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Wissenschaft · Vereinigtes Königreich · 1934–2025

Jane Goodall

Sie verließ die Zivilisation, um im Dschungel das Verhalten von Schimpansen zu studieren – und fand dabei die Wurzeln der Menschlichkeit

Die Primatologin Jane Goodall beobachtet in den 1960er Jahren einen Schimpansen im Gombe-Stream-Reservat in Tansania.
Jane Goodall · Wikimedia Commons · U.S. Department of State from United States · PD

Jane Goodall (1934–2025) war eine britische Verhaltensforscherin und Primatologin. Ab 1960 untersuchte sie das Verhalten von Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania. Ihre bahnbrechenden Entdeckungen, etwa der Werkzeuggebrauch bei Primaten, veränderten die wissenschaftliche Sicht auf Tiere und die Definition des Menschen nachhaltig.

Nachruf · 18. Mai 2026

Jane Goodall verstorben

Jane Goodall ist am 1. Oktober 2025 im Alter von 91 Jahren in Los Angeles eines natürlichen Todes gestorben. Sie befand sich auf einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten. Das Jane Goodall Institute bestätigte den Tod der Gründerin und UN-Friedensbotschafterin noch am selben Tag. Mit ihr verliert die Wissenschaft eine der prägendsten Verhaltensforscherinnen des 20. und 21. Jahrhunderts – und der Naturschutz seine wohl unermüdlichste globale Stimme.

  • Jill Tiefenthaler, Geschäftsführerin der National Geographic Society, würdigte Goodall als „außergewöhnliche Wissenschaftlerin, Naturschützerin, Humanistin, Lehrerin, Mentorin – und eine unerschütterliche Botschafterin der Hoffnung“. Goodall war seit über sechzig Jahren mit der Society verbunden.
  • Nur wenige Monate zuvor, im Januar 2025, hatte US-Präsident Joe Biden Jane Goodall mit der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet – der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten.
  • Goodall stand bis zuletzt im aktiven Dienst ihrer Botschaft: Sie verbrachte über 300 Tage im Jahr auf Reisen und hielt Vorträge vor jungem Publikum weltweit. Ihre letzte Tournee galt der Jugendinitiative Roots & Shoots, die heute in fast 60 Ländern aktiv ist.
  • Im Jahr 2026 eröffnet in Arusha, Tansania, das „Dr. Janes Dream – The Goodall Center of Hope“, ein zentrales Bildungs- und Forschungszentrum, das ihr Vermächtnis institutionell weitertragen soll.
  • Ihr Biograf Dale Peterson nannte sie „die Frau, die den Menschen neu definierte“.

Es ist ein Bild, das sich in das kollektive Gedächtnis der Wissenschaft eingebrannt hat: eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und Khaki-Kleidung, die mit einem Fernglas geduldig im dichten Grün des afrikanischen Waldes sitzt und eine Gruppe wilder Schimpansen beobachtet. Sie hat keine akademische Ausbildung, kein Institut im Rücken, nur eine unerschütterliche Neugier und die Unterstützung eines visionären Mentors. Diese Frau war Jane Goodall, und ihre monatelange, stille Anwesenheit an den Ufern des Tanganjikasees sollte die Fundamente der Primatologie und Anthropologie erschüttern.

Ihre Methode war so einfach wie radikal: Sie behandelte die Tiere nicht als anonyme Forschungsobjekte, sondern als Individuen mit Namen, Persönlichkeiten und komplexen sozialen Beziehungen. Dieser Ansatz, zunächst von der akademischen Welt als unwissenschaftlich belächelt, führte zu Entdeckungen, die das Verständnis des Menschen von sich selbst für immer veränderten.

Inhalt (6)
JahreInstitutionPosition / ForschungBedeutung
1957–1960Nairobi National MuseumAssistentin von Louis LeakeyBeginn der Mentorschaft, Vorbereitung der Feldstudie
seit 1960Gombe Stream Research CentreLeiterin der FeldstudieLängste ununterbrochene Studie an wilden Schimpansen
1962–1966University of CambridgeDoktorandin (Ethologie)Promotion ohne vorherigen Hochschulabschluss
seit 1977Jane-Goodall-InstitutGründerinInstitutionalisierung von Forschung und Artenschutz
seit 1991Roots & ShootsGründerinGlobale Jugendinitiative für Umwelt- und Tierschutz
seit 2002Vereinte NationenFriedensbotschafterinGlobaler diplomatischer Einsatz für Frieden und Natur

Ankunft am Tanganjikasee

Geboren 1934 in London, reiste Jane Goodall 1957 ohne Hochschulabschluss nach Kenia. Dort traf sie den Paläoanthropologen Louis Leakey, der ihr Potenzial erkannte und ihr 1960 den Auftrag gab, das Verhalten von Schimpansen im Gombe-Stream-Reservat in Tansania zu erforschen.

Valerie Jane Morris-Goodall wuchs in einem Umfeld auf, das ihre Faszination für die Tierwelt nährte. Ihre Mutter, die Romanautorin Vanne Morris-Goodall, unterstützte die unkonventionelle Neugier ihrer Tochter. Als das vierjährige Mädchen stundenlang in einem Hühnerstall verschwand, um das Geheimnis des Eierlegens zu ergründen, rief die Mutter nicht die Polizei, sondern hörte sich geduldig die detailreichen Beobachtungen an. Bücher wie „Doktor Dolittle“ und die Tarzan-Geschichten prägten ihren Kindheitstraum: nach Afrika zu reisen, um mit Tieren zu leben und über sie zu schreiben. Da die finanziellen Mittel für ein Studium fehlten, absolvierte sie eine Ausbildung zur Sekretärin. Die Gelegenheit bot sich 1957, als eine Schulfreundin sie nach Kenia einlud.

In Afrika fand sie eine Anstellung im Nairobi National Museum und lernte dessen Direktor kennen, den renommierten Paläoanthropologen Louis Leakey. Leakey vertrat die Hypothese, dass die Beobachtung heute lebender Menschenaffen Aufschluss über das Verhalten früher Hominiden geben könnte. Er war von Goodalls präziser Beobachtungsgabe und ihrer unvoreingenommenen Herangehensweise beeindruckt und suchte bewusst nach einem Geist, der nicht von akademischen Dogmen geprägt war. Goodall war die erste von drei Frauen, die er für wegweisende Langzeitstudien auswählte; ihr folgten Dian Fossey zur Erforschung der Gorillas und Birutė Galdikas für die Orang-Utans. Am 14. Juli 1960 betrat Jane Goodall, begleitet von ihrer Mutter als anfängliche Schutzperson, das unberührte Gebiet von Gombe am Ostufer des Tanganjikasees. Ihre Forschungsarbeit begann.

Die Revolution der Feldbeobachtung

Goodalls Forschung in Gombe führte zu zwei bahnbrechenden Erkenntnissen: Schimpansen stellen Werkzeuge her und nutzen sie gezielt, und sie sind keine reinen Vegetarier, sondern jagen und fressen Fleisch. Ihre Methode, den Tieren Namen zu geben, brach mit wissenschaftlichen Konventionen und ermöglichte tiefe Einblicke in deren Sozialstruktur.

Jane Goodall
Jane Goodall is holding her toy monkey „Mr. H“, which accompanies her during travel. Jane Goodall is a famous animal scientist for studying chimpanzees. Photo taken by User:Jeekc in w:Kong Hong University, Hong Kong on 24 October 2007. · Wikimedia Commons · CC-BY

Die ersten Monate in Gombe waren von Frustration geprägt. Die Schimpansen waren scheu und flohen, sobald sie Goodall bemerkten. Mit unendlicher Geduld hielt sie Abstand, zeigte sich täglich am selben Ort und ließ die Tiere sich an ihre friedliche Präsenz gewöhnen. Der Durchbruch gelang mit einem Schimpansen, den sie David Greybeard nannte. Eines Tages beobachtete sie, wie er gezielt Grashalme in einen Termitenhügel einführte, um die Insekten herauszuangeln. Später sah sie ihn Blätter von einem Zweig abreißen, um ihn als Werkzeug zu optimieren. Diese Beobachtung war eine Sensation. Bis dahin galt der Werkzeuggebrauch als definierendes Merkmal des Menschen. Ihre Entdeckung, telegrafisch an Louis Leakey übermittelt, führte zu dessen berühmter Antwort: „Jetzt müssen wir die Definition von Werkzeug, die Definition von Mensch, oder beides neu definieren.“

Nur wenn wir verstehen, können wir uns kümmern. Nur wenn wir uns kümmern, werden wir helfen. Nur wenn wir helfen, werden sie alle gerettet.

Ihre Praxis, den Schimpansen Namen wie Fifi, Flo oder Goliath zu geben, statt sie zu nummerieren, stieß in der akademischen Welt auf scharfe Kritik. Man warf ihr Anthropomorphismus und den Verlust wissenschaftlicher Objektivität vor. Doch gerade dieser Zugang ermöglichte es ihr, die komplexen und oft dramatischen Beziehungen, Hierarchien und Persönlichkeiten innerhalb der Schimpansengruppe zu dokumentieren. Sie beobachtete Allianzen, Kriege zwischen benachbarten Gruppen und sogar Formen von elterlicher Fürsorge und Trauer. Um ihre Arbeit auf eine solide akademische Basis zu stellen, ermöglichte Leakey ihr 1962 die Einschreibung an der University of Cambridge für eine Promotion in Ethologie – eine seltene Ausnahme, da sie keinen Bachelor-Abschluss besaß. 1966 wurde sie mit ihrer Dissertation über das Verhalten freilebender Schimpansen promoviert. Ihre Forschung wurde durch die National Geographic Society finanziert, die den Tierfilmer Hugo van Lawick nach Gombe schickte. Die beiden heirateten 1964.

Von der Forscherin zur globalen Stimme

Eine Konferenz im Jahr 1986 markierte Goodalls Wandel von der reinen Forschung zum globalen Aktivismus. Sie nutzte das von ihr 1977 gegründete Jane-Goodall-Institut und die 1991 ins Leben gerufene Jugendinitiative „Roots & Shoots“, um für den Artenschutz zu mobilisieren.

Jane Goodall
Jane Goodall, fotografiert im Jahr 2019 von Johanna Lohr im Auftrag von Steingarts Morning Briefing · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die Veröffentlichung ihres Buches „In the Shadow of Man“ im Jahr 1971 machte sie und die Schimpansen von Gombe weltberühmt. Doch mit wachsender Bekanntheit wuchs auch ihr Bewusstsein für die Bedrohungen, denen ihre Forschungsobjekte ausgesetzt waren: Wilderei, Lebensraumverlust und der Einsatz in Versuchslaboren. Ein Wendepunkt war eine wissenschaftliche Konferenz in Chicago 1986. Als sie die Präsentationen über den rapiden Rückgang der Schimpansenpopulationen in ganz Afrika hörte, traf sie eine Entscheidung. Sie verstand, dass sie das Labor unter freiem Himmel verlassen musste, um zur Stimme der Tiere zu werden. Sie tauschte das abgeschiedene Leben im Wald gegen ein unermüdliches Dasein auf Reisen, hielt Vorträge, traf politische Entscheidungsträger und warb für den Schutz der Menschenaffen und ihrer Habitate.

Ihr Ansatz war dabei stets holistisch. Sie erkannte, dass Artenschutz nur erfolgreich sein kann, wenn die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung berücksichtigt werden. Das Jane-Goodall-Institut entwickelte gemeindebasierte Schutzprogramme, die Bildung, nachhaltige Landwirtschaft und Gesundheitsversorgung förderten. Um die nächste Generation zu inspirieren, rief sie 1991 mit einer Gruppe von tansanischen Schülern das Programm „Roots & Shoots“ (Wurzeln und Sprösslinge) ins Leben. Die Initiative ermutigt junge Menschen weltweit, Projekte zu entwickeln, die ihrer Gemeinde, den Tieren und der Umwelt zugutekommen. Aus einer kleinen Gruppe wuchs eine globale Bewegung mit Tausenden von Gruppen in über 100 Ländern.

Das Vermächtnis einer stillen Beobachterin

Als UN-Friedensbotschafterin und Trägerin zahlreicher Auszeichnungen hinterlässt Jane Goodall ein wissenschaftliches und humanitäres Vermächtnis. Sie gilt als globale Ikone des Natur- und Artenschutzes und setzte sich bis zuletzt unermüdlich für ihre Überzeugungen ein.

Jane Goodalls Leben nach Gombe ist geprägt von einem unaufhörlichen Engagement. Sie verbrachte über Jahrzehnte mehr als 300 Tage im Jahr auf Reisen, um ihre Botschaft der Hoffnung zu verbreiten. Sie sprach vor Schulklassen und den Vereinten Nationen, setzte sich für Alternativen zu Tierversuchen ein und warb für einen ethisch verantwortungsvolleren Umgang mit allen Lebewesen. Ihre Arbeit wurde mit höchsten Ehren gewürdigt: 2002 wurde sie zur UN-Botschafterin des Friedens ernannt, 2004 von Königin Elisabeth II. als Dame Commander des Order of the British Empire in den Adelsstand erhoben. Nach der Scheidung von van Lawick heiratete sie 1975 den tansanischen Parlamentsabgeordneten und Direktor der Nationalparks, Derek Bryceson, der sie maßgeblich dabei unterstützte, den Schutzstatus von Gombe zu sichern. Sein früher Krebstod 1980 war ein schwerer persönlicher Schlag.

Trotz ihres globalen Wirkens blieb Gombe das Herzstück ihrer Identität. Die dort begonnene Forschung wird bis heute ununterbrochen fortgesetzt und liefert weiterhin unschätzbare Daten über das Verhalten und die Ökologie von Schimpansen. Goodall litt unter Prosopagnosie, der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen, eine Eigenschaft, die ihre Fähigkeit, Tiere anhand subtiler Merkmale zu unterscheiden, möglicherweise schärfte. Bis ins hohe Alter argumentierte sie mit einer ruhigen, aber eindringlichen Stimme dass die wachsende Erkenntnis über die Komplexität der Tierwelt eine moralische Verpflichtung nach sich ziehe. Ihr Vermächtnis reicht weit über die Primatologie hinaus: die Erkenntnis, dass Mitgefühl und Verständnis die wichtigsten Werkzeuge sind, um die Welt zu verändern.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Jane Goodall geboren?

Jane Goodall wurde am 3. April 1934 in Hampstead, London, geboren. Als aktive Forscherin und Aktivistin hat sie eine Epoche fundamentaler wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen maßgeblich mitgeprägt.

Wofür ist Jane Goodall bekannt?

Jane Goodall ist weltbekannt für ihre über 60 Jahre andauernde Feldstudie an wilden Schimpansen im Gombe-Stream-Nationalpark in Tansania. Sie entdeckte, dass Schimpansen Werkzeuge herstellen und benutzen, was die Definition von Menschsein in Frage stellte.

Welche wichtigen Leistungen hatte Jane Goodall?

Zu ihren wichtigsten Leistungen zählt die Gründung des Jane-Goodall-Instituts 1977 und des Jugendprogramms „Roots & Shoots“ 1991. Ihr Buch „Wilde Schimpansen“ (Original: In the Shadow of Man, 1971) machte ihre Forschung einem breiten Publikum zugänglich.

War Jane Goodall verheiratet?

Ja, Jane Goodall war zweimal verheiratet. Von 1964 bis 1974 mit dem Tierfilmer Hugo van Lawick, mit dem sie einen Sohn hat. Nach der Scheidung heiratete sie 1975 den tansanischen Politiker Derek Bryceson, der 1980 verstarb.

Welchen Einfluss hat Jane Goodalls Arbeit?

Goodalls Arbeit hat die Grenze zwischen Mensch und Tier neu definiert und die Verhaltensforschung nachhaltig geprägt. Ihr unermüdlicher Aktivismus für Tier- und Umweltschutz inspirierte weltweit Generationen und schuf ein bleibendes Vermächtnis für den Artenschutz.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Peterson, D. (2014). Jane Goodall: The Woman Who Redefined Man. Houghton Mifflin Harcourt.
  • Goodall, J. (1971). In the Shadow of Man. Houghton Mifflin.
  • Goodall, J. (1999). Reason for Hope: A Spiritual Journey. Warner Books.
Briefeditorial

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