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Musik · Russland, Vereinigte Staaten · 1903–1989

Vladimir Horowitz: Der letzte Romantiker am Klavier

Seine Technik schien die Grenzen des Instruments aufzuheben, seine Pausen waren rätselhaft, seine Rückkehr ein Ereignis der Musikgeschichte

Der Pianist Vladimir Horowitz am Steinway-Flügel während eines Konzerts in den 1980er Jahren, konzentriert über die Tasten gebeugt.
Vladimir Horowitz: Der letzte Romantiker am Klavier · Wikimedia Commons · President (1981-1989 : Reagan). White House Photographic Office. 1981-1989 (Most Recent) · PD

Vladimir Horowitz (1. Oktober 1903 – 5. November 1989) war ein russisch-amerikanischer Pianist, der als einer der größten Klaviervirtuosen des 20. Jahrhunderts gilt. Seine Karriere, geprägt von technischer Brillanz, tiefen emotionalen Krisen und triumphalen Wiederkehren auf die Konzertbühne, machte ihn zu einer zentralen Figur der Tastenkunst.

April 1986. Das Moskauer Konservatorium hält den Atem an. Seit 61 Jahren hat er seine Heimat nicht mehr betreten. Nun sitzt er am Flügel, ein alter Mann mit der Aura eines Zaren, und aus den Lautsprechern auf der Straße lauschen Tausende. Als die ersten Töne von Scarlatti erklingen, ist es mehr als ein Konzert. Es ist eine Versöhnung mit der Geschichte, eine Rückkehr nicht nur in ein Land, sondern in eine verlorene Zeit. Tränen fließen im Publikum und auf der Bühne. Der Mann, der die Welt erobert hatte, war nach Hause gekommen, um mit der Musik seiner Jugend Abschied zu nehmen. Ein Kreis schloss sich.

Sein Spiel war ein elektrisierendes Ereignis, eine Demonstration pianistischer Kraft, die an die Grenzen des Instruments und der menschlichen Physis ging. Doch hinter der Fassade des unfehlbaren Virtuosen verbarg sich ein zutiefst verletzlicher Mensch, dessen Leben von langen Phasen des Rückzugs, von Selbstzweifeln und inneren Kämpfen gezeichnet war.

Inhalt (5)
Jahr Werk / Aufnahme Komponist Bedeutung
1932 Klaviersonate h-Moll Franz Liszt Eine frühe Referenzaufnahme, die seine virtuose Meisterschaft etablierte.
1943 Klavierkonzert Nr. 1 Pjotr Iljitsch Tschaikowski Historische Aufnahme mit seinem Schwiegervater Arturo Toscanini; ein Gipfelpunkt der Zusammenarbeit.
1962 Columbia Records Debut Album Domenico Scarlatti u.a. Die erste Studioaufnahme nach seiner zwölfjährigen Bühnenpause, die seine Wiederentdeckung Scarlattis einleitete.
1965 The Historic Return Bach/Busoni, Schumann Live-Mitschnitt seines Comeback-Konzerts in der Carnegie Hall, ein Dokument von historischer Bedeutung.
1978 Klavierkonzert Nr. 3 Sergei Rachmaninow Eine späte, aber maßstabsetzende Interpretation des Werkes, aufgenommen mit dem New York Philharmonic.
1986 Horowitz in Moscow Scarlatti, Mozart, Rachmaninow Aufzeichnung des emotionalen Konzerts seiner Rückkehr in die Sowjetunion.
1987 Klavierkonzert Nr. 23 KV 488 Wolfgang Amadeus Mozart Seine letzte Konzertaufnahme, dirigiert von Carlo Maria Giulini, zeigt eine neue, verinnerlichte Seite.

Von Kiew nach Berlin: Die Formung eines Virtuosen

Geboren am 1. Oktober 1903 in Kiew, erhielt Vladimir Horowitz ersten Klavierunterricht von seiner Mutter. Er studierte am Kiewer Konservatorium bei Felix Blumenfeld und verließ 1925 die Sowjetunion. Sein Debüt in Berlin markierte den Beginn seiner internationalen Karriere, die ihn schnell als pianistische Sensation etablierte.

Die musikalische Begabung zeigte sich früh. Seine Mutter, eine Amateurpianistin, legte den Grundstein. Am Kiewer Konservatorium, einer der führenden Institutionen des Russischen Kaiserreichs, fand er in Felix Blumenfeld einen Lehrer, der seine Technik verfeinerte und ihm die große russische Klaviertradition vermittelte. Der junge Horowitz wollte eigentlich Komponist werden, doch die Wirren der Oktoberrevolution und die Verarmung seiner Familie zwangen ihn zu einer Laufbahn als Konzertpianist. Seine ersten Tourneen durch die junge Sowjetunion waren künstlerisch erfolgreich, aber finanziell enttäuschend. Er spürte die Enge eines Systems, das Kunst als politisches Instrument sah. In dieser Zeit entwickelte er eine charakteristische Spielweise: eine flache Handhaltung, die ihm eine enorme Kraftentfaltung ermöglichte, aber von vielen Pädagogen als unorthodox angesehen wurde.

Der Entschluss zur Emigration reifte. 1925 erhielt er die Erlaubnis, ins Ausland zu reisen, offiziell zu Studienzwecken. Er würde nie wieder zurückkehren, bis zu jenem denkwürdigen Tag im Jahr 1986. Berlin wurde zur ersten Station seines neuen Lebens. Sein Debüt am 18. Dezember 1925 mit Tschaikowskis erstem Klavierkonzert war ein Wagnis. Er sprang für einen erkrankten Solisten ein und hatte nur wenige Tage zur Vorbereitung. Es wurde ein Triumph. Die Kritiker verglichen ihn mit den Titanen der Vergangenheit, mit Anton Rubinstein und Franz Liszt. Es folgten Konzerte in Hamburg, Paris und London. Europa lag ihm zu Füßen. Seine Technik, die donnernden Oktaven und die Fähigkeit, dem Klavier orchestrale Klangfarben zu entlocken, waren von hoher Individualität. Er spielte nicht nur Noten, er schuf Klangereignisse.

Carnegie Hall und die Neue Welt

Am 12. Januar 1928 debütierte Horowitz in der New Yorker Carnegie Hall und begann seine lebenslange Verbindung mit den USA. Die Heirat mit Wanda Toscanini 1933 festigte seine Position in der Musikwelt. Er wurde 1944 amerikanischer Staatsbürger und sein Name wurde zum Synonym für pianistische Meisterschaft.

Vladimir Horowitz, Aufnahme aus dem Jahr 1986
Concert pianist Vladimir Horowitz in Amsterdam, 1986, fotografiert von Gerrits, Roland / Anefo. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Das amerikanische Debüt war ein Zweikampf der Giganten. Am selben Abend trat er mit den New Yorker Philharmonikern unter der Leitung von Sir Thomas Beecham auf. Die Interpretation von Tschaikowskis Konzert geriet zu einem Wettstreit zwischen dem stürmischen Solisten und dem kontrollierten Dirigenten. Horowitz siegte. Das Publikum war elektrisiert. Die USA wurden seine neue Heimat. Er fand hier die Freiheit und die Anerkennung, die ihm vorschwebten. Seine Konzerte waren gesellschaftliche Ereignisse, seine Honorare brachen Rekorde. Er knüpfte eine enge Beziehung zu Sergei Rachmaninow, den er zutiefst bewunderte. Rachmaninow selbst zählte ihn zu den größten Interpreten seiner Werke, insbesondere des dritten Klavierkonzerts, das Horowitz zu einem seiner Markenzeichen machte.

Die Verbindung mit der Familie Toscanini war ein entscheidender Schritt. Er heiratete Wanda, die Tochter des berühmten Dirigenten Arturo Toscanini. Die Beziehung zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater war von gegenseitigem Respekt geprägt, aber auch von künstlerischen Spannungen. Ihre gemeinsamen Aufnahmen, insbesondere von Brahms‘ und Tschaikowskis Klavierkonzerten, sind Dokumente einer intensiven musikalischen Partnerschaft. In den USA fand Horowitz auch seinen Flügel fürs Leben: den Steinway-Konzertflügel Modell D, Seriennummer CD 503, der ihn fortan auf allen Tourneen begleitete, betreut von seinem eigenen Techniker Franz Mohr. Dieses Instrument wurde zu einem Teil seiner Identität, sein Klang zu seiner Stimme. Die Anpassungen am Instrument, eine besonders leichte und reaktionsschnelle Mechanik, erlaubten ihm jene extremen dynamischen Kontraste, für die er berühmt wurde.

Er spielte nicht nur die Noten, er spielte die Stille zwischen ihnen.

Vladimir Horowitz: Jahre des Schweigens und der Aufnahme

Horowitz‘ Karriere war von drei großen Pausen (1936–1938, 1953–1965, 1969–1974) geprägt. In diesen Phasen zog er sich komplett von der Bühne zurück, litt unter nervlichen Krisen und Depressionen, produzierte aber weiterhin Schallplatten, die seinen Status festigten. Jeder seiner Rückzüge machte seine Wiederkehr nur umso spektakulärer.

Vladimir Horowitz
Vladimir Horowitz, half-length portrait, standing by steps, facing left, fotografiert von Unnamed photographer for Bain News Service.. · Wikimedia Commons · PD

Der hohe Druck der Konzerttätigkeit forderte seinen Tribut. Bereits 1936, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, zog er sich für zwei Jahre zurück. Es war der erste von mehreren Rückzügen, die seine Laufbahn kennzeichnen sollten. Die längste Pause dauerte von 1953 bis 1965. Zwölf Jahre lang betrat er keine Konzertbühne. Die Musikwelt rätselte. Gerüchte über Krankheiten und psychische Probleme machten die Runde. In dieser Zeit der Abgeschiedenheit arbeitete er jedoch unermüdlich weiter. Er erweiterte sein Repertoire, vertiefte sich in die Werke von Komponisten wie Muzio Clementi und Domenico Scarlatti und machte eine Reihe von Studioaufnahmen für Columbia Records, die heute als Meilensteine der Schallplattengeschichte gelten. Diese Aufnahmen hielten die Verbindung zu seinem Publikum aufrecht und schufen einen Mythos um seine Person. Er wurde zum unsichtbaren Titanen der Klaviermusik.

Sein Comeback am 9. Mai 1965 in der Carnegie Hall ist ein fester Bestandteil der Musikgeschichte. Die Karten waren binnen Stunden ausverkauft. Die Erwartungen waren ins Unermessliche gestiegen. Als Vladimir Horowitz die Bühne betrat, wurde er mit einer Welle der Zuneigung empfangen. Er spielte ein anspruchsvolles Programm mit Werken von Bach/Busoni, Schumann und Chopin. Seine Technik war unversehrt, sein Spiel hatte an Tiefe und Reife gewonnen. Es war die triumphale Bestätigung, dass der Pianist auf seinen Thron zurückgekehrt war. Doch die inneren Dämonen blieben. Weitere, kürzere Pausen folgten. Das Leben von Vladimir Horowitz war ein ständiger Kampf zwischen dem öffentlichen Triumph und dem privaten Leiden, eine Dualität, die sich auch in der extremen Dynamik seiner Interpretationen spiegelte.

Heimkehr nach Moskau: Der letzte Triumph

Im April 1986, auf dem Höhepunkt der Perestroika, kehrte Horowitz nach 61 Jahren für zwei Konzerte nach Moskau und Leningrad zurück. Das Moskauer Konzert wurde weltweit übertragen und zu einem Symbol der kulturellen Öffnung. Seine letzten Lebensjahre waren von einer erneuten, späten Konzerttätigkeit geprägt, bis er 1989 starb.

Die Einladung, in der Sowjetunion zu spielen, war eine Geste von hoher politischer und persönlicher Bedeutung. Es war die Ära von Glasnost und Perestroika unter Michail Gorbatschow. Horowitz, der einst vor dem sowjetischen System geflohen war, wurde nun als Kulturbotschafter empfangen. Er zögerte, doch die Aussicht, die Orte seiner Jugend wiederzusehen, bewegte ihn. Das Konzert am 20. April 1986 im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums wurde zu einem der emotionalsten Momente der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Er spielte ein Programm, das wie eine Brücke zwischen den Welten wirkte: Scarlatti, Mozart, Rachmaninow, Skrjabin. Viele Zuhörer weinten. Es war eine tief bewegende Erfahrung für den Künstler, der sagte, er habe nicht nur für das Publikum, sondern für sich selbst gespielt.

Nach dem Erfolg in Moskau unternahm der über 80-jährige Pianist weitere Tourneen. Er spielte in Hamburg, Berlin, Wien und Amsterdam. Seine letzte Konzertaufnahme entstand 1987 mit Mozarts A-Dur-Konzert unter der Leitung von Carlo Maria Giulini. Sie zeigt einen geläuterten, nachdenklichen Künstler. Die feurige Virtuosität war einer fast transzendenten Klarheit gewichen. Am 5. November 1989 starb Vladimir Horowitz in seinem New Yorker Zuhause an einem Herzinfarkt. Er wurde auf seinen Wunsch hin in der Familiengruft der Toscanini in Mailand beigesetzt. Sein Tod markierte das Ende einer Ära. Seine Kunst bleibt in Aufnahmen erhalten. Sie sind das Zeugnis eines Pianisten, der das Unmögliche möglich machte und Generationen von Musikern prägte. Mehr Informationen finden sich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek sowie in filmischen Porträts wie „Vladimir Horowitz: The Last Romantic“.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Vladimir Horowitz geboren und wann starb er?

Vladimir Horowitz wurde am 1. Oktober 1903 in Kiew, damals Teil des Russischen Kaiserreichs, geboren. Er starb am 5. November 1989 im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in New York City an einem Herzinfarkt.

Wofür ist Vladimir Horowitz bekannt?

Vladimir Horowitz ist als einer der bedeutendsten Klaviervirtuosen des 20. Jahrhunderts bekannt. Er wurde für seine überragende Technik, seine kraftvollen Interpretationen romantischer Werke und für seine charismatischen, oft unvorhersehbaren Konzertauftritte gefeiert.

War Vladimir Horowitz verheiratet?

Ja, Vladimir Horowitz heiratete 1933 Wanda Toscanini, die Tochter des Dirigenten Arturo Toscanini. Sie blieben bis zu seinem Tod verheiratet und hatten eine gemeinsame Tochter, Sonya. Wanda spielte eine zentrale Rolle in der Verwaltung seiner Karriere.

Warum machte Horowitz so lange Konzertpausen?

Horowitz litt unter starkem Lampenfieber und wiederkehrenden Depressionen. Diese psychischen Belastungen, kombiniert mit dem Druck seiner Karriere, führten dazu, dass er sich mehrmals für lange Zeiträume, am bekanntesten von 1953 bis 1965, von der Konzertbühne zurückzog.

Was war das Besondere an seinem Klavier?

Horowitz spielte fast ausschließlich auf seinem persönlichen Steinway-Konzertflügel (Modell D, Seriennummer CD 503), der nach seinen Wünschen reguliert war. Dieser Flügel reiste mit ihm zu seinen Konzerten und wurde von seinem eigenen Klaviertechniker betreut.

Wann fand sein berühmtes Moskau-Konzert statt?

Sein historisches Konzert in Moskau fand am 20. April 1986 statt. Es war seine erste Rückkehr in seine Heimat nach 61 Jahren im Exil und wurde zu einem weltweit beachteten kulturellen und politischen Ereignis während der Ära von Glasnost.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Plaskin, G. (1983). Horowitz: A Biography. William Morrow & Co.
  • Schonberg, H. C. (1992). Horowitz: His Life and Music. Simon & Schuster.
  • Dubal, D. (1991). Evenings with Horowitz: A Personal Portrait. Amadeus Press.
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