Christoph Schlingensief (24. Oktober 1960 – 21. August 2010) war ein deutscher Filmregisseur, Theatermacher und Aktionskünstler. Sein Werk zeichnet sich durch die provokante Vermischung von politischen Aktionen, Theaterinszenierungen und Filmen aus, die oft die deutsche Geschichte und gesellschaftliche Tabus thematisierten und die Grenzen zwischen Kunst und Realität auflösten.
Es war ein warmer Sommertag auf der documenta X in Kassel 1997. Mitten im etablierten Kunstbetrieb entrollte eine Gruppe um einen Mann mit Megafon Plakate. „Tötet Helmut Kohl“ stand darauf. Die Polizei griff ein, nahm den Anstifter fest. Der Mann war Christoph Schlingensief, und die Aktion war kein politischer Aufruf, sondern eine künstlerische Intervention, die den Begriff der Kunstfreiheit bis an seine Schmerzgrenze dehnte. Sie war symptomatisch für ein Lebenswerk, das sich weigerte, im geschützten Raum des Theaters oder der Galerie zu verharren. Schlingensief suchte die Konfrontation mit der Wirklichkeit, mit der Politik, mit dem Publikum und letztlich mit sich selbst. Seine Kunst war kein Kommentar zum Leben. Sie war das Leben selbst, in all seiner widersprüchlichen, chaotischen und oft schmerzhaften Intensität.
Er war der Störenfried des deutschen Kulturbetriebs, ein Moralist im Gewand des Provokateurs, dessen Arbeiten das Publikum ebenso verstörten wie begeisterten.
Inhalt (5)
| Jahr | Werk / Aktion | Gattung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1990 | Das deutsche Kettensägenmassaker | Film | Teil der Deutschlandtrilogie; eine Groteske über die deutsche Wiedervereinigung. |
| 1996 | Rocky Dutschke ’68 | Theater | Eine Inszenierung an der Volksbühne Berlin, die erstmals professionelle Schauspieler mit Laien und Menschen mit Behinderung zusammenbrachte. |
| 1998 | Chance 2000 | Aktionskunst | Gründung einer politischen Partei als Kunstprojekt zur Bundestagswahl, das die Mechanismen von Politik und Medien hinterfragte. |
| 2000 | Ausländer raus! Schlingensiefs Container | Aktionskunst | Ein Container bei den Wiener Festwochen, in dem Asylsuchende nach Big-Brother-Vorbild zur Abschiebung nominiert werden konnten. |
| 2004 | Parsifal | Oper | Eine hochgelobte Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen, die Wagners Werk mit globalen Ritualen und Videokunst verband. |
| 2008 | Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir | Performance | Eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit seiner Krebserkrankung, die die Grenzen zwischen Beichte und Inszenierung auflöste. |
| 2009 | Operndorf Afrika | Soziales Projekt | Gründung eines Festspielhauses in Burkina Faso als Ort der interkulturellen Begegnung und künstlerischen Ausbildung. |
Der Keller von Oberhausen
Geboren am 24. Oktober 1960 in Oberhausen als Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester, begann Schlingensief früh mit filmischen Experimenten. Im Keller des Elternhauses veranstaltete er Kulturabende, bei denen Künstler wie Helge Schneider auftraten. Ein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München brach er ab.
Die Wurzeln seiner radikalen Ästhetik liegen im Ruhrgebiet der Siebzigerjahre. Mit einer Schmalfilmkamera begann der zwölfjährige Christoph Schlingensief, seine Umgebung zu dokumentieren und zu verfremden. Der elterliche Keller wurde zur ersten Bühne, zu einem Labor für das, was später sein Markenzeichen werden sollte: die Vermischung von Hochkultur und Alltagsmüll, von dilettantischem Spiel und existenziellem Ernst. Hier traten frühe Weggefährten wie der Musiker Helge Schneider oder der Klarinettist Theo Jörgensmann auf. Es waren erste Versuche, die bürgerliche Ordnung des Elternhauses mit den Mitteln der Kunst zu unterwandern. Die formale Strenge des Experimentalfilms, vermittelt durch seinen Mentor Werner Nekes, verband sich mit einer rohen, ungeschliffenen Energie.
Sein erster Langfilm, Tunguska – Die Kisten sind da (1984), zeigte bereits die typische Methode: ein assoziatives Bombardement aus Bildern und Tönen, das mehr auf emotionale Überwältigung als auf eine kohärente Erzählung zielte. Die akademische Welt verließ er bald wieder. Nach einigen Semestern in München war klar, dass sein Weg nicht über den Lehrstuhl, sondern über die Praxis führen musste. Er wurde Aufnahmeleiter bei der Fernsehserie Lindenstraße, eine paradoxe Station für einen Künstler, der bald darauf alles daransetzen sollte, die Konventionen des Fernsehens und des Kinos zu demontieren.
Deutschlandtrilogie und die Volksbühne
Ende der 1980er-Jahre erlangte Schlingensief mit seiner Deutschlandtrilogie Bekanntheit. Die Filme 100 Jahre Adolf Hitler (1989), Das deutsche Kettensägenmassaker (1990) und Terror 2000 (1992) waren wütende, filmische Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte und Gegenwart. Ab 1993 wurde die Volksbühne Berlin unter Frank Castorf zu seiner wichtigsten Wirkungsstätte.

Der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung waren für Christoph Schlingensief keine Anlässe für nationalen Jubel, sondern für tiefes Misstrauen. Er sah die unbewältigten Traumata der deutschen Geschichte wieder an die Oberfläche kommen. Seine filmische Antwort war brutal und grotesk. Das deutsche Kettensägenmassaker verlegte das amerikanische Horrorgenre in die deutsche Provinz und ließ eine Gruppe von DDR-Bürgern von einer westdeutschen Metzgerfamilie abschlachten – eine blutige Metapher für die als feindliche Übernahme empfundene Vereinigung. Die Filme wurden mit minimalem Budget gedreht, oft mit denselben Laiendarstellern, die sein Ensemble bildeten, darunter Udo Kier und Alfred Edel.
Der Wechsel zum Theater war ein logischer Schritt. An der von Frank Castorf geleiteten Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin fand er ein institutionelles Zuhause, das seiner radikalen Ästhetik Raum gab. Seine erste Inszenierung, 100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen (1993), war ein chaotisches Spektakel, das die Parteigeschichte als Farce darstellte. Es folgten Arbeiten wie Rocky Dutschke ’68 (1996), in denen er die Grenzen des Theaters systematisch sprengte. Er brachte Schauspieler, Laien und Menschen mit Behinderung auf der Bühne zusammen und schuf Situationen, die nicht mehr kontrollierbar waren. Das Theater wurde zum sozialen Experimentierfeld.
Aktionen im öffentlichen Raum: Christoph Schlingensiefs Chance 2000
Im Bundestagswahlkampf 1998 gründete Schlingensief die Partei Chance 2000. Mit Aktionen wie dem Aufruf zum „Baden im Wolfgangsee“, um Helmut Kohls Feriendomizil zu fluten, erzeugte er mediale Aufmerksamkeit. Das Projekt Ausländer raus! (2000) in Wien konfrontierte die Öffentlichkeit mit der Brutalität medialer Ausschlussprozesse.

Die Kunst sollte nicht länger im Theater bleiben. Sie musste hinaus auf die Straße, in die Politik, dorthin, wo sie stört. Mit der Gründung der Partei Chance 2000 übertrug Schlingensief seine theatralen Methoden direkt in den politischen Raum. Der Slogan „Scheitern als Chance!“ war eine Absage an den Effizienzwahn der Leistungsgesellschaft und ein Plädoyer für die Ausgegrenzten, die Arbeitslosen, die „Unnützen“. Die Partei war eine Performance, die die Rituale des Wahlkampfs entlarvte. Höhepunkt war die Aktion, sechs Millionen Arbeitslose einzuladen, im Wolfgangsee zu baden, um den Wasserspiegel zu heben und das Ferienhaus von Kanzler Helmut Kohl zu überfluten. Es war eine absurde, poetische Geste, die mehr über die politische Apathie aussagte als jede Analyse.
Kunst wird am Krankheitsfall auf Leben und Tod gedacht.
Noch direkter war die Konfrontation in Wien. Für die Festwochen installierte er einen Wohncontainer vor der Oper, in dem Asylbewerber lebten. Das Publikum konnte täglich per Abstimmung entscheiden, wer das Land verlassen musste – eine zynische Übertragung des Fernsehformats Big Brother auf die reale Asylpolitik. Die Aktion provozierte heftige Debatten und Proteste. Sie zwang die Gesellschaft, sich zu ihrer eigenen Haltung gegenüber Fremden zu positionieren. Schlingensief agierte hier nicht mehr als Regisseur, sondern als Katalysator einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Er schuf eine unerträgliche Situation, um die Unerträglichkeit der realen Verhältnisse sichtbar zu machen.
Bayreuth, der Krebs und das Operndorf
2004 inszenierte Schlingensief Wagners Parsifal bei den Bayreuther Festspielen und erntete dafür große Anerkennung. Anfang 2008 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Die Krankheit wurde zum zentralen Thema seiner letzten Arbeiten, etwa in Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir. Sein letztes großes Projekt war das Operndorf Afrika in Burkina Faso.
Die Einladung, Richard Wagners Parsifal in Bayreuth zu inszenieren, markierte einen Wendepunkt. Der einstige Provokateur war im Zentrum des deutschen Hochkulturbetriebs angekommen. Doch er unterwarf sich nicht dessen Regeln. Seine Inszenierung war ein synkretistisches Ritual, das christliche Mystik mit afrikanischen Traditionen, Videos von verwesenden Tieren und Live-Kameraeinstellungen verband. Die Bühne war ein rotierendes Kontinuum, das Raum und Zeit auflöste. Für viele Kritiker war es eine der tiefgründigsten Auseinandersetzungen mit Wagners Werk seit Jahrzehnten. Hier freundete er sich auch mit der Musikerin Patti Smith an, die seine Arbeit bewunderte.
Mitten in dieser Phase des Erfolgs traf ihn die Diagnose Lungenkrebs. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit veränderte sein Werk fundamental. Er machte seine Krankheit zum öffentlichen Thema, nicht aus Narzissmus, sondern als Versuch, dem Tod eine Form, eine Sprache zu geben. In Performances wie Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir oder der ReadyMadeOper Mea Culpa verarbeitete er seine Erfahrungen mit Chemotherapie, Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Er stellte sich als Material zur Verfügung und schuf Abende von radikaler, fast unerträglicher Intimität. Sein letztes großes Projekt, das Operndorf Afrika in Burkina Faso, war sein Vermächtnis. Es sollte ein Ort sein, an dem Kunst und Leben nicht getrennt sind – eine Schule, eine Krankenstation und ein Festspielhaus. Am 21. August 2010 starb Christoph Schlingensief in Berlin. Seine Frau, die Bühnenbildnerin Aino Laberenz, führt das Operndorf seither weiter.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Christoph Schlingensief geboren und wann starb er?
Christoph Schlingensief wurde am 24. Oktober 1960 in Oberhausen geboren. Er starb am 21. August 2010 im Alter von 49 Jahren in Berlin an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung, die Anfang 2008 bei ihm diagnostiziert worden war.
Wofür ist Christoph Schlingensief bekannt?
Christoph Schlingensief ist bekannt für seine Arbeit als radikaler Film-, Theater- und Opernregisseur sowie als Aktionskünstler. Seine Werke provozierten oft bewusst, um gesellschaftliche und politische Missstände in Deutschland aufzuzeigen und die Grenzen zwischen Kunst und Realität aufzuheben.
Was war die Partei Chance 2000?
Chance 2000 war eine von Christoph Schlingensief 1998 gegründete Künstler-Partei. Sie trat zur Bundestagswahl an, um die Mechanismen des politischen Betriebs zu entlarven und den von der Gesellschaft Ausgegrenzten eine Stimme zu geben. Ihr Motto lautete „Scheitern als Chance!“.
Was ist das Operndorf Afrika?
Das Operndorf Afrika ist ein von Schlingensief initiiertes Kunstprojekt in Burkina Faso. Es ist als Festspielhaus konzipiert, das eine Schule, eine Krankenstation und Künstlerresidenzen umfasst. Ziel ist ein interkultureller Austausch auf Augenhöhe und ein ganzheitlicher Kunstbegriff.
War Christoph Schlingensief verheiratet?
Ja, Christoph Schlingensief heiratete 2009 seine langjährige Partnerin, die Kostüm- und Bühnenbildnerin Aino Laberenz. Sie hatte an vielen seiner späten Projekte mitgearbeitet und führt nach seinem Tod die Stiftung Operndorf Afrika als Geschäftsführerin weiter.
Woran starb Christoph Schlingensief?
Christoph Schlingensief starb an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung. Die Diagnose wurde Anfang 2008 gestellt. Er machte seine Krankheit und den Umgang damit zum zentralen Thema seiner letzten künstlerischen Arbeiten, darunter die Inszenierung „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Schlingensief, C. (2009). So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein: Tagebuch einer Krebserkrankung. Kiepenheuer & Witsch.
- Jansen, A. (2011). Christoph Schlingensief: Ein Leben für die Kunst. Carl Hanser Verlag.
- Deutsches Filminstitut & Filmmuseum (DFF). Christoph Schlingensief Biografie. filmportal.de