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Wissenschaft · Vereinigtes Königreich · 1588–1679

Thomas Hobbes: Die Philosophie der Furcht und des Staates

Ein Denker, geboren aus der Furcht, der dem Staat eine künstliche Seele gab und dem Menschen seine Natur erklärte

Der englische Philosoph Thomas Hobbes in einem Porträt von John Michael Wright, um 1669, das die intellektuelle Strenge seines Denkens einfängt.
Thomas Hobbes: Die Philosophie der Furcht und des Staates · Wikimedia Commons · John Michael Wright · PD

Thomas Hobbes (1588–1679) war ein englischer Philosoph, Mathematiker und Staatstheoretiker, der als einer der Begründer der modernen politischen Philosophie gilt. Sein Hauptwerk „Leviathan“ (1651) entwickelte vor dem Hintergrund des Englischen Bürgerkriegs die Theorie des Gesellschaftsvertrags und die Notwendigkeit einer souveränen Staatsmacht.

Er selbst behauptete, seine Mutter habe Zwillinge zur Welt gebracht: ihn und die Furcht. Die Nachricht vom Herannahen der Spanischen Armada im Jahr 1588 löste die verfrühte Geburt des Thomas Hobbes aus. Diese Anekdote, ob wahr oder stilisiert, fasst ein Leben zusammen, das von der Suche nach Sicherheit in einer von Gewalt und Umsturz geprägten Epoche bestimmt war. Die Angst vor dem Chaos wurde zum Ausgangspunkt seines Denkens, zum dunklen Urgrund, auf dem er ein Staatsgebäude von unerbittlicher Logik errichten sollte. Er analysierte den Menschen nicht, wie er sein sollte, sondern wie er war: ein Wesen, getrieben von Selbsterhaltung und Machtstreben.

Aus der tiefen Analyse des menschlichen Naturzustands als eines Krieges aller gegen alle entwickelte Hobbes eine radikale politische Theorie, die in der Figur des Leviathan mündete, eines allmächtigen Souveräns, dem sich alle freiwillig unterwerfen, um dem Tod zu entgehen.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1640 The Elements of Law, Natural and Politic Politische Schrift Erste systematische Darlegung seiner politischen Philosophie für einen kleinen Kreis.
1642 De Cive (Über den Bürger) Staatstheoretischer Traktat Formulierte die Kernthesen des Gesellschaftsvertrags und der Souveränität im Exil.
1651 Leviathan Hauptwerk der Staatstheorie Sein umfassendstes Werk, das den Staat als künstlichen Menschen zur Friedenssicherung beschreibt.
1655 De Corpore (Über den Körper) Naturphilosophische Schrift Der erste Teil seiner philosophischen Trilogie; legt seine materialistische Ontologie dar.
1658 De Homine (Über den Menschen) Anthropologische Schrift Zweiter Teil der Trilogie, der seine mechanistische Erkenntnistheorie und Ethik entwickelt.
1681 (postum) Behemoth Historische Analyse Eine Auseinandersetzung mit den Ursachen und dem Verlauf des Englischen Bürgerkriegs.

Die Geburt aus der Furcht

Geboren am 5. April 1588 in Westport, Wiltshire, als Sohn eines Landpfarrers, studierte Thomas Hobbes ab 1603 an der University of Oxford Logik und Physik. Ab 1608 stand er als Hauslehrer und Sekretär im Dienst der adligen Familie Cavendish, was sein weiteres Leben prägte.

Das 17. Jahrhundert in England war eine Zeit der Verwerfungen. Hobbes‘ frühe Jahre fielen in die Phase sich zuspitzender Konflikte zwischen der Krone unter Jakob I. und Karl I. und einem selbstbewusster werdenden Parlament. Religiöse Auseinandersetzungen zwischen der anglikanischen Staatskirche, den Puritanern und Katholiken taten ein Übriges, um das politische Klima aufzuheizen. In diesem Umfeld erhielt der junge Hobbes eine klassische Ausbildung in Oxford. Er erwarb profunde Kenntnisse des Griechischen und Lateinischen, entwickelte aber zugleich eine tiefe Abneigung gegen die vorherrschende scholastische Philosophie. Die aristotelische Logik erschien ihm als lebensfernes Gedankenspiel, ungeeignet, die drängenden Fragen seiner Zeit zu beantworten.

Die Anstellung bei der Familie Cavendish erwies sich als Glücksfall. Sie bot ihm nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch Zugang zu einer umfassenden Bibliothek und die Möglichkeit zu ausgedehnten Reisen. Als Erzieher des jungen William Cavendish, des späteren 2. Earl of Devonshire, bereiste er den Kontinent. Diese Reisen waren mehr als nur Bildungstouren. Sie brachten ihn in Kontakt mit den führenden intellektuellen Strömungen Europas und schärften seinen Blick für die politischen Realitäten jenseits Englands. Eine kurze Zeit als Sekretär für den Philosophen Francis Bacon, den Vordenker des Empirismus, hinterließ ebenfalls Spuren in seinem Denken und bestärkte seine Hinwendung zu einer mechanisch-materialistischen Weltsicht.

Europäische Reisen und das philosophische Erwachen

Auf seinen Reisen zwischen 1629 und 1637 traf Hobbes auf Schlüsselfiguren der wissenschaftlichen Revolution. In Florenz besuchte er 1636 Galileo Galilei, in Paris tauschte er sich mit René Descartes und dem Gelehrtenkreis um Marin Mersenne aus. Diese Begegnungen inspirierten seinen Plan für ein dreiteiliges philosophisches System.

Thomas Hobbes
Thomas Hobbes. Line engraving by W. Faithorne. Iconographic Collections Keywords: portrait prints; engravings; Thomas Hobbes; William Faithorne · Wikimedia Commons · PD

Der direkte Austausch mit den führenden Köpfen Europas war für Hobbes‘ intellektuelle Entwicklung entscheidend. Die Begegnung mit Galileis mechanistischer Physik und seiner Methode, die Natur durch die Sprache der Mathematik zu beschreiben, war eine Offenbarung. Hobbes übertrug diesen Ansatz auf sein eigenes Projekt: die menschliche Gesellschaft mit der gleichen Präzision zu analysieren wie ein physikalisches System. In Paris fand er in dem Kreis um den Mönch Marin Mersenne, zu dem auch Pierre Gassendi gehörte, ein Forum für den Austausch radikaler neuer Ideen. Hier, im Zentrum der europäischen Gelehrtenrepublik, reifte sein Entschluss, eine umfassende Philosophie zu schaffen, die alles aus einem einzigen Prinzip erklärt: der Bewegung von Körpern.

Sein System sollte aus drei Teilen bestehen, die logisch aufeinander aufbauen. Der erste Teil, *De Corpore*, würde die allgemeinen Prinzipien der Körper und ihrer Bewegung behandeln. Der zweite, *De Homine*, sollte den Menschen als einen spezifischen Körper mit seinen Wahrnehmungen und Leidenschaften analysieren. Der dritte und letzte Teil, *De Cive*, würde schließlich die Lehre vom Staat als einem künstlichen Körper entfalten, der aus der Interaktion der menschlichen Körper entsteht. Dieser umfassende Plan zeugt von dem Ehrgeiz, eine vollständige, materialistische Erklärung der Welt vom kleinsten Partikel bis zur komplexesten politischen Ordnung zu liefern. Doch die politische Eskalation in seiner Heimat sollte die Reihenfolge seiner Veröffentlichungen diktieren.

Der Naturzustand des Menschen ist ein Krieg aller gegen alle.

Der Leviathan im Pariser Exil

Als sich der Konflikt zwischen König Karl I. und dem Parlament zuspitzte, floh Hobbes 1640 als Royalist nach Paris. Im Exil, das elf Jahre dauerte, verfasste er seine zentralen staatstheoretischen Schriften: *De Cive* (1642) und sein Hauptwerk *Leviathan* (1651).

Thomas Hobbes
Thomas Hobbes, fotografiert von John Michael Wright · Wikimedia Commons · PD

Die Flucht nach Paris war eine direkte Folge seiner Parteinahme für die Krone. Hobbes hatte anonym die absolutistischen Ansprüche des Königs verteidigt und musste die Rache des Parlaments fürchten. Das Pariser Exil wurde zu seiner produktivsten Phase. Fernab der unmittelbaren Kampfhandlungen, aber mit dem Schrecken des Bürgerkriegs vor Augen, entwickelte er seine Staatstheorie zur vollen Reife. Der Krieg in England war für ihn die empirische Bestätigung seiner philosophischen Prämisse: Ohne eine übergeordnete, Furcht einflößende Macht zerfällt die menschliche Gesellschaft in einen unerbittlichen Kampf jedes Einzelnen um sein Überleben, den *bellum omnium contra omnes*.

In diesem „Naturzustand“, so argumentiert Hobbes im *Leviathan*, gibt es kein Recht, keine Moral, kein Eigentum. Das Leben ist „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“. Die einzige Rettung aus diesem Elend ist ein Gesellschaftsvertrag. In einem rationalen Akt der Selbsterhaltung verzichten alle Individuen freiwillig auf ihr Recht auf alles und übertragen ihre Macht unwiderruflich auf einen Souverän. Dieser Souverän – ob eine einzelne Person oder eine Versammlung – steht außerhalb des Vertrags und ist nur Gott verantwortlich. Seine Macht ist absolut, denn nur absolute Macht kann den Frieden garantieren und die egoistischen Triebe der Menschen im Zaum halten. Der Staat ist der „Leviathan“, ein sterblicher Gott, dem die Menschen ihren Frieden und ihre Verteidigung verdanken. Diese radikale Argumentation fand weder bei den Royalisten noch bei den Parlamentariern Anklang, denn sie gründete die absolute Macht nicht auf Gottesgnadentum, sondern auf die rationale Zustimmung der Beherrschten.

Thomas Hobbes‘ späte Jahre: Rückkehr und Anfeindung

Nach der Veröffentlichung des *Leviathan* kehrte Thomas Hobbes 1651 in das von Oliver Cromwell regierte England zurück. Sein Werk brachte ihm den Vorwurf des Atheismus und der Häresie ein, doch er genoss nach der Restauration 1660 den Schutz seines ehemaligen Schülers, König Karl II.

Die Rückkehr nach England war riskant. Sein Materialismus und seine Kritik an der Macht der Kirche machten ihn in Frankreich angreifbar. In England arrangierte er sich mit der republikanischen Regierung Cromwells, da seine Theorie jede de facto souveräne Regierung legitimierte. Nach der Wiederherstellung der Monarchie unter Karl II. sah sich Hobbes jedoch heftigen Angriffen ausgesetzt. Insbesondere nach der Großen Pest von 1665 und dem Großen Brand von London 1666 suchten Kleriker und Politiker nach Sündenböcken, und der vermeintliche Atheist Hobbes war ein willkommenes Ziel. Mehrere Versuche wurden unternommen, ein Häresiegesetz gegen ihn zu erlassen.

Dass er diesen Anfeindungen unbeschadet entkam, verdankte er einflussreichen Freunden bei Hofe und der persönlichen Sympathie des Königs. Karl II. schätzte den scharfen Verstand seines einstigen Mathematiklehrers und schützte ihn vor den schlimmsten Verfolgungen, auch wenn er ihm ein Publikationsverbot für politische und religiöse Schriften in England auferlegte. Seine späten Werke, darunter die Geschichte des Bürgerkriegs *Behemoth*, mussten im Ausland, etwa in Amsterdam, gedruckt werden. Seinen Lebensabend verbrachte Thomas Hobbes auf den Landsitzen der Familie Cavendish, wo er bis ins hohe Alter von 91 Jahren wissenschaftlich tätig war. Er übersetzte Homers *Ilias* und *Odyssee* ins Englische und schrieb eine Autobiografie in lateinischen Versen. Er starb am 4. Dezember 1679 in Hardwick Hall, Derbyshire, und hinterließ ein Werk, das die politische Philosophie bis heute herausfordert und prägt. Seine Schriften sind auf der Stanford Encyclopedia of Philosophy ausführlich dokumentiert, während der Originaltext des Leviathan digital verfügbar ist.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Thomas Hobbes geboren und wann starb er?

Thomas Hobbes wurde am 5. April 1588 in Westport, einem Teil von Malmesbury in der englischen Grafschaft Wiltshire, geboren. Er starb im hohen Alter von 91 Jahren am 4. Dezember 1679 auf Hardwick Hall in Derbyshire, England.

Wofür ist Thomas Hobbes bekannt?

Thomas Hobbes ist vor allem für sein Hauptwerk „Leviathan“ (1651) und seine Theorie des Gesellschaftsvertrags bekannt. Er gilt als einer der Begründer der modernen politischen Philosophie, der die Notwendigkeit einer absoluten staatlichen Souveränität zur Überwindung des „Krieges aller gegen alle“ begründete.

Was ist der „Leviathan“ von Thomas Hobbes?

Der „Leviathan“ ist das staatstheoretische Hauptwerk von Thomas Hobbes, veröffentlicht 1651. Darin beschreibt er den Staat als einen künstlichen Menschen oder „sterblichen Gott“, dessen absolute Macht durch einen Gesellschaftsvertrag legitimiert wird, um Frieden und Sicherheit für die Bürger zu gewährleisten.

Was versteht Hobbes unter dem „Naturzustand“?

Der Naturzustand ist bei Hobbes ein gedankliches Konstrukt eines vorstaatlichen Zustands. In diesem herrscht Anarchie und ein „Krieg aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes), da es keine Gesetze und keine übergeordnete Macht gibt, die die egoistischen Triebe der Menschen kontrolliert.

Hatte Thomas Hobbes Familie?

Thomas Hobbes heiratete nie und hatte keine bekannten Kinder. Sein Vater, ein einfacher Landpfarrer, verließ die Familie früh. Hobbes stand sein Leben lang in einem engen, fast familiären Verhältnis zur adligen Familie Cavendish, in deren Haushalt er als Lehrer und Gelehrter lebte.

Welchen Einfluss hatte Thomas Hobbes auf die politische Philosophie?

Hobbes begründete die politische Philosophie auf einer rationalen und säkularen Basis statt auf göttlicher Offenbarung. Seine Konzepte des Naturzustands, des Gesellschaftsvertrags und der Souveränität prägten nachfolgende Denker wie John Locke, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant entscheidend.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Münkler, H. (2001). Thomas Hobbes. Campus Verlag.
  • Skinner, Q. (2002). Visions of Politics, Volume 3: Hobbes and Civil Science. Cambridge University Press.
  • Martinich, A. P. (1999). Hobbes: A Biography. Cambridge University Press.
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