Carl von Ossietzky (3. Oktober 1889 – 4. Mai 1938) war ein deutscher Journalist, Schriftsteller und Pazifist. Als Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“ deckte er die geheime Aufrüstung der Reichswehr in der Weimarer Republik auf. Für seinen Mut wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt und erhielt 1936 den Friedensnobelpreis.
Am 10. Mai 1932 trat ein Mann seine Haftstrafe im Gefängnis Berlin-Tegel an, begleitet von Freunden und politischen Weggefährten. Er war kein gewöhnlicher Krimineller. Sein Vergehen war ein Artikel in seiner eigenen Zeitschrift, der die geheimen Rüstungspläne des Staates enthüllt hatte. Dieser Mann, Carl von Ossietzky, hatte sich bewusst gegen die Flucht ins Ausland entschieden. Er verstand es als Pflicht, für seine Überzeugung geradezustehen, auch wenn der Preis die Freiheit war. Diese Haltung sollte sein Leben definieren und ihn wenige Jahre später zum prominentesten politischen Gefangenen des NS-Regimes machen, zu einem Symbol, dessen Schicksal die Weltöffentlichkeit bewegte.
Er war die intellektuelle Speerspitze der Weimarer Republik, ein unerbittlicher Kritiker des Militarismus und ein Mahner vor der heraufziehenden Diktatur. Seine Waffe war das Wort, seine Festung die Redaktion der „Weltbühne“.
Inhalt (5)
| Jahre | Position | Medium / Institution | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1911–1914 | Leitartikler | Das freie Volk | Erste regelmäßige publizistische Tätigkeit im Umfeld der Demokratischen Vereinigung. |
| 1919–1920 | Sekretär | Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) | Organisatorische Arbeit für die pazifistische Bewegung in Berlin nach dem Ersten Weltkrieg. |
| 1920–1924 | Redakteur | Berliner Volks-Zeitung | Feste Anstellung im Journalismus, Fokus auf Außenpolitik in der jungen Republik. |
| 1924 | Mitgründer | Republikanische Partei Deutschlands (RPD) | Kurzer, aber prägender Ausflug in die aktive Parteipolitik. |
| 1924–1926 | Redakteur | Das Tage-Buch / Montag Morgen | Zusammenarbeit mit Stefan Großmann und Leopold Schwarzschild. |
| 1927–1933 | Herausgeber & Chefredakteur | Die Weltbühne | Höhepunkt seines Schaffens; die Zeitschrift wird zum zentralen Organ der radikaldemokratischen Linken. |
Vom Justizamt zum Journalismus
Geboren am 3. Oktober 1889 in Hamburg, wuchs Carl von Ossietzky in einfachen Verhältnissen auf. Nach einer gescheiterten Schullaufbahn trat er 1907 in den Justizdienst ein, den er jedoch für seine wahre Leidenschaft, das Schreiben und die politische Debatte, bald wieder verließ.
Der spätere Publizist kam in Hamburg zur Welt. Sein Vater, ein Stenograf aus Oberschlesien, starb, als der Junge kaum drei Jahre alt war. Die Mutter betrieb eine kleine Speisewirtschaft. Dank der Unterstützung des Senators Max Predöhl, dem ehemaligen Arbeitgeber des Vaters, erhielt Carl einen Freiplatz an einer Schule für Kinder aus begüterten Familien. Dennoch war er ein schlechter Schüler. Die Prüfung zur mittleren Reife bestand er auch im zweiten Anlauf nicht. Seine Interessen galten der Literatur und der Geschichte, nicht der Mathematik. Statt die Schulbank zu drücken, vertiefte er sich in die Werke von Goethe und Schiller. Eine akademische Laufbahn blieb ihm verwehrt. Mit siebzehn Jahren begann er eine Tätigkeit als Hilfsschreiber bei der Hamburger Justizverwaltung.
Er führte eine Art Doppelleben. Tagsüber ein kleiner Beamter im Grundbuchamt, abends ein eifriger Besucher politischer und kultureller Veranstaltungen. Er schrieb Gedichte, trat 1908 der Deutschen Friedensgesellschaft bei und schloss sich der Demokratischen Vereinigung um Hellmut von Gerlach an. 1913 heiratete er Maud Lichfield-Woods, eine britische Frauenrechtlerin, die ihn bestärkte, den ungeliebten Justizdienst zu kündigen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges durchkreuzte diese Pläne. Zunächst als untauglich gemustert, wurde er 1916 doch noch als Armierungssoldat an die Westfront geschickt. Die Erfahrung des Krieges festigte seinen Pazifismus endgültig.
Die Feder als Waffe: Die Weltbühne
Nach dem Krieg zog Ossietzky nach Berlin und wurde 1927 nach dem Tod von Siegfried Jacobsohn Herausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“. Unter seiner Leitung wurde das Blatt zur schärfsten publizistischen Stimme gegen die Feinde der Republik, insbesondere gegen die heimliche Aufrüstung der Reichswehr.

In der pulsierenden Metropole Berlin fand der Publizist sein eigentliches Wirkungsfeld. Er arbeitete für die „Berliner Volks-Zeitung“, engagierte sich in der „Nie wieder Krieg“-Bewegung und gründete 1924 sogar eine eigene, kurzlebige Republikanische Partei. Sein Weg führte ihn schließlich zur „Weltbühne“, einem der profiliertesten Magazine der Weimarer Zeit. Auf Anregung des prominenten Autors Kurt Tucholsky wurde er Mitarbeiter und nach dem plötzlichen Tod des Gründers Siegfried Jacobsohn im Dezember 1926 übernahm er dessen Position als Herausgeber. Die „Weltbühne“ wurde unter seiner Führung zu einem undogmatischen Forum der bürgerlichen Linken, das den Militarismus, den aufkommenden Nationalsozialismus und die antidemokratischen Tendenzen in Justiz und Verwaltung unnachgiebig anprangerte.
Ein Pazifist, der sich der Anklage durch Flucht entzieht, gibt seine Sache preis.
Der Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war der sogenannte Weltbühne-Prozess. Im März 1929 veröffentlichte der Journalist Walter Kreiser in der „Weltbühne“ den Artikel „Windiges aus der deutschen Luftfahrt“, der detailliert die verbotene, geheime Aufrüstung der Luftwaffe durch die Reichswehr aufdeckte. Die Reaktion des Staates war unerbittlich. Wegen Verrats militärischer Geheimnisse wurden Ossietzky als verantwortlicher Herausgeber und Kreiser angeklagt. Am 23. November 1931 verurteilte das Reichsgericht beide zu 18 Monaten Gefängnis. Während Kreiser ins Ausland floh, weigerte sich der Chefredakteur, diesen Weg zu gehen. Er sah es als seine moralische Pflicht an, für die Pressefreiheit in Deutschland einzustehen, selbst um den Preis seiner eigenen Freiheit.
Im Angesicht der Diktatur: Das Martyrium
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Journalist in der Nacht des Reichstagsbrandes am 28. Februar 1933 verhaftet. Es begann eine jahrelange Leidenszeit in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern, darunter Sonnenburg und Esterwegen, wo er schwer misshandelt und gefoltert wurde.
Kurz nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft in Tegel im Dezember 1932 durch eine Weihnachtsamnestie änderte sich die politische Lage dramatisch. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Viele Freunde drängten Ossietzky zur Flucht, doch er blieb. Er unterschätzte die Brutalität des neuen Regimes. In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er, wie tausende andere Oppositionelle, in „Schutzhaft“ genommen. Seine Schriften wurden bei den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 symbolisch ins Feuer geworfen mit den Worten: „Gegen Frechheit und Anmaßung […] Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!“
Für den Pazifisten begann ein Martyrium. Zuerst im Gefängnis Berlin-Spandau interniert, wurde er am 6. April 1933 in das Konzentrationslager Sonnenburg verschleppt. 1934 erfolgte die Verlegung ins KZ Esterwegen im Emsland, eines der berüchtigtsten Lager des frühen Regimes. Dort zwang man die Häftlinge zur zermürbenden Moorarbeit. Der Gefangene wurde gezielt gedemütigt und misshandelt. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Ein Besuch des Schweizer Diplomaten Carl Jacob Burckhardt vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz im Herbst 1935 machte das Ausmaß der Folter sichtbar. Burckhardt beschrieb den Häftling als ein „zitterndes, totenblasses Etwas“.
Der Preis für Carl von Ossietzky
Eine internationale Kampagne, getragen von Freunden und Exilanten, setzte sich für die Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Journalisten ein. Am 23. November 1936 wurde Carl von Ossietzky der Preis für das Jahr 1935 zugesprochen. Annehmen durfte er ihn nicht.
Schon 1934 hatten seine Freunde im Exil, darunter Kurt Grossmann, die Idee entwickelt, Ossietzky für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen. Die Kampagne gewann an Dynamik und wurde zu einem internationalen Appell für die Freilassung des prominentesten politischen Gefangenen in Nazi-Deutschland. Das NS-Regime versuchte mit allen Mitteln, die Verleihung zu verhindern. Im Mai 1936 wurde der schwerkranke Ossietzky aus dem KZ Esterwegen in das Staatskrankenhaus der Polizei in Berlin verlegt. Dort diagnostizierten die Ärzte eine fortgeschrittene, offene Lungentuberkulose. Er stand weiterhin unter permanenter Bewachung der Gestapo. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn am 23. November 1936 war eine weltweite Sensation und eine schwere diplomatische Niederlage für Hitler. Ein wütendes Dekret verbot fortan allen Deutschen die Annahme jeglicher Nobelpreise.
Die Freiheit erlangte der Preisträger dadurch nicht. Er durfte nicht zur Verleihung nach Oslo reisen, und das Preisgeld wurde ihm vorenthalten. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte er, gezeichnet von Krankheit und den Folgen der Folter, in einem Sanatorium. Am 4. Mai 1938 starb er im Krankenhaus Nordend in Berlin an den Folgen der Tuberkulose und der jahrelangen Misshandlungen. Er stand bis zu seinem letzten Atemzug unter Polizeiaufsicht. Seine Asche wurde später an einem unbekannten Ort verstreut. Mehr Informationen zu seinem Leben und Werk finden sich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek sowie auf der offiziellen Seite des Nobelpreiskomitees.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Carl von Ossietzky geboren und wann starb er?
Carl von Ossietzky wurde am 3. Oktober 1889 in Hamburg geboren. Er starb am 4. Mai 1938 im Alter von 48 Jahren in Berlin an den Folgen der schweren Misshandlungen in den Konzentrationslagern und einer fortgeschrittenen Tuberkulose-Erkrankung.
Wofür ist Carl von Ossietzky bekannt?
Carl von Ossietzky ist bekannt als Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“ in der Weimarer Republik. Er war ein unerschrockener Journalist und Pazifist, der die geheime Wiederaufrüstung der Reichswehr aufdeckte und dafür 1936 den Friedensnobelpreis erhielt.
Was war der Weltbühne-Prozess?
Der Weltbühne-Prozess war ein Gerichtsverfahren im Jahr 1931. Ossietzky wurde als Herausgeber der „Weltbühne“ wegen Verrats militärischer Geheimnisse angeklagt und zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil seine Zeitschrift über die verbotene Aufrüstung der Reichswehr berichtet hatte.
Warum wurde Ossietzky von den Nationalsozialisten inhaftiert?
Als prominenter Kritiker des Nationalsozialismus, Pazifist und Demokrat war er dem Regime verhasst. Er wurde direkt nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 verhaftet und jahrelang in Konzentrationslagern wie Sonnenburg und Esterwegen gefangen gehalten und gefoltert.
Welche Bedeutung hatte der Friedensnobelpreis für Ossietzky?
Die Verleihung des Friedensnobelpreises 1936 war ein Akt internationaler Solidarität und eine symbolische Verurteilung des NS-Regimes. Obwohl der Preis ihn nicht befreien konnte, machte er sein Schicksal weltweit bekannt und etablierte ihn als Ikone des Widerstands.
Hatte Carl von Ossietzky eine Familie?
Ja, er heiratete 1913 die aus einer britischen Offiziersfamilie stammende Frauenrechtlerin Maud Lichfield-Woods. Aus der Ehe ging eine gemeinsame Tochter hervor, Rosalinde von Ossietzky-Palm, die 1919 geboren wurde und sich später ebenfalls für den Pazifismus engagierte.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Grossmann, K. R. (1966). Ossietzky: Ein deutscher Patriot. Kindler.
- Suhr, E. (1988). Carl von Ossietzky: eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch.
- Frei, N. (1998). Journalismus im Dritten Reich. C.H. Beck.