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Film & Bühne · Deutschland · * 1939

Volker Schlöndorff

Ein Leben zwischen Literatur und Leinwand, zwischen dem Neuen Deutschen Film und dem Oscar für „Die Blechtrommel“

Der Regisseur Volker Schlöndorff am Set während der Dreharbeiten, undatierte Aufnahme aus den späten 1970er-Jahren.
Volker Schlöndorff · Wikimedia Commons · Martin Kraft · CC-BY-SA

Volker Schlöndorff (geb. 1939) ist ein deutscher Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent. Als prägende Figur des Neuen Deutschen Films wurde er international für seine präzisen Literaturverfilmungen bekannt. Sein Film „Die Blechtrommel“ (1979) gewann die Goldene Palme in Cannes und den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Es war eine Geste, die mehr über das Selbstverständnis des Neuen Deutschen Films verriet als mancher Leitartikel. Als Volker Schlöndorff 1979 in Cannes die Goldene Palme für „Die Blechtrommel“ entgegennahm, bestand er darauf, dass Francis Ford Coppola, der für „Apocalypse Now“ ebenfalls ausgezeichnet wurde, mit ihm auf der Bühne blieb. Ein deutscher Autorenfilmer auf Augenhöhe mit dem neuen Hollywood – das war nicht nur ein persönlicher Triumph, sondern ein Signal für ein ganzes Land, dessen Kino aus den Trümmern des Krieges zu einer neuen, kritischen Stimme gefunden hatte.

Volker Schlöndorffs Weg ist der eines intellektuellen Grenzgängers zwischen deutscher Literatur und französischer Filmkunst, zwischen politischem Engagement und internationalem Kinoerfolg, zwischen dem alten Europa und der Neuen Welt.

Inhalt (5)
Jahr Film / Stück Rolle / Funktion Bedeutung
1966 Der junge Törless Regie Debütfilm, Kritikerpreis in Cannes
1975 Die verlorene Ehre der Katharina Blum Regie (mit M. von Trotta) Politischer Erfolg, nach Heinrich Böll
1979 Die Blechtrommel Regie Goldene Palme und Oscar, nach Günter Grass
1985 Tod eines Handlungsreisenden Regie US-Fernsehfilm mit Dustin Hoffman, mehrfacher Emmy-Gewinner
1991 Homo faber Regie Verfilmung des Romans von Max Frisch
2007 Strajk – Die Heldin von Danzig Regie Hommage an die Solidarność-Bewegung
2017 Rückkehr nach Montauk Regie Spätwerk, inspiriert von Max Frisch

Pariser Lehrjahre und die Nouvelle Vague

Nach einem Schüleraustausch ab 1955 setzte Schlöndorff seine Ausbildung in Frankreich fort. Er besuchte das Lycée Henri IV in Paris, studierte Jura und besuchte täglich die Cinémathèque française. Statt die Filmhochschule IDHEC zu besuchen, wurde er 1960 Regieassistent bei Louis Malle für den Film „Zazie dans le Métro“.

Die Weichen für Volker Schlöndorffs Leben wurden nicht in seiner Geburtsstadt Wiesbaden gestellt, sondern in Paris. Ein von Jesuiten vermittelter Schüleraustausch führte ihn Mitte der 1950er-Jahre nach Frankreich, wo er blieb. Am Pariser Elitegymnasium Lycée Henri IV legte er das Baccalauréat ab, sein Sitznachbar war der spätere Regiekollege Bertrand Tavernier. Offiziell schrieb er sich für Jura ein, doch seine wahre Universität war ein anderer Ort: die Cinémathèque française. Bis zu dreimal täglich, so erinnerte er sich später, sog er dort die Filmgeschichte auf und kam in Kontakt mit den jungen Wilden der Nouvelle Vague. Die formale Ausbildung an der Filmhochschule Institut des hautes études cinématographiques (IDHEC) schlug er aus, obwohl er die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Die Praxis lockte.

Der Regisseur Louis Malle bot ihm eine Stelle als Assistent bei den Dreharbeiten zu „Zazie dans le Métro“ (1960) an. Es war der Beginn einer praktischen Ausbildung, die wertvoller war als jedes Seminar. Schlöndorff lernte das Handwerk von der Pike auf, nicht im Hörsaal, sondern am Set. Er arbeitete in den folgenden Jahren für Meister des französischen Kinos, darunter Jean-Pierre Melville bei „Eva und der Priester“ (1961) und Alain Resnais. Diese Jahre prägten sein Verständnis von Film als einer Kunstform, die intellektuellen Anspruch mit präziser handwerklicher Ausführung verbindet – ein Credo, das sein gesamtes späteres Schaffen durchziehen sollte.

Der junge Törless und der Aufbruch des Autorenfilms

1966 feierte Schlöndorffs Debütfilm „Der junge Törless“ Premiere. Die Verfilmung des Romans von Robert Musil gewann den Kritikerpreis in Cannes und gilt als erster internationaler Erfolg des Neuen Deutschen Films. 1969 gründete er die Produktionsfirma Hallelujah-Film, 1974 folgte die Bioskop-Film GmbH.

Volker Schlöndorff, Aufnahme aus dem Jahr 2011
Volker Schlöndorff auf der Frankfurter Buchmesse 2011 · Wikimedia Commons · CC-BY

Mitte der 1960er-Jahre kehrte Schlöndorff nach Deutschland zurück, im Gepäck nicht nur das technische Rüstzeug, sondern auch ein künstlerisches Manifest. Sein erstes eigenes Drehbuch basierte auf Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Der daraus entstandene Film, „Der junge Törless“ (1966), war ein Paukenschlag. In präzisen, kühlen Schwarz-Weiß-Bildern analysierte er die Mechanismen von Macht, Unterwerfung und psychischer Gewalt an einer Kadettenanstalt vor dem Ersten Weltkrieg. Das Werk wurde auf dem Filmfestival von Cannes mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und etablierte Schlöndorff über Nacht als eine der führenden Stimmen des Neuen Deutschen Films. Er hatte bewiesen, dass die Verfilmung großer deutscher Literatur ohne den Staub des Konventionellen möglich war.

Literatur ist für mich nicht der Steinbruch, aus dem man sich bedient, sondern die Partitur, die man interpretiert.

Dieser Erfolg war auch ein unternehmerischer. Um seine künstlerische Unabhängigkeit zu sichern, gründete Schlöndorff 1969 mit Peter Fleischmann die Produktionsfirma Hallelujah-Film und 1974 mit Reinhard Hauff die Bioskop-Film. Diese Strukturen ermöglichten es ihm und anderen Autorenfilmern, Projekte außerhalb der etablierten Studios zu realisieren. Ein Schlüsselwerk dieser Phase war „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975), eine Verfilmung der Erzählung von Heinrich Böll. Gemeinsam mit seiner damaligen Ehefrau, der Schauspielerin und Regisseurin Margarethe von Trotta, schuf er ein politisch hochbrisantes Porträt der Bundesrepublik zur Zeit des Deutschen Herbstes. Der Film thematisierte die Macht der Boulevardpresse und wurde zu einem enormen Publikumserfolg, zog aber auch heftige politische Angriffe nach sich.

Die Blechtrommel – Triumph und Zäsur

Mit der Verfilmung von Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“ gelang Schlöndorff 1979 der internationale Durchbruch. Der Film gewann die Goldene Palme in Cannes und 1980 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Die Dreharbeiten fanden zu großen Teilen am Originalschauplatz in Danzig statt.

Volker Schlöndorff
Volker Schlöndorff is a film director, screenwriter and producer from Germany. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die Verfilmung von Günter Grass’ Jahrhundertroman „Die Blechtrommel“ galt lange als unmöglich. Der epische, bildgewaltige und oft surreale Stoff schien sich einer filmischen Adaption zu widersetzen. Volker Schlöndorff wagte es. In enger Zusammenarbeit mit dem Autor selbst und dem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière gelang ihm das Kunststück, die Geschichte des trommelnden Oskar Matzerath, der an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr zu wachsen, auf die Leinwand zu bringen. Die Produktion war ein Kraftakt. Gedreht wurde unter anderem an den Originalschauplätzen im damals kommunistischen Danzig, was logistische und politische Hürden mit sich brachte. Die Besetzung des jungen David Bennent als Oskar erwies sich als Geniestreich.

Die Premiere 1979 wurde zu einem globalen Triumph. Der Film teilte sich die Goldene Palme in Cannes mit Coppolas Vietnam-Epos und erhielt ein Jahr später, 1980, den Oscar. Es war die ultimative Anerkennung für den Neuen Deutschen Film auf der Weltbühne. Schlöndorff hatte nicht nur ein literarisches Meisterwerk kongenial übersetzt, sondern auch ein Stück deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts in unvergessliche Bilder gefasst – vom Aufstieg des Nationalsozialismus in der Freien Stadt Danzig bis in die frühe Bundesrepublik. Der Erfolg markierte für Schlöndorff persönlich eine Zäsur. Er hatte den Gipfel erreicht und wandte seinen Blick nun verstärkt in Richtung USA.

Zwischen den Welten: Amerika, Babelsberg und das späte Werk

Nach dem Oscar-Erfolg arbeitete Schlöndorff vermehrt in den USA und drehte unter anderem „Tod eines Handlungsreisenden“ (1985) mit Dustin Hoffman. Nach dem Fall der Mauer kehrte er nach Deutschland zurück und war von 1992 bis 1997 Geschäftsführer des Filmstudios Babelsberg, das er maßgeblich sanierte.

In den 1980er-Jahren verlagerte Schlöndorff seinen Arbeitsschwerpunkt in die Vereinigten Staaten. Er realisierte dort Projekte wie die gefeierte Fernsehverfilmung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Dustin Hoffman und John Malkovich oder die Adaption von Margaret Atwoods Roman „Die Geschichte der Dienerin“. Doch der Fall der Berliner Mauer 1989 veränderte seine Lebensplanung radikal. Statt in New York zu bleiben, zog er nach Berlin und übernahm eine historische Verantwortung: die Leitung des maroden Filmstudios Babelsberg. Von 1992 bis 1997 war er dessen Geschäftsführer und trieb die Privatisierung und Modernisierung der legendären Studios voran, um sie für das internationale Filmgeschäft konkurrenzfähig zu machen.

Auch sein filmisches Schaffen blieb eng mit der deutschen Geschichte und Literatur verbunden. Er verfilmte Max Frischs „Homo faber“ (1991) und kehrte für „Strajk – Die Heldin von Danzig“ (2007) an den Ort seines größten Erfolges zurück, um die Geschichte der Solidarność-Bewegung zu erzählen. Sein Spätwerk, etwa „Rückkehr nach Montauk“ (2017), zeigt einen Regisseur, der sich weiterhin mit den großen Themen von Erinnerung, Schuld und Liebe auseinandersetzt. Als Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und Honorarprofessor an der Filmuniversität Babelsberg gibt er seine Erfahrung an die nächste Generation weiter. Er bleibt eine zentrale Figur des deutschen Kinos: ein Intellektueller mit der Kamera, ein Brückenbauer zwischen den Kulturen und ein unermüdlicher Interpret literarischer Partituren.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Volker Schlöndorff geboren?

Volker Schlöndorff wurde am 31. März 1939 in Wiesbaden, Deutschland, geboren. Er wuchs im Taunus auf, bevor er seine prägende schulische und berufliche Ausbildung ab 1955 in Frankreich absolvierte, was seine spätere filmische Handschrift maßgeblich beeinflusste.

Wofür ist Volker Schlöndorff bekannt?

Volker Schlöndorff ist als stilprägender Regisseur des Neuen Deutschen Films bekannt. Sein Ruhm gründet sich vor allem auf anspruchsvolle Literaturverfilmungen. Sein größter Erfolg ist „Die Blechtrommel“ (1979), der die Goldene Palme und den Oscar gewann.

Welche wichtigen Filme hat Volker Schlöndorff gedreht?

Zu seinen wichtigsten Filmen zählen sein Debüt „Der junge Törless“ (1966), der politisch brisante Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) und sein Meisterwerk „Die Blechtrommel“ (1979). Spätere bedeutende Werke sind „Homo faber“ (1991).

War Volker Schlöndorff verheiratet?

Ja, Volker Schlöndorff war zweimal verheiratet. Von 1971 bis 1991 mit der Schauspielerin und Regisseurin Margarethe von Trotta, mit der er auch beruflich eng zusammenarbeitete. Seit 1992 war er mit der Schnittmeisterin Angelika Gruber verheiratet, die 2018 verstarb.

Welchen Einfluss hatte Volker Schlöndorff?

Schlöndorff prägte als zentrale Figur den Neuen Deutschen Film und bewies, dass deutsches Kino international erfolgreich sein kann. Seine Methode, große literarische Vorlagen filmisch präzise umzusetzen, setzte Maßstäbe und beeinflusste Generationen von Filmemachern in Deutschland und darüber hinaus.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Schlöndorff, V. (2008). Licht, Schatten und Bewegung. Mein Leben und meine Filme. Hanser.
  • Moeller, H.-B., & Lellis, G. (2011). Volker Schlöndorffs Filme. Literaturverfilmung, Politik und das „Kinogerechte“. Vorwerk 8.
  • Wydra, T. (1998). Volker Schlöndorff und seine Filme. Heyne.
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