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Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Literatur · Vereinigte Staaten · 1933–2004

Susan Sontag: Die Intellektuelle als Zeugin des Jahrhunderts

Zwischen New Yorker Bohème und den Schützengräben von Sarajevo, eine Intellektuelle im Kampf mit den Metaphern der Macht

Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag bei einer Lesung in den 1970er-Jahren, mit ernstem Blick und ihrer charakteristischen dunklen Haarsträhne.
Susan Sontag: Die Intellektuelle als Zeugin des Jahrhunderts · Wikimedia Commons · Ulli 2mecs · CC-BY-SA

Susan Sontag (1933–2004) war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Regisseurin und Kulturkritikerin. Bekannt für ihre scharfsinnigen Analysen in Werken wie „Über Fotografie“ und „Krankheit als Metapher“, prägte sie den intellektuellen Diskurs über Kunst, Politik und Gesellschaft nachhaltig.

Sie verließ Oxford nach wenigen Monaten. Paris rief. In einer kleinen Mansardenwohnung in der Rue Jacob, im Herzen von Saint-Germain-des-Prés, fand sie 1958, was sie suchte: die Anonymität der Metropole, die intellektuelle Dichte der Cafés und die schier endlose Dunkelheit der Cinémathèque française. Hier, zwischen Gesprächen mit Allen Ginsberg und flüchtigen Begegnungen, die sie mit Jean-Paul Sartre gehabt haben soll, begann die Transformation der amerikanischen Akademikerin zur europäischen Intellektuellen. Sie konsumierte Filme, führte turbulente Affären mit Frauen wie der Autorin Harriet Sohmers und lernte, die Welt nicht nur zu analysieren, sondern sie als ästhetisches Phänomen zu erfahren. Dieses Pariser Lehrjahr legte den Grundstein für alles, was folgen sollte.

Susan Sontag war eine Denkerin in ständiger Bewegung, eine Moralistin mit einer Vorliebe für die Avantgarde und eine öffentliche Intellektuelle, die sich weigerte, einfache Antworten zu geben.

Inhalt (5)
Jahr Titel Gattung Bedeutung
1963 Der Wohltäter Roman Ein anspruchsvolles Debüt, das vom französischen Nouveau Roman beeinflusst ist.
1964 Notes on „Camp“ Essay Machte sie schlagartig bekannt; eine Neubewertung von Ästhetik und Künstlichkeit.
1966 Gegen die Interpretation Essay-Sammlung Plädiert für eine direkte, sinnliche Erfahrung von Kunst statt intellektueller Deutung.
1977 Über Fotografie Essay-Sammlung Eine grundlegende Analyse der Rolle des fotografischen Bildes in der modernen Kultur.
1978 Krankheit als Metapher Essay Untersucht die metaphorische Aufladung von Krankheiten wie Tuberkulose und Krebs.
1989 Aids und seine Metaphern Essay Erweiterung ihres früheren Werks, die sich mit der Stigmatisierung von AIDS befasst.
2000 In Amerika Roman Ausgezeichnet mit dem National Book Award; ein historischer Roman über eine polnische Schauspielerin.

Der Bruch mit der Interpretation

Nach ihrer Rückkehr aus Paris 1959 und der Scheidung von Philip Rieff etablierte sich Sontag in New York. Ihr Essay „Notes on ‚Camp‘“ von 1964 in der Zeitschrift *Partisan Review* markierte ihren Durchbruch. 1966 folgte der Sammelband *Gegen die Interpretation*.

Die Rückkehr in die USA 1959 war eine Zäsur. Sontag trennte sich von ihrem Ehemann, dem Soziologen Philip Rieff, und zog mit dem gemeinsamen Sohn David nach New York. Sie verzichtete auf Unterhalt und überließ Rieff die alleinigen Autorenrechte an seinem Hauptwerk *Freud: The Mind of the Moralist*, an dem sie maßgeblich mitgearbeitet hatte. Sie schlug sich mit Lehraufträgen an der Columbia University durch, schrieb Literaturkritiken und wurde schnell Teil der New Yorker Intellektuellenszene. Sie knüpfte Kontakte zu Hannah Arendt, die sie als Vorbild bewunderte, und begann, ernsthaft zu schreiben. Der erste Roman, *Der Wohltäter* (1963), war ein komplexes, von der europäischen Literatur geprägtes Werk, das zwar Beachtung fand, aber kein kommerzieller Erfolg wurde. Der Verleger Roger Straus von Farrar, Straus & Giroux erkannte ihr Potenzial.

Der wahre Durchbruch kam 1964. In der *Partisan Review* erschien ihr Aufsatz *Notes on „Camp“*. In 58 nummerierten Thesen definierte sie eine Sensibilität, die das Künstliche, das Übertriebene und die „Liebe zum Unnatürlichen“ feiert und damit die Welt als ästhetisches Phänomen begreift. Der Text traf einen Nerv. Er hob die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur auf und machte die junge, glamouröse Autorin zur Galionsfigur der Avantgarde. Die Forderung, Kunst nicht zu Tode zu interpretieren, sondern ihr sinnlich zu begegnen, verdichtete sie zwei Jahre später im titelgebenden Essay ihres Sammelbandes *Gegen die Interpretation*. Sie forderte eine „Erotik der Kunst“ anstelle einer Hermeneutik.

Die Kamera als Waffe: Susan Sontags Blick auf die Fotografie

In den späten 1960er- und 1970er-Jahren wandte sich Sontag dem Film zu und drehte vier eigene Werke, darunter *Duet for Cannibals* (1969). Ihre intensive Auseinandersetzung mit visueller Kultur mündete 1977 in ihrem einflussreichen Buch *Über Fotografie*.

Susan Sontag
Pastel portrait of Susan Sontag commissioned by the Gay & Lesbian Review for the 2009 May-June cover, fotografiert von Juan Fernando Bastos. · Wikimedia Commons · CC-BY

Sontag war eine passionierte Kinogängerin. Ihre Essays über die Filme von Jean-Luc Godard oder Ingmar Bergman zeugen von einer tiefen Auseinandersetzung mit dem Medium. Folgerichtig begann sie, selbst Regie zu führen. Zwischen 1969 und 1974 entstanden in Schweden zwei Spielfilme, *Duet for Cannibals* und *Brother Carl*, die stilistisch an das europäische Autorenkino angelehnt waren. Die Kritiken fielen gemischt aus. Ihre Filmarbeit war jedoch mehr als ein Seitensprung; sie war Teil ihrer Untersuchung der Macht von Bildern. Diese Untersuchung erreichte ihren Höhepunkt in der Essay-Sammlung *Über Fotografie* (1977). Darin analysiert sie das Fotografieren als einen Akt der Aneignung, der die Realität gleichzeitig bezeugt und fragmentiert, der Empathie erzeugen und abstumpfen kann. Das Buch wurde zu einem Standardwerk der Medientheorie.

Sie argumentierte, dass die unaufhörliche Flut fotografischer Bilder unsere Beziehung zur Welt verändert. Eine Fotografie ist nicht die Realität, sondern eine Interpretation davon. Sie friert einen Moment ein, reißt ihn aus dem Kontext und macht ihn konsumierbar. Ihre Thesen, entwickelt in einer Zeit vor der digitalen Bilderflut und den sozialen Medien, erweisen sich heute als prophetisch. Die Kamera, so Sontag, ist ein Werkzeug, das gleichzeitig Distanz schafft und eine aggressive Form des Sehens ermöglicht. Es ist ein Akt, der das Gesehene in Besitz nimmt.

Interpretation ist die Rache des Intellekts an der Kunst.

Den Krankheiten die Sprache nehmen

Eine eigene Krebserkrankung Mitte der 1970er-Jahre wurde zum Auslöser für ihr Werk *Krankheit als Metapher* (1978). Sie analysierte darin die sprachliche Stigmatisierung von Patienten. Elf Jahre später erweiterte sie die Analyse mit *Aids und seine Metaphern* (1989).

Susan Sontag, Aufnahme aus dem Jahr 1991
Susan Sontag Howard Hodgkin The way we live now 1991 Title · Wikimedia Commons · PD

Im Jahr 1975 wurde bei Susan Sontag Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Die Ärzte gaben ihr eine geringe Überlebenschance. Doch sie kämpfte, suchte nach alternativen Behandlungsmethoden und überlebte. Diese Erfahrung transformierte ihr Schreiben. Sie erkannte, wie sehr die Sprache über Krankheit von bestrafenden und militärischen Metaphern durchdrungen ist. Man „kämpft“ gegen den Krebs, der Körper wird zum „Schlachtfeld“, die Therapie ist ein „Angriff“. In *Krankheit als Metapher* legte sie diese sprachlichen Muster frei und zeigte, wie sie Patienten zusätzlich zur physischen Last mit Scham und Schuld beladen. Sie verglich die metaphorische Aufladung des Krebses mit der der Tuberkulose im 19. Jahrhundert, die als Krankheit der sensiblen, kreativen Seele verklärt wurde.

Über ein Jahrzehnt später, als die AIDS-Krise die westliche Welt erschütterte, nahm sie den Faden wieder auf. In *Aids und seine Metaphern* (1989) dekonstruierte sie die apokalyptische und moralisierende Rhetorik, die die Krankheit als „Seuche“ oder „Strafe“ darstellte. Sie plädierte eindringlich dafür, Krankheit als das zu sehen, was sie ist: ein biologischer Zustand, keine moralische Aussage. Ihre Arbeit trug maßgeblich dazu bei, die öffentliche Wahrnehmung von schweren Krankheiten zu entmystifizieren und zu einem sachlicheren Diskurs beizutragen. Sie gab den Betroffenen ein Vokabular, um sich gegen sprachliche Stigmatisierung zu wehren.

Eine Intellektuelle in Sarajevo

Sontags politisches Engagement erreichte während der Belagerung von Sarajevo einen Höhepunkt. Sie verbrachte ab 1993 wiederholt monatelang in der Stadt und inszenierte dort unter Lebensgefahr Samuel Becketts *Warten auf Godot*. 2003 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Sontag war nie eine Intellektuelle im Elfenbeinturm. Sie protestierte gegen den Vietnamkrieg und reiste 1968 nach Hanoi. Ihre politische Haltung war oft widersprüchlich und entwickelte sich über die Jahre. Ihre anfängliche Sympathie für revolutionäre Bewegungen wich einer späteren, scharfen Kritik totalitärer Regime. Ihre wahre Prüfung als öffentliche Intellektuelle kam jedoch mit dem Bosnienkrieg. Während viele westliche Beobachter zögerten, reiste sie 1993 in das belagerte Sarajevo. Sie blieb, teilte die Lebensbedingungen der Eingeschlossenen und entschied sich, einen Akt der kulturellen Solidarität zu setzen. Mit lokalen Schauspielern inszenierte sie Samuel Becketts *Warten auf Godot* bei Kerzenlicht in einem zerstörten Theater. Die Aufführung wurde zu einem weltweiten Symbol für den Überlebenswillen der Kunst unter extremsten Bedingungen.

Ihr Engagement war kompromisslos und brachte ihr Kritik ein, aber auch tiefen Respekt. Sie verstand die Rolle des Schriftstellers als die eines Zeugen. Ihr Spätwerk, insbesondere der historische Roman *In Amerika* (2000), für den sie den National Book Award erhielt, zeugt von einer Rückkehr zur erzählenden Form. Ihre letzte Lebensphase war geprägt von der Beziehung zur Fotografin Annie Leibovitz. 2004 starb Susan Sontag an den Folgen einer Leukämie. Sie hinterließ ein Werk, das die Art und Weise, wie über Kunst, Politik und das menschliche Leid nachgedacht wird, nachhaltig verändert hat. Ihre Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2003 war ein letztes, eindringliches Plädoyer für die Literatur in einer Welt des Krieges. Ihre Essays, wie der über Leni Riefenstahl in der New York Review of Books, bleiben Musterbeispiele kritischer Analyse.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Susan Sontag geboren und wann starb sie?

Susan Sontag wurde am 16. Januar 1933 in New York City geboren. Sie starb am 28. Dezember 2004, ebenfalls in New York, im Alter von 71 Jahren an den Folgen eines myelodysplastischen Syndroms, das in eine akute Leukämie übergegangen war.

Wofür ist Susan Sontag bekannt?

Susan Sontag ist bekannt für ihre scharfsinnigen und stilprägenden Essays zur Kulturkritik. Ihre Werke „Über Fotografie“ und „Krankheit als Metapher“ analysieren, wie Bilder und Sprache unsere Wahrnehmung von Realität, Kunst und Krankheit formen und wurden zu Standardwerken.

Was sind die wichtigsten Werke von Susan Sontag?

Zu ihren wichtigsten Werken zählen die Essaybände „Gegen die Interpretation“ (1966) und „Über Fotografie“ (1977) sowie die Analysen „Krankheit als Metapher“ (1978) und „Aids und seine Metaphern“ (1989). Ihr Roman „In Amerika“ (2000) gewann den National Book Award.

Hatte Susan Sontag Kinder?

Ja, Susan Sontag hatte einen Sohn. David Rieff, geboren 1952 aus ihrer Ehe mit dem Soziologen Philip Rieff, ist ebenfalls ein bekannter Schriftsteller und Publizist. Er gab später die Tagebücher seiner Mutter heraus und schrieb über ihre letzte Krankheit.

An welcher Krankheit starb Susan Sontag?

Susan Sontag starb nach einem langen Kampf gegen Krebs. Ihre Todesursache war eine akute myeloische Leukämie, die sich aus einem myelodysplastischen Syndrom entwickelt hatte. Es war ihre dritte schwere Krebserkrankung, die sie öffentlich thematisierte.

Welchen Einfluss hatte Susan Sontag auf die Nachwelt?

Sontag prägte den intellektuellen Diskurs nachhaltig, indem sie die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur auflöste. Ihre Methode, kulturelle Phänomene wie Fotografie oder Krankheit sprachlich zu dekonstruieren, beeinflusst bis heute die Kultur- und Medienwissenschaften.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Schreiber, D. (2014). Susan Sontag: A Biography. Northwestern University Press.
  • Moser, B. (2019). Sontag: Her Life and Work. Ecco Press.
  • Rieff, D. (2008). Swimming in a Sea of Death: A Son's Memoir. Simon & Schuster.
  • Sontag, S. (2001). Against Interpretation and Other Essays. Picador.
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