Karl Popper (1902–1994) war ein österreichisch-britischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Er begründete den Kritischen Rationalismus und entwickelte das Prinzip der Falsifizierbarkeit als zentrales Kriterium für wissenschaftliche Theorien. Seine Hauptwerke „Logik der Forschung“ und „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ prägen bis heute die Debatten in Erkenntnistheorie und politischer Philosophie.
Wien, am 15. Juni 1919. Ein sechzehnjähriger Gymnasiast erlebt, wie eine kommunistische Demonstration eskaliert. Unbewaffnete Arbeiter, von Parteikadern zum Sturm auf eine Polizeidirektion angestachelt, werden niedergeschossen. Zwanzig Menschen sterben. Für den jungen Karl Popper ist dieser Tag eine Zäsur. Er hatte sich kurz zuvor den Kommunisten angeschlossen, fasziniert von der Idee einer wissenschaftlichen Geschichtstheorie und dem Versprechen einer besseren Welt. Doch das zynische Kalkül der Anführer, die das Leben ihrer Anhänger für ein strategisches Ziel aufs Spiel setzten, erschütterte ihn zutiefst. Er wandte sich vom Marxismus ab. Dieses Ereignis säte den Keim für seine lebenslange Skepsis gegenüber allen Ideologien, die einen unfehlbaren Wahrheitsanspruch erheben.
Sein ganzes philosophisches Schaffen wird zu einer Verteidigung des Irrtums. Nicht der Beweis, sondern der gescheiterte Widerlegungsversuch wird zum Motor des Fortschritts. Popper entwirft das Bild einer Wissenschaft, die nicht sammelt, sondern siebt, und einer Gesellschaft, die nicht auf Utopien, sondern auf ständiger, schrittweiser Korrektur beruht.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1934 | Logik der Forschung | Wissenschaftstheorie | Grundlegendes Werk, das die Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium der Wissenschaft etablierte. |
| 1945 | Die offene Gesellschaft und ihre Feinde | Politische Philosophie | Eine scharfe Kritik totalitärer Ideologien von Platon bis Marx und ein Plädoyer für die liberale Demokratie. |
| 1957 | Das Elend des Historizismus | Geschichtsphilosophie | Argumentiert gegen die Vorstellung vorhersagbarer historischer Gesetze und prophetischer Sozialwissenschaft. |
| 1963 | Vermutungen und Widerlegungen | Aufsatzsammlung | Weiterentwicklung und Anwendung des Kritischen Rationalismus auf diverse Felder der Wissenschaft und Philosophie. |
| 1972 | Objektive Erkenntnis: Ein evolutionärer Entwurf | Erkenntnistheorie | Entwickelt die Theorie der drei Welten und eine evolutionäre Perspektive auf das Wachstum von Wissen. |
Abschied vom Roten Wien
Geboren am 28. Juli 1902 in Wien als Sohn assimilierter jüdischer Eltern. Engagement in der sozialistischen Jugend, kurze Phase im Kommunismus. Schlüsselerlebnis 1919: eine tödliche Demonstration. Wendet sich vom Marxismus ab, promoviert 1928 bei Karl Bühler in Psychologie.
Karl Popper wuchs in einem großbürgerlichen, intellektuellen Haushalt auf. Sein Vater, der Rechtsanwalt Simon Siegmund Carl Popper, besaß eine Bibliothek von über 10.000 Bänden, die dem Jungen früh offenstand. Die Mutter, Jenny Popper, entstammte einer musikalischen Familie. Musik und Bücher prägten seine Kindheit und Jugend. Doch die kultivierte Atmosphäre des Wiener Fin de Siècle war brüchig. Der Erste Weltkrieg und der Zerfall der Habsburgermonarchie politisierten den jungen Popper. Er verließ mit 16 Jahren vorzeitig die Schule, um als Gasthörer Vorlesungen an der Universität Wien zu besuchen. Die Stadt war eine Hochburg der politischen Linken, das „Rote Wien“, und Popper engagierte sich in der sozialistischen Jugendbewegung.
Die kurze, aber intensive Phase als Marxist endete abrupt mit dem Trauma vom Juni 1919. Die dogmatische Gewissheit der kommunistischen Kader, im Besitz historischer Gesetze zu sein, die Menschenopfer rechtfertigten, stieß ihn ab. Diese Erfahrung wurde zum Fundament seiner späteren Kritik am Historizismus. Parallel zu seinem Studium, das er mit einer Promotion in Denkpsychologie bei Karl Bühler abschloss, absolvierte er eine Tischlerlehre. Der Entschluss, ein Handwerk zu lernen, war auch eine Abgrenzung von den rein theoretischen Debatten seiner politisierten Freunde. Er wollte mit den Händen arbeiten. Von 1930 bis 1935 arbeitete er als Hauptschullehrer für Mathematik und Physik, eine Tätigkeit, die er ernst nahm und die seinen klaren, didaktischen Stil prägte.
Ein Kritiker im Kreis der Positivisten
Kontakt zum Wiener Kreis um Moritz Schlick und Rudolf Carnap, jedoch ohne formale Mitgliedschaft. Schreibt sein Manuskript „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“. Veröffentlicht 1934 die gekürzte Fassung „Logik der Forschung“, die das Falsifikationsprinzip als Gegenentwurf zum Verifikationsprinzip des Kreises etabliert.

Obwohl Karl Popper nie zu den offiziellen Sitzungen des Wiener Kreises eingeladen wurde, stand er in regem Austausch mit einigen seiner Mitglieder. Insbesondere Herbert Feigl erkannte das Potenzial des jungen Denkers und ermutigte ihn, seine Ideen niederzuschreiben. Das Ergebnis war ein gewaltiges Manuskript, „Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie“, das erst Jahrzehnte später vollständig veröffentlicht werden sollte. Eine stark gekürzte Version erschien 1934 in einer Schriftenreihe des Wiener Kreises unter dem Titel „Logik der Forschung“. Paradoxerweise brachte ihm diese Veröffentlichung den Ruf ein, selbst ein Positivist zu sein, obwohl das Buch eine fundamentale Kritik an deren zentralen Thesen enthielt.
Unsere Erkenntnis ist ein Kritisieren unserer bisherigen Erkenntnis.
Die logischen Positivisten vertraten das Verifikationsprinzip: Ein Satz ist nur dann sinnvoll, wenn er empirisch überprüft, also als wahr erwiesen werden kann. Popper drehte diese Logik um. Er argumentierte, gestützt auf David Humes Induktionsproblem, dass allgemeine Theorien niemals endgültig verifiziert werden können. Man kann noch so viele weiße Schwäne beobachten, es beweist nicht den Satz „Alle Schwäne sind weiß“. Ein einziger schwarzer Schwan aber widerlegt ihn. Wissenschaftlicher Fortschritt entsteht demnach nicht durch das Sammeln von Bestätigungen, sondern durch die rigorose Suche nach Fehlern. Eine Theorie ist nur dann wissenschaftlich, wenn sie prinzipiell falsifizierbar ist – wenn sie kühne, überprüfbare Vorhersagen macht, an denen sie scheitern kann. Damit lieferte er ein scharfes Abgrenzungskriterium zur Pseudowissenschaft, deren Aussagen oft so vage sind, dass sie nie widerlegt werden können.
Karl Poppers Exil und die offene Gesellschaft
Angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus emigriert Popper mit seiner Frau Josefine 1937 nach Christchurch, Neuseeland. An der University of Canterbury schreibt er im Exil „Das Elend des Historizismus“ und sein politisches Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945).

Die politische Lage in Österreich spitzte sich in den 1930er-Jahren dramatisch zu. Popper sah den „Anschluss“ an das nationalsozialistische Deutschland kommen und suchte nach einer Möglichkeit zur Emigration. 1937 nahm er eine Dozentur am Canterbury University College in Christchurch, Neuseeland, an. Das Exil war eine intellektuell isolierte, aber ungeheuer produktive Zeit. Während in Europa der Krieg tobte, schrieb Popper sein zweites Hauptwerk, das er als seinen persönlichen Beitrag zu den Kriegsanstrengungen verstand: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Sechzehn seiner in Österreich verbliebenen Familienangehörigen wurden im Holocaust ermordet.
In diesem zweibändigen Werk überträgt er die Prinzipien seiner Wissenschaftstheorie auf die politische Philosophie. Die „offene Gesellschaft“ ist für ihn eine Gesellschaft, die auf kritischer Vernunft, individueller Freiheit und reformorientierter Politik basiert. Sie ist das Gegenteil der „geschlossenen Gesellschaft“, die von totalitären, dogmatischen Ideologien beherrscht wird. Popper spürt den intellektuellen Wurzeln des Totalitarismus nach und findet sie bei Denkern wie Platon, Hegel und Marx. Er wirft ihnen Historizismus vor – den Glauben an eherne, vorhersagbare Gesetze der Geschichte, die auf ein festgelegtes Endziel zusteuern. Diese Haltung führt unweigerlich zu Unterdrückung. Anstelle revolutionärer Umstürze plädiert er für eine „Stückwerk-Sozialtechnik“ (piecemeal social engineering): die schrittweise, stets revidierbare Lösung konkreter sozialer Probleme.
Londoner Jahre und der Positivismusstreit
Ab 1946 lehrt Popper an der London School of Economics. 1961 hält er das Hauptreferat, das den sogenannten Positivismusstreit mit der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno auslöst. 1965 wird er von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen und publiziert bis zu seinem Tod 1994.
Auf Vermittlung seines Freundes, des Ökonomen Friedrich August von Hayek, erhielt Popper 1945 einen Ruf an die renommierte London School of Economics and Political Science (LSE). 1946 traf er in London ein, das zu seiner neuen Heimat wurde. Er wurde 1949 Professor für Logik und wissenschaftliche Methodenlehre und übte einen großen Einfluss auf Generationen von Studierenden aus. Seine Seminare waren berühmt für ihre intellektuelle Schärfe und Kompromisslosigkeit. 1961 kam es in Tübingen zu einer denkwürdigen Konfrontation. Popper hielt den Eröffnungsvortrag zur Logik der Sozialwissenschaften, Theodor W. Adorno von der Frankfurter Schule das Korreferat. Obwohl die beiden Denker kaum direkt aufeinander eingingen, markierte dies den Beginn des Positivismusstreits in der deutschen Soziologie.
Die Vertreter der Kritischen Theorie warfen Popper und seinem Schüler Hans Albert vor, einen sterilen, affirmativen Positivismus zu vertreten, der die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse unkritisch hinnehme. Popper selbst sah sich zu Unrecht in diese Ecke gestellt, hatte er doch sein Hauptwerk explizit gegen den Positivismus geschrieben. Er hielt die Sprache der Frankfurter Schule für obskur und deren Thesen für unwiderlegbar, also unwissenschaftlich. Er selbst zog sich aus der Debatte, die vor allem zwischen Albert und Jürgen Habermas geführt wurde, weitgehend zurück. Bis zu seiner Emeritierung 1969 und auch danach blieb er ein unermüdlicher Denker und Publizist. Er wurde mit Ehrungen überhäuft, 1965 zum Knight Bachelor geschlagen und starb am 17. September 1994 in London. Seine Urne wurde im Grab seiner Frau Josefine auf dem Lainzer Friedhof in Wien beigesetzt. Sein Werk, archiviert unter anderem in der Hoover Institution der Stanford University, bleibt ein mächtiges Plädoyer für Demut vor der Wahrheit und Mut zur Kritik.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Karl Popper geboren und wann starb er?
Karl Popper wurde am 28. Juli 1902 in Wien, Österreich-Ungarn, geboren. Er starb am 17. September 1994 im Alter von 92 Jahren in Kenley, einem Stadtteil von London. Seine Urne wurde in Wien beigesetzt.
Wofür ist Karl Popper bekannt?
Karl Popper ist vor allem als Begründer des Kritischen Rationalismus bekannt. Sein zentraler Beitrag zur Wissenschaftstheorie ist das Falsifikationsprinzip, wonach wissenschaftliche Theorien nicht beweisbar, sondern nur widerlegbar sind. Politisch prägte er den Begriff der „offenen Gesellschaft“.
Was ist das Falsifikationsprinzip?
Das Falsifikationsprinzip besagt, dass eine Theorie nur dann wissenschaftlich ist, wenn sie prinzipiell widerlegt werden kann. Anstatt nach Bestätigungen zu suchen, soll die Wissenschaft aktiv versuchen, ihre eigenen Hypothesen durch Experimente und Beobachtungen zu widerlegen (falsifizieren).
Was versteht Popper unter der „offenen Gesellschaft“?
Die „offene Gesellschaft“ ist ein Gesellschaftsmodell, das auf individueller Freiheit, Pluralismus und kritischer Vernunft basiert. Sie steht im Gegensatz zur „geschlossenen Gesellschaft“, die totalitär, dogmatisch und auf einer vermeintlich unabänderlichen historischen Wahrheit aufgebaut ist.
Hatte Karl Popper Familie?
Ja, Karl Popper heiratete 1930 seine Kollegin Josefine Anna Henninger (1906–1985). Die Ehe blieb kinderlos. Seine Eltern waren Simon Siegmund Carl Popper und Jenny Popper. Viele seiner Verwandten wurden Opfer des Holocaust, was sein politisches Denken tief prägte.
Welchen Einfluss hat Karl Popper auf die Nachwelt?
Sein Einfluss ist weitreichend. In der Wissenschaftstheorie ist die Falsifizierbarkeit ein Standardkriterium. In der Politik inspirierten seine Ideen zur „offenen Gesellschaft“ liberale Denker und Politiker wie Helmut Schmidt. Seine Kritik am Totalitarismus bleibt eine wichtige intellektuelle Grundlage demokratischer Gesellschaften.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Hacohen, M. H. (2000). Karl Popper – The Formative Years, 1902–1945: Politics and Philosophy in Interwar Vienna. Cambridge University Press.
- Jarvie, I., Milford, K., & Miller, D. (Eds.). (2006). Karl Popper: A Centenary Assessment. Ashgate Publishing.
- Popper, K. (1994). Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung. Piper Verlag.