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Literatur · Deutschland, Schweden · 1891–1970

Nelly Sachs: Dichterin der Flucht und Verwandlung

Ihre Sprache fand Bilder für das Unaussprechliche, für den Schmerz und die Verfolgung, und schuf aus dem Schweigen eine neue, mystische Poesie des Überlebens

Die Dichterin Nelly Sachs bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur in Stockholm am 10. Dezember 1966, ihrem 75. Geburtstag.
Nelly Sachs: Dichterin der Flucht und Verwandlung · Wikimedia Commons · Nobel Foundation · PD

Nelly Sachs (10. Dezember 1891 – 12. Mai 1970) war eine deutsch-schwedische Schriftstellerin und Lyrikerin. 1966 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur für ihre Werke, die das Schicksal des jüdischen Volkes mit eindringlicher Stärke interpretieren. Ihre Dichtung zählt zu den zentralen Zeugnissen der Holocaust-Literatur.

Mai 1940. Ein Flugzeug hebt von Berlin ab, an Bord eine fast fünfzigjährige Frau und ihre greise Mutter. Es ist eine Flucht in letzter Minute, der Befehl zum Abtransport in ein Lager war bereits eingetroffen. Für Leonie Sachs, die sich später Nelly nennen wird, ist es mehr als die Rettung des Lebens. Es ist der Verlust einer Welt, der sie zwingen wird, eine neue Heimat in der einzigen verbliebenen Sphäre zu suchen, die ihr niemand nehmen kann: der deutschen Sprache. In Stockholm, im kargen Exil, wird aus der zurückgezogenen Verfasserin neoromantischer Verse die Dichterin, die dem Grauen eine Stimme gibt, deren Metaphern in die Abgründe der Geschichte leuchten und dort nach den Spuren des Menschlichen suchen.

Ihre Gedichte wurden zu Klagen für ein gequältes Volk, ihre Sprache zu einer Landschaft aus Schreien und Schweigen. Nelly Sachs verwandelte den Schmerz in eine mystische Poesie, die über das individuelle Leid hinauswies und universelle Fragen von Flucht, Verlust und Erlösung verhandelte.

Inhalt (5)
Jahr Titel Gattung Bedeutung
1947 In den Wohnungen des Todes Gedichtband Erste literarische Verarbeitung des Holocaust, die Auschwitz thematisiert.
1949 Sternverdunkelung Gedichtband Fortsetzung der Auseinandersetzung mit Verfolgung und Vernichtung.
1951 Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels Szenische Dichtung Ein zentrales Werk, das biblische und mystische Motive verbindet.
1957 Und niemand weiß weiter Gedichtband Markiert den Beginn ihrer Anerkennung im deutschsprachigen Raum.
1959 Flucht und Verwandlung Gedichtband Vertieft die Themen Exil und Metamorphose mit surrealistischen Einflüssen.
1961 Fahrt ins Staublose Gedichtband Festigt ihren Ruf und führt zur Verleihung zahlreicher Preise.

Briefe an eine schwedische Erzählerin

Geboren am 10. Dezember 1891 in Schöneberg bei Berlin, wuchs Nelly Sachs als einziges Kind in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Prägend wurde ein über 35 Jahre währender Briefwechsel mit der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf, ausgelöst durch die Lektüre von deren Roman „Gösta Berling“.

Leonie Sachs wuchs in einem großbürgerlichen, kunstsinnigen Haus auf. Ihr Vater, Georg William Sachs, war ein erfolgreicher Fabrikant und Erfinder. Die Mutter Margarete, geborene Karger, umsorgte das gesundheitlich fragile Kind, das zunächst von Privatlehrern unterrichtet wurde, bevor es 1903 eine Höhere Töchterschule besuchte. Die junge Sachs träumte davon, Tänzerin zu werden, doch bald trat die Leidenschaft für die Dichtung in den Vordergrund. Mit 15 Jahren las sie den Roman „Gösta Berling“ und war so ergriffen, dass sie der Autorin Selma Lagerlöf einen Brief schrieb. Es war der Beginn einer Korrespondenz, die über dreieinhalb Jahrzehnte andauern sollte und eine tiefe geistige Verbindung zu Schweden begründete – dem Land, das später zu ihrer Rettung werden sollte.

Ihre ersten eigenen Gedichte verfasste sie mit 17 Jahren. 1921 erschien der Band „Legenden und Erzählungen“, für den der Schriftsteller Stefan Zweig sich eingesetzt hatte. Die Verse dieser frühen Phase sind von der Neoromantik beeinflusst, kreisen um Motive der Natur und der Musik und atmen eine melancholische Stimmung. Später distanzierte sich die Dichterin von diesen Anfängen. Sie nahm die frühen Arbeiten nicht in ihre Werkausgabe auf. In den späten 1920er-Jahren fanden ihre Gedichte jedoch den Weg in angesehene Publikationen wie die „Vossische Zeitung“ und das „Berliner Tageblatt“, wo sie eine positive Rezeption erfuhren. Sie lebte zurückgezogen mit ihren Eltern, fernab des gesellschaftlichen Treibens der Weimarer Republik.

Ein Leben unter Bedrohung

Nach dem Tod des Vaters 1930 und der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 lebte Nelly Sachs mit ihrer Mutter in wachsender Isolation und Angst in Berlin. Sie wurde mehrfach von der Gestapo verhört und erlebte die Folterung eines geliebten Menschen mit, ein Trauma, das ihre späteren Werke prägte.

Nelly Sachs
Photograph of the Nobel laureates Nelly Sachs and Samuel Agnon preparing for the festivities in Stockholm, fotografiert von AnonymousUnknown author. · Wikimedia Commons · PD

Der Tod des Vaters nach langer Krebserkrankung im Jahr 1930 stürzte die Tochter in eine tiefe Krise. Gemeinsam mit der Mutter zog sie in ein Mietshaus im Berliner Hansaviertel. Die politische Lage verdüsterte sich. Freunde und Verwandte verließen Deutschland, das geistige Leben im Kulturbund Deutscher Juden wurde zunehmend erstickt. Mutter und Tochter führten ein Leben in Stille, in Furcht. In diesen Jahren der Bedrohung begann Nelly Sachs, sich intensiv mit ihrer jüdischen Herkunft zu beschäftigen. Die Lektüre der Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig sowie Bubers „Legenden des Baal-schem“ erschlossen ihr die Welt der jüdischen Mystik, die zu einer zentralen Quelle für ihr späteres Schaffen wurde.

Dichtung war für beide ein über den Abgrund der Vergangenheit gespanntes Rettungsseil aus nichts als Worten.

Eine private Tragödie vertiefte die existenzielle Not. Eine langjährige Liebesbeziehung zu einem Mann, dessen Identität sie nie preisgab, endete katastrophal. Dieser Mann, der dem Widerstand nahestand, wurde verhaftet und gefoltert. Sachs wurde Zeugin seines Martyriums, sah ihn „zu Tode getroffen zusammenbrechen“. Dieses Erlebnis hinterließ unauslöschliche Spuren. In ihrer späteren Lyrik taucht immer wieder die Chiffre des im Konzentrationslager umgekommenen „Bräutigams“ auf. Die direkte Konfrontation mit der Brutalität des Regimes und der Verlust des geliebten Menschen wurden zum Kern ihres Traumas und gleichzeitig zum Ausgangspunkt ihrer Dichtung über den Schmerz.

Die deutsche Sprache als einzige Heimat

Im Mai 1940 gelang Nelly Sachs und ihrer Mutter die Flucht nach Stockholm. Die Rettung wurde durch die Hilfe ihrer Freundin Gudrun Harlan und eine Intervention von Selma Lagerlöf ermöglicht. Im schwedischen Exil lebten sie in Armut, und Sachs begann, schwedische Lyrik ins Deutsche zu übersetzen.

Nelly Sachs
Memorial stone, Nelly Sachs, Nelly-Sachs-Park, Berlin-Schöneberg, Germany, fotografiert von OTFW, Berlin. · Wikimedia Commons · CC-BY-SA

Die Lage in Berlin wurde unhaltbar. Gudrun Harlan, eine Freundin, reiste 1939 nach Schweden, um die verehrte Selma Lagerlöf um Hilfe zu bitten. Es gelang, nach monatelangen bürokratischen Hürden ein Visum zu erhalten. Als Mutter und Tochter in Stockholm landeten, war Lagerlöf bereits verstorben. Das Exil begann unter ärmlichsten Bedingungen in einer Einzimmerwohnung. Nelly Sachs pflegte ihre kranke Mutter und trug mit Gelegenheitsarbeiten als Wäscherin zum Lebensunterhalt bei. Die schwedische Staatsbürgerschaft erhielt sie erst 1953.

Die Fremde wurde zur Schmiede ihrer neuen dichterischen Sprache. Umgeben von Menschen, die sie nur auf Schwedisch verstand, wurde ihr, wie Hans Magnus Enzensberger formulierte, die deutsche Sprache „als einzige Heimat zurückverwiesen“. Sie begann, moderne schwedische Lyriker wie Karin Boye oder Pär Lagerkvist zu übersetzen. Diese Auseinandersetzung mit der herben, klaren nordischen Dichtung führte zu einer Katharsis ihres eigenen Stils. Die romantische Gefühligkeit wich einer präzisen, harten und zugleich zarten Bildsprache. In den Jahren 1943 und 1944 entstanden die Manuskripte, die später im Band „In den Wohnungen des Todes“ veröffentlicht wurden. Es sind Gedichte, die als erste die Schornsteine von Auschwitz zum Thema machten, eine Todesklage für ihr Volk.

Anerkennung und die späten Jahre der Nelly Sachs

Nach dem Krieg wurden ihre ersten Gedichtbände in Ost-Berlin veröffentlicht, fanden im Westen aber kaum Beachtung. Erst Ende der 1950er-Jahre wurde ihr Werk in der Bundesrepublik entdeckt. Prägend wurde der Briefwechsel und die Seelenverwandtschaft mit dem Dichter Paul Celan, den sie 1960 in Paris traf.

Die Nachkriegsjahre brachten keine unmittelbare Erleichterung. Ihre Gedichtbände „In den Wohnungen des Todes“ (1947) und „Sternverdunkelung“ (1949), erschienen auf Betreiben von Johannes R. Becher im Ost-Berliner Aufbau-Verlag, wurden in Westdeutschland ignoriert. Der Tod der Mutter 1950 stürzte sie in eine schwere psychische Krise. In dieser Zeit der Isolation begann ein intensiver Briefwechsel mit Paul Celan. In ihm fand sie einen Gesprächspartner, der das Trauma der Schoah teilte und wie sie versuchte, dem Unsagbaren eine sprachliche Form zu geben. Ihre Begegnung in Paris 1960 war ein tiefes, aber auch erschütterndes Ereignis.

Erst gegen Ende der 1950er-Jahre, mit dem Erscheinen der Bände „Und niemand weiß weiter“ (1957) und „Flucht und Verwandlung“ (1959) im Suhrkamp Verlag, begann ihre Anerkennung. Sie wurde Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Doch die Konfrontation mit Deutschland blieb schmerzhaft. Nach einer Reise zur Verleihung des Droste-Preises 1960 erlitt sie einen Zusammenbruch und verbrachte die folgenden drei Jahre in einer Nervenheilanstalt bei Stockholm. Die Ehrungen häuften sich: 1965 erhielt sie als erste Frau den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die Krönung erfolgte an ihrem 75. Geburtstag, dem 10. Dezember 1966, mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Sie starb am 12. Mai 1970 in Stockholm, am Tag der Beisetzung Paul Celans, und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Solna beigesetzt.

Häufig gestellte Fragen

Wann wurde Nelly Sachs geboren und wann starb sie?

Nelly Sachs wurde am 10. Dezember 1891 in Schöneberg, das heute zu Berlin gehört, geboren. Sie starb am 12. Mai 1970 im Alter von 78 Jahren in einem Krankenhaus in Stockholm, Schweden, an den Folgen einer Krebserkrankung.

Wofür ist Nelly Sachs bekannt?

Nelly Sachs ist vor allem für ihre lyrischen und dramatischen Werke bekannt, die das Leid des jüdischen Volkes während des Holocaust thematisieren. Für ihr Schaffen, das als zentrale Stimme der Exilliteratur gilt, erhielt sie 1966 den Nobelpreis für Literatur.

Welche sind die wichtigsten Werke von Nelly Sachs?

Zu ihren wichtigsten Werken zählen die Gedichtbände „In den Wohnungen des Todes“ (1947) und „Flucht und Verwandlung“ (1959) sowie das Mysterienspiel „Eli. Ein Mysterienspiel vom Leiden Israels“ (1951). Diese Texte begründeten ihren Ruf als Dichterin des Holocaust.

Hatte Nelly Sachs Familie?

Nelly Sachs war das einzige Kind von Georg William und Margarete Sachs. Sie blieb unverheiratet und kinderlos. Eine tiefe Liebesbeziehung zu einem namentlich nicht bekannten Mann endete tragisch während der NS-Zeit, als dieser verhaftet und gefoltert wurde.

Was war die Todesursache von Nelly Sachs?

Nelly Sachs starb am 12. Mai 1970 an einer Krebserkrankung. In den Jahren zuvor litt sie zudem unter schweren psychischen Krisen und Verfolgungswahn, die mehrere Aufenthalte in Nervenkliniken erforderlich machten und eine Folge ihrer traumatischen Erlebnisse waren.

Welchen Einfluss hatte Nelly Sachs auf die Nachwelt?

Ihr Werk hat die literarische Auseinandersetzung mit dem Holocaust nachhaltig geprägt. Sie fand eine neue, mystisch-metaphorische Sprache für das Trauma der Vernichtung. Zahlreiche Komponisten vertonten ihre Gedichte, und ihr Name ist durch den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund fest im Kulturgedächtnis verankert.

Normdaten und externe Verzeichnisse

Quellen und weiterführende Literatur

  • Dinesen, Ruth (1992). Nelly Sachs: Eine Biographie. Suhrkamp Verlag.
  • Weichelt, Matthias (Hrsg.) (2010). Nelly Sachs – Werke. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Suhrkamp Verlag.
  • Briefwechsel Paul Celan – Nelly Sachs (1993). Hrsg. von Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag.
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