Alan Turing (23. Juni 1912 – 7. Juni 1954) war ein britischer Mathematiker, Logiker und Informatiker, der als einer der Väter der theoretischen Informatik und der künstlichen Intelligenz gilt. In Bletchley Park trug er zur Entschlüsselung des Enigma-Codes bei. Sein Konzept der Turingmaschine formalisierte den Begriff des Algorithmus.
Der erste Schultag fiel auf einen Generalstreik. England stand still. Für den vierzehnjährigen Alan war das kein Hindernis, sondern ein Problem, das eine Lösung erforderte. Er schwang sich auf sein Fahrrad und legte die knapp 100 Kilometer von Southampton zur Sherborne School alleine zurück, mit einer Übernachtung in einem Gasthof. Die Lokalpresse berichtete über den entschlossenen Jungen. Diese Anekdote aus dem Jahr 1926 fasst einen Charakterzug zusammen, der sein Leben bestimmen sollte: eine unkonventionelle, auf das Ziel gerichtete Logik, die sich von äußeren Widerständen nicht beirren ließ. Nicht von einem Generalstreik, nicht von den Grenzen der Mathematik und später nicht von der komplexesten Chiffriermaschine der Welt.
Er dachte in abstrakten Maschinen, um die Grenzen des Denkbaren zu vermessen. Seine Arbeit rettete Millionen Leben, doch das Land, dem er diente, verurteilte ihn für seine Identität. Sein Leben war ein Akt intellektueller Radikalität, das in einer persönlichen Tragödie endete.
Inhalt (5)
| Jahre | Position | Institution | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| 1931–1934 | Studium der Mathematik | King’s College, Cambridge | Grundlagenlegung seiner mathematischen Ausbildung. |
| 1936–1938 | Doktorand | Princeton University | Promotion unter Alonzo Church; Entwicklung der Orakel-Maschine. |
| 1939–1945 | Leitender Kryptoanalytiker | Bletchley Park (Station X) | Entwicklung der „Bombe“ zur Entschlüsselung der Enigma. |
| 1945–1948 | Senior Scientific Officer | National Physical Laboratory | Entwurf der Automatic Computing Engine (ACE). |
| 1948–1954 | Stellv. Direktor des Rechenlabors | Victoria University of Manchester | Arbeit am Manchester Mark I; Publikation zum Turing-Test. |
| 1952–1954 | Forschung zur Morphogenese | Victoria University of Manchester | Pionierarbeit in der mathematischen Biologie. |
Die Universalmaschine auf dem Papier
In den 1930er-Jahren legte Turing am King’s College in Cambridge und an der Princeton University die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit. Seine 1936 veröffentlichte Schrift „On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“ führte das Konzept der Turingmaschine ein.
Geboren am 23. Juni 1912 in London, zeigte Alan Mathison Turing früh eine außergewöhnliche intellektuelle Neugier. Seine Eltern, im britischen Kolonialdienst in Indien tätig, ließen ihn und seinen Bruder in England bei einer Pflegefamilie aufwachsen. Die klassisch-humanistische Ausrichtung der Sherborne School, die er ab 1926 besuchte, kollidierte mit seiner tiefen Leidenschaft für Naturwissenschaften und Mathematik. Seine Lehrer bemängelten seine Handschrift und seine mangelnde Konzentration auf Latein, während er sich eigenständig mit der Relativitätstheorie von Albert Einstein auseinandersetzte. Trotz mäßiger Noten in den ungeliebten Fächern sicherte er sich 1931 einen Studienplatz am King’s College in Cambridge, einem Zentrum mathematischer Forschung, wo er unter dem renommierten Mathematiker G. H. Hardy studierte.
Die entscheidende intellektuelle Wende kam 1936. In seiner Arbeit „On Computable Numbers“ griff Turing das von David Hilbert formulierte „Entscheidungsproblem“ auf: die Frage, ob es ein allgemeines Verfahren, einen Algorithmus, gibt, um die Wahrheit jeder beliebigen mathematischen Aussage zu bestimmen. Um diese Frage zu beantworten, entwarf er ein Gedankenexperiment: eine minimalistische, aber universelle Rechenmaschine. Diese heute als Turingmaschine bekannte abstrakte Maschine besteht aus einem unendlich langen Band, einem Lese-Schreib-Kopf und einem Satz von Regeln. Er bewies, dass diese Maschine jedes Problem lösen kann, das algorithmisch lösbar ist. Zugleich zeigte er aber auch, dass es Probleme wie das Halteproblem gibt, die prinzipiell unlösbar sind. Damit beantwortete er Hilberts Frage mit einem klaren Nein und legte, unabhängig von der Arbeit des amerikanischen Logikers Alonzo Church, das Fundament der theoretischen Informatik und der Berechenbarkeitstheorie. Seine fundamentale Veröffentlichung entstand, während er an der Princeton University promovierte.
Alan Turing im Codekrieg: Station X
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Turing zur geheimen Militärdienststelle Bletchley Park beordert. Als führender Kopf von Hut 8 war er maßgeblich für die Kryptoanalyse der deutschen Marine-Enigma verantwortlich. Seine Methoden und die von ihm mitentwickelte „Bombe“ verkürzten den Krieg entscheidend.

Im September 1939, einen Tag nach der britischen Kriegserklärung an Deutschland, trat Turing seinen Dienst in Bletchley Park an, der zentralen Chiffrierstelle der britischen Streitkräfte. Hier sammelte sich eine ungewöhnliche Mischung aus Mathematikern, Linguisten und Schachmeistern, um die als unbrechbar geltenden deutschen Codes zu knacken. Turings Hauptgegner war die Enigma, eine elektromechanische Rotor-Chiffriermaschine, die das deutsche Militär für seine gesamte Kommunikation nutzte. Die Maschine erzeugte eine schier unvorstellbare Anzahl möglicher Verschlüsselungen. Aufbauend auf der Vorarbeit polnischer Kryptoanalytiker um Marian Rejewski, die bereits vor dem Krieg erste Einbrüche erzielt hatten, entwickelte Turing zusammen mit seinem Kollegen Gordon Welchman ein eigenes elektromechanisches Gerät: die „Bombe“.
Die Bombe war keine Waffe, sondern eine Maschine zur logischen Reduktion. Sie testete systematisch Tausende von möglichen Enigma-Einstellungen, indem sie nach logischen Widersprüchen suchte, die sich aus einem wahrscheinlichen Klartextfragment (einem „Crib“) ergaben. Turings statistische Ansätze und seine Fähigkeit, die Funktionsweise der Enigma mathematisch zu modellieren, waren der Schlüssel zum Erfolg. Insbesondere die Entzifferung der Funksprüche der deutschen U-Boote im Atlantik, eine Aufgabe, die unter seiner Leitung in Hut 8 bewältigt wurde, hatte direkte Auswirkungen auf den Kriegsverlauf. Sie ermöglichte es den Alliierten, Konvoirouten zu sichern und die U-Boot-Gefahr einzudämmen. Die Arbeit in Bletchley Park unterlag strengster Geheimhaltung. Der entscheidende Beitrag von Alan Turing blieb über Jahrzehnte unbekannt.
Wir können nur eine kurze Strecke vorausschauen, aber wir können dort genug sehen, was getan werden muss.
Visionen vom Denken der Maschinen
Nach dem Krieg arbeitete Turing am National Physical Laboratory am Entwurf der Automatic Computing Engine (ACE) und später an der University of Manchester am Manchester Mark I. In seinem 1950 publizierten Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“ formulierte er den berühmten Turing-Test.

Nach Kriegsende verlagerte sich sein Fokus von der Kryptoanalyse auf die Konstruktion von Rechenmaschinen. Seine Vision war eine universelle Maschine, die nicht nur spezifische Probleme löste, sondern programmierbar war – eine direkte Umsetzung der theoretischen Turingmaschine in Hardware. Am National Physical Laboratory in London entwarf er 1945 die Automatic Computing Engine (ACE), einen der ersten detaillierten Pläne für einen speicherprogrammierten Computer. Doch bürokratische Verzögerungen und mangelndes Verständnis für die Reichweite seiner Vision bremsten das Projekt. Frustriert verließ er London und ging 1948 an die University of Manchester, wo bereits am Manchester Mark I, einem der ersten funktionierenden Universalrechner, gearbeitet wurde.
In Manchester widmete er sich der Softwareentwicklung und fundamentalen Fragen. Sein Interesse galt nicht mehr nur der Berechenbarkeit, sondern der Intelligenz. Kann eine Maschine denken? Um diese philosophische Frage einer empirischen Prüfung zugänglich zu machen, schlug er in seinem 1950 in der Zeitschrift *Mind* veröffentlichten Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“ ein Imitationsspiel vor. In diesem heute als Turing-Test bekannten Szenario kommuniziert ein menschlicher Fragesteller mit zwei unsichtbaren Gegenübern: einem Menschen und einer Maschine. Wenn der Fragesteller nicht zuverlässig entscheiden kann, wer von beiden die Maschine ist, so Turings Argument, sollte man der Maschine Denkfähigkeit zusprechen. Dieser pragmatische Ansatz prägt die Debatte um künstliche Intelligenz bis heute. Er beschäftigte sich auch mit frühen Formen der Software und schrieb 1952 eines der ersten Schachprogramme, Turochamp, dessen Züge er mangels Rechenleistung noch per Hand simulierte.
Morphogenese und der vergiftete Apfel
1952 wurde Turing wegen seiner Homosexualität nach dem damaligen Gesetz der „groben Unzucht“ angeklagt. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, stimmte er einer chemischen Kastration zu. Er starb am 7. Juni 1954 in Wilmslow an einer Zyanidvergiftung, offiziell als Suizid eingestuft.
In seinen letzten Lebensjahren wandte sich Turing einem neuen Forschungsfeld zu: der mathematischen Biologie. Ihn faszinierte die Frage, wie aus einer homogenen Zellmasse komplexe, strukturierte Organismen entstehen. In seiner Arbeit „The Chemical Basis of Morphogenesis“ (1952) schlug er ein Reaktions-Diffusions-System vor, das zeigt, wie chemische Substanzen interagieren können, um spontan Muster zu bilden – die Streifen eines Zebras, die Flecken eines Leoparden. Es war eine Pionierarbeit, die erst Jahrzehnte später ihre volle Anerkennung fand.
Diese intellektuelle Blüte wurde jäh beendet. 1952 wurde in Turings Haus eingebrochen. Als er den Diebstahl der Polizei meldete, enthüllten die Ermittlungen seine sexuelle Beziehung zu einem jungen Mann, Arnold Murray. Homosexualität war im Vereinigten Königreich strafbar. Turing wurde verhaftet und wegen „grober Unzucht“ angeklagt. Vor die Wahl zwischen Gefängnis und einer „Behandlung“ gestellt, wählte er Letzteres: eine einjährige Hormontherapie mit Östrogen, eine chemische Kastration. Die Behandlung hatte schwere physische und psychische Folgen, darunter Depressionen. Seine Sicherheitsfreigabe wurde ihm entzogen, seine Arbeit und sein Ruf waren zerstört.
Am 7. Juni 1954 wurde Alan Turing von seiner Haushälterin tot in seinem Bett gefunden. Neben ihm lag ein angebissener Apfel. Die Todesursache war eine Zyanidvergiftung. Die offizielle Untersuchung kam zum Schluss, er habe sich das Leben genommen. Ob der Apfel tatsächlich mit Zyanid versetzt war, wurde nie untersucht. Erst Jahrzehnte später begann eine öffentliche Aufarbeitung des Unrechts. 2009 entschuldigte sich der britische Premierminister Gordon Brown offiziell. 2013 erließ Königin Elisabeth II. ein postumes „Royal Pardon“, eine königliche Begnadigung, die seine Verurteilung aufhob.
Häufig gestellte Fragen
Wann wurde Alan Turing geboren und wann starb er?
Alan Turing wurde am 23. Juni 1912 in Maida Vale, London, geboren. Er starb am 7. Juni 1954 im Alter von 41 Jahren in Wilmslow, Cheshire. Sein Leben umspannte eine Epoche fundamentaler wissenschaftlicher und technologischer Umbrüche, die er selbst mitgestaltete.
Wofür ist Alan Turing bekannt?
Alan Turing ist bekannt als einer der Väter der theoretischen Informatik und der künstlichen Intelligenz. Seine wichtigsten Beiträge sind das Konzept der Turingmaschine, das die Grundlage der Berechenbarkeitstheorie bildet, und seine entscheidende Rolle bei der Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes während des Zweiten Weltkriegs.
Was war die Enigma-Maschine?
Die Enigma war eine in den 1920er-Jahren entwickelte Rotor-Chiffriermaschine, die vom deutschen Militär im Zweiten Weltkrieg zur Verschlüsselung der Kommunikation eingesetzt wurde. Ihre komplexe elektromechanische Funktionsweise galt lange als unknackbar, bis das Team in Bletchley Park unter Turings Mitwirkung einen Weg fand, sie zu dechiffrieren.
Warum wurde Alan Turing strafrechtlich verfolgt?
Alan Turing wurde 1952 wegen seiner Homosexualität strafrechtlich verfolgt. Damals galten homosexuelle Handlungen in Großbritannien als Straftatbestand der „groben Unzucht“. Nach seiner Anzeige eines Einbruchs kam seine Beziehung zu einem Mann ans Licht, was zu seiner Anklage und Verurteilung führte.
Was ist der Turing-Test?
Der Turing-Test ist ein von ihm 1950 vorgeschlagenes Experiment, um die Intelligenz einer Maschine zu beurteilen. Dabei kommuniziert ein menschlicher Prüfer mit einem Menschen und einer Maschine, ohne zu wissen, wer wer ist. Kann er die Maschine nicht vom Menschen unterscheiden, gilt der Test als bestanden.
Wie wurde Alan Turing posthum geehrt?
Nach jahrzehntelanger Geheimhaltung seiner Kriegsverdienste erfuhr Turing späte Anerkennung. 2009 entschuldigte sich die britische Regierung für seine Behandlung. 2013 erhielt er ein Royal Pardon von Königin Elisabeth II. Der Turing Award ist heute die höchste Auszeichnung in der Informatik.
Normdaten und externe Verzeichnisse
Quellen und weiterführende Literatur
- Hodges, A. (2012). Alan Turing: The Enigma. Princeton University Press.
- Turing, A. M. (1950). Computing Machinery and Intelligence. Mind, LIX(236), 433–460.
- Copeland, B. J. (Ed.). (2004). The Essential Turing. Oxford University Press.