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TV & Streaming · Deutschland · * 1958

Tom Buhrow: Vom Korrespondenten zum Reformer der ARD

Er erklärte den Deutschen die Welt aus Washington, gab den Tagesthemen ein Gesicht und stellte an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Systems am Ende alles infrage

Der Journalist Tom Buhrow während seiner Zeit als Moderator der Tagesthemen, aufgenommen im ARD-aktuell-Studio in Hamburg um das Jahr 2010.
Tom Buhrow: Vom Korrespondenten zum Reformer der ARD · Wikimedia Commons · Raimond Spekking · CC-BY-SA

Tom Buhrow (geb. 29. September 1958) ist ein deutscher Journalist und Rundfunkmanager. Von 2006 bis 2013 war er Moderator der ARD-Tagesthemen, von 2013 bis 2024 Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Als ARD-Vorsitzender stieß er eine tiefgreifende Reformdebatte über die Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an.

Der Satz am Ende der Sendung war ein Versprechen. „Morgen ist ein neuer Tag.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich sieben Jahre lang von den Zuschauern der Tagesthemen. Es war eine Geste der Zuversicht, ein ruhiger Schlusspunkt nach dreißig Minuten Weltgeschehen. Diese ruhige, verbindliche Art machte ihn zu einem der bekanntesten Fernsehgesichter Deutschlands. Er trat 2006 in die Fußstapfen von Ulrich Wickert, eine Aufgabe, die mit Erwartungen beladen war. Buhrow füllte sie auf seine Weise: präzise in der Analyse, unaufgeregt im Ton, ein verlässlicher Anker im Nachrichtenstrom. Der Mann, der aus Washington und Paris berichtet hatte, war im zentralen Studio des deutschen Fernsehens angekommen. Es war eine Position der Deutung, nicht mehr nur der Berichterstattung. Eine Zwischenstation, wie sich später zeigen sollte.

Vom Auslandskorrespondenten, der die amerikanische Politik erklärte, zum Intendanten, der den größten ARD-Sender umbauen musste, und schließlich zum ARD-Vorsitzenden, der das gesamte System zur Debatte stellte – sein Weg ist eine Chronik des Wandels im deutschen Journalismus.

Inhalt (5)
Jahre Position Institution / Sendung Bedeutung
1985 Volontariat Westdeutscher Rundfunk (WDR) Grundstein der journalistischen Laufbahn im öffentlich-rechtlichen System.
1994–1999 Fernsehkorrespondent ARD-Studio Washington Prägende Jahre der Berichterstattung aus den USA während der Clinton-Ära.
2002–2006 Studioleiter & Korrespondent ARD-Studio Washington Leitungsfunktion während der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September.
2006–2013 Moderator Tagesthemen (ARD) Nachfolge von Ulrich Wickert; wurde zu einem der bekanntesten Nachrichtenmoderatoren.
2013–2024 Intendant Westdeutscher Rundfunk (WDR) Leitung des größten ARD-Senders, verbunden mit tiefen Strukturreformen.
2020–2022 Vorsitzender (intermittierend) ARD Steuerung des Senderverbunds, Krisenmanagement und Anstoß der Reformdebatte.

Vom Rheinland nach Washington

Geboren am 29. September 1958 in Troisdorf, wuchs Tom Buhrow in Siegburg auf. Nach dem Abitur 1978 und einem Studium der Geschichte und Politikwissenschaften in Bonn begann er 1985 ein Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk, das den Grundstein für seine Karriere legte.

Die Herkunft prägte ihn. Sein Vater, Werner Buhrow, war in der Kommunalpolitik für die CDU in Siegburg aktiv. Das politische Klima einer Familie im rheinischen Mittelstand bildete den Hintergrund für seine Jugend. Ein entscheidender Impuls kam früh: Von 1974 bis 1976 verbrachte er als Austauschschüler zwei Jahre an einer High School in Wisconsin. Diese Erfahrung öffnete seinen Blick für die Vereinigten Staaten, ein Land, das seine berufliche Laufbahn entscheidend formen sollte. Nach der Rückkehr und dem Abitur am Anno-Gymnasium sammelte er erste journalistische Erfahrungen bei der Lokalredaktion des Bonner General-Anzeigers. Das Studium an der Universität Bonn in Geschichte, Politikwissenschaften und Rheinischer Landeskunde schloss er 1984 mit dem Magister Artium ab.

Der Einstieg in den Journalismus erfolgte über den klassischen Weg. 1985 begann sein Volontariat beim WDR in Köln. Schnell fand er seinen Platz im tagesaktuellen Geschehen. Ab 1986 arbeitete er als Redakteur und Reporter für die Sendung „Aktuelle Stunde“, eine der wichtigsten regionalen Informationssendungen in Deutschland. Er stieg zum Chef vom Dienst auf und moderierte das Format von 1990 bis 1992. Diese Jahre waren eine Schule der Präzision und der Geschwindigkeit. 1994 wechselte er ins Epizentrum der Weltpolitik. Als Fernsehkorrespondent im ARD-Studio Washington berichtete er über die Präsidentschaft von Bill Clinton. Nach einem Zwischenstopp als Korrespondent in Paris von 2000 bis 2002 kehrte er im Juli 2002 als Leiter des ARD-Studios nach Washington zurück. Es waren die Jahre nach dem 11. September 2001, eine Zeit tiefgreifender politischer Verwerfungen, die er für das deutsche Publikum einordnete.

Das Gesicht der Tagesthemen

Am 1. September 2006 trat Buhrow die Nachfolge von Ulrich Wickert als Moderator der Tagesthemen an. Sieben Jahre lang prägte er die Sendung im Wechsel mit Kolleginnen wie Anne Will. Seine letzte Moderation fand am 16. Juni 2013 statt, bevor er als Intendant nach Köln wechselte.

Tom Buhrow, Aufnahme aus dem Jahr 2018
Tom Buhrow at the :Re:publica 19, fotografiert von Martin Kraft. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die Rolle des „Mister Tagesthemen“ war mehr als nur ein Job. Sie war eine öffentliche Persona. Buhrow füllte sie mit einer Mischung aus Seriosität und einer fast stoischen Ruhe aus. Er vermied die persönliche Note, die sein Vorgänger kultiviert hatte, und setzte stattdessen auf sachliche Vermittlung. Seine Analysen waren klar, seine Interviews präzise und hartnäckig, aber nie aggressiv. Er etablierte sich als eine vertrauenswürdige Instanz im deutschen Nachrichtenjournalismus. Die Moderation machte ihn zu einer Figur des öffentlichen Lebens, was auch Debatten über seine Nebentätigkeiten als Vortragsredner auslöste. Im Jahr 2009 forderte die Redaktion von ARD-aktuell ihn brieflich auf, seine Engagements sorgfältiger auf mögliche Interessenkonflikte zu prüfen, eine Diskussion, die die grundsätzliche Frage nach der Unabhängigkeit von Spitzenjournalisten berührte.

Er erklärte den Deutschen die Welt, bevor er sich daranmachte, den Apparat zu erklären, der sie erklärt.

Jenseits der großen Politik suchte er auch andere Formate der Wissensvermittlung. Für den Radiosender SWR3 entstand die Reihe „Tim fragt Tom“, in der er einem fiktiven Kind komplexe politische Sachverhalte erklärte. Es zeigte eine andere Seite seiner Persönlichkeit: die des geduldigen Erklärers. Seine Bekanntheit führte ihn zu einem Gastauftritt im Kieler Tatort „Borowski und der freie Fall“ von 2012, in dem er sich selbst spielte. Nach sieben Jahren und unzähligen Sendungen war die Zeit reif für einen fundamentalen Wechsel. Sein Nachfolger wurde der langjährige Auslandskorrespondent Thomas Roth.

Tom Buhrows Jahre als Intendant in Köln

Am 29. Mai 2013 wählte der Rundfunkrat des WDR Tom Buhrow mit 41 von 47 Stimmen zum neuen Intendanten. Er trat das Amt am 1. Juli 2013 an und folgte auf Monika Piel. Seine zweite Amtszeit begann 2018 und endete 2024 nach insgesamt elf Jahren an der Senderspitze.

Tom Buhrow, Aufnahme aus dem Jahr 2013
Tom Buhrow bei der Pressekonferenz zur Wahl Buhrows als WDR-Intendant am 29.5.2013, fotografiert von Superbass. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Der Wechsel vom Moderatorenpult auf den Chefsessel des größten ARD-Senders war ein Sprung in eine neue Welt. Statt Nachrichten zu präsentieren, musste er nun eine Institution mit tausenden Mitarbeitern und einem Milliardenbudget führen. Seine Amtszeit stand von Beginn an im Zeichen des Umbruchs. Buhrow stieß zahlreiche Reformen an, um den WDR für das digitale Zeitalter zu rüsten. Programmdirektionen wurden neu geordnet, die Zusammenarbeit von Fernsehen, Radio und Online-Redaktionen intensiviert und neue digitale Formate entwickelt. Gleichzeitig stand er vor der Aufgabe, Kosten zu senken. Er verantwortete ein Sparprogramm, das den Abbau von rund 500 Stellen vorsah – ein schmerzhafter, aber aus seiner Sicht notwendiger Prozess.

Seine Rolle als Manager war nicht frei von Kontroversen. 2015 geriet er in die Kritik, als Pläne bekannt wurden, Teile der wertvollen WDR-Kunstsammlung zu verkaufen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Auch sein Gehalt wurde wiederholt öffentlich thematisiert. Mit einem Jahresgehalt von zuletzt 413.000 Euro (2021) war er der höchstbezahlte Intendant der ARD, was insbesondere im Kontext der Debatten um den Rundfunkbeitrag für Kritik sorgte. Politiker wie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff forderten eine Deckelung der Gehälter. Trotz dieser Debatten wurde Buhrow im März 2018 mit großer Mehrheit für eine zweite Amtszeit wiedergewählt, ein Zeichen für den Rückhalt, den er im Sender genoss.

An der Spitze der ARD

Von Januar 2020 bis Dezember 2021 übernahm Tom Buhrow erstmals den ARD-Vorsitz. Eine zweite, ungeplante Amtszeit als Interimsvorsitzender folgte von August bis Dezember 2022, nachdem die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger nach massiven Vorwürfen zurückgetreten war.

Die Zeit als ARD-Vorsitzender war geprägt von Krisen und der Notwendigkeit zur Veränderung. Unter seiner Führung brachte die ARD eine Digitaloffensive auf den Weg, um mit Mediathek, Audiothek und Nachrichtenportalen jüngere Zielgruppen besser zu erreichen. Doch seine zweite Amtszeit wurde von der tiefsten Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit Jahrzehnten überschattet. Der Skandal um Patricia Schlesinger beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) erschütterte das Vertrauen in das gesamte System. Buhrow musste als Interimsvorsitzender die Scherben zusammenkehren. Er trieb die Einführung einheitlicher Compliance-Standards voran und verstärkte den Druck zur Zusammenarbeit innerhalb der ARD.

Den Höhepunkt dieser Entwicklung markierte seine Rede im Hamburger Übersee-Club am 2. November 2022. In einer viel beachteten Ansprache forderte er eine radikale Reform des Systems. Nichts dürfe ein Tabu sein, auch nicht die Zusammenlegung von ARD und ZDF. Er sprach von einem „Zuviel des Guten“ und der Notwendigkeit, Doppelstrukturen abzubauen und das Programmprofil zu schärfen. Es war der Aufruf eines Insiders, das System von Grund auf neu zu denken. Der Mann, der seine gesamte Karriere in diesem System verbracht hatte, wurde zu seinem schärfsten Kritiker und zugleich zu einem seiner wichtigsten Reformer. Eine Haltung, die seine letzte Amtszeit als WDR-Intendant bis zu seinem Ausscheiden Ende 2024 prägte. Mehr Informationen bietet die offizielle Seite des WDR, und Analysen seiner Reformvorschläge finden sich im Archiv des Deutschlandfunks.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Tom Buhrow geboren?

Tom Buhrow wurde am 29. September 1958 in Troisdorf, Nordrhein-Westfalen, geboren. Er wuchs in der nahegelegenen Stadt Siegburg auf. Seine berufliche Laufbahn führte ihn später nach Köln, Washington, Paris und Hamburg.

Wofür ist Tom Buhrow bekannt?

Tom Buhrow ist vor allem als langjähriger Moderator der ARD-Tagesthemen (2006–2013) bekannt. Als Intendant des WDR (2013–2024) und ARD-Vorsitzender prägte er zudem maßgeblich die Debatte um die Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland.

Welche wichtigen Stationen prägten Buhrows Karriere?

Wichtige Stationen waren seine Zeit als ARD-Korrespondent in Washington, seine Rolle als Moderator der Tagesthemen und seine anschließende Wahl zum Intendanten des WDR. Als ARD-Vorsitzender managte er die Krise um den rbb und forderte tiefgreifende Systemreformen.

Was ist über Tom Buhrows Privatleben bekannt?

Tom Buhrow war von 1993 bis 2016 mit der Journalistin Sabine Stamer verheiratet, mit der er zwei Töchter hat. Das Paar veröffentlichte mehrere gemeinsame Bücher. Seit der Trennung im Jahr 2016 lebt er in einer neuen Partnerschaft.

Warum wurde Tom Buhrows Gehalt öffentlich diskutiert?

Sein Gehalt als WDR-Intendant von rund 413.000 Euro jährlich war das höchste unter den ARD-Intendanten. Dies führte wiederholt zu öffentlicher Kritik und Forderungen nach einer Begrenzung der Managergehälter im gebührenfinanzierten Rundfunk.

Welchen Einfluss hatte Tom Buhrow auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Als WDR-Intendant trieb er die digitale Transformation voran. Als ARD-Vorsitzender stieß er nach dem rbb-Skandal eine grundlegende Reformdebatte an, in der er sogar eine mögliche Zusammenlegung von ARD und ZDF thematisierte.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Angaben zum Intendanten auf der Seite des WDR; Simon, U. (2007, 3. März). In Tom Buhrows weicher Schale steckt ein harter Kern. Die Welt; Literatur von und über Tom Buhrow im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (DNB); Rede von Tom Buhrow im Übersee-Club, Hamburg, 2. November 2022.
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