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Lebensgeschichten, die die Welt bewegten — sorgfältig recherchiert, lesbar erzählt.

Philosophie · Bundesrepublik Deutschland bis 1990, Deutschland · 1889–1976

Martin Heidegger: Denker des Seins und der Zeit

Ein Denkweg von der Phänomenologie über die Seinsfrage bis in die Abgründe des 20. Jahrhunderts, der in einer Hütte im Schwarzwald seinen Ausgang nahm

Martin Heidegger auf einem Spazierweg im Schwarzwald, undatierte Aufnahme um 1960, im Nachdenken vertieft und mit Stock in der Hand.
Martin Heidegger: Denker des Seins und der Zeit · Wikimedia Commons · Unbekannt, Kalligrafie von Sonja Jiun (1718-1804) · PD

Martin Heidegger (26. September 1889 – 26. Mai 1976) war ein deutscher Philosoph und einer der wirkmächtigsten Denker des 20. Jahrhunderts. Sein 1927 veröffentlichtes Hauptwerk „Sein und Zeit“ begründete die Fundamentalontologie und kritisierte die abendländische Metaphysik. Sein Engagement für den Nationalsozialismus bleibt untrennbar mit seinem Werk verbunden.

Eine Hütte im Schwarzwald. Auf einem Hang über Todtnauberg, aus einfachem Holz gezimmert, spartanisch eingerichtet. Hier, in der Abgeschiedenheit der Berge, zog sich Martin Heidegger zurück, um zu denken. Er wanderte stundenlang auf Feldwegen, allein mit den Fragen, die ihn ein Leben lang nicht losließen. Die Landschaft wurde zum Resonanzraum für eine Philosophie, die das Fundament des westlichen Denkens erschüttern wollte: die Frage nach dem Sinn von Sein. Diese Hütte, 1922 erbaut, ist mehr als ein Gebäude; sie ist ein Symbol für einen Denkweg, der von der akademischen Strenge der Phänomenologie über weltweiten Ruhm bis in die tiefsten politischen und moralischen Verstrickungen des 20. Jahrhunderts führte.

Heideggers Denken kreist um eine einzige, fundamentale Frage, die die Philosophie seit Platon vergessen zu haben schien: Was bedeutet es, zu sein? Sein Versuch einer Antwort machte ihn zum heimlichen König unter den Philosophen seiner Zeit und zugleich zu einer der umstrittensten Figuren der Geistesgeschichte.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1927 Sein und Zeit Philosophische Abhandlung Begründung der Fundamentalontologie; eines der Hauptwerke der Philosophie des 20. Jahrhunderts.
1929 Was ist Metaphysik? Antrittsvorlesung Markiert eine Wende im Denken hin zur Seinsgeschichte und der Frage nach dem Nichts.
1935/36 Der Ursprung des Kunstwerkes Aufsatzreihe Stellt der modernen Technik die Kunst als ein ursprüngliches Ereignis der Wahrheit gegenüber.
1953 Einführung in die Metaphysik Vorlesungspublikation Eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Seinsfrage und der abendländischen Philosophie.
1954 Was heißt Denken? Vorlesungsreihe Spätphilosophische Reflexion über das Wesen des Denkens jenseits von Logik und Ratio.
1957 Identität und Differenz Vortrag Zentrale Schrift zur ontologischen Differenz zwischen Sein und Seiendem.

Der Weg aus Meßkirch

Geboren am 26. September 1889 in Meßkirch als Sohn eines Küfers, prägte ihn eine katholische Erziehung. Er studierte Theologie und Philosophie an der Universität Freiburg, promovierte 1913 und habilitierte sich 1915 mit einer Schrift über Duns Scotus. Seine akademische Laufbahn begann er als Assistent von Edmund Husserl.

Der Denkweg begann in der Enge Oberschwabens. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, schien für den begabten Jungen eine Priesterlaufbahn vorgezeichnet. Ein Stipendium ermöglichte den Besuch des Gymnasiums. Das Theologiestudium in Freiburg brach er jedoch aus gesundheitlichen Gründen ab und widmete sich ganz der Philosophie. Zwei Schriften wurden zu Initialzündungen: Franz Brentanos Abhandlung „Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles“ und die ontologischen Vorlesungen des Dogmatikers Carl Braig. Sie konfrontierten ihn früh mit der scholastischen Tradition und der Kernfrage nach dem Sein.

Die Begegnung mit Edmund Husserl, dem Begründer der Phänomenologie, der 1916 nach Freiburg berufen wurde, war entscheidend. Als dessen Assistent lernte Heidegger das methodische Rüstzeug, die Phänomene selbst sprechen zu lassen – „zu den Sachen selbst“ zu gehen. Doch schon bald entfernte er sich von der reinen Bewusstseinsphilosophie seines Lehrers. Ihn interessierte nicht primär, wie die Dinge dem Bewusstsein erscheinen, sondern die grundlegendere Frage, was es überhaupt heißt, dass etwas ist. Die Habilitation über die Kategorienlehre des Duns Scotus zeigte bereits dieses Interesse am Verhältnis von Sein und Sprache, ein Thema, das sein Werk durchziehen sollte.

Marburger Jahre und der Durchbruch

Von 1923 bis 1928 lehrte Heidegger als außerordentlicher Professor an der Universität Marburg. In dieser Zeit entstand sein Hauptwerk „Sein und Zeit“, das 1927 publiziert wurde. Zu seinen Studierenden zählten unter anderem Hannah Arendt, Hans-Georg Gadamer und Hans Jonas, die er maßgeblich prägte.

Martin Heidegger
Martin Heidegger – Jahresgabe der Heideggergesellschaft · Wikimedia Commons · PD

In Marburg wurde sein Name zum Gerücht. Studierende reichten Mitschriften seiner Vorlesungen weiter wie geheime Manuskripte. Sein Ruf als „heimlicher König“ der Philosophie eilte der Veröffentlichung seines Hauptwerks voraus. Er lehrte anders. Er las die alten Texte von Platon und Aristoteles nicht als historisches Material, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Er zerlegte Begriffe, spürte ihrer Wortherkunft nach und legte verborgene Denkvoraussetzungen frei. Diese Methode, eine Verbindung aus Phänomenologie und Hermeneutik, faszinierte eine ganze Generation.

Hier entstand auch „Sein und Zeit“. Das Werk ist eine radikale Neuausrichtung der Philosophie. Heidegger analysiert nicht das Sein an sich, sondern beginnt bei dem Seienden, das nach dem Sein fragen kann: dem Menschen, den er „Dasein“ nennt. Das Dasein ist kein isoliertes Subjekt, sondern immer schon „In-der-Welt-sein“, geworfen in eine Existenz, die auf den Tod zuläuft. Begriffe wie „Sorge“, „Angst“ und „Geworfenheit“ sind keine psychologischen Zustände, sondern fundamentale Strukturen der menschlichen Existenz. Das Buch blieb ein Torso, der geplante zweite Teil erschien nie. Dennoch entfaltete es eine Wirkung, die Strömungen wie den Existentialismus und die Dekonstruktion vorbereitete. In Marburg begann 1925 auch die geheime Liebesbeziehung zu seiner achtzehnjährigen Studentin Hannah Arendt, eine intellektuelle und persönliche Verbindung, die trotz aller Brüche ein Leben lang halten sollte.

Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch.

Das Rektorat in Freiburg: Ein Pakt mit der Macht

Am 21. April 1933 wurde Martin Heidegger zum Rektor der Universität Freiburg gewählt. Er trat zum 1. Mai der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.125.894) und hielt am 27. Mai seine berüchtigte Rektoratsrede. Sein Amt legte er bereits am 27. April 1934 nieder, blieb aber Parteimitglied bis 1945.

Martin Heidegger, Aufnahme aus dem Jahr 1935
Von Heidegger ausgefüllter Personalfragebogen des Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Vorderseite und Rückseite (Werk von Martin Heidegger). · Wikimedia Commons · PD

Der Aufbruch von 1933 schien ihm eine historische Chance. In der nationalsozialistischen „Revolution“ glaubte er, eine Möglichkeit zur Überwindung der als dekadent empfundenen Moderne und zur geistigen Erneuerung Deutschlands zu erkennen. Seine Rektoratsrede „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ ist ein Dokument dieser Verblendung. Er sprach von der „Größe und Herrlichkeit dieses Aufbruchs“ und forderte, Wissen, Militär und Arbeit zu einer Einheit zu verschmelzen. Die Universität sollte sich nicht in freier Forschung erschöpfen, sondern dem „Schicksal“ des deutschen Volkes dienen. Professoren wurden zu „Führern“, Studenten zur „Gefolgschaft“.

Während seiner Amtszeit setzte er die Gleichschaltungspolitik um. Jüdische und politisch missliebige Kollegen wie der Chemiker George de Hevesy wurden entlassen. Er denunzierte den späteren Nobelpreisträger Hermann Staudinger. Seine Pläne für eine radikale Umgestaltung des Hochschulwesens scheiterten jedoch am Widerstand der Fakultäten und am Misstrauen der Parteibürokratie. Nach nur einem Jahr trat er zurück, enttäuscht, dass die politische Bewegung seinen philosophischen Ansprüchen nicht genügte. Es war kein Bruch aus moralischer Einsicht, sondern aus gescheitertem Ehrgeiz. Diese Episode bleibt der unauslöschliche Schatten auf seinem Werk und seiner Person.

Die Kehre und das Spätwerk von Martin Heidegger

Nach dem Rektorat zog sich Heidegger aus der Hochschulpolitik zurück. Nach 1945 wurde er im Entnazifizierungsverfahren mit einem Lehrverbot belegt, das 1951 aufgehoben wurde. In seinem Spätwerk wandte er sich verstärkt der Technik- und Sprachkritik sowie der Dichtung, insbesondere Friedrich Hölderlins, zu.

Nach dem politischen Desaster vollzog sich in seinem Denken eine Wende, die als „die Kehre“ bekannt wurde. Der Fokus verschob sich von der Analyse des Daseins zur Geschichte des Seins selbst. Heidegger fragte nun, warum das Sein in der abendländischen Metaphysik immer nur als Seiendes – als Substanz, als Idee, als Wille zur Macht – gedacht und dabei das Sein als Ereignis vergessen wurde. Diese „Seinsvergessenheit“ gipfelt für ihn in der modernen Technik. Technik ist für ihn nicht nur ein Instrument, sondern eine Weltsicht, die er das „Ge-stell“ nennt: Alles wird zu einem bestellbaren, verfügbaren Bestand, zu einer Ressource, die es auszubeuten gilt. Die Erde wird zum Rohstofflager, der Mensch zum Besteller.

Als Gegenbewegung zu dieser totalen Nutzbarmachung sah er die Kunst und die Dichtung. In den Hymnen Friedrich Hölderlins fand er eine Sprache, die das Sein nicht beherrscht, sondern es zur Sprache kommen lässt. In seinen späten Schriften und Vorträgen, oft in seiner Hütte in Todtnauberg verfasst, entwickelte er eine Philosophie des „Wohnens“ und der „Gelassenheit“. Der Mensch solle nicht Herr der Erde sein, sondern ihr Hirte. Zu seinem politischen Engagement schwieg er zeitlebens beharrlich. Die 2014 einsetzende Veröffentlichung seiner „Schwarzen Hefte“, privater Denktagebücher, enthüllte zudem antisemitische Passagen, die die Debatte um die Verstrickung seiner Philosophie mit dem Nationalsozialismus weiter verschärften. Er starb 1976 in Freiburg und wurde in seiner Heimatstadt Meßkirch beigesetzt. Sein Werk, zugänglich in einer umfangreichen Gesamtausgabe, bleibt eine der größten und zugleich problematischsten Herausforderungen der neueren Philosophiegeschichte, wie auch die Stanford Encyclopedia of Philosophy ausführlich darlegt.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Martin Heidegger geboren und wann starb er?

Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 in Meßkirch, Baden, geboren. Er verstarb am 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau. Sein Leben umspannte eine Zeit tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche in Deutschland und Europa.

Wofür ist Martin Heidegger bekannt?

Martin Heidegger ist vor allem für sein philosophisches Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) bekannt. Darin entwickelte er die Fundamentalontologie und eine Analyse des menschlichen Daseins, die den Existentialismus und die Phänomenologie des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusste.

War Martin Heidegger Mitglied der NSDAP?

Ja, Martin Heidegger trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei und blieb bis zum Ende des Krieges 1945 Mitglied. Von April 1933 bis April 1934 war er zudem Rektor der Universität Freiburg und unterstützte die nationalsozialistische Hochschulpolitik aktiv.

Was war die Beziehung zwischen Martin Heidegger und Hannah Arendt?

Martin Heidegger war der akademische Lehrer und für einige Jahre der Geliebte seiner jüdischen Studentin Hannah Arendt. Ihre geheime Beziehung begann 1925 in Marburg. Nach dem Krieg nahmen sie den Kontakt wieder auf, der bis zu Heideggers Tod andauerte.

Welchen Einfluss hat Martin Heidegger auf die Nachwelt?

Sein Denken beeinflusste zahlreiche philosophische Strömungen wie den Existentialismus, die Hermeneutik und die Dekonstruktion. Gleichzeitig bleibt sein Werk aufgrund seiner politischen Verfehlungen und antisemitischer Passagen in den „Schwarzen Heften“ Gegenstand intensiver Debatten.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Safranski, R. (1994). Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit. Carl Hanser Verlag.
  • Vietta, S. (2013). Heideggers Kritik am Nationalsozialismus und an der Technik. Mohr Siebeck.
  • Thomä, D. (Ed.). (2013). Heidegger-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler.
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