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Wissenschaft · Deutschland · 1602–1686

Otto von Guericke

Wie der Bürgermeister von Magdeburg mit zwei Kupferkugeln und sechzehn Pferden das Nichts sichtbar machte und die Physik für immer veränderte

Kolorierter Kupferstich von Otto von Guericke in fortgeschrittenem Alter, mit Allongeperücke und Gelehrtenmantel, um 1670.
Otto von Guericke · Wikimedia Commons · Anselm van Hulle, 1601-1674 · PD

Otto von Guericke (1602–1686) war ein deutscher Physiker, Erfinder und Politiker. Berühmt für seine wegweisenden Experimente zum Luftdruck mit den Magdeburger Halbkugeln, gilt er als Begründer der Vakuumtechnik. Als langjähriger Bürgermeister seiner Heimatstadt Magdeburg prägte er deren Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Krieg entscheidend mit.

Es war ein Schauspiel, das den Reichstag zu Regensburg im Jahr 1654 in seinen Bann zog. Zwei große kupferne Halbkugeln, aneinandergefügt, widerstanden der Kraft von sechzehn Pferden, die vergeblich versuchten, sie auseinanderzureißen. Als ein kleines Ventil geöffnet wurde, fielen sie mit einem leisen Zischen auseinander. Der Mann hinter diesem Spektakel war Otto von Guericke, Bürgermeister aus Magdeburg, und er hatte soeben die unsichtbare Macht des Nichts demonstriert.

Guerickes Leben war eine seltene Synthese aus politischer Verantwortung und unstillbarer wissenschaftlicher Neugier, geführt in einer Epoche der Zerstörung und des Wiederaufbaus.

Inhalt (5)
Jahr Werk / Experiment Bereich Bedeutung
1649 Erfindung der Kolbenvakuumluftpumpe Vakuumtechnik Technologische Grundlage für alle Experimente zum leeren Raum.
1650 Erfindung der Luftwaage Pneumatik Experimenteller Nachweis, dass Luft ein Gewicht besitzt.
1654 Demonstration der Magdeburger Halbkugeln Experimentalphysik Spektakulärer öffentlicher Beweis für die Kraft des atmosphärischen Luftdrucks.
1660 Wettervorhersage mit Wasser-Barometer Meteorologie Eine der ersten dokumentierten, auf Luftdruckmessung basierenden Wetterprognosen.
1672 Werk: Experimenta Nova Magdeburgica Wissenschaftliche Veröffentlichung Zusammenfassung seiner Forschungen zum Vakuum, zur Elektrostatik und Astronomie.
1672 Elektrisiermaschine (Schwefelkugel) Elektrizität Erste Maschine zur Erzeugung statischer Elektrizität durch Reibung.

Zwischen Hörsaal und Kriegstrümmern

Geboren 1602 in eine Magdeburger Patrizierfamilie, studierte Guericke ab 1617 Jura, aber auch Festungsbau in Leipzig, Jena und Leiden. Er heiratete 1626 Margaretha Alemann und wurde Ratsherr, bevor die Zerstörung Magdeburgs 1631 sein Leben radikal veränderte und ihn als Ingenieur in schwedische Dienste zwang.

Otto Guerickes Weg war vorgezeichnet für eine Existenz im Zentrum der bürgerlichen Macht Magdeburgs. Als einziger Sohn des Ratskämmerers Hans Gericke und der vermögenden Anna von Zweydorff genoss er eine exzellente Ausbildung. Sein Studium an den Universitäten Leipzig und Jena legte den juristischen Grundstein für seine spätere politische Karriere. Doch es war der Aufenthalt an der Universität Leiden von 1623 bis 1624, der seinen Horizont entscheidend erweiterte. Hier studierte er nicht nur Jura, sondern auch Festungsbau – eine Disziplin, die sich bald als überlebenswichtig erweisen sollte. Eine anschließende Kavalierstour durch England und Frankreich rundete seine Bildung ab und konfrontierte ihn mit den neuesten geistigen Strömungen Europas.

Zurück in Magdeburg, trat er 1626 in den Rat der Stadt ein und heiratete Margaretha Alemann, die Tochter eines einflussreichen Ratsherren. Doch die Idylle des etablierten Bürgertums zerbrach jäh am 20. Mai 1631. Die als „Magdeburger Hochzeit“ in die Geschichte eingegangene Plünderung und Zerstörung der Stadt durch kaiserliche Truppen unter Tilly und Pappenheim war eine der größten Katastrophen des Dreißigjährigen Krieges. Guericke erlebte das Inferno hautnah, verlor einen Großteil seines Besitzes und fand sich in einer Ruinenlandschaft wieder. Diese traumatische Erfahrung prägte ihn tief. Er trat als Festungsbauingenieur zunächst in Erfurt, dann in seiner zerstörten Heimatstadt in den Dienst der schwedischen Armee, um sein technisches Wissen für den Wiederaufbau und die Verteidigung einzusetzen.

Der Diplomat im Dienst Magdeburgs

Nach ersten diplomatischen Erfolgen wurde Guericke 1646 zu einem der vier Bürgermeister Magdeburgs gewählt. Von 1642 bis 1663 reiste er im Auftrag der Stadt zu entscheidenden Verhandlungen, darunter zum Westfälischen Frieden und zum Reichstag in Regensburg 1653, wo er seine berühmten Experimente vorführte.

Otto von Guericke
1672 copy of "Experimenta Nova (ut vocantur) Magdeburgica de Vacuo Spatio." Copy located in the Niels Bohr Library & Archives, American Institute of Physics, in College Park, Maryland (Werk von Otto von Guericke). · Wikimedia Commons · PD

Guerickes politische Karriere war untrennbar mit dem Schicksal seiner Heimatstadt verbunden. Seine juristische Bildung, seine technischen Kenntnisse und sein diplomatisches Geschick machten ihn zum idealen Vertreter der Interessen Magdeburgs in einer politisch zersplitterten und vom Krieg gezeichneten Welt. Als einer der vier Bürgermeister ab 1646 war seine Hauptaufgabe, die Autonomie und die wirtschaftliche Grundlage der Stadt zu sichern. Über zwei Jahrzehnte verbrachte er auf Reisen, verhandelte an den Höfen der Mächtigen und nahm an den entscheidenden politischen Versammlungen seiner Zeit teil. Er war bei den Verhandlungen zugegen, die im Westfälischen Frieden von 1648 mündeten, und vertrat Magdeburg auf dem Nürnberger Exekutionstag 1649, der die Umsetzung des Friedensvertrages regelte.

Diese Reisen waren mehr als nur politische Pflicht. Sie boten Guericke die Gelegenheit, sich mit Gelehrten auszutauschen und seine eigenen wissenschaftlichen Ideen zu diskutieren. Der Reichstag zu Regensburg 1653/1654 wurde so zur Bühne für seine Physik. Vor Kaiser Ferdinand III. und den versammelten Fürsten des Reiches demonstrierte er nicht nur die Stärke Magdeburgs als wiederauferstandene Stadt, sondern auch die Stärke einer neuen, auf dem Experiment basierenden Wissenschaft. Seine spektakulären Vorführungen waren zugleich ein politisches Statement und eine wissenschaftliche Sensation, die seinen Namen in ganz Europa bekannt machte. Die Anerkennung seiner Verdienste gipfelte 1666 in der Erhebung in den Adelsstand durch Kaiser Leopold I.

Die Natur kennt keine Leere, lehrte Aristoteles. Guericke bewies mit Kupfer und Pferdekraft das Gegenteil.

Die Erforschung des leeren Raumes

Angeregt durch astronomische Debatten, begann Guericke um 1645 mit seinen Untersuchungen zur Pneumatik. Er entwickelte um 1649 die Kolbenluftpumpe und widerlegte mit seinen Versuchen die seit der Antike geltende Lehre vom „Horror Vacui“, der Angst der Natur vor der Leere. Seine Ergebnisse publizierte er 1672 in seinem Hauptwerk.

Im Herzen von Guerickes wissenschaftlichem Schaffen stand eine fundamentale Frage: Kann es einen leeren Raum geben? Seit Aristoteles dominierte die Lehre vom *Horror Vacui*, der Vorstellung, die Natur würde ein Vakuum unter allen Umständen verhindern. Guericke, inspiriert von den Debatten über den interplanetaren Raum in der Astronomie, beschloss, diese Hypothese experimentell zu prüfen. Die technische Voraussetzung dafür schuf er selbst mit der Erfindung der Kolbenvakuumluftpumpe um 1649. Dieses Gerät ermöglichte es ihm erstmals, Luft systematisch aus einem abgeschlossenen Behälter zu entfernen.

Seine Experimente waren ebenso einfach wie genial. Er pumpte die Luft aus einem abgedichteten Weinfass, das prompt unter dem äußeren Luftdruck implodierte. Er demonstrierte mit seiner Luftwaage, dass Luft Masse besitzt. Und er zeigte, dass im Vakuum eine Kerze erlischt und eine Glocke nicht mehr zu hören ist, während Licht den leeren Raum ungehindert durchdringt. Die Krönung seiner Versuche war die öffentliche Demonstration in Regensburg und später in Magdeburg. Die unzertrennlichen Halbkugeln bewiesen eindrücklich, dass nicht eine Kraft im Inneren die Kugeln zusammenhielt, sondern der gewaltige Druck der umgebenden Atmosphäre sie zusammendrückte. Damit waren die Thesen, die Blaise Pascal zehn Jahre zuvor formuliert hatte, eindrucksvoll bestätigt und der aristotelische Lehrsatz widerlegt. Seine Forschungen fasste er in seinem Manuskript zusammen, das er 1663 fertigstellte und das 1672 unter dem Titel *Experimenta Nova (ut vocantur) Magdeburgica de Vacuo Spatio* in Amsterdam im Druck erschien – eine der wichtigsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen des 17. Jahrhunderts.

Jenseits des Vakuums: Kosmos und Elektrizität

Guerickes Neugier reichte über die Pneumatik hinaus. Er nutzte ein Barometer zur Wettervorhersage, postulierte die Berechenbarkeit von Kometenbahnen und baute mit einer rotierenden Schwefelkugel die erste Elektrisiermaschine. Nach einem langen Leben verließ er 1681 das von der Pest bedrohte Magdeburg und starb 1686 in Hamburg.

Obwohl die Vakuumtechnik sein berühmtestes Forschungsfeld blieb, war Guerickes wissenschaftlicher Geist weitreichender. Er war ein Wegbereiter der Meteorologie, indem er ein gewaltiges, über mehrere Stockwerke des Magdeburger Rathauses reichendes Wasserbarometer baute, um Schwankungen des Luftdrucks zu beobachten. Im Jahr 1660 gelang ihm damit die präzise Vorhersage eines schweren Unwetters, was ihm den Ruf eines Wetterpropheten einbrachte. Auch die Astronomie fesselte ihn. Er war der Erste, der die kühne Behauptung aufstellte, die Wiederkehr von Kometen müsse sich berechnen lassen – eine Idee, die später von Edmond Halley bestätigt wurde.

Ein besonders faszinierendes Kapitel seiner Forschung sind die Experimente mit einer rotierenden, aus Schwefel gegossenen Kugel, die er in seinem Werk von 1672 beschrieb. Indem er seine Hand an die Kugel hielt, erzeugte er Phänomene der Anziehung und Abstoßung, die wir heute als elektrostatische Effekte kennen. Guericke selbst interpretierte sie als Modell für kosmische Kräfte, die Planeten in ihren Bahnen halten. Auch wenn sein Deutungsrahmen ein anderer war, gilt sein Apparat als die erste Elektrisiermaschine der Geschichte. Im Alter zog sich Guericke zunehmend aus der Politik zurück. Als 1681 in Magdeburg die Pest ausbrach, siedelte er zu seinem Sohn nach Hamburg über. Dort starb er am 11. Mai 1686. Seine Gebeine wurden nach Magdeburg überführt und in der Johanniskirche beigesetzt, womit sich der Lebenskreis des größten Sohnes der Stadt schloss.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Otto von Guericke geboren und wann starb er?

Otto von Guericke wurde am 30. November 1602 in Magdeburg geboren. Er starb im hohen Alter von 83 Jahren am 21. Mai 1686 in Hamburg, wohin er aufgrund einer Pestepidemie in seiner Heimatstadt übergesiedelt war.

Wofür ist Otto von Guericke bekannt?

Otto von Guericke ist vor allem für seine Experimente zum Luftdruck und zum Vakuum bekannt. Sein berühmtestes Experiment sind die „Magdeburger Halbkugeln“, mit denen er 1654 die enorme Kraft des atmosphärischen Luftdrucks demonstrierte. Er gilt als Begründer der Vakuumtechnik.

Welche wichtigen Werke und Erfindungen hatte Otto von Guericke?

Zu seinen wichtigsten Erfindungen zählen die Kolbenvakuumluftpumpe (um 1649) und die erste Elektrisiermaschine (eine Schwefelkugel). Sein Hauptwerk ist die 1672 in Amsterdam veröffentlichte Schrift „Experimenta Nova Magdeburgica de Vacuo Spatio“, in der er seine Forschungen zusammenfasste.

War Otto von Guericke verheiratet?

Ja, Otto von Guericke war zweimal verheiratet. 1626 heiratete er Margaretha Alemann, mit der er drei Kinder hatte, von denen nur sein Sohn Otto junior das Erwachsenenalter erreichte. Nach ihrem Tod heiratete er 1652 Dorothea Lentke. Diese Ehe blieb kinderlos.

Welchen Einfluss hatte Otto von Guericke auf die Nachwelt?

Guericke widerlegte die antike Lehre vom „Horror Vacui“ und begründete die Vakuumtechnik, die für die Entwicklung der Dampfmaschine und späterer Technologien essenziell war. Seine experimentelle Methode beeinflusste Wissenschaftler wie Robert Boyle und prägte das physikalische Weltbild der Neuzeit nachhaltig.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Schneider, D. (1997). Otto von Guericke: ein Leben für die alte Stadt Magdeburg. Teubner.
  • Puhle, M. (2002). Die Welt im leeren Raum. Otto von Guericke 1602–1686. Deutscher Kunstverlag.
  • Schimank, H. (1966). Guericke, Otto von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 7, S. 283–286. Duncker & Humblot.
  • Krafft, F. (1984). Otto von Guericke. In: Exempla historica. Epochen der Weltgeschichte in Biographien, Bd. 27. Fischer Taschenbuch.
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