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Literatur · Königreich Dänemark · 1813–1855

Søren Kierkegaard: Philosophie der Existenz und des Glaubens

Ein Leben im Widerspruch zwischen Glaube und Zweifel, das die Philosophie des 20. Jahrhunderts neu definierte

Søren Kierkegaard, Fotografie aus dem Jahr 1813
Søren Kierkegaard: Philosophie der Existenz und des Glaubens · Wikimedia Commons · La Biblioteca Real de Dinamarca · PD

Søren Kierkegaard (5. Mai 1813 – 11. November 1855) war ein dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller. Er gilt als einer der ersten Vertreter der Existenzphilosophie. Seine unter Pseudonymen verfassten Schriften wie ‚Entweder – Oder‘ thematisieren die subjektive Existenz, die Freiheit der Wahl und den Konflikt zwischen Ethik und religiösem Glauben.

Ein Spaziergänger durchmisst die Gassen Kopenhagens. Seine Gestalt ist bekannt, der leicht gekrümmte Rücken, der scharfe, beobachtende Blick. Er notiert Gedanken, Dialogfetzen, Reflexionen in kleinen Heften, die er stets bei sich trägt. Dieser Mann, Søren Aabye Kierkegaard, lebt ein äußerlich ereignisloses Leben, doch in seinem Inneren entfaltet sich ein Drama von universaler Bedeutung. Seine Existenz ist ein permanenter Dialog mit Gott, mit der Philosophie seiner Zeit und mit sich selbst, ein Ringen um eine Wahrheit, die nicht abstrakt, sondern gelebt sein will. Fast sein gesamtes Schaffen entsteht in diesem Mikrokosmos der dänischen Hauptstadt, einer intellektuellen Bühne, die er zugleich bespielt und kritisch seziert.

Sein Werk ist ein Angriff auf das Systemdenken, eine Verteidigung des Einzelnen gegen die anonyme Masse und eine radikale Befragung des Christentums. Er schreibt nicht, um Antworten zu geben, sondern um die Dringlichkeit der Frage nach der eigenen Existenz unabweisbar zu machen.

Inhalt (5)
Jahr Werk Gattung Bedeutung
1843 Entweder – Oder Philosophische Schrift Grundlegendes Werk über die ästhetische und ethische Lebensform.
1843 Furcht und Zittern Philosophische Schrift Analysiert den Glaubenssprung am Beispiel Abrahams; stellt den Einzelnen über das Allgemeine.
1844 Der Begriff Angst Psychologisch-philosophische Schrift Eine der ersten tiefgehenden Analysen der Angst als Bedingung menschlicher Freiheit.
1845 Stadien auf dem Lebensweg Philosophische Schrift Weiterentwicklung der drei Existenzstadien: ästhetisch, ethisch, religiös.
1849 Die Krankheit zum Tode Religiös-philosophische Schrift Definiert Verzweiflung als geistige Krankheit und beschreibt das Selbst als Synthese.
1850 Einübung in das Christentum Theologische Schrift Radikale Kritik am etablierten Christentum und Aufruf zur Nachfolge Christi im Leiden.

Der Schatten des Vaters: Herkunft und Studium

Søren Kierkegaard wurde am 5. Mai 1813 in Kopenhagen als jüngstes von sieben Kindern geboren. Sein Vater, der wohlhabende Wollwarenhändler Michael Pedersen Kierkegaard, prägte ihn durch seine strenge Religiosität und Schwermut. Ab 1830 studierte er Theologie an der Universität Kopenhagen, schloss das Studium aber erst 1840 ab.

Das Haus am Nytorv, einem zentralen Platz Kopenhagens, war ein Ort des Wohlstands und der Bildung, aber auch der Melancholie. Michael Pedersen Kierkegaard, aus ärmsten Verhältnissen in Jütland aufgestiegen, trug eine schwere Last mit sich: den Glauben, durch eine Jugendsünde Gott verflucht zu haben. Diese düstere Frömmigkeit, gepaart mit einem scharfen Intellekt, übertrug sich auf seinen Sohn Søren. Der frühe Tod von Mutter und fünf Geschwistern verfestigte im Vater die Überzeugung, dass keines seiner Kinder älter als Jesus Christus werden würde. Diese Atmosphäre der Schuld und des drohenden Schicksals wurde zum Nährboden für Kierkegaards spätere Auseinandersetzung mit Sünde, Glaube und Verzweiflung. Der Vater förderte die geistige Entwicklung des Sohnes, führte mit ihm sokratische Dialoge und machte ihn mit der philosophischen Tradition vertraut.

Lange Zeit führte der junge Student ein unstetes Leben, genoss die Besuche im Königlichen Theater und verschuldete sich. Ein Wendepunkt manifestiert sich in einem Tagebucheintrag vom 1. August 1835 aus dem Fischerdorf Gilleleje. Dort formuliert der 22-Jährige sein Lebensprogramm: „Es gilt eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will.“ Es ist die Abkehr von der objektiven, systemischen Wahrheit, wie sie etwa Georg Wilhelm Friedrich Hegel vertrat, hin zur subjektiven, existentiell zu ergreifenden Wahrheit. Der Tod des Vaters 1838, den Kierkegaard als „großes Erdbeben“ beschrieb, wirkte als Katalysator. Er schloss sein Studium ab und promovierte 1841 mit der Dissertation Über den Begriff der Ironie mit ständiger Hinsicht auf Sokrates.

Die Verlobung mit Regine Olsen: Ein existenzieller Bruch

Im Jahr 1837 begegnete der 24-jährige Kierkegaard der 15-jährigen Regine Olsen. Am 8. September 1840 verlobten sie sich. Nur 13 Monate später, im Oktober 1841, löste er die Verlobung einseitig und reiste unmittelbar danach nach Berlin, um Vorlesungen bei Schelling zu hören.

Diese Episode ist der zentrale biographische Schlüssel zu seinem Werk. Die Liebe zu Regine Olsen (1822–1904) war echt, doch schon Tage nach dem Versprechen überfielen ihn Zweifel. Er fühlte sich unfähig, eine bürgerliche Ehe zu führen, sah seine schwermütige Veranlagung und seine religiöse Bestimmung als unvereinbar mit dem Glück einer Frau an. In seinen Tagebüchern beschreibt er unbeschreibliches Leid. Der Bruch war kein Akt der Gleichgültigkeit, sondern eine grausame, aber aus seiner Sicht notwendige Operation. Er inszenierte sich als Schurke, um Regine die Trennung zu erleichtern und sie in die Arme eines anderen Mannes zu treiben. Diese Hoffnung erfüllte sich, als sie 1843 den Beamten Johan Frederik Schlegel heiratete – was für Kierkegaard dennoch ein schwerer Schlag war.

Der Einzelne steht höher als das Allgemeine.

Die Beziehung zu Regine Olsen wurde zum literarischen Material für sein gesamtes Schaffen. Sie ist die unsichtbare Adressatin vieler Schriften, die verlorene Möglichkeit, die den Denker zwingt, die Kategorien von Schuld, Wiederholung und Entscheidung radikal neu zu durchdenken. Werke wie Die Wiederholung oder Stadien auf dem Lebensweg sind ohne diesen biographischen Hintergrund kaum zu verstehen. Kierkegaard transformierte seinen persönlichen Schmerz in eine universelle philosophische Fragestellung: Wie kann ein Individuum eine Entscheidung treffen, die ethisch nicht zu rechtfertigen, aber religiös geboten scheint? Die Figur der Regine wird zum Symbol des Ethischen, das er verlassen muss, um in die Sphäre des Religiösen einzutreten.

Søren Kierkegaards pseudonyme Masken und die philosophische Provokation

Zwischen 1843 und 1846 publizierte Søren Kierkegaard seine philosophischen Hauptwerke. Er nutzte eine Reihe von Pseudonymen wie Victor Eremita, Johannes de Silentio oder Johannes Climacus, um verschiedene Lebenshaltungen und Denkperspektiven darzustellen, ohne sich selbst als Autor direkt damit zu identifizieren.

Diese Schaffensperiode war ein intellektueller Vulkanausbruch. 1843 erschien Entweder – Oder, herausgegeben vom fiktiven Victor Eremita. Das Werk stellt zwei Lebensformen gegenüber: die ästhetische, die im Genuss des Augenblicks lebt, und die ethische, die auf Wahl, Verantwortung und Dauer setzt. Die Schrift machte ihn schlagartig bekannt. Im selben Jahr folgten Furcht und Zittern und Die Wiederholung. Erstere, verfasst von Johannes de Silentio, ist eine Meditation über Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern. Hier formuliert Kierkegaard eine seiner radikalsten Thesen: Der Glaube erfordert eine „teleologische Suspension des Ethischen“. Abraham handelt jenseits der Moral, allein im Gehorsam gegenüber Gott. Dies ist der Sprung ins Absurde, der den Einzelnen über die allgemeingültige Ethik erhebt.

Die Pseudonyme waren keine bloße Verschleierung. Sie waren ein literarisches und philosophisches Instrument. Jedes Pseudonym verkörpert eine bestimmte Existenzweise und einen eigenen Stil. Johannes Climacus, der Autor der Philosophischen Brocken (1844) und der Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift (1846), ist der distanzierte, ironische Beobachter, der die Grenzen des Wissens aufzeigt und die subjektive Wahrheit betont. Vigilius Haufniensis analysiert in Der Begriff Angst (1844) die Angst als „Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit“. Für Kierkegaard ist Angst kein psychologisches Defizit, sondern eine grundlegende menschliche Erfahrung, die Schwindel erregende Freiheit, wählen zu können. Die Rezeption seiner Schriften war zu Lebzeiten verhalten; viele Zeitgenossen waren von der Komplexität und dem ironischen Ton überfordert.

Der Angriff auf die Christenheit

Nach 1846 wandte sich Kierkegaard zunehmend direkt religiösen Themen zu. Die sogenannte Corsaren-Affäre 1845–1846, ein öffentlicher Streit mit dem Satireblatt Corsaren, bestärkte ihn in seiner Rolle als isolierter Märtyrer. Sein letztes Lebensjahr war geprägt von einem direkten Angriff auf die dänische Staatskirche.

Die Fehde mit dem Corsaren markierte einen Bruch. Nachdem das Blatt ihn und seine Person wiederholt mit Karikaturen verspottet hatte, die seinen Buckel überzeichneten, wurde Kierkegaard auf den Straßen Kopenhagens zum öffentlichen Gespött. Diese Erfahrung zementierte seine Verachtung für die anonyme „Menge“ und bestärkte sein Selbstbild als einsamer Kämpfer für die Wahrheit. Seine späteren Schriften, die er nun unter eigenem Namen oder unter dem Pseudonym Anti-Climacus (einem überzeugten Christen) veröffentlichte, wurden radikaler. In Die Krankheit zum Tode (1849) analysiert er die Verzweiflung als die eigentliche Sünde: die Weigerung des Menschen, das Selbst zu sein, das Gott ihn sein lassen will. In Einübung in das Christentum (1850) fordert er eine kompromisslose Nachfolge Christi, die Leid und Anfechtung miteinschließt.

Der Höhepunkt seiner Kirchenkritik war der „Kirchensturm“ von 1854–1855. Ausgelöst durch die Trauerrede des Bischofs Jacob Peter Mynster auf seinen Vorgänger, in der dieser als „Wahrheitszeuge“ gepriesen wurde, sah Kierkegaard das etablierte „Christentum“ als eine Verfälschung der Lehre Jesu. Er warf der Staatskirche vor, ein bequemes, verbürgerlichtes Christentum zu predigen, das nichts mehr mit dem radikalen Anspruch des Neuen Testaments zu tun habe. In Artikeln und der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Der Augenblick attackierte er das Priestertum als Betrug und das offizielle Christentum als Illusion. Mitten in diesem Kampf brach er am 2. Oktober 1855 auf der Straße zusammen. Er starb am 11. November 1855 im Frederiks Hospital. Seine Forschung und sein Erbe werden heute intensiv gepflegt, und seine philosophische Bedeutung ist unbestritten.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Søren Kierkegaard geboren und wann starb er?

Søren Kierkegaard wurde am 5. Mai 1813 in Kopenhagen, Dänemark, geboren. Er verbrachte fast sein gesamtes Leben in seiner Geburtsstadt und starb dort am 11. November 1855 im Alter von 42 Jahren im Frederiks Hospital nach einem Zusammenbruch auf offener Straße.

Wofür ist Søren Kierkegaard bekannt?

Søren Kierkegaard ist vor allem als Begründer der Existenzphilosophie bekannt. Seine Schriften, darunter ‚Entweder – Oder‘ und ‚Furcht und Zittern‘, analysieren die subjektive menschliche Erfahrung, die Bedeutung von Wahl, Angst, Verzweiflung und den paradoxen Charakter des religiösen Glaubens.

Warum hat Søren Kierkegaard seine Verlobung mit Regine Olsen gelöst?

Er löste die Verlobung, weil er glaubte, seine Schwermut und seine religiöse Bestimmung seien unvereinbar mit dem bürgerlichen Glück einer Ehe. Er sah den Bruch als schmerzhafte, aber notwendige Opferhandlung an, die sein philosophisches Werk maßgeblich beeinflusste.

Was bedeuten die drei Stadien bei Kierkegaard?

Die drei Stadien beschreiben unterschiedliche Lebensformen. Das ästhetische Stadium ist dem Genuss und dem Augenblick gewidmet. Das ethische Stadium basiert auf Wahl, Verantwortung und universellen moralischen Regeln. Das religiöse Stadium erfordert einen subjektiven Glaubenssprung, der über die Ethik hinausgeht.

Welchen Einfluss hatte Søren Kierkegaard auf die Nachwelt?

Sein Einfluss zeigte sich vor allem im 20. Jahrhundert. Er prägte die Existenzphilosophie von Denkern wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus, die dialektische Theologie Karl Barths und das Werk von Autoren wie Henrik Ibsen oder Rainer Maria Rilke.

Was war die Todesursache von Søren Kierkegaard?

Die genaue Todesursache ist nicht zweifelsfrei geklärt. Er litt seit seiner Kindheit an einer Wirbelsäulenverkrümmung. Nach einem Zusammenbruch auf der Straße im Oktober 1855 starb er wenige Wochen später im Krankenhaus, vermutlich an den Folgen seiner chronischen Leiden.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Garff, J. (2005). Søren Kierkegaard: A Biography. Princeton University Press.
  • Deuser, H. (2008). Søren Kierkegaard. WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
  • Stewart, J. (Ed.). (2015). A Companion to Kierkegaard. Wiley-Blackwell.
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