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Film & Bühne · Deutschland · 1923–2011

Loriot

Wie ein preußischer Offizierssohn zum präzisesten Beobachter deutscher Bürgerlichkeit wurde und den Humor einer ganzen Nation definierte

Loriot, Fotografie aus dem Jahr 2008
Loriot · Wikimedia Commons · Schlaier · CC-BY

Bernhard-Viktor von Bülow (1923–2011), bekannt als Loriot, war ein deutscher Humorist, Cartoonist, Regisseur und Schauspieler. Berühmt für seine Knollennasenmännchen, prägte er mit Sketchen wie „Herren im Bad“ oder „Das Frühstücksei“ und den Kinofilmen „Ödipussi“ und „Pappa ante portas“ den deutschen Humor über Generationen hinweg.

Es war eine Szene, die den deutschen Nachkriegsalltag in seiner ganzen Absurdität einfing: Zwei Herren in einer Badewanne, die über die ideale Platzierung einer Quietscheente debattieren. Die feine Beobachtung bürgerlicher Befindlichkeiten, verpackt in präzise Dialoge und aristokratische Zurückhaltung, wurde zum Markenzeichen des Mannes, der sich nach dem Wappentier seiner Familie benannte: Loriot.

Vicco von Bülows Werk ist eine subtile Sezierung der deutschen Seele, eine Comédie humaine im Kleinformat, in der die Katastrophen des Alltags – ein schiefes Bild, ein hartgekochtes Ei – zu existenziellen Dramen werden.

Inhalt (5)
Jahr Werk Rolle / Funktion Bedeutung
1967–1972 Cartoon Moderator, Autor, Regisseur Etablierung im Fernsehen, erste eigene Sketche
1976–1978 Loriot (Serie) Hauptdarsteller, Autor, Regisseur Höhepunkt seines TV-Schaffens mit Evelyn Hamann
1988 Ödipussi Hauptdarsteller, Regisseur, Drehbuchautor Erster Kinofilm, großer Publikumserfolg
1991 Pappa ante portas Hauptdarsteller, Regisseur, Drehbuchautor Zweiter und letzter Kinofilm, Klassiker
1982 Festkonzert der Berliner Philharmoniker Dirigent, Erzähler Verbindung von Humor und klassischer Musik
1986 Martha (Oper) Regisseur Erste Operninszenierung an der Staatsoper Stuttgart

Vom Offizierserbe zum Zeichenstift

Geboren 1923 in Brandenburg an der Havel, diente Vicco von Bülow im Zweiten Weltkrieg als Offizier. Nach dem Krieg studierte er Malerei und Grafik in Hamburg und begann ab 1950 seine Karriere als Cartoonist für Zeitschriften wie den „Stern“, wo seine Knollennasenmännchen erste Bekanntheit erlangten.

Die preußische Herkunft und die Familientradition des Militärdienstes schienen Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow einen Weg vorzuzeichnen, der weit von der Komik entfernt lag. Als Sohn eines Polizeioffiziers wuchs er in einem Umfeld auf, das von Disziplin und Haltung geprägt war. Er absolvierte 1941 sein Notabitur und folgte der Familientradition in eine Offizierslaufbahn. Drei Jahre verbrachte er als Oberleutnant der 3. Panzer-Division an der Ostfront, eine Erfahrung, die ihn tief prägte und für die er sich später schämte, wie er in einem Interview bekannte. Diese Jahre des Krieges schärften jedoch auch einen unbestechlichen Blick für die Brüchigkeit menschlicher Ordnungen und die Absurdität von Konventionen – ein zentrales Thema seines späteren Schaffens.

Nach Kriegsende schlug er sich zunächst als Holzfäller durch, holte sein Abitur nach und schrieb sich auf Anraten des Vaters von 1947 bis 1949 an der Landeskunstschule in Hamburg für Malerei und Grafik ein. Hier legte er das Fundament für seine zweite Karriere. Erste Aufträge als Werbegrafiker folgten, und 1950 begann er als Cartoonist für das Magazin „Die Straße“ zu arbeiten. Sein Künstlername Loriot, das französische Wort für den Pirol, das Wappentier der Familie von Bülow, wurde sein Markenzeichen. Der Durchbruch kam mit seiner Arbeit für den „Stern“. Doch seine frühe Serie „Auf den Hund gekommen“, in der die Rollen von Mensch und Tier vertauscht waren, provozierte 1953 einen Leseraufstand. Chefredakteur Henri Nannen beendete die Zusammenarbeit zunächst brüsk, holte ihn aber bald zurück. Die gescheiterte Serie fand jedoch einen anderen Weg: Der junge Schweizer Verleger Daniel Keel erkannte das Potenzial und publizierte sie 1954 in seinem neu gegründeten Diogenes Verlag. Es war der Beginn einer lebenslangen, fruchtbaren Partnerschaft.

Das grüne Sofa und die Nation

Von 1967 bis 1972 moderierte Loriot die Sendung „Cartoon“ für den Süddeutschen Rundfunk. Der Höhepunkt seines Fernsehschaffens war die sechsteilige Serie „Loriot“ (1976–1978), produziert von Radio Bremen, in der er zusammen mit seiner kongenialen Partnerin Evelyn Hamann auftrat und unvergessliche Sketche präsentierte.

Loriot
Autograph Loriot (Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow) German humorist, fotografiert von Birkho. · Wikimedia Commons · PD

Der Wechsel zum Fernsehen in den späten 1960er Jahren war für Loriot ein entscheidender Schritt. Das Medium erlaubte ihm, seinen gezeichneten Figuren Leben einzuhauchen und seine Beobachtungsgabe in bewegten Bildern zu entfalten. In der Sendereihe „Cartoon“ entwickelte er sich vom reinen Moderator internationaler Zeichentrickfilme zum Autor und Regisseur eigener Beiträge. Das rote Sofa, von dem aus er die Sendung präsentierte, wurde zu einer ersten Bühne für seine subtile Komik. Hier verfeinerte er die Kunst der trockenen Pointe und des minimalistischen Spiels, das später seine Sketche auszeichnen sollte.

Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.

Die Zusammenarbeit mit Radio Bremen ab 1976 markierte den Zenit seiner Fernsehkarriere. Die sechsteilige Serie, schlicht „Loriot“ betitelt, wurde zum Fernsehereignis. Auf einem nunmehr grünen Sofa sitzend, führte er durch ein Programm aus Zeichentrickfilmen und gespielten Sketchen, die zu Klassikern wurden. Die Sketche, oft im Zusammenspiel mit der Schauspielerin Evelyn Hamann, sezierten die Kommunikationspannen im bürgerlichen Milieu. Ob „Das Frühstücksei“, der „Kosakenzipfel“ oder die „Herren im Bad“ – Loriot zeigte Menschen, die an den Tücken des Alltags und der Sprache scheitern. Seine Komik war nie verletzend, sondern von einer tiefen Empathie für die Unzulänglichkeit seiner Figuren getragen. Parallel schuf er für die „Aktion Sorgenkind“ die populären Zeichentrickfiguren Wum und Wendelin, denen er selbst seine Stimme lieh und die über Jahre hinweg fester Bestandteil der deutschen Fernsehkultur waren.

Die große Leinwand und die Opernbühne

In den späten 1980er-Jahren wandte sich Loriot dem Kino zu. Er schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielte die Hauptrolle in den Filmen „Ödipussi“ (1988) und „Pappa ante portas“ (1991). Beide Produktionen, mit Evelyn Hamann in der weiblichen Hauptrolle, wurden zu enormen Publikumserfolgen und festigten seinen Ruf als Meister der Komödie.

Loriot
German humorist Vicco von Bülow (alias Loriot) and actress Evelyn Hamann in the early 1980s after a reading of Loriots dramatische Werke in Dortmund, fotografiert von Ralf Zeigermann. · Wikimedia Commons · CC-BY

Nachdem er das Fernsehen erobert hatte, wagte Loriot mit über 60 Jahren den Schritt auf die Kinoleinwand. Seine beiden Filme waren keine Aneinanderreihung von Sketchen, sondern sorgfältig komponierte Komödien mit durchgehender Handlung. „Ödipussi“ erzählt die Geschichte des 56-jährigen Paul Winkelmann, der sich zaghaft aus der Obhut seiner dominanten Mutter zu lösen versucht. Der Film ist eine brillante Studie über späte Emanzipation, bürgerliche Neurosen und die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken. Drei Jahre später folgte „Pappa ante portas“, die Geschichte eines pensionierten Einkaufsdirektors, der mit seinem Ordnungswahn den Haushalt seiner Frau durcheinanderbringt. Beide Filme, produziert von Horst Wendlandt, trafen den Nerv des Publikums und bewiesen, dass Loriots präziser Humor auch im Langformat funktionierte. Sein Cameo-Auftritt in Otto Waalkes‘ Film „Otto – Der Außerfriesische“ (1989) war eine freundschaftliche Geste unter Komikern.

Neben dem Film galt seine zweite große Leidenschaft der klassischen Musik, ein Interesse, das in seiner Kindheit geweckt wurde. 1982 dirigierte er ein Festkonzert zum 100. Geburtstag der Berliner Philharmoniker, deren erster Chefdirigent, Hans von Bülow, ein entfernter Verwandter war. Seine wahre Berufung fand er jedoch als Regisseur von Opern. 1986 inszenierte er Friedrich von Flotows „Martha“ an der Staatsoper Stuttgart, 1988 folgte Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ in Ludwigsburg. Seine Inszenierungen zeichneten sich durch Werktreue und einen feinen, unaufdringlichen Humor aus, der die Charaktere ernst nahm, ihre menschlichen Schwächen aber liebevoll aufdeckte. Seine Erzählfassung von Wagners „Ring des Nibelungen“ wurde zu einem gefeierten Bühnenstück, das die komplexe Handlung einem breiteren Publikum zugänglich machte.

Der Mops, das Denkmal und das Vermächtnis

In seinen späteren Jahren zog sich Loriot zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebte seit 1963 in Ammerland am Starnberger See, wurde 2003 zum Honorarprofessor an der Universität der Künste Berlin ernannt und starb 2011. Sein Werk bleibt ein unersetzlicher Teil des deutschen Kulturerbes.

Im April 2006 verkündete Loriot seinen Abschied vom Fernsehen. Die Schnelllebigkeit des Mediums, so seine Begründung, lasse die für qualitative Komik nötige Sorgfalt nicht mehr zu. Es war ein konsequenter Schritt für einen Künstler, für den Präzision oberstes Gebot war. Er widmete sich weiterhin seinen Büchern, die im Diogenes Verlag erschienen, und seiner Vicco-von-Bülow-Stiftung in seiner Geburtsstadt Brandenburg an der Havel, die sich dem Denkmalschutz und sozialen Zwecken verschrieben hat. Ehrungen wie der Bremer Stadtmusikantenpreis (2009) oder die Herausgabe von Wohlfahrtsmarken mit seinen Motiven (2011) zeugten von der ungebrochenen Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde.

Vicco von Bülow starb am 22. August 2011 in seinem Haus in Ammerland. Er wurde im engsten Kreis auf dem Waldfriedhof Heerstraße in Berlin beigesetzt. Sein Nachlass, der ab 2025 als Dauerleihgabe an das Caricatura Museum in Frankfurt am Main geht, sichert die Zukunft seines Werks. Doch sein eigentliches Vermächtnis lebt in der deutschen Sprache und im kollektiven Gedächtnis fort. Redewendungen wie „Das Bild hängt schief“, „Früher war mehr Lametta“ oder der Name „Müller-Lüdenscheidt“ sind zu geflügelten Worten geworden. Loriot hat den Deutschen beigebracht, über sich selbst zu lachen – mit Stil, Intelligenz und einer unendlichen Zuneigung zu den kleinen, alltäglichen Katastrophen des menschlichen Daseins.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Loriot geboren und wann starb er?

Vicco von Bülow, bekannt als Loriot, wurde am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geboren. Er starb am 22. August 2011 im Alter von 87 Jahren in Ammerland am Starnberger See.

Wofür ist Loriot bekannt?

Loriot ist bekannt für seinen feinsinnigen Humor, der die Absurditäten des bürgerlichen Alltags analysiert. Seine Knollennasen-Cartoons, die Fernsehsketche mit Evelyn Hamann und seine Kinofilme „Ödipussi“ und „Pappa ante portas“ sind fester Bestandteil der deutschen Kulturgeschichte.

Welche waren Loriots bekannteste Sketche und Filme?

Zu seinen bekanntesten Sketchen zählen „Das Frühstücksei“, „Herren im Bad“ und „Die Nudel“. Seine beiden Kinofilme „Ödipussi“ (1988) und „Pappa ante portas“ (1991), bei denen er Regie führte und die Hauptrolle spielte, wurden zu Klassikern.

War Loriot verheiratet und hatte er Kinder?

Ja, Vicco von Bülow heiratete 1951 Rose-Marie (Romi) Schlumbom. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, Bettina und Susanne. Die Familie lebte seit 1963 zurückgezogen in Ammerland am Starnberger See.

Woran starb Loriot?

Loriot starb im Alter von 87 Jahren eines natürlichen Todes. Er verbrachte seine letzten Jahre in seinem Haus in Ammerland am Starnberger See. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Waldfriedhof Heerstraße in Berlin.

Welchen Einfluss hatte Loriot auf den deutschen Humor?

Loriot hat den deutschen Humor nachhaltig geprägt, indem er ihn von der lauten Klamotte befreite und durch präzise Beobachtung, sprachliche Finesse und subtile Ironie ersetzte. Viele seiner Sätze sind als geflügelte Worte in den deutschen Sprachgebrauch übergegangen.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Neumann, S. (2011). Loriot und die Hochkomik: Leben, Werk und Wirken von Vicco von Bülow. WBG.
  • Keel, D. (Hrsg.). (2003). Das große Loriot-Buch. Diogenes.
  • Loriot. (2006). Gesammelte Prosa. Diogenes.
  • Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek (Hrsg.). (2008). Loriot. Die Ausstellung. (Katalog zur Ausstellung).
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