Arthur Schopenhauer (22. Februar 1788 – 21. September 1860) war ein deutscher Philosoph, Hochschullehrer und Schriftsteller. Sein Hauptwerk, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, etablierte eine Lehre des metaphysischen Voluntarismus. Darin beschreibt er die Welt als Produkt eines blinden, irrationalen Willens, dessen unaufhörliches Streben die Ursache allen Leidens ist.
Frankfurts Schöne Aussicht 17. Hier lebte er, der Privatgelehrte, sechzehn Jahre lang einen penibel geordneten Tag. Jeden Morgen das Studium antiker Schriften, das Flötenspiel, die Arbeit am Manuskript. Pünktlich zur Mittagszeit der Gang in den „Englischen Hof“ zum Essen, gefolgt vom Spaziergang mit seinem Pudel, den er, je nach Laune, Atman oder Butz nannte. Ein Leben in selbstgewählter Isolation, fernab des akademischen Betriebs, den er so sehr verachtete. Aus dieser stillen Existenz am Mainufer erschuf Arthur Schopenhauer eine Philosophie, die dem lauten Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts eine radikale Absage erteilte. Er bot keine Heilsversprechen, sondern eine Diagnose. Eine Diagnose des Daseins als unheilbares Leiden.
Seine Philosophie ist ein radikaler Gegenentwurf zum deutschen Idealismus. Sie verneint den Glauben an die Vernunft als Weltprinzip und entlarvt das Dasein als ein Pendel zwischen Schmerz und Langeweile. Ein Denken, das erst Jahrzehnte nach seiner Formulierung seine volle Wirkung entfaltete.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1813 | Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde | Dissertation | Fundament seiner Erkenntnistheorie, Voraussetzung für das Hauptwerk. |
| 1819 | Die Welt als Wille und Vorstellung | Philosophische Schrift | Sein Hauptwerk, das die Metaphysik des Willens entfaltet. Zunächst ignoriert. |
| 1836 | Ueber den Willen in der Natur | Philosophische Schrift | Sollte empirische Belege aus den Naturwissenschaften für seine Metaphysik liefern. |
| 1841 | Die beiden Grundprobleme der Ethik | Preisschriften | Enthält „Ueber die Freiheit des menschlichen Willens“ und „Ueber das Fundament der Moral“. |
| 1851 | Parerga und Paralipomena | Aphorismen, Essays | Sein Spätwerk, das ihm durch seine stilistische Brillianz späten Ruhm einbrachte. |
Das Erbe der Kaufleute und die Flucht nach Weimar
Geboren am 22. Februar 1788 in Danzig, stammte Arthur Schopenhauer aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Sein Vater, Heinrich Floris Schopenhauer, verlegte den Familiensitz 1793 nach Hamburg, um der preußischen Annexion Danzigs zu entgehen. Die kaufmännische Laufbahn war für den Sohn vorgesehen.
Die Welt, in die er hineingeboren wurde, war die des hanseatischen Großbürgertums. Handel, Kontore und internationale Geschäftsbeziehungen bestimmten den Alltag. Sein Vater, ein überzeugter Republikaner und Kosmopolit, plante für ihn den Weg des Kaufmanns. Das Gymnasium schien ihm überflüssig. Stattdessen bot er dem wissbegierigen Jungen eine ausgedehnte Bildungsreise durch Europa an, die ihn von 1803 bis 1804 nach Holland, England und Frankreich führte. Arthur willigte ein, doch die Reise bestärkte seinen Wunsch nach einem geistigen Leben nur noch mehr. Er sah die Welt, doch er wollte sie verstehen, nicht nur bereisen.
Ein Ereignis im Jahr 1805 änderte alles. Sein Vater wurde tot im Fleet hinter dem Hamburger Kontorhaus aufgefunden. Man vermutete einen Suizid, ausgelöst durch Depressionen. Dieser Verlust befreite den jungen Schopenhauer von der Verpflichtung, die Familientradition fortzuführen. Seine Mutter, die schriftstellerisch ambitionierte Johanna Schopenhauer, zog mit seiner Schwester Adele nach Weimar, dem kulturellen Zentrum der Zeit. Er blieb zunächst in Hamburg zurück, um seine Lehre abzuschließen, doch der Entschluss war gefasst. Er würde sein Erbe nutzen, um ein Leben als Gelehrter zu führen.
Die Geburt eines Hauptwerks in Dresden
Nach dem Abbruch seiner Kaufmannslehre begann Schopenhauer 1809 ein Studium an der Universität Göttingen. Er wechselte von der Medizin zur Philosophie und promovierte 1813 an der Universität Jena. In Weimar führte ihn seine Mutter in den Kreis um Johann Wolfgang von Goethe ein, was zu einer intensiven, aber kurzen Zusammenarbeit führte.

In Weimar traf er auf zwei Welten. Da war der literarische Salon seiner Mutter Johanna, ein gesellschaftlicher Treffpunkt, dessen Oberflächlichkeit er verachtete. Der Kontakt führte jedoch zur Begegnung mit Goethe. Der Dichterfürst war von Schopenhauers Intelligenz angetan und zog ihn zur Mitarbeit an seiner Farbenlehre heran. Schopenhauer verfasste eine eigene Schrift „Ueber das Sehn und die Farben“ (1816), entwickelte aber bald eine vom Meister abweichende These, was die Beziehung abkühlen ließ. Gleichzeitig öffnete ihm der Orientalist Friedrich Majer den Zugang zur indischen Philosophie. Die Lektüre der Upanishaden wurde zu einer zentralen Inspirationsquelle, die seine eigene Metaphysik tief prägte.
Nach dem endgültigen Bruch mit seiner Mutter zog er 1814 nach Dresden. Dort, in der Stille der Bibliotheken, entstand zwischen 1814 und 1818 sein Opus magnum: „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Er war von der epochalen Bedeutung seines Werks überzeugt. Sein Verleger, Friedrich Arnold Brockhaus, war weniger zuversichtlich. Der Briefwechsel zwischen dem jungen, fordernden Philosophen und dem etablierten Verleger dokumentiert ein Ringen um jedes Komma. Schopenhauer verbot jegliche sprachliche Anpassung seines Manuskripts. Das Buch erschien Anfang 1819 und wurde ein Ladenhüter. Die erste Auflage war erst nach Jahrzehnten vergriffen, eine tiefe Kränkung für einen Denker, der glaubte, das Rätsel der Welt gelöst zu haben.
Das Leben schwingt, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen Schmerz und Langeweile.
Im Schatten Hegels: Das Scheitern in Berlin
Im Jahr 1820 versuchte Schopenhauer, sich an der Berliner Universität als Privatdozent zu etablieren. Er setzte seine Vorlesung provokant zur selben Zeit an wie die des damals dominierenden Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der Versuch scheiterte kläglich, seine Vorlesung fand kaum Zuhörer. Er verließ Berlin 1831 endgültig.

Berlin war die Bühne seines größten Misserfolgs. Die preußische Hauptstadt stand ganz im Zeichen Hegels, dessen Philosophie eines sich in der Geschichte entfaltenden Weltgeistes den Zeitgeist traf. Schopenhauer sah darin nur „sinnleeren Wortkram“ und „Hegelei“. Sein Versuch, dem etablierten Denker die Stirn zu bieten, endete in einem leeren Hörsaal. Die Studenten strömten zu Hegel, während Schopenhauer seine Lehre vor einer Handvoll Getreuer entfaltete. Er entwickelte eine tiefe Verachtung für die Universitätsphilosophie, die er als Instrument staatlicher Indoktrination betrachtete. Dieser akademische Fehlschlag zementierte seine Position als Außenseiter des philosophischen Betriebs.
Auch sein Privatleben in Berlin war von Konflikten geprägt. Die sogenannte „Marqet-Affäre“ wurde zu einem juristischen Albtraum. Eine Näherin, Caroline Marqet, hatte ihn durch lautes Reden im Vorzimmer seiner Wohnung gestört. Er warf sie handgreiflich hinaus. Sie verklagte ihn und bekam nach einem fünfjährigen Prozess Recht. Schopenhauer musste ihr bis zu ihrem Tod zwanzig Jahre später eine Rente zahlen. Als 1831 eine Choleraepidemie in Berlin ausbrach, floh er. Hegel blieb und starb, vermutlich an der Seuche. Für Schopenhauer war es der endgültige Abschied von der Stadt seiner Demütigung.
Der Eremit von Frankfurt: Arthur Schopenhauer und sein spätes Erwachen
Nach unsteten Jahren ließ sich Arthur Schopenhauer 1833 endgültig in Frankfurt am Main nieder. Hier lebte er fast drei Jahrzehnte als Privatgelehrter. Erst die Veröffentlichung der „Parerga und Paralipomena“ im Jahr 1851 brachte ihm die lang ersehnte öffentliche Anerkennung und machte ihn zu einer Berühmtheit.
In Frankfurt fand er die nötige Distanz zur Welt, um sie zu beobachten. Sein Leben folgte einem strengen, fast mönchischen Ritual, das ihm die Konzentration auf sein Werk ermöglichte. Jahrzehntelang arbeitete er im Stillen, ergänzte sein Hauptwerk um einen zweiten Band (1844) und verfasste weitere Schriften. Die intellektuelle Welt ignorierte ihn weiterhin. Doch das änderte sich mit den „Parerga und Paralipomena“, einer Sammlung von Essays und Aphorismen. Besonders die darin enthaltenen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ trafen mit ihrem klaren Stil und ihrer pragmatischen Lebensklugheit den Nerv eines bürgerlichen Publikums, das von den großen metaphysischen Systemen ermüdet war.
Plötzlich wurde der alte, misanthropische Denker berühmt. Jünger, die er seine „Apostel“ nannte, wie Julius Frauenstädt, trugen seine Lehre weiter. Künstler wie der Komponist Richard Wagner sahen in seiner Philosophie eine Bestätigung ihres eigenen Schaffens. Besucher pilgerten in seine Frankfurter Wohnung. Er genoss den späten Ruhm mit einer Mischung aus Genugtuung und Ironie. Die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie der Wissenschaften, die ihm nun angetragen wurde, lehnte er ab. Am 21. September 1860 starb Arthur Schopenhauer an den Folgen einer Lungenentzündung. Sein philosophisches Werk, das so lange im Verborgenen geblieben war, begann nun erst seine eigentliche, tiefgreifende Wirkungsgeschichte in ganz Europa.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Arthur Schopenhauer geboren und wann starb er?
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in der Hansestadt Danzig geboren. Er starb am 21. September 1860 im Alter von 72 Jahren in seiner Wahlheimat Frankfurt am Main an den Folgen einer Lungenentzündung.
Wofür ist Arthur Schopenhauer bekannt?
Arthur Schopenhauer ist bekannt für sein philosophisches Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“. Darin begründet er eine pessimistische Metaphysik, die einen blinden, irrationalen Willen als treibende Kraft allen Seins und Ursache des Leidens identifiziert.
Welche waren die Hauptwerke von Arthur Schopenhauer?
Seine zentralen Werke sind die Dissertation „Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“ (1813), sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1819) und sein Spätwerk „Parerga und Paralipomena“ (1851), das ihm späten Ruhm einbrachte.
Welchen Einfluss hatte Schopenhauers Philosophie?
Schopenhauers Philosophie beeinflusste zahlreiche Denker und Künstler. Friedrich Nietzsche entwickelte seine Philosophie in kritischer Auseinandersetzung mit ihm. Auch Schriftsteller wie Thomas Mann und Musiker wie Richard Wagner wurden maßgeblich von seinen Ideen geprägt.
Hatte Arthur Schopenhauer Familie?
Arthur Schopenhauer war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Seine Eltern waren der Kaufmann Heinrich Floris Schopenhauer und die Schriftstellerin Johanna Schopenhauer. Er hatte eine jüngere Schwester, Adele Schopenhauer. Das Verhältnis zu seiner Mutter war äußerst angespannt.
Was war die Todesursache von Arthur Schopenhauer?
Arthur Schopenhauer starb am 21. September 1860 in Frankfurt am Main an Herzversagen infolge einer Lungenentzündung. Er hatte testamentarisch verfügt, dass sein Leichnam mehrere Tage unberührt bleiben sollte, um einen Scheintod auszuschließen.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Safranski, R. (2010). Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Hanser Verlag.
- Cartwright, D. E. (2010). Schopenhauer: A Biography. Cambridge University Press.
- Schopenhauer-Gesellschaft e.V. (Hrsg.). Schopenhauer-Jahrbuch.