „Groupe Dziga Vertov“ mit Jean-Pierre Gorin begann seine militanteste und experimentellste Schaffensperiode.

Schon „Week-end“ kündigte das Ende an. Die apokalyptische Vision einer im Stau und Konsum zerfallenden bürgerlichen Gesellschaft schließt nicht mit „Fin“, sondern mit „Fin du cinéma“. Für Godard war die Form des Erzählkinos erschöpft, untauglich, die politischen Realitäten abzubilden. Die Studentenproteste und Arbeiterstreiks im Mai 1968 bestärkten ihn in dieser Haltung. Gemeinsam mit Truffaut sorgte er für den Abbruch der Filmfestspiele von Cannes als Akt der Solidarität. Dies war auch das Ende ihrer Freundschaft; Truffaut blieb dem narrativen Kino treu, während Godard es nun als Teil des „imperialistischen“ Systems bekämpfte.
Mit der Groupe Dziga Vertov, benannt nach dem sowjetischen Filmpionier, wollte er nicht länger Filme über Politik machen, sondern politisch Filme machen. Die Werke dieser Zeit, etwa „Le vent d’est“ (1970) oder „Tout va bien“ (1972), sind maoistische Lehrstücke, die auf traditionelle Dramaturgie verzichten und stattdessen die Produktionsverhältnisse von Bild und Ton analysieren. Sie waren für ein breites Publikum unzugänglich und sollten es auch sein. Er zog sich bewusst aus dem Kinobetrieb zurück. Er wollte die Grammatik des Films von Grund auf neu erfinden, um sie in den Dienst der Revolution zu stellen. Eine Revolution, die auch eine Revolution der Wahrnehmung sein musste.
Rückkehr und Reflexion: Das Spätwerk aus der Schweiz
Nach einem schweren Motorradunfall 1971 und der Gründung der Produktionsfirma Sonimage mit Anne-Marie Miéville zog sich Godard nach Rolle in die Schweiz zurück. Ab 1980 kehrte er mit „Sauve qui peut (la vie)“ zum Kino zurück und schuf bis ins hohe Alter ein essayistisches Spätwerk.
Sein selbsternannter „zweiter erster Film“ markierte einen Neuanfang. Godard arbeitete wieder mit bekannten Schauspielern und höheren Budgets, doch seine Filme blieben widerständig. Werke wie „Passion“ (1982) oder „Prénom Carmen“ (1983) sind weniger Erzählungen als vielmehr visuelle Kompositionen, die Malerei, Musik und Filmgeschichte miteinander verweben. Der Rückzug an den Genfersee, wo er bis zu seinem Tod mit seiner Lebens- und Arbeitspartnerin Anne-Marie Miéville lebte, war auch ein Rückzug in ein Refugium der Reflexion. Von hier aus schuf er sein Opus magnum, die achtteilige Videoserie „Histoire(s) du cinéma“ (1988–1998). Es ist kein dokumentarischer Abriss, sondern eine poetische Archäologie des 20. Jahrhunderts durch die Linse des Kinos, eine melancholische Meditation über die verlorene Kraft der Bilder.
Auch im 21. Jahrhundert blieb Jean-Luc Godard produktiv, ein Solitär, dessen Werke auf Festivals gefeiert, aber im regulären Kinobetrieb kaum noch gezeigt wurden. Er experimentierte mit digitalen Technologien und 3D, wie in „Adieu au langage“ (2014). Sein Kino wurde immer abstrakter, ein ständiges Infragestellen von Sprache, Bild und ihrer Beziehung zur Wahrheit. Am 13. September 2022 entschied er sich in seinem Haus in Rolle für den assistierten Suizid. Er sei nicht krank gewesen, so seine Angehörigen, er sei einfach „außer Atem“. Ein letzter, konsequenter Akt der Selbstbestimmung von einem Künstler, der die Kontrolle über seine Bilder und sein Leben nie aus der Hand gab. Seine Arbeit wird in Institutionen wie dem Deutschen Filminstitut archiviert und diskutiert, während die von ihm mitgeprägten Cahiers du cinéma weiterhin erscheinen.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Jean-Luc Godard geboren und wann starb er?
Jean-Luc Godard wurde am 3. Dezember 1930 im 7. Arrondissement von Paris geboren. Er starb am 13. September 2022 im Alter von 91 Jahren in seinem Wohnort Rolle im Schweizer Kanton Waadt durch einen assistierten Suizid.
Wofür ist Jean-Luc Godard bekannt?
Jean-Luc Godard ist als prägende Figur der französischen Nouvelle Vague bekannt. Sein Debütfilm „Außer Atem“ (1960) revolutionierte mit dem Einsatz von Jump-Cuts und Handkamera die bis dahin etablierte Filmsprache und inspirierte Generationen von Filmschaffenden.
Wer waren die Ehefrauen von Jean-Luc Godard?
Godard war zweimal verheiratet. Von 1961 bis 1965 mit der Schauspielerin Anna Karina, die in vielen seiner Filme aus dieser Zeit die Hauptrolle spielte. Seine zweite Ehe führte er von 1967 bis 1979 mit der Schauspielerin und Schriftstellerin Anne Wiazemsky.
Was war die Groupe Dziga Vertov?
Die Groupe Dziga Vertov war ein von Jean-Luc Godard und dem Maoisten Jean-Pierre Gorin nach 1968 gegründetes Filmkollektiv. Ziel war es, das kommerzielle Kino zu überwinden und Filme als Werkzeuge für den politischen Klassenkampf und die Revolution zu produzieren.
Was zeichnet den filmischen Stil von Godard aus?
Sein Stil ist durch radikale Experimente geprägt. Dazu gehören der Jump-Cut, die Entkopplung von Bild und Ton, das Durchbrechen der vierten Wand, die Verwendung von Texttafeln sowie die collageartige Montage von Zitaten aus Kunst, Philosophie und Politik.
Welchen Einfluss hatte Jean-Luc Godard auf die Nachwelt?
Sein Einfluss auf das Kino ist fundamental. Regisseure von Martin Scorsese bis Quentin Tarantino berufen sich auf ihn. Seine Infragestellung der filmischen Erzählung und seine formalen Innovationen haben die Grenzen dessen, was Kino sein kann, nachhaltig erweitert.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Baecque, A. de (2023). Godard. biographie. Grasset.
- Jansen, P. W., & Schütte, W. (Hrsg.). (1981). Jean-Luc Godard. Carl Hanser Verlag.
- Godard, J.-L. (1981). Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos. Carl Hanser Verlag.